CD-Review: Ulver - Shadows Of The Sun

2007

Besetzung

Kristoffer Rygg - Gesang
Jørn H. Sværen - Verschiedens
Tore Ylwizaker - Programming, Keyboard

Tracklist

01. Eos
02. All The Love
03. Like Music
04. Vigil
05. Shadows Of The Sun
06. Let The Children Go
07. Solitude (Black Sabbath-Cover)
08. Funebre
09. What Happened


Frappierender kann ein Wandel kaum sein: Begannen die Norweger ULVER vor rund vierzehn Jahren noch mit folkversetztem Black Metal, so sind sie heute in ihrem Schaffen bei etwas angekommen, das man wohl mit Fug und Recht als den absoluten Gegenpol jener harschen, vom Otto-Normal-Musikkonsumenten bestenfalls als Krach bezeichneten Musik bezeichnen kann. Vielerorts wird Black Metal als jene Musikrichtung genannt, die den puren Hass am besten verkörpert, doch im Jahre irgendjemandes Herrn 2007 steht eine andere Gefühlspalette im Vordergrund, bestimmt das ganze Album: Trauer, Deprimiertheit, dumpfer Schmerz.

Ich will mich hier nicht lange mit irgendwelchem Gerede über spielerische Fähigkeiten der Musiker und die Qualität der Produktion (die hervorragend ist) – kurz: über die handwerkliche Seite dieser Scheibe auslassen, denn „Shadows of the Sun“ ist ein Album, das man fühlen muss, von der ersten bis zur letzten Minute. Mit geradezu minimalistischen Mitteln wird hier eine Atmosphäre erzeugt, die hinsichtlich ihrer Dichte und Gravität ihresgleichen sucht.
Um den richtigen Zugang zur Musik der 2007er ULVER zu finden, sollte man am besten komplett abschalten – sowohl den eigenen Geist als auch die Technik um einen herum (außer der Stereoanlage natürlich) – sich aufs Bett oder Sofa legen, die Augen schließen und sich von den akustischen Wellen treiben lassen. Schwermütige Synthie-Klänge und düsterer Gesang leiten „Eos“ ein, später gesellen sich spitze Geigentöne dazu, wie die klangliche Manifestation eines still weinenden alten Mannes. Unter all dem liegen bedrohlich tiefe Töne, klaffende Abgründe tun sich auf, es klingt, als wolle ein Erdbeben den Hörenden verschlingen. Bis zum letzten Ton weicht diese bedrückende Schwermütigkeit nicht.

Dagegen klingt „All the Love“ wie eine fröhlich-heitere Schunkelballade – ist es aber natürlich nicht. Hier ertönt zum ersten Mal das Schlagzeug in einem Tempo, das jeder Doom Metal-Band gut zu Gesicht stehen würde. Der mit pechschwarzen Wolken verhangene Himmel klart auf, einzelne Lichtstrahlen erreichen die Erde, doch immer noch weht ein eiskalter Wind und hüllt die trauernde Seele ein. Merkwürdig knarzende Elektronikklänge verleihen dem Lied eine bizarre Note. „Vigil“ fügt dem Bild der trostlosen, kargen Landschaft unter dem wolkenverhangenen Himmel die Szene eines Grabmals hinzu („Light a candle / and say their name one last time / let them go“), vor dem der (oder die) in Verzweiflung und Trauer gefangenen Hinterbliebene steht. Ein Windhauch, kalt wie flüssiger Stickstoff, tilgt die letzte Wärme aus dem Körper, fegt Eiskristalle über den rissigen Boden, die Wolken ziehen in Zeitraffer dahin. Ein Aufhorchen bei „Shadows of the Sun“: Kristoffers Stimme erhebt sich in Tonhöhe und Lautstärke weit nach oben wie nur selten in den vierzig Minuten, die diese Odyssee in die dunklen Ecken der Seele dauert. Immer wieder streuen ULVER diese kleinen „Wachmacher“ ein, fesseln den Hörer so gebannt an die Lautsprecher und erhalten seine Aufmerksamkeit aufrecht.

Mit impulsartigen, drückenden Tonwellen kündigt sich in „Let the Children go“ ein gewaltiges, namenloses Ereignis an, und mit den geradezu Gänsehaut auslösenden Gesangsharmonien nach knapp zwei Minuten scheint sich ein Kegel göttlichen Lichts durch die Wolken zu bohren und eine nach Erlösung strebende Seele einzuhüllen, während sich die Welt um sie herum in Wohlgefallen auflöst. „Solitude“, ursprünglich von Black Sabbath erdacht, schafft es tatsächlich, im Rest zu den restlichen Songs fast fröhlich zu erscheinen , obwohl die deprimierten Textzeilen den durch den Basslauf und die immer wieder eingestreuten Einsätze der Trompete aufgebaute „fröhliche Melancholie“ negieren; die Einsamkeit des Protagonisten scheint fast greifbar zu sein. „Funebre“ stößt einen wieder in die dunkle Traurigkeit zurück, die zuvor schon entstanden war. Beharrlich minimalistisches Klavier- und Geigenspiel schaffen eine wahre Grabesstimmung, wie sie selten auf CD gebannt zu hören war. „What happened“ vertont das Gefühl der bitteren Einsicht („Out of nothing / I understand / who I am“), die Stimmung ist ebenso von Tragik geprägt wie jede andere Minute dieses Albums.

Nach nur vierzig Minuten ist diese Reise in eine Welt der Melancholie vorbei – viel zu früh? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Im Endeffekt spielt es keine Rolle, denn „Shadows of the Sun“ scheint sich einfach nicht abzunutzen und zieht mich mit jedem Hördurchgang wieder in seinen Bann. Wer beim Hören des Albums auf dem Bett einschläft, muss sich dessen nicht schämen, die Musik lädt dazu ein… sie ist einschläfernd, aber in einem positiven Sinn, denn gerade im Halbschlaf wirken die Klänge besonders tief – wer die Weltuntergangsstimmung in „Let the Children go“ während des Aufwachens erlebt, fühlt sie dreimal so intensiv. ULVER haben hier ein faszinierendes Stück Musik erschaffen, dessen Dichte und Schwere alles überbieten, was ich an Musik kenne; selbst Reverend Bizarre müssen davor die Segel streichen. Wer sich allerdings bei dem Gedanken gruselt, vierzig Minuten seines Lebens ohne Gitarrenriffs auskommen zu müssen, der wird hier nicht viel Freude haben, denn das Album kommt komplett ohne deutlich erkennbare Gitarreneinsätze aus – doch sie fehlen auch nicht, denn dieses Album kann für jemanden, der sich darauf einlässt, kaum Lücken haben; es ist in sich geschlossen wie ein Lebenszyklus. Ich ziehe meinen Hut vor den „Wölfen“ und neige mein Haupt in Demut.

Bewertung: 10 / 10

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