Review Spirit Possession – Cathedral Speech

  • Label: Sepulchral Voice
  • Veröffentlicht: 2026
  • Spielart: Black Metal

SPIRIT POSSESSION haben sich nie sonderlich darum bemüht, Black Metal möglichst bequem konsumierbar zu machen. Seit ihrem selbstbetitelten Debüt aus dem Jahr 2020 verfolgt das Duo aus Portland, Oregon, eine ausgesprochen eigenwillige Variante des extremen Metals. Rasend schnelle, oftmals geradezu nervös anmutende Gitarrenarbeit trifft auf ebenso entfesselte Drums, schrille Vocals und eine Vorliebe für klassische Heavy-Metal- und First-Wave-Black-Metal-Elemente. Mit „Of The Sign…“ folgte 2023 ein Album, auf dem diese Formel noch ausgefeilter und chaotischer wirkte und diese Punk-Attitüde auch auf die Spitze trieb. Nun steht mit „Cathedral Speech“ der dritte Langspieler auf dem Altar, und der zeigt eine Band, die ihr eigenes Konzept konsequent und souverän weiterführt.

Dabei beginnt das Titelstück zunächst genau so, wie man es von SPIRIT POSSESSION erwartet. S. Peacock lässt seine Finger über das Griffbrett rasen, während A. Spungin ein Schlagzeuggewitter entfacht, das trotz aller Raserei erstaunlich kontrolliert wirkt. Doch schon hier wird deutlich, dass „Cathedral Speech“ mehr sein möchte als eine bloße Fortschreibung der bisherigen Werke. Die Kompositionen wirken strukturierter, die einzelnen Ideen greifen stärker ineinander, und gerade die atmosphärischen Elemente bekommen deutlich mehr Raum.

Das bedeutet allerdings keineswegs, dass SPIRIT POSSESSION plötzlich ihren Wahnsinn verloren haben. Im Gegenteil. Insbesondere „Hanged Angels As Patternwalls“ demonstriert eindrucksvoll, wie bissig und unberechenbar diese Band weiterhin agiert. Zwischen Black Metal, Speed Metal, Thrash und klassischem Heavy Metal entstehen Riffs, die sich permanent zu überschlagen scheinen. Peacock spielt dabei nicht einfach nur schnell, sondern seine Gitarrenarbeit ist der eigentliche Dreh- und Angelpunkt des Albums. Zahllose kleine Wendungen, ungewöhnliche Läufe und fast schon psychedelisch anmutende Melodien sorgen dafür, dass selbst nach mehreren Durchläufen noch neue Details auffallen.

SPIRIT POSSESSION schreiben auf „Cathedral Speech“ keine Songs, die sich nach dem ersten Durchlauf vollständig erschließen. Vielmehr werfen sie dem Hörer einen Haufen musikalischer Einzelteile vor die Füße und lassen ihn selbst herausfinden, wie diese zusammengehören. Das kann anstrengend sein, funktioniert hier aber erstaunlich gut.

Und nach der bereits starken ersten Albumhälfte wird es auch nicht langweilig oder gar zäh. Mit „First Levitation (Accursed Entrances…)“, „Second Liturgy (…Impossible Exits…)“ und „Trinity Possessor (…In Ten Thousand Hells)“ folgt eine zusammenhängende Dreierkombination, die beinahe als eigenes Werk innerhalb des Albums funktioniert. Hier nehmen sich SPIRIT POSSESSION mehr Zeit für Atmosphäre, Spannungsaufbau und ruhigere Passagen, ohne dabei ihre aggressive Grundhaltung aufzugeben. Akustische und elektronische Elemente tauchen auf, bevor die Band wieder in ihre rasenden Gitarrenattacken zurückkehrt.

Gerade „Trinity Possessor“ zeigt als letzter Song, wohin die Reise für SPIRIT POSSESSION gehen könnte. Die Band erweitert ihren Klangkosmos, ohne ihre Identität zu opfern. Die Synthesizer von Spungin wirken dabei nicht wie ein nachträglich aufgesetztes Gimmick, sondern fügen sich organisch in die okkulte Atmosphäre ein. Gleichzeitig bleibt die Produktion angenehm erdig und roh, sodass trotz der zunehmenden kompositorischen Komplexität niemals der Eindruck entsteht, hier sei eine sterile Studio-Konstruktion entstanden.

Im Vergleich zur bisherigen Diskografie ist „Cathedral Speech“ deshalb vor allem ein Album der Verfeinerung. Das Debüt „Spirit Possession“ war noch stärker von ungebremster Raserei und dem Überraschungseffekt geprägt. „Of The Sign…“ machte anschließend einen deutlichen Schritt in Richtung größerer kompositorischer Eigenständigkeit und erhöhte zugleich den Wahnsinnsfaktor. „Cathedral Speech“ führt diese Entwicklung konsequent weiter und zeigt weniger unkontrollierten Ausbruch, dafür mehr Dramaturgie, Atmosphäre und musikalische Tiefe. Wer die vollkommen entfesselte Energie von „Of The Sign…“ geliebt hat, dürfte feststellen, dass „Cathedral Speech“ gelegentlich etwas kontrollierter und damit auch weniger unmittelbar wirkt. Ob das jetzt eine Schwäche ist, muss allerdings jeder selbst entscheiden.

SPIRIT POSSESSION bleiben ihrem Wahnsinn treu, geben ihm auf „Cathedral Speech“ aber erstmals eine noch deutlichere Form. Ein Album, das gleichzeitig aggressiv, technisch versiert, atmosphärisch und angenehm eigenbrötlerisch ist. Nicht immer leicht zugänglich, aber gerade deshalb umso lohnender und definitiv eines der Highlights des Jahres.

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Wertung: 9.5 / 10

Samir Kharboutli

Publiziert am von

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