Interview mit Thomas Jensen von Wacken Open Air

Wer Metal hört und heute unter 40 ist, ist mehr oder minder zwangsläufig mit dem WACKEN OPEN AIR aufgewachsen. Heute, 27 Jahre nach der Erstauflage, ist WACKEN weniger der Name einer kleinen Ortschaft im Norden Deutschlands denn vielmehr ein feststehender Begriff, den selbst Nicht-Metal-Hörer mit schwarzer Kleidung und lauter Musik assoziieren. Im Rahmen unseres VERANSTALTER-Specials berichtet Festival-Mitbegründer Thomas Jensen über den WACKEN-Kult, Eintrittspreise und das W:O:A als zeitweilig größten Arbeitgeber Schleswig-Holsteins.

Das WACKEN OPEN AIR ist mittlerweile weit über die Genregrenzen des Metal berühmt. Gab es einen Punkt, an dem ihr gemerkt habt: Jetzt haben wir es geschafft, jetzt ist das alles nicht mehr aufzuhalten?
Klar gab es Momente, in denen wir gemerkt haben, dass das Festival Fahrt aufnimmt und unser Konzept sich bewährt. Das war aber eher ein Prozess als ein bestimmter Punkt. Mit Sicherheit haben auch die neuen Medien wie das Internet Ende der 90er, aber auch Filme wie „Full Metal Village“ dazu beigetragen, dass wir mehr Aufmerksamkeit bekommen haben.

Mittlerweile ist das WACKEN OPEN AIR meist schon im August für das kommende Jahr ausverkauft. Wenn du in die Geschichte des Wacken zurückblickst: Seit wann ist W:O:A so ein Selbstläufer, seit wann habt ihr nicht mehr gebibbert, ob das Konzept auch im folgenden Jahr aufgeht?
Wir hatten in den letzten drei Jahren einen frühen Sold Out, das stimmt. Davor hat es auch bis beispielsweise März gedauert, bis keine Tickets mehr da waren. So oder so ist ein Sold Out immer ein unfassbarer Vertrauensbeweis der Fans, der nicht selbstverständlich für uns ist. WACKEN war für uns aber noch nie ein Selbstläufer – es gibt immer Stellschrauben, an den man drehen kann, um zu optimieren. Dafür ist das Feedback der Fans sehr wichtig. Wir haben auch mal Sachen ausprobiert, die nicht funktioniert haben. Die haben wir dann im nächsten Jahr gelassen.

Ist es eher beruhigend, zu wissen, dass man mit dem vollen Ticket-Budget planen kann, oder belastend, weil die Erwartungen der „Blindkäufer“ natürlich hoch sind?
Wir haben immer – egal, ob sold out oder nicht – den Anspruch, das Festival auf dem bestmöglichen Qualitätsstandard zu veranstalten. Mit dem vollen Budget zu planen ist selbstverständlich schön, was ja gut nachvollziehbar ist, aber wie man in diesem Jahr gesehen hat, verlassen wir uns darauf natürlich nicht. Wir haben nach dem Festival 2016 umfangreiche infrastrukturelle Umbaumaßnahmen ergriffen, das gesamte Infield einmal umgegraben, um bessere Wasserablaufmöglichkeiten zu schaffen.

Gab es andersherum betrachtet auch einen Punkt, an dem ihr Bedenken hattet, ob euch das alles über den Kopf wächst und zu groß wird?
Es gab schon ab und an Momente, gerade in der Anfangsphase, die sehr schwer waren. Aber mein Partner Holger und ich haben beschlossen, nicht aufzugeben. Wir sind oft auf die Fresse gefallen, aber genauso oft wieder aufgestanden, hatten aber auch viel Support von Freunden und Familie.

Mit wie vielen Zuschauern rechnet ihr für 2017, beziehungsweise habt ihr das Ticketkontingent in den letzten Jahren (und auch für 2017) hochgesetzt, oder habt ihr mittlerweile ein festes Kontingent, von dem du sagen würdest: Das ist die Obergrenze, größer wird das W:O:A nicht mehr?
Wir haben seit mittlerweile 2008 75.000 Tickets, die wir verkaufen. Mit weiteren Teilnehmern wie Gästen, Bands, Personal und Pressevertretern kommen wir beim W:O:A auf ca. 85.000 Teilnehmer. Wir denken, dass das eine gute Größe ist. Denn es besteht trotz dieser Menge immer noch ein familiäres Gefühl, das bekommen wir immer wieder als Feedback. Diese besondere Atmosphäre, die das WACKEN zum WACKEN macht, wollen wir beibehalten.

Die Anreise ist mittlerweile ab Montag möglich, das Ticket kostet dieses Jahr über 220€. Insgesamt wird das Event immer größer, teurer… wie lange kann dieses Konzept noch aufgehen? Denkst du, mit entsprechender Planung ist das weiter ausbaubar, sagen wir auf das Level von Festivals wie Rock in Rio oder Tomorrowland?
So ganz ist diese Zusammenfassung nicht richtig. Die Anreise war schon lange seit Montag möglich, in diesem Jahr entfällt allerdings die dafür fällige Frühanreisegebühr von 30€. Das Event wird flächenmäßig aktuell auch nur in den Bereichen der Campingflächen größer. Dadurch, dass mehr Besucher mit Auto und mit größeren Fahrzeugen anreisen, ist der Flächenbedarf gestiegen. Von dem her ist es eigentlich kein anderes, neues Konzept, was hinterm WACKEN steckt. Wie bereits erwähnt haben wir nicht vor, die Besucherkapazität weiter auszubauen.

Du sagst, dass es eigentlich kein anderes, neues Konzept ist, trotzdem kostet das Festival diesmal deutlich mehr, über 220€. Was rechtfertigt diesen Preisaufschlag, woher kommen die Mehrkosten?
Das ist richtig. Der Preisanstieg ist nicht entstanden, weil wir das Konzept des Festivals geändert haben. Wie gesagt, haben wir 2016 einen höheren Flächenbedarf verzeichnet. Zwar reisen seit Jahren die gleiche Zahl an Metalheads zum W:O:A an, allerdings haben wir 2016 sechs zusätzliche Flächen mit insgesamt über 20 Hektar Fläche benötigt, da mehr Fans mit dem Auto und Großfahrzeugen angereist sind. Zudem werden und wurden bauliche Infrastrukturmaßnahmen durchgeführt. Auch generelle Kostensteigerungen spielen eine große Rolle.

Das Festival ist für dieses Jahr noch nicht ausverkauft. Denkst du, das hängt mit diesem Preisaufschlag zusammen, wurde da eine Grenze überschritten, die die Fans abschreckt?
Wir haben innerhalb von 45 Minuten 10.000 X-Mas Tickets und 40.000 reguläre Tickets für das W:O:A 2017 verkauft. Das ist der absolute Wahnsinn! Wir wissen das sehr zu schätzen und sind unglaublich dankbar für dieses starke Vertrauen und den Support unserer Fans. So ein Ergebnis ist auf gar keinen Fall selbstverständlich. Viele Käufer haben den Preisanstieg und die Gründe, die wir offen kommuniziert haben, also verstanden. Dass das Festival aktuell noch nicht ausverkauft ist, könnte an verschiedenen Gründen liegen. Wir hatten zwei Jahre hintereinander viel Regen und auch die Preiserhöhung wird ein Faktor sein. Aber eins muss klar sein: Es war nie und ist nicht unser Ziel, innerhalb von wenigen Stunden oder Tagen ausverkauft zu sein.

Mit der ständigen Vergrößerung ging auch ein Charakterwandel einher: Es gibt ein Wikingerdorf, Schlammcatchen und natürlich einen riesigen Metal-Markt. Viele sehen im Wacken eher einen Rummelplatz mit Festivalbühnen als ein Musikfestival. Wie siehst du das persönlich?
Na ja, auf vielen Festivals gibt es ergänzend zu den Bands auf den Bühnen ein Rahmenprogramm. Wir stehen eng im Dialog mit unseren Fans und fragen, was gefällt und was nicht gefällt. Somit bieten wir letztendlich auf dem W:O:A nur Sachen an, auf die der Fan auch Bock hat. Dass du nicht mit jeder Idee zu 100 Prozent den Geschmack aller Besucher triffst, ist auch klar. Zur Info: Das Schlammcatchen gibt es aktuell nicht. (lacht)

Bei dem Begriff Massenveranstaltungen schwingt in der heutigen Zeit auch oft die Angst vor Terror mit. Spürt ihr die Auswirkungen auch und ist das etwas, das auch eure Festivalplanungen beeinflusst?
Sicherheit hatte und hat bei uns schon immer oberste Priorität. Wir stehen mit den Ordnungsbehörden im ständigen Austausch und entscheiden dann gemeinsam, ob und welche Maßnahmen ergriffen werden müssen.

Wie viele feste Mitarbeiter sind derzeit Vollzeit für das WACKEN OPEN AIR beschäftigt, wie viele freiwillige Helfer und Teilzeitkräfte kommen noch dazu?
Aktuell sind rund 50 feste Mitarbeiter bei uns beschäftigt, die sich neben dem WACKEN OPEN AIR aber auch um andere Projekte und Themen kümmern. Von Mitte Juli bis Mitte August sind wir mit rund 3.500 Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber in Schleswig-Holstein.

Ein Event wie das WACKEN ist vor allem ein enormer logistischer Aufwand. Hast du selbst noch im Kopf, wie viele Hotelzimmer für das W:O:A reserviert werden, wie viele Flüge gebucht, wie viele Shuttel-Autos im Einsatz sind?
Nein, das wäre auch gar nicht mehr abbildbar bei gut 120 Bands im Billing. Wir haben ein starkes Team in der Artist Production, die sich seit Jahren genau mit solchen Sachen beschäftigen und einen hammer Job machen. Meine Expertise liegt eher in anderen Bereichen.

Wie weit seit ihr selbst noch in die Organisation eingebunden? Welche Aufgaben gibst du nicht aus der Hand?
Mein Partner Holger und ich tragen als Veranstalter die Verantwortung. Somit sind wir bei den wichtigsten Themen und Entscheidungen rund um das gesamte Festival immer stark mit eingebunden. Zudem liegt auch Künstlerbooking größtenteils bei uns. Wir haben aber ein Team, mit dem wir auch schon lange zusammen arbeiten, auf das wir uns zu 100 Prozent verlassen können. Dieses Festival war schon immer Team-Arbeit. Nur so funktioniert es.

Welche Faktoren spielen heute beim Booking die ausschlaggebende Rolle? Geht es da noch nach persönlichem Geschmack?
Bei der Bandauswahl schauen wir zum einen auf die Wünsche der Fans und natürlich ist auch unser persönlicher Geschmack ein Faktor. Allerdings ist ein großer, entscheidender Punkt auch die Verfügbarkeit der Band – sind sie auf Tour? Wollen sie ein neues Album promoten? Passt es gagentechnisch? All das spielt in die Entscheidung eine Rolle.

Gibt es eine Band, die noch nicht auf dem WACKEN gespielt hat, die du aber unbedingt mal haben willst?
Die ein oder andere Band gibt es da schon. Aber wie gesagt, es müssen viele Faktoren zusammen treffen um eine Band zu buchen. Dieses Jahr sind mit zum Beipsiel The Boomtown Rats mit Bob Geldorf am Start. Das ist zwar keine Metalband, aber eine unserer Verbeugungungen vor dem symbolträchtigen Jahr 1977 und für mich persönlich ein ordentlicher Knaller.

Wann endet für dich der Organisationsstress? Vor, während oder erst nach dem Festival? Kannst du das Event selbst überhaupt genießen?
Es heißt ja so schön: Nach dem Festival ist vor dem Festival. Also so ganz endet der Stress nie. Auch wenn es während des Events stressig ist, gibt es auf jeden Fall Momente, die ich genieße. Wenn zum Beispiel am Donnerstag das Infield aufgemacht wird oder wenn das erste Gitarrenriff durch die PA ertönt. Wichtig ist aber vor allem, dass alle heil bei uns und dann wieder heil zu Hause ankommen.

In diesem Jahr sind es 28 Jahre WOA – laufen jetzt schon Vorbereitungen für den 30er? Wie weit plant ihr generell im Vorhinein?
Ein, zwei Überlegungen gibt es in der Tat schon, aber da wollen natürlich noch nichts verraten. Wir haben aber definitiv schon Bands fürs W:O:A 2018 angefragt und gebucht.

Vielen Dank für das Interview – zum Abschluss ein kurzes Brainstorming:
Kostüme auf Metalfestivals: Why not?
Campingurlaub: Gerne ohne Regen.
Lord Of The Weed: Cool, dass wir drin vorkommen
Deine Lieblingsband: Zu viele
Das W:O:A in zehn Jahren: Hoffentlich immer noch die geilste Metal-Party der Welt.

Vielen Dank für deine Zeit und Antworten. Irgendwelche letzten Worte an unsere Leser?
Vielen Dank für euren Support! See you in Wacken – rain or shine!

Alle bisher erschienenen Teile dieses Specials im Überblick:

Festival-Fotos: ICS Festival Service