CD-Review: Rotting Christ - The Heretics

Besetzung

Sakis Tolis – Gesang, Gitarre
George Emmanuel – Gitarre
Vangelis Karzis – Bass
Themis Tolis – Schlagzeug

Gastmusiker:
Irina Zybina – Gesang (Track 2)
Dayal Patterson – Gesprochener Vers (Track 7)
Ashmedi – Gesang (Track 8)
Stratis Steele – Gesprochener Vers (Track 10)

Tracklist

01. In The Name Of God
02. Vetry Zlye (ВЕТРЫ ЗЛЫЕ)
03. Heaven & Hell & Fire
04. Hallowed Be Thy Name
05. Dies Irae
06. I Believe (ΠΙΣΤΕΥΩ)
07. Fire God And Fear
08. The Voice Of The Universe
09. The New Messiah
10. The Raven


Kaum eine Band im extremen Metal hat über die Jahre eine solche Entwicklung durchgemacht wie ROTTING CHRIST: Bereits 1987 gegründet, erarbeiteten sich die Athener über viele Jahre einen hervorragenden Ruf als Black-Metal-Band. Doch ROTTING CHRIST waren sich nie zu schade, ihre Kunst zu überdenken und weiterzuentwickeln: Über das rockige „A Dead Poem“ und den pathetischen Düstermetal („Theogonia“, „Aealo“) bis hin zum bedrohlich-düsteren Meisterwerk „Rituals“ – bei ROTTING CHRIST war an Stillstand nie zu denken. Mit „The Heretics“ gerät dieses Kredo erstmalig seit langem ins Wanken.

Denn kritisch betrachtet laboriert „The Heretics“ am „I Love You At Your Darkest“-Phänomen: Wie schon Behemoth auf deren aktuellem Album, wirken auch ROTTING CHRIST vielleicht einen Zacken zu sehr um Trademark-Konservierung einerseits und Gefälligkeit andererseits bemüht. Wirklich innovativ oder gar visionär klingt auf „The Heretics“ deswegen nichts: Ein „Heaven And Hell And Fire“ etwa könnte problemlos auch ein vergessener Track aus den Aufnahmen zu „Κατά τον δαίμονα εαυτού“ oder „Rituals“ sein.

Gewiss, „The Heretics“ ist kein bloßer Wiederaufguss des Vorgängers: Vollgepackt mit Chören, Frauengesang (Irina Zybina in „Vetry Zlye“) und Spoken-Words-Parts (u.a. von Dayal Patterson) strotzt das Album nur so vor Pathos und Epik. Für den nötigen Power sorgen das gewohnt vehemente Drumming von Themis Tolis und, in technischer Sicht, der satte, kraftvolle Gesamtsound. Und für nur einen Melodielauf, wie ROTTING CHRIST hier unzählige abliefern, würde so mancher Songwriter einen Finger opfern.

Doch auf unerwartete Experimente wie das grandiose „Apage Satana“ verzichten ROTTING CHRIST diesmal – alle Neuerungen zielen vielmehr auf leichte Verdaulichkeit ab: Eingängige Melodien, getragene Riffs, und immer und überall: Chöre. Das macht die einzelnen Nummern nicht per se schlechter. Die großen Parallelen in Arrangement und Aufbau, die die Songs untereinander aufweisen, führen – anders als bei den beiden (übrigens merklich längeren) Vorgängern – über den Verlauf der nur 43 Minuten Spielzeit jedoch rasch zu Ermüdungserscheinungen. Auch nach unzähligen Durchläufen reicht etwas Unachtsamkeit, um im Album „die Orientierung zu verlieren“ – diverse Parts klingen so austauschbar, dass sie in gleich mehreren der Songs zu finden sein könnten.

Zugegeben, mit „Rituals“ hatten ROTTING CHRIST die Latte auch verdammt hoch gelegt – und von einem Fehlversuch im eigentlichen Sinne kann man bei „The Heretics“ auch wahrlich nicht sprechen. Allein, der innovative Geist, der dem Vorgänger (und schon dessen Vorgänger) innewohnte, geht „The Heretics“ komplett ab. Wo ROTTING CHRIST Anpassungen vorgenommen haben, gehen diese doch häufig in Richtung Kitsch: Hier ein Chor, dort ein Vogelgezwitscher, und dort wiederum … erneut ein Chor. Ganz neu ist das alles nicht. Gewiss, in Sachen Melodik und Groove macht ROTTING CHRIST so schnell keiner was vor – doch gerade hier haben ROTTING CHRIST, so ehrlich muss man sein, schon größeres geleistet.

Bewertung: 7.5 / 10

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5 Kommentare zu “Rotting Christ – The Heretics”

    1. Moritz Grütz Post Author

      Das freut mich, zu lesen, wenngleich ich mir als langjähriger Fan gewünscht hätte, ich hätte auch zu diesem Album guten Gewissens euphorischere Worte finden können.

  1. Hex

    Stimme dem zu. Rotting Christ bewegen sich spieltechnisch natürlich auch auf einem verdammt hohen Niveau, da bleibt ja nur das Meckern an der fehlenden Innovation. Ab einem bestimmten Punkt ist es auch sehr schwer sich in neue Fahrwasser zu begeben, ohne in den Reviews oder von den Fans verrissen zu werden. Rotting Christ müssen da garnix beweisen…man weiß dass die das können. Ich finde es gut, das es nicht so verwaschen produziert ist. Ich hatte beim Vorgänger den Eindruck, das er etwas glatter ist. Meines Erachtens hat die neue Scheibe ein paar Kanten mehr. Kann mich natürlich auch irren ;)
    Ansonsten: starkes Album.

  2. Simon Bodesheim

    Ich bin echt enttäuscht von der Platte. Hatte zwar im Vorfeld schon gelesen, dass sich alle mehr oder weniger einig sind, dass das Album nicht an die Vorgänger herankommt. Aber dass der Qualitätsunterschied SO groß ist, hätte ich nicht für möglich gehalten. Ich habe sie jetzt 2 Mal gehört und beide Male langweile ich mich spätestens nach der Hälfte. Das ist alles Rotting-Christ-Ausschussmaterial. Nichts auf diesem Album hat mich auch nur ansatzweise beeindruckt. Klar, schlecht ist das alles nicht, aber so unmotiviert klangen sie wirklich noch nie, seit ich sie verfolge. Würde sogar noch mal einen Punkt abziehen. Mehr als 6.5 (und das auch nur mit viel gutem Willen) könnte ich dem Teil nicht zugestehen. Und die kommen im Grunde lediglich durch Produktion, Performance und ab und zu mal für ein paar ganz nette Riffs zustande.

    1. Moritz Grütz Post Author

      Die Atmosphäre in sich ist schlüssig, das kann man ihnen noch zugestehen, aber ansonsten muss ich dir in der Sache (s.oben) leider Recht geben. Verglichen mit den zwei letzten Meisterwerken leider eine große Enttäuschung, verglichen mit dem großen Rest der monatlichen Veröffentlichung ein gutes Album, aber eben nicht mehr.

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