Eigentlich haben HELLOWEEN ja bereits mehr als oft genug bewiesen, dass es sich bei der Reunion mit ihren lange abgängigen Bandkollegen Kai Hansen und Michael Kiske um weit mehr als eine medienwirksame Eintagsfliege handelt. Trotzdem, manch Fan mag selbst nach dem überragenden gemeinsamen Album von 2021 noch skeptisch sein, denn bei derart vielen Egos in einer Band und all der schmutzigen Wäsche der letzten 20 Jahre ist es einfach schwer, dem Frieden zu trauen. Allerdings scheinen HELLOWEEN tatsächlich einen tragfähigen Modus Operandi gefunden zu haben, denn nach ausgiebigem Touren und einem prall gefüllten Live-Album folgt mit „Giants & Monsters“ nun das nächste Album der Truppe in Allstar-Besetzung. Können die Hamburger die Sensation von vor vier Jahren wiederholen?
Mit mindestens drei Songwriting-Platzhischen in der Band ist womöglich einiges an Diplomatie vonnöten, es eröffnet sich aber auch die Möglichkeit zu gewaltiger stilistischer Vielfalt. HELLOWEEN scheinen ersteres ziemlich gut hinzubekommen, denn zweiteres ist auf „Giants & Monsters“ definitiv gegeben. „Giants On The Run“, einer der längsten Songs der Platte, ist als Einstieg bestens gewählt, denn die von Andi Deris und Kai Hansen geschriebene Nummer bietet so ziemlich alles von ungewohnt modernem Riffing bis hin zu typischen Hansen-Parts, die an „Land Of The Free“ denken lassen. Damit fungiert der Song quasi als „Exposition“, denn in seinen gut sechs Minuten Spielzeit gibt er einen Ausblick auf so ziemlich alles, was noch kommen soll – einzig ein Band-typischer ausufernden Instrumentalpart wird hier schmerzlich vermisst.
Im Folgenden gibt es nun also alles, was das Fan-Herz begehren könnte. Mit treibenden Stücken wie „Savior Of The World“ und vor allem dem mitreißenden „Universe (Gravity For Hearts)“ wird hier viel Fan-Service betrieben, denn die Nummern enthalten mit zügigem 16tel-Riffing und ausgedehnten Gitarrenparts wohl alles, was HELLOWEEN-Fans erwarten. Gleiches gilt für die von Kai Hansen geschriebenen „We Can Be Gods“ und „Majestic“, die dank ihrer Arrangements sofort als Songs aus der Feder des Bandgründers zu identifizieren sind. Das ist schön, weil der Mann ein hervorragender Songwriter ist und man sich gleich zuhause fühlt, gleichzeitig wirkt es aber auch ein bisschen wie „auf Nummer sicher gegangen“. Gerade der Mittelteil von „We Can Be Gods“ könnte auch von „Somewhere Out In Space“ stammen – damit ist der Song nicht schlecht, aber man kennt ähnliches eben schon von GAMMA RAY.
Anders als der tadellose Vorgänger enthält „Giants & Monsters“ obendrein auch ein paar B-Seiten. Ausgerechnet das als erste Single veröffentlichte „This Is Tokyo“ ist beispielsweise eine reichlich belanglose Rocknummer, die auf jedem HELLOWEEN-Album vor Reunion stehen könnte und auch „Hand Of God“ sowie „Under The Moonlight“ plätschern einigermaßen unaufgeregt aus den Boxen. Über jeden Zweifel erhaben hingegen ist Michael Kiske. Während sowohl Andi Deris als auch Kai Hansen – letzterer zumindest im Studio – auf dieser Platte ein gute Figur machen, thront Herr Kiske mit seinem Gesang abermals über all seinen Bandkollegen. Selten wird das deutlicher als in einer kraftvollen Ballade wie „Into The Sun“, die in einem geradezu majestätischen Refrain gipfelt.
Dass HELLOWEEN mit „Giants & Monsters“ nicht ganz so sehr für offene Münder sorgen würden wie vor vier Jahren mit ihrem Album zur „Super-Reunion“, war wohl absehbar, schließlich lag die Messlatte fast astronomisch hoch. Tatsächlich enthält die neue Platte der Hamburger im direkten Vergleich zu ihrem Vorgänger etwas mehr Füllmaterial und der „Wow-Effekt“ der Wiedervereinigung ist inzwischen verflogen, mit einem schlechten Album hat man es hier aber beileibe nicht zu tun. Die Hamburger Power-Metal-Urväter besinnen sich hier nicht nur einmal mehr auf ihre größten Stärken, sondern lassen sie oftmals in anderem Kontext neu erstrahlen. Während die selbst betitelte Platte von 2021 sicherlich das bessere Album ist, liefern HELLOWEEN mit „Giants & Monsters“ doch ein extrem abwechslungsreiches Werk, das das enorme Potenzial der aktuellen Bandbesetzung angemessen ausschöpft.
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Wertung: 8 / 10


