„Don’t Go In The Forest“ – der Titel des zehnten AVATAR-Albums klingt wie eine Warnung vor einem unheilvollen Wald voller Gefahren. Und dann steht da auch noch ein maximal creepy dreinblickender Johannes Eckerström am Eingang des Waldes. Als unheilvolles, fleischgewordenes Schreckgespenst zwischen „Es“ und „Smile“ steht er diabolisch grinsend vor dem dunklen Hain. In dieser Simplizität erweist sich das Artwork als perfekt – mindestens jeder AVATAR-Fan, jeder passionierte Freak, denkt sich wohl sofort: „Lass mich rein in diesen Wald, ich will jede potenzielle Gefahr sofort erleben!“ Dass „Don’t Go In The Forest“ gerade an Halloween erscheint, könnte passender nicht gewählt sein.
AVATAR wären nicht AVATAR, wenn sie nicht von den ersten Tönen an überraschen würden. Der Opener „Tonight We Must Be Warriors“ beginnt mit Flöten und militärisch anmutenden Trommeln. Das könnte so auch zu einer bunten Szene in einem Wes-Anderson-Film passen. Nach und nach kommen Eckerströms charismatischer und unverwechselbarer Gesang, sphärische Chöre und der pathetische Refrain dazu, während der Song sich zu einer erhebenden Power-Metal-Nummer entwickelt. Danach folgen mit „In The Airwaves“ moderner Groove-Death-Metalcore und mit „Captain Goat“ doomiger Shanty-Folk-Metal. Klingt wild bisher? Ist es auch, aber das ist eben zu einhundert Prozent AVATAR.
Wild bleibt es auch im weiteren Verlauf des Albums. Beim „Abduction Song“ etwa wird Death Metal der alten Schule mit einem unverschämt tanzbaren Groove kombiniert, während der Titeltrack mit straightem Alternative/Heavy Rock und einem theatralisch erzählenden Johannes die größten Theaterbühnen respektive Stadien zum Tanzen bringen kann. Tanzen ist bei „Don’t Go In The Forest“ ein dick unterstrichenes Stichwort – AVATAR wollen ständig Beine, Arme, Köpfe und alle nur vorstellbaren Körperteile in Bewegung sehen. „Death And Glitz“ überrascht gar mit übercoolem 70er-Jahre-Disco-Flair – in Kombination mit einem ebenso seltsamen wie faszinierenden Riff, stampfenden Drums und enorm breitschultrigem Basslauf erweist sich der Track als Paradebeispiel für die AVATAR-typische Schnittmenge aus Düsternis und glitzerndem Spektakel. Wie eine definitive Zusammenfassung der Bandhistorie wirkt das mitreißende „Dead And Gone And Back Again“, das erst recht auf jegliche Genrekonventionen pfeift.
Während wir beim Vorgänger „Dance Devil Dance“ noch davon schrieben, dass AVATAR mit angezogener Handbremse agieren und ihr Potenzial nicht voll ausschöpfen, kann davon bei „Don’t Go In The Forest“ keine Rede mehr sein. So unbekümmert, verspielt und vielseitig wie jetzt wirkten die Schweden vielleicht noch nie. Jeder Song ist für sich eigenständig und anders, zugleich aber unverzichtbar für das Album als Gesamtwerk. „Don’t Go In The Forest“ ist heavy, freaky, bunt, voll elektrisierender Hooks und Soli. Dazu zeigt sich Eckerström noch einen Tacken perfekter in jedem Ton als bereits auf den Vorgängeralben. Auch wenn AVATAR durchgehend theatralisch auftreten, ist das nie überzogen, sondern wirkt in aller Weirdness perfekt dosiert und ausbalanciert. AVATAR mögen vor dem Wald warnen – aber nur, weil man sich musikalisch und emotional darin so verlieren kann, dass man schon bald unwiderruflich zur passionierten AVATAR-Anhängerschaft gehört. Eine kreative Band und ein zügelloses Album mit absolutem Suchtpotenzial!
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Wertung: 9 / 10
