Das Cover von "Exitivm" von Pestilence

Review Pestilence – Exitivm

Es gibt Bands, die ziehen ihre Stärke aus jener Vertrautheit, wie sie nur in einem über Jahre und Jahrzehnte aufeinander eingespielten Formation herrschen kann. Und es gibt Bands wie PESTILENCE, die wie Vampire ihre Kraft aus frischem Blut ziehen. Für sein neuntes Album hat „Graf Mameli“ einmal mehr die gesamte Gefolgschaft ausgetauscht. Der prominenteste Name im neuen Lineup ist Michiel van der Plicht, ehemals Schlagzeuger bei God Dethroned und Prostitute Disfigurement. Dass auch Rutger van Noordenburg (Gitarre) und Joost van der Graaf (Bass) – an den Namen unschwer zu erkennen – Niederländer sind, dürfte bei einer Neuaufstellung der Band inmitten der Pandemie kein reiner Zufall sein. Wie das gemeinsame Werk „Exitivum“ zeigt, sind die Herren aber alles andere als eine pandemiebedingte Notlösung.

Denn um ohne weitere Umschweife zur Sache zu kommen: „Exitivm“ ist ein wahres Monster geworden – mit neuen, alten und ganz alten Stärken. Eine neue Stärke ist der Sound, für den diesmal Jory Hogeveen an Bord geholt wude: messerscharf und glasklar, wie es die Musik von PESTILENCE erfordert, zugleich aber so druckvoll wie noch auf keinem Album der Niederländer, setzt er die Kompositionen perfekt in Szene. Auch das dynamische, energiegeladene und perfekt auf die Riffs abgestimmte Drumming von Michiel van der Plicht ist eine Bereicherung.

Womit wir bereits bei der Musik wären: War bereits „Hadeon“ unverkennbar von einer Rückbesinnung auf die glorreichen Anfangstage von PESTILENCE geprägt, führt Patrick Mameli diese Entwicklung 2021 geschickt fort. Statt altbacken oder abgedroschen zu klingen, wirkt das Resultat wie der Inbegriff dessen, wofür PESTILENCE einst standen und heute stehen: Mameli mixt vertracktes Death-Metal-Riffing in bester Death-Tradition mit verqueren Soli weitab jeder Standards und jener technischen Attitüde, die schon Teil des Sounds von PESTILENCE war, ehe der Begriff Djent überhaupt erfunden war. Was freilich nicht heißt, dass dieser das Schaffen der Niederländer nicht adäquater beschreiben würde als jeder Genrebandwurm a la Tech-Fusion-Death-Thrash. „Fusion“ ist dennoch ein wichtiger Punkt: Gerade der hohe Anteil an Synthesizer-Intros und -Spuren ist es nämlich, der „Exitivm“ so starke Oldschoo-Vibes verleiht.

Dass das eine oder andere Riff arg nach PESTILENCE (vulgo: schonmal gehört) klingt – geschenkt. Schließlich ist „Exitivm“ im Ganzen eine Reminiszenz an die 35-jährige Geschichte der Band. Dabei ist „Exitivm“ zwar weit davon entfernt, so visionär zu klingen wie seinerzeit „Spheres“. Mit gänzlich neuer Herangehensweise an den Sound, bei der – anders als auf dem der Vorgänger „Hadeon“ – auf Retrocharme weitestgehend verzichtet wird, sowie durchwegs schnittigem Riffwerk ist „Exitivm“ aber dennoch ein Album, wie man es sich als Fan technischen Death-Metals nur wünschen kann. Sofern man, auch das sollte nicht unter den Tisch gekehrt werden, bereit ist, Kunst und Künstler zu trennen: Mameli war in den sozialen Medien zuletzt mehrfach durch Post mit Verschwörungsideologien unangenehm aufgefallen.

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Wertung: 9 / 10

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