Interview mit Sakis Tolis von Rotting Christ

Waren die zwei Alben zuvor visionär, mussten sich ROTTING CHRIST für „The Heretics“ die Kritik anhören, nicht mehr innovativ zu Werke gegangen zu sein. Im Interview verrät Fronter, Gitarrist und Songwriter Sakis Tolis, was er zu diesem Vorwurf zu erwidern hat, wie er das schier endlose Touren mit der Band verkraftet und wie es nach dem Ausstieg von Gitarrist George Emmanuel sowie Bassist Vangelis Karzis weitergeht.

Hallo! Danke, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Ich hoffe, es geht dir gut?
Alles gut, mein Freund. Viel zu tun mit dem neuen Album, das schon, aber das positive Feedback macht das wieder wett.

Das Cover eures neuen Albums ist völlig anders als die der vorherigen. Warum habt ihr euch für ein Gemälde entschieden und warum genau für dieses?
Wir wollten etwas anderes, etwas, das irgendwie zum Konzept des Albums passen könnte, und mit Inquisition und Ketzerei zu tun hat. Ich fand, dass sich dieses Zeitalter am besten in einem Gemälde widerspiegeln läasst. Der Maler – übrigens ein Grieche, Maximos Manolis – hat bemerkenswerte Arbeit geleistet!

Auch Bands wie Behemoth oder Bloodbath haben bei ihren letzten Alben auf Gemälde gesetzt – ist dir dieser „Trend“ bewusst?
Ich versuche, Trends nicht zu folgen. Es kam einfach, ganz natürlich! Aber vielleicht werden die Musiker auch dieser ganzen Photoshop-Geschichte müde.

Worum geht es auf dem Album thematisch, hat es ein Konzept?
Ja, es ist inspiriert von Dichtern, Philosophen und Schriftstellern, die mit ihren Überzeugungen und Aussagen zu ihrer Zeit als Ketzer beschuldigt wurden. Ganz ähnlich wie bei der Metal-Szene. Ich glaube, dass auch der Weg, den wir gewählt haben, ziemlich ketzerisch aussieht … oder nicht?

Das Album ist epischer und getragener, aber ich vermisse etwas vom Aha-Effekt des völlig neuen, wie ihn etwa „Kata Ton Daimona Eautou“ ausgelöst hatte. Rückblickend betrachtet; Habt ihr jetzt euren Stil gefunden, den ihr jetzt beibehaltet?
Ja, ich habe auch das Gefühl, dass mit unserem neuen Album nicht gerade Amerika entdeckt haben oder etwas grundsätzlich anders gemacht haben. Aber ich habe mich komplett darauf fokussiert, gute Songs zu schreiben. Als ROTTING CHRIST haben wir unseren Stil in den letzten 30 Jahren, die wir in dieser Szene unterwegs sind, sehr oft geändert. Wir haben große Änderungen gewagt, wo es andere nicht getan haben. Also haben wir es uns verdient, auch mal ein paar Alben in unserem Stil einheitlich bleiben zu dürfen, wenn dieser zu der Band passt, die mittlerweile 14 Alben geschrieben hat! Trotzdem weiß ich natürlich nicht, wie ROTTING CHRIST in Zukunft klingen wird.

Alles in allem ist das Album etwas „kitschiger“, wenn man so will: Hier ein Chor, dort ein Vogelgezwitscher. Würdest du das unterschreiben, und: War es Absicht?
Ja, alles, was man hört, ist Absicht. Ich hatte einen Plan, als ich an dem Album gearbeitet habe.

Ganz allgemein scheinen Chöre im Moment in Mode zu sein, auch Behemoth haben zunehmend auf Chöre gesetzt. Was fasziniert dich persönlich an Chören als Element?
Wir verwenden Chöre schon lange Zeit. Ich denke, wenn sie richtig eingesetzt werden, sorgen sie für zusätzliche Atmosphäre. Bands, die das beachten, können damit das Resultat anheben.

Als Gast habt ihr Dayal Patterson und Irina Zybina auf dem Album – woher kennst du sie, und warum hast du sie gefragt?
Du darfst Ashmedi von Melechesh nicht vergessen! Wenn ich einen Song fertig habe, denke ich immer an befreundete Künstler, die daran mitwirken könnten, um ihn noch zu verbessern. Ich tue das nicht für Credits, sondern aus dem natürlichen Bedürfnis, mit Freunden zusammenzuarbeiten – nichts weiter. Nach so vielen Jahren in der Szene kann ich stolz behaupten, dass ich mit vielen Künstlerfreunden aus der ganzen Welt in Kontakt bin – und ich bin froh, wenn sie positiv auf meine Anfrage nach einem Gastbeitrag reagieren. Die Hilfe eines Freundes ist immer etwas Positives.

Bereits 2018 ist das Best-Of-Album „Their Greatest Spells: 30 Years Of Rotting Christ“ erschienen – wie sehr wart ihr als Band an der Songauswahl beteiligt?
Es war ein Albtraum, aus einer 14-Alben-Diskographie Songs auszuwählen, um damit ein Best-Of-Album zu machen. Ein Albtraum, der gut ausgeht, wenn man sich erst entschieden hat, von jedem Album separate ein paar Songs auszuwählen. Ich denke, dass wir uns nach 30 Jahren ein Best-Of-Album verdient haben.

Ein Problem dieser Compilation ist der sehr große Soundunterschied zwischen den alten und neuen Songs. Wie siehst du es?
Leider konnte ich da nichts tun, also habe ich versucht, die „modern“ klingenden Songs und die Old-School-Sound zusammen zu gruppieren.

Was hältst du von Best-Ofs im Allgemeinen und von diesem im Besonderen?
Ich bin kein großer Fan von Best-Ofs, aber manchmal kann es für neue Hörer einer Band von Vorteil sein. Irgendwo müssen sie ja anfangen – da ist ein Best Of eine ideale Lösung.

Ihr geht bald wieder auf Tour, diesmal mit Moonspell – bist du nicht mal müde vom ständigen Touren? Und was sagen deine Freunde und Familie dazu?
Ja, ich kann nicht verheimlichen, dass ich nach mehr als 1.500 gespielten Shows und mit zu vielen Reisen um die ganze Welt langsam skeptisch bin, wie lange ich das noch tun werde. Es ist zugegebenermaßen manchmal schwer, aber ich habe in meinem Leben gelernt, das, was ich tue, gut und bis zu Ende zu machen. Solange es unsere Gesundheit erlaubt, werden wir also an vorderster Front auf dem Schlachtfeld stehen und unseren eigenen Kampf führen. Non serviam!

Wie werdet ihr die neuen Songs live umsetzen: mit vielen Samples oder indem ihr einige Elemente der Studio-Versionen weglasst?
Wie immer; Die Samples im Backing-Track dazupacken und versuchen, möglichst atmosphärische Musik zu kreieren.

Was hältst du generell von Samples in Live-Shows – wichtig für die Atmosphäre oder den Mörder des Live-Feelings?
Manchmal ist es eine Bürde, weil es dich auf der Bühne in deiner Freiheit einschränkt. Aber das Ergebnis ist kompakter und tighter, was der Klangqualität und natürlich dem, was das Publikum hören kann, sehr dienlich ist.

Vor kurzem wurde bekannt, dass ihr euch von eurem Gitarristen George Emmanuel getrennt habt. Warum?
Und bald wird auch noch unser aktueller Bassist seinen eigenen Weg gehen! Sie haben darum gebeten, sie wollten ihre eigenen Sachen machen, ihre eigenen Bands. Und ich und mein Bruder, die von Anfang an bei ROTTING CHRIST sind, haben keine andere Wahl, als ihnen Glück zu wünschen. Wir danken ihnen für die Zusammenarbeit, die bei beiden sehr gute und professionell war.

Hast du schon Ersatz, oder wie planst du die kommenden Shows?
Ich habe schon zwei neue Mitglieder, einen Gitarristen und einen Bassisten, mit denen wir schon auf unsere kommende Welttournee hinarbeiten

Vielen Dank– zum Abschluss ein kurzes Brainstorming:
Musik-Streaming-Portale: Evolution?
Dein aktuelles Lieblingsalbum: Winswept – Onlooker
Europa: Neue Ära … mal schauen.
Konzerte (als Besucher): Watain
Vinyl: Hail dem Wahren!
ROTTING CHRIST in zehn Jahren: Non serviam!

Danke für deine Zeit und Antworten – die letzten Worte gehören dir:
Haltet den Geist am Leben!

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Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
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