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„Don’t Go In The Forest“, raten AVATAR ihren Fans auf ihrem neuen Album. Da trifft es sich gut, dass die Schweden ihren Fans in Europa zumindest für 29 Abende ein Alternativprogramm bieten. Und weil das Album auch noch mehr als gelungen ist und AVATAR sehr treue Fans haben, folgen sie dem Ruf massenweise: Schon lange vorher ist die „In The Airwaves“-Tour in vielen Städten ausverkauft. Auch für die Show in der Tonhalle München gibt es lange vorab keine Tickets mehr.
Ganz blind scheinen die AVATAR-Fans ihren Helden aber nicht zu vertrauen: Dass die Schweden selbst große Fans der Vorbands sind, wie deren Sänger Johannes Eckerström später erklärt, bringt insbesondere WITCH CLUB SATAN nämlich wenig. Das Künstlerinnen-Trio wird mit seiner Black-Metal-Ästhetik gepaart mit offen zur Schau getragenen Brüsten zwar mit Neugier empfangen, kann beim AVATAR-Publikum aber nicht punkten: Das Interesse an der musikalisch sehr stumpfen Darbietung schwindet rasch und der Geräuschpegel im Zuschauerraum steigt auf Bierzeltniveau, sodass das Water Girl im melancholischen „Mother Sea“ buchstäblich komplett untergeht. Dass sich die Musikerinnen anschließend weiter entkleiden, hilft nur bedingt: Es wird gegafft und gelacht – aber eine künstlerische Wirkung erzielen WITCH CLUB SATAN heute eher nicht. Dass das Trio in die 30-minütige Show noch eine politische Komponente einzubringen versucht und Benjamin Netanjahu verflucht, macht es nicht leichter. Oder, wie ein Fan es auf gut Bayerisch ausdrückt: „Für a guade Stimmung is‘ jetzt nix.“ Soll es auch gar nicht, würden WITCH CLUB SATAN wohl antworten – von einem Abend mit AVATAR erwarten die Fans aber eben genau das.
- I Was Made By Fire
- Black Metal Is Krig
- Salvation
- Mother Sea
- Fresh Blood, Fresh Pussy
- Solace Sisters
Fast schon dankbar werden ALIEN WEAPONRY von den Fans begrüßt – nachdem sie den Umbau und Soundcheck selbst absolviert haben. Dass die drei Neuseeländer keine Crew dabei haben, hat heute fast fatale Auswirkungen auf die Show: Nachdem Lewis de Jong nacheinander auf seiner Haupt- und der Ersatzgitarre eine Saite reißt, heißt es improvisieren, bis Spoon, der Guitar-Tech von AVATAR, das Instrument wieder instand gesetzt hat. Doch genau das Stahlbad solcher Momente ist es, was Bands wie ALIEN WEAPONRY abhärtet: Die Zwangspause füllen Drummer Henry de Jong und Bassist Tūranga Morgan-Edmonds lässig mit einem Drum-Solo und einer improvisierten Version der Neuseeländischen Nationalhymne „God Defend New Zealand“, in Māori „Aotearoa“. Spätestens nach dieser Einlage haben ALIEN WEAPONRY das Publikum auf ihrer Seite: Ihr Mix aus Groove-Metal und Tribal-Elementen sorgt für ordentlich Stimmung und motiviert zumindest einen Teil des Publikums zu Moshpits sowie einer Wall of Death – argwöhnisch beäugt allerdings von jenen AVATAR-Fans, die einfach nur zum Musikhören gekommen sind. Nach 35 Minuten und insgesamt fünf Songs ist die Show um 20:30 Uhr allerdings auch schon wieder beendet.
- Rū Ana Te Whenua
- Te Riri O Tāwhirimātea
- Mau Moko
- Taniwha
- Kai Tangata
Dass der Headliner damit bereits um 20:55 Uhr auf dem Programm steht, überrascht nur diejenigen, die AVATAR noch nicht kennen – liefern die Schweden doch (anders als viele andere Bands dieser Tage) fast zwei Stunden Programm. Und mit Programm ist auch wirklich Programm gemeint: Das beginnt damit, dass AVATAR nicht etwa auf die Bühne laufen, sondern Statuen gleich auf einer mobilen Plattform auf die Bühne gefahren werden – und das buchstäblich durch das Schlagzeug hindurch: Dieses wird zu diesem Zweck (und auch im weiteren Verlauf der Show immer wieder) in zwei Hälften geteilt und zur Seite bewegt. Mit acht ebenfalls mobilen Scheinwerfern und etwas rotem Tüll ist das Bühnenbild für die Freakshow dann auch schon komplett.
Viel mehr brauchen AVATAR aber auch gar nicht, um zu glänzen: Zwar lässt sich Jonas „Kungen“ Jarlsby zu „Legend Of The King“ (vom Konzept-Album „Avatar Country“, 2018) als König verkleidet auf einem Thron sitzend hereinfahren, für einen einzigen Beckenschlag bekommt ein Stage-Tech das Instrument auf den Kopf geschnallt, und vor „Don’t Go In The Forest“ fliegt ein roter Luftballon quer über die Bühne (Spoiler: gezogen von einem ferngesteuerten Auto). Die eigentlichen Stars der Show sind aber, wie das bei einer Rockshow sein sollte, die Musiker, allen voran natürlich Charakterkopf Johannes Eckerström. Der macht heute alle Ansagen aus ganz pragmatischen Gründen auf Deutsch: „Mein Deutsch ist nicht perfekt, aber besser als euer Schwedisch“.
Auch sonst ist der selbsterklärte Freak in bester Laune und zu allerlei Scherzen aufgelegt – und doch steht stets die Musik im Vordergrund: „Howling At The Waves“ bekommt er dann nicht nur sein „Piano Jacket“, sondern auch das entsprechende Instrument auf die Bühne. Und obwohl das aktuelle Album „Don’t Go In The Forest“ mit sechs und Evergreen „Black Waltz“ mit vier gespielten Songs zusammen klar das Herzstück des Sets bilden, bringt das Quintett immerhin noch Songs von fünf weiteren ihrer insgesamt neun Alben unter. Dass AVATAR von den älteren Werken die Hits picken und nicht mit Live-Raritäten experimentieren, ist angesichts der großen Zahl neuer Songs verständlich. So wirklich „neu“ wirken diese jedoch nicht – zumindest nicht gemessen an der Textsicherheit und dem Jubel der Fans.
- Captain Goat
- Silence In The Age Of Apes
- The Eagle Has Landed
- In The Airwaves
- Bloody Angel
- Death And Glitz
- Blod
- The Dirt I’m Buried In
- Colossus
- Torn Apart
- Howling At The Waves
- Glory To Our King
- Legend Of The King
- Let It Burn
- Tonight We Must Be Warriors
— - Don’t Go In The Forest
- Smells Like A Freakshow
- Hail The Apocalypse
Als AVATAR nach 110 Minuten und dem finalen „Hail The Apocalypse“ ihre Show beenden, blickt man im Publikum, aber auch auf der Bühne in glückliche Gesichter: Das Experiment mit WITCH CLUB SATAN als Vorband mag gescheitert sein – ansonsten aber lässt der Abend keine Wünsche offen. Außer vielleicht dem dringenden Wunsch nach frischer, kühler Waldluft.![]()


