Review Ulver – Neverland

Viele Bands haben zwei Fanlager, eines für ihr Frühwerk und eines für ihre späten Releases. ULVER dürften mittlerweile bei drei angekommen sein und schaffen es dennoch regelmäßig, die einen, die anderen oder auch alle vor den Kopf zu stoßen. Während die Mehrheit der Fans der avantgardistischen Ambient-Klänge mit dem Lo-fi-Black-Metal der ersten Alben wenig anzufangen wissen dürfte, schütteln die Black-Metal-Fans über den Werdegang der Band seit der Jahrtausendwende nur noch den Kopf. Dass sich ULVER zuletzt mit großer Begeisterung im Synth-Pop ausgetobt haben, hat die Grabenkämpfe allenfalls dahingehend befriedet, dass damit weder das eine noch das andere Lager so richtig warm geworden ist.

Ob ULVER etwa mit ihrem Helloween-Album „Scary Muzak“ von 2021 wirklich neue Fans hinzugewonnen haben, ist zwar fraglich. Sollte es aber mittlerweile wirklich eine dritte, Synth-Pop-affine Generation ULVER-Fans geben, durchleben diese nun das Gleiche wie zwei Generationen vor ihnen: den nächsten rabiaten Stilwechsel im Hause ULVER. Aber, um keine falschen Hoffnungen zu wecken: Mit Black Metal hat „Neverland“ so wenig zu tun wie die letzten 15 Alben. Vielmehr kehren ULVER mit diesem Werk nur gut ein Jahr nach dem eingängigen „Liminal Animals“ (2024) so überraschend wie konsequent zu dem zurück, was man ihre „zweiten Wurzeln“ nennen könnte.

Einen ersten Hinweis darauf, wohin die Reise geht, bietet schon das Cover – genauer der Teilaspekt des darauf abgedruckten Strichcodes, wie er zuerst auf „Perdition City“ (2000) zu sehen war. Tatsächlich verlegen sich die Norweger musikalisch wieder vollends auf jene weitläufigen und vielschichtigen Klanglandschaften, wie sie sie Anfang des Jahrtausends produziert hatten. Wer also diese Schaffensphase und Werke wie „Blood Inside“ (2005) für den Höhepunkt im Schaffen von ULVER erachtet, darf sich auf „Neverland“ freuen. Liebhaber:innen der letzten Alben hingegen sollten zumindest wissen, worauf sie sich einlassen.

Ein elementarer Aspekt an „Neverland“ ist, dass ULVER diesmal wieder (nahezu) rein instrumental zu Werke gehen. Das ist einerseits schade, da der charakteristische Gesang stets ein starkes Element im Sound von ULVER war. Angesichts der detailverliebten Arrangements ist die Entscheidung andererseits aber nur konsequent: In nahezu jeder Sekunde passiert hier – mal offensichtlich und unüberhörbar, mal subtil im Hintergrund – so viel, dass für Gesang gar kein Platz wäre. Diese Detailverliebtheit unterscheidet „Neverland“ zugleich von früheren (beziehungsweise eben späteren) ULVER-Alben, auf denen sich die Band mit weit weniger Tiefgang zufriedengegeben hatte.

Der Ideenreichtum auf vergleichsweise knappem Raum – das Album im Ganzen dauert bei 11 Songs kaum 40 Minuten – bedingt hingegen, dass manches eher an- als zu Ende gedacht wirkt: Insbesondere die kurzen Songs wie „Hark Hark The Dog Bark“ mit seinen 2:44 Minuten haben geradezu fragmentarischen Charakter, die Motive werden eher präsentiert als voll entwickelt. Das Resultat wirkt oft mehr wie eine elaborierte Ideensammlung als wie ein formvollendeter Song mit dramaturgischem Aufbau oder erkennbarer Struktur.

Dieser Skizzen-Charakter des Albums mag zunächst überraschen, und vielleicht wäre atmosphärisch tatsächlich noch mehr drin gewesen, hätten ULVER den Ideen mehr Raum zur Entfaltung gegeben oder mehr Wert auf einen „richtigen“ Albumflow gelegt. Dafür sprüht „Neverland“ nur so vor Kreativität, die sich unverkopft Bahn bricht: Statt eine Idee zu zerdenken und ad ultimo auszuwalzen, gehen ULVER einfach weiter zur nächsten, bis es vorbei ist: Auch das finale „Fire In The End“ endet abrupt, sodass man wie aus einem Traum hochschreckt. Das war’s schon, möchte man fragen – und unversehens wieder auf „Play“ drücken. Es gibt doch noch so viel zu entdecken!

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Wertung: 9 / 10

Moritz Grütz

Publiziert am von

2 Kommentare zu “Ulver – Neverland

  1. Habs mir gestern mal angehört und für mich ist das einfach belangloses Gedudel, das einfach vorbeiplätschert. Schade! Das Cover ist nämlich top und sorgt für Stimmung – das können sich viele Alben der Vergangenheit nämlich nicht auf die Fahne schreiben. Bei jedem neuen Ulver-Werk versuche ich es aufs Neues, aber es will einfach nicht klick machen. :(

    1. Ging mir anfangs auch ein bisschen so. Hat ein bisschen gedauert und vor allem aktives Zuhören erfordert, bevor es bei mir Klick gemacht hat. Das Album kann auch nebenbei laufen, ohne dass es irgendwie aneckt; also vorbeiplätschert.

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