
Dass eine Band zwei Shows an einem Tag spielt, ist ungewöhnlich. Dass eine Band zwei Shows an einem Tag für ganz unterschiedliche Zielgruppen spielt, noch ungewöhnlicher. Die Berliner Punkrocker ZSK aber machen genau das: An den Wochenenden ihrer „Feuer & Papier“-Tour schiebt das Quartett Doppelschichten, um nachmittags den Punk-Nachwuchs (und deren Eltern) zu begeistern. Ein Konzept, das einen genauen Blick wert ist – und den ersten Doppel-Konzertbericht in 24 Jahren Metal1.info begründet: ein Samstag, zwei Redakteure und zweimal ZSK.
Am frühen Nachmittag gehört das Backstage Werk den jüngsten Punk-Fans. Wo abends Circle Pits und Bierduschen regieren, bestimmen nun bunte Gehörschützer, ein „Kids Only Moshpit“ und erstaunlich textsichere junge Gäste das Geschehen. ZSK nehmen ihr Kinderkonzert dabei genauso ernst wie die spätere Abendshow – musikalisch wie inhaltlich.
Die Setlist ist bewusst anders geschnitten als am Abend: Mit Songs wie „Neuanfang“ und „Nicht allein“ erreicht die Band ihr junges Publikum sofort. Joshi erklärt zwischen den Songs geduldig die Inhalte, fragt nach Weihnachtsgeschenken und animiert zum Mitsingen – was die Kinder und Jugendlichen nur allzu gern tun. Spätestens bei „Wir kommen in deine Stadt“, flankiert von Konfettikanonen, verwandelt sich der Innenraum in einen hüpfenden, lachenden Pulk. Für die notwendigen Verschnaufpausen sorgen kleine Showeinlagen wie eine verschwundene Gitarre oder ein verkleideter Bär, die ZSK kindgerecht und mit sichtbarer Freude ins Set einbauen. Zu einem Highlight wird mit „Und ich höre dich atmen“ ausgerechnet der ruhigste Song des Sets. Mit dem sichtlich gerührten, dreifachen Vater Joshi am Mikrofon und vielen Eltern mit ihren Kindern im Zuschauerraum erzeugt die thematisch passende Ballade eine ganz besonders intensive Atmosphäre.
Dass die Berliner auch im familienfreundlichen Rahmen nicht auf Haltung verzichten, wird ebenfalls klar: „Antifascista“ und „Alle meine Freunde“ werden altersgerecht eingeordnet, ohne ihre Botschaft zu verlieren. Punk als Ort für Gemeinschaft, Zusammenhalt und klare Werte – das funktioniert hier bemerkenswert gut. Im Zugabenblock folgt mit ZSKs Version von IGGY POPs „The Passenger“ ein weiterer generationenübergreifender Moment, dessen eingängiger Refrain Groß und Klein gleichermaßen abholt.
Am Ende bleibt der Eindruck, dass dieses Kinderkonzert weit mehr ist als ein nettes Vorprogramm für den Abend. ZSK schaffen einen Raum, in dem sich junge Menschen ernst genommen fühlen – laut, fröhlich und mit genau der Portion Punk, die es für den Einstieg braucht. Die „Schatzkisten“ mit Süßigkeiten, Aufklebern, Buttons und vielem mehr haben sich die Kids redlich verdient. Und auch die Eltern freuen sich über eine kurze Pause, zumal einige von ihnen später noch beim Abendkonzert dabei sind. [sm]

Die eigentliche Party aber steigt am Abend mit der großen „Feuer & Papier“-Tourabschluss-Sause. Und wie es sich für eine richtige Party gehört, wird auch heute mit RUMKICKS und RODGERS ordentlich vorgeglüht.
Erstere überraschen das Publikum weniger mit ihrem klassischen Drei-Akkord-Punk als mit ihren Ansagen: Die macht das Trio aus Südkorea nämlich (fast) durchgehend auf Deutsch. Trotz überspitzten Punk-Klischees („Drinking Every Day“) und viel Humor („Mosquito Fighter“) kommen bei den RUMKICKS auch die wichtigen Themen wie Feminismus und Antifaschismus nicht zu kurz. Abgerundet durch ihren Classic-Punk-Look mit Nieten und grellbunten Haaren, haben die RUMKICKS alles, was man sich von einer Punk-Band erwarten kann. Zwei Dinge stehen deshalb außer Frage: Wennschon die Suche heute erfolglos endet, werden die RUMKICKS ihren„Punk Rock Boy“ finden. Vor allem aber wird man das sympathische Trio ziemlich sicher schon bald auf (noch) größeren Bühnen wiedersehen.
- We Are Rumkicks
- Drinking Every Day
- I Don’t Wanna Die
- Fuck You
- Punk Rock Boy
- Do I
- Rude Girl Oi
- Instant
- Mosquito Fighter
- Punk Rocker
Alte Hasen sind dagegen die ROGERS aus Düsseldorf. Musikalisch setzt die Truppe eher auf rockigen Deutschpunk – warum das kein Problem ist, erklärt die Band dann auch gleich mit dem Song „Mach Du Deinen Punk“, für den die ROGERS Wenke von Mandelkokainschnaps als Unterstützung auf die Bühne holen. Es soll nicht das einzige Feature bleiben: Auch Joshi von ZSK kommt später noch für einen brandneuen, weil auf der Tour gemeinsam geschriebenen Song „Streichholz“ dazu. Highlight der Show bleibt aber der unvergessliche Moment, als die Wall Of Death kollektiv den Einsatz verpasst: Niemand läuft los, und irgendwann löst sich das Konstrukt unbeholfen auf. Das hat man so auch noch nicht oft gesehen. Mit der Ansage „München, 5 Sterne, gerne wieder, Dankeschön“ zum entsprechenden Song „5 Sterne, gerne wieder“ ist schließlich alles gesagt: Die ROGERS kommen an – und wohl wirklich gerne wieder.
- Rambazamba & Randale
- Die Nachbarn von oben
- Mach du deinen Punk
- Geh mir nicht mehr auf die Eier
- Kann mich bitte jemand tragen?
- Mittelfinger für immer
- Einen Scheiß muss ich
- Streichholz
- Vergiss nie
- Kreuzberger Nächte (GEBRÜDER-BLATTSCHUSS-Cover)
- 5 Sterne, gerne wieder
- Nie euer Land
- Allein
- Einen letzten Abend
Dann ist es da, das große Tour-Finale: „Wir sind in deiner Stadt“ steht auf dem Banner, das während der ersten Takte des namensgebenden Openers noch die Bühne verhüllt. Und wie ZSK da sind: Ganz gezielt habe man sich München für die Abschlussparty ausgesucht, macht Joshi früh im Set klar – die Erwartungen an den Abend sind also nicht nur seitens der Fans groß. Doch während normale Partys oft umso langweiliger ausfallen, je mehr man vorab den Exzess beschwört, ist heute schnell klar: Diese Show geht fliegen.
Hit folgt auf Hit, Joshi steht gefühlt öfter auf der Barrikade oder gleich auf den Händen der Fans als auf der Bühne, und vor „Die besten Lieder“ lässt er sich kurzerhand vom Publikum von der Bühne durch das ganze Backstage Werk bis zur Bar und zurück tragen, um einen Kasten Bier zu organisieren. In der Zwischenzeit hat sich die Bühne wirklich zur Hausparty verwandelt: Die RUMKICKS und die ROGERS, sowie die Tour Crew feiern bereits ausgelassen, als Joshi zurückkehrt. Der Kasten (Heineken!) ist natürlich nur Show (puh!!), Freibier für die Fans gibt es dann trotzdem.
Auch musikalisch wird zusammen gefeiert: Für „Sommer ohne Nazis“ holen sich ZSK nochmal Unterstützung der ROGERS, für „Alerta Antifascista“ von den RUMKICKS auf die Bühne, während sie ebendiese für „Und ich höre Dich atmen“ selbst verlassen: Den Song spielen Joshi und Arne mitten im und mit dem Publikum. Mutmaßlich zum Ärger des Labels leaken ZSK im Verlauf der Show noch die kommende Single „Lieblingslieder“, und mutmaßlich zum Ärger der Polizei zeigen die selbsterklärten „Ehrenbürger“ Bochums stolz ihre 2025 dort errungene Ampel-Trophäe. Und wenn man denkt, man hat (für heute) alles gesehen, kommen ZSK in Bananenkostümen auf die Bühne und covern „Chicken Banana“ (Crazy Music Channel).
-
- Wir kommen in deine Stadt
- Herz für die Sache
- Punkverrat
- Nicht allein
- Unzerstörbar
- Kein Talent
- Darwin
- Hassliebe
- Leuchtraketen
- Die Kids sind okay
- Neuanfang
- Keine Liebe für Berlin
- Keine Angst
- Es wird Zeit
- Die besten Lieder
- Lieblingslieder
- Sommer ohne Nazis
- Und ich höre dich atmen
- 3 Uhr Nachts
- Kein Mensch ist illegal
- Chicken Banana (CRAZY-MUSIC-CHaNNEL-Cover)
- Himmel
— - Es Müsste Immer Musik Da Sein
- Alle Meine Freunde
- Antifascista
Punk Rock macht glücklich – das gilt, wie heute bewiesen, für Groß und Klein. Mit gleich zwei Shows an diesem Tag zeigen ZSK, was sie ausmacht: Ihr ungebremster Idealismus, der Glaube an das Gute in Menschen und ihre Freude daran, anderen eine Freude zu bereiten. Sind Texte wie „Ein Sommer ohne Nazis“ naiv? Vielleicht. Aber man wird ja noch träumen dürfen – und sei es nur für eineinhalb Stunden, umgeben von guten Menschen. [mg]


