Review Tomahawk – Tonic Immobility

Für Mike-Patton-Fans waren die letzten anderthalb Jahre nicht so schlecht: Der umtriebige Sänger veröffentlichte einiges an Material mit verschiedenen Projekten (Tētēma und nach über 20 Jahren wieder Mr. Bungle) und Musikern (Jean-Claude Vannier oder Matt Mahaffeys „Teenage Mutant Ninja Turtles“-Theme … ja, wirklich!). Nun steht mit „Tonic Immobility“ nach sieben Jahren ein neuer TOMAHAWK-Longplayer in den Startlöchern. Und auch wenn die Band seit jeher das beste Faith-No-More-Methadon von allen Mike-Patton-Projekten abgegeben hat, konnte man sich spätestens seit dem 2007er Output „Anonymous“ (einer Vertonung traditioneller nordamerikanischer Indianergesänge) nicht mehr ganz sicher sein, was die Truppe alles aus dem Hut zaubern würde.

Nach den ersten Minuten Spielzeit ist aber schon recht schnell klar, wohin die musikalische Reise geht: „Tonic Immobility“ knüpft mehr oder weniger nahtlos an „Oddfellows“, das letztenTOMAHAWK-Album aus dem Jahr 2013, an. Eingängiger, wenn auch hier und da ein wenig schräger Alternative Rock, allerdings wesentlich straighter als Pattons ehemalige Hauptband. Auf Hip-Hop-Anleihen oder regelmäßigen Keyboardeinsatz wird verzichtet, es tönt eher punkig, gelegentlich fast hardcore-lastig aus den Boxen – und geht ziemlich vorwärts, wenn auch nicht ganz so auf die Zwölf wie Dead Cross.

So unterschiedlich Faith No More, Fantômas, Mr. Bungle und TOMAHAWK auch klingen mögen: Alle vier Bands verbindet die hohe technische Qualität des (Zusammen-)Spiels der beteiligten Musiker. Ex-Helmet-Drummer John Stanier groovt gemeinsam mit Trevor Dunn (auch bei Mr. Bungle am Viersaiter) auf Albumlänge ziemlich großartig, während Gitarrist Duane Denison (Ex-The Jesus Lizard) die gesamte Bandbreite von durchgeknallten Effekt-Gitarren-Collagen („Eureka“) bis hin zu (theoretisch) radiokompatiblen Ohrwürmern („Dog Eat Dog“) bedient. Das Songwriting kommt dabei nicht zu kurz: Mögen die Strukturen auf den ersten Blick simpel und überschaubar wirken, fallen nach mehrmaligem Hören immer mehr ziemlich coole Details auf – wie zum Beispiel die Bass- und Schlagzeugarbeit in den Strophen von „Business Casual“ oder die gepickte, latent disharmonische Gitarre im Opener „SHHH!“.

Es erscheint beinahe überflüssig zu erwähnen, dass Mike Patton am Mikrofon einen hervorragenden Job macht. Das Wechselspiel aus metallischen Schreipassagen („SHHH!“) und clean gesungenen Abschnitten („Sidewinder“) ist für den geneigten Fan zwar nichts Neues – trotzdem macht es Spaß, dem Sänger in einem mehr oder weniger klassischen Alternative-Rock-Habitat zuzuhören; in Anbetracht der Vielzahl wenig massenkompatibler Performances des 53-jährigen (wer jetzt neugierig ist, möge „Adult Themes For Voice“ googeln) keine Selbstverständlichkeit.

TOMAHAWK bieten ein ausgesprochen kurzweiliges Hörvergnügen, welches mit knapp unter 40 Minuten aber auch nicht übermäßig lang ausfällt. Obwohl die Platte immer wieder 90er-Jahre-Reminiszenzen auffährt, sind die Kompositionen als solche irgendwie zeitlos – was auch ein erneutes Hören des ebenso zeitlosen Vorgängers „Oddfellows“ eindrucksvoll beweist. So sei „Tonic Immobility“ allen empfohlen, die die bisherigen Alben der Band (vielleicht von „Anonymous“ mal abgesehen) schätzen und denen Dead Cross oder Mr. Bungle eine Spur zu hart sind. Wäre nur schön, wenn man nicht wieder acht Jahre auf einen Nachfolger warten müsste – wir sind hier ja nicht bei Tool.

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Wertung: 8.5 / 10

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