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Noekk – Carol Stones And Elder Rock (EP)

Nachdem sich die Bewunderer des Schaffens von Markus Stock alias Ulf Theodor Schwadorf alias F. F. Yuggoth einige Jahre lang in Geduld üben mussten, revanchiert sich der vielbeschäftigte Tausendsassa dieser Tage gleich in mehrfacher Hinsicht für deren Treue. Nicht nur, dass man auf der anstehenden „Heralds-Of-The-Fall“-Tour sowohl Empyrium als auch Sun Of The Sleepless bestaunen dürfen wird, auch NOEKK lassen 2018 nach zehn Jahren endlich wieder von sich hören. Erstmals seit „The Minstrel’s Curse“ bringen Stock und sein langjähriger Weggefährte Thomas Helm (bzw. Funghus Baldachin) eine neue gemeinsame Prog-Rock-Platte heraus: die 7‘‘-EP „Carol Stones And Elder Rock“, die den Fans einen Vorgeschmack auf das für 2019 angekündigte Full-Length-Album geben soll.

Sowohl bezüglich des Umfangs als auch der Musik selbst geben sich NOEKK auf ihrer Comeback-Veröffentlichung genügsam. Im Gegensatz zu den ausladenden Stücken des Vorgängers sind die vier Lieder auf „Carol Stones And Elder Rock“ kurz und knapp gehalten, sodass man sich wohl oder übel mit gerade mal 13 Minuten an neuem Material zufriedengeben muss.

Aus kompositorischer Sicht ist das Minialbum insofern als zurückhaltend zu bezeichnen, als die Tracks weder verzerrte Gitarren noch spielerisch komplexe Arrangements beinhalten. Stattdessen setzt das Duo hier bewusst auf eine luftig-leichte Instrumentalisierung, bestehend aus klassisch inspiriertem, nachdenklichem Klavier („A Loss“), trockenen, verspielten Akustikgitarren („Pan“) und kauzigen Retro-Prog-Keyboards („Archaic Tune“). Gerade letztere sind ein erfreulicher Garant dafür, dass NOEKK bei ihrer betont akustischen Herangehensweise nicht als müder Abklatsch von Empyrium dastehen.

Davon abgesehen sind ein paar stilistische Parallelen zu Alben wie „Weiland“ zwar nicht von der Hand zu weisen, die vorherrschende Grundstimmung ist jedoch eine andere. Der verträumt-wehmütigen Atmosphäre von „Where At Night The Wood Grouse Plays“ stehen hier eher geheimnisumwitterte Klänge gegenüber. Seine Vorliebe für naturmystische Lautmalerei hat Schwadorf selbstredend auch diesmal nicht abgelegt. Die tadellose, ungekünstelte Produktion und Helms erhabener Gesang tun dann noch ihr Übriges, um die vier Songs zu einem vollkommen stimmigen Ganzen zu formen und NOEKK damit eine Rückkehr ohne die geringsten Abnutzungserscheinungen zu ermöglichen.

Wer dem Release des kommenden Albums von NOEKK noch nicht mit Spannung entgegengeblickt hat, der wird es nach dem Hören von „Carol Stones And Elder Rock“ gewiss tun. Die neuen Stücke tragen die unverkennbare Handschrift ihrer beiden Schöpfer, offenbaren aber gerade durch den Verzicht auf E-Gitarren die eine oder andere neue Facette. Zwar bleibt zu hoffen, dass die vier Songs exklusiv auf dem Kurzalbum verbleiben werden, doch rein qualitativ hätte es das Material zweifelsfrei verdient, auch auf einer Full-Length-Platte unterzukommen. Die Anschaffung lohnt sich somit nicht nur für Sammler und Komplettisten. Fans von NOEKK und Empyrium sowie Folk und Prog-Rock im Allgemeinen können hiermit nichts falsch machen.

Riverside – Wasteland

„Wasteland“ ist RIVERSIDEs erstes Album nach dem tragischen Tod von Gitarrist Piotr Grudziński, der mit seinem singenden Spiel ihren Sound entscheidend geprägt hat. Zweieinhalb Jahre nahmen sich Piotrs Bandkollegen Zeit, um zu trauern, Kraft zu sammeln und eine Vision für ihre Zukunft zu entwickeln.

Während RIVERSIDE live jetzt von Gastgitarrist Maciej Meller (ex-Quidam) begleitet werden, bleiben sie im Studio ein Trio. Die Rhythmus- und Leadgitarren übernimmt Sänger und Bassist Mariusz Duda – unterstützt von Maciej Meller und Mateusz Owczarek, die einige Soli beisteuern. Auch die Texte und fast die gesamte Musik stammen von Mariusz Duda.

„Wasteland“ ist düster. Klanggewordene Schwere, in der all die Trauer und Verzweiflung der letzten Jahre steckt. Der Funke Hoffnung, der „Love, Fear And The Time Machine“ so hell zum Strahlen brachte, ist fort. Im Keim erstickt. „The Day After“ eröffnet das Album ganz ruhig: Nur Mariusz‘ wunderbare Stimme – allein, klagend, verloren im Hall. Wunderschön und tieftraurig zugleich. „What if it‘s not, if it‘s not meant to be…“

Aber die Platte klingt auch direkter, roher und aggressiver als ihr Vorgänger. Auffällig ist, dass Mariusz stellenweise tiefer singt als je zuvor. Zudem strahlt die Musik in einigen Momenten eine Atmosphäre aus, die an Soundtracks zu Western-Filmen erinnert. All jene, die sich fragen, ob die verbliebenen Mitglieder ohne Piotr überhaupt den typischen RIVERSIDE-Sound kreieren können, dürfen aufatmen. Ja, seine emotionalen Soli fehlen und hinterlassen eine Lücke. Diese wird aber von Mariusz und den beiden Gastgitarristen mit viel Feingefühl gefüllt; auch 2018 ist die Musik sofort als RIVERSIDE zu erkennen.

Mehr noch: Die neuen Songs erinnern stark an die Anfangstage, an eine gradlinigere Version von „Out Of Myself“ und „Second Life Syndrome“. Mit dem letztgenannten teilt sich „Wasteland“ dann auch den konzeptionellen Aufbau. Auch 2005 eröffneten RIVERSIDE ihr Album mit einem Acapella-Song, „After“, und schlossen mit „Before“. Die neue Scheibe beginnt mit „The Day After“ und endet mit „The Night Before“. Beide CDs enthalten neun Tracks und ein Instrumentalstück.

Highlights gibt es viele: Etwa „Guardian Angel“, „River Down Below“ und „The Night Before“ – gleich drei wundervolle Balladen, die Erinnerungen an Tränenzieher wie „Conceiving You“ oder „I Believe“ wecken. Wer es härter und direkter mag, höre „Acid Rain“ oder „Vale Of Tears“. Und mit dem Titeltrack haben RIVERSIDE einen zukünftigen Bandklassiker geschrieben.

Irgendwie haben sie’s geschafft: Mariusz Duda, Michał Łapaj und Piotr Kozieradzki kanalisieren auf „Wasteland“ ihre Trauer und Verzweiflung in neun starken Tracks, die allen Fans von „Second Life Syndrome“ sehr gefallen werden – und beweisen, dass sie stark genug sind, um auch nach Piotrs Tod weiterzumachen. Das ist Musik, die unter die Haut geht.

Soen – Lykaia Revisited

Ursprünglich Anfang 2017 veröffentlicht, erblickt das dritte Album von SOEN nun unter dem Titel „Lykaia Revisited“ erneut das Licht der Welt. Neben einem neuen Mastering wurde auch das Artwork der Platte überarbeitet. Zudem bietet die neue Version der Scheibe dem Hörer zwei Livetracks, die auf der Tour zum Album mitgeschnitten wurden.

SOEN selbst hatten schon vom Beginn ihrer Karriere an einige Aufmerksamkeit sicher, denn die Band zählt niemand Geringeren als Martin Lopez zu ihren Mitgliedern. Dieser dürfte aufgrund seiner früheren Tätigkeiten bei Opeth und Amon Amarth kaum jemandem in der Metalwelt unbekannt sein. Die Beachtung wurde durch ein großartiges Debüt gerechtfertigt, ehe die Truppe danach etwas aus dem Scheinwerferlicht verschwand und auch „Lykaia“ zunächst nur bedingt Beachtung fand. Dieser Umstand soll nun korrigiert werden.

Das ist auch gut so, denn mit ihrem dritten Album ist SOEN erneut ein wundervolles Werk progressiver Metalmusik gelungen. Die Songs sind mal träumerisch-verspielt („Lucidity“) und laden den Hörer dazu ein, sich in den mäandrierenden Melodien zu verlieren und die Wärme der Tracks über einen hinwegschwappen zu lassen („Orision“). An anderer Stelle wiederum werden die Zügel fester angezogen und harte Riffs regieren („Sectarian“), was der Truppe ebenso gut zu Gesicht steht und problemlos von der Hand geht.

Dabei stört es zu keinem Zeitpunkt, wenn das Pendel innerhalb der Songs zwischen den genannten Polen hin und herschwingt, denn die Verbindung von Härte, Melodie und komplexem – aber immer nachvollziehbarem – Songwriting gelingt SOEN auf „Lykaia Revisited“ scheinbar mühelos, wie „Opal“ exemplarisch unter Beweis stellt.

Fragt sich eigentlich nur noch, welchen Vorteil die Neuerungen dem Album bringen. Da wären zum einen die beiden Livetracks „Sectarian“ und „Lucidity“, welche in Lissabon bzw. Rom aufgenommen wurden. Diese verdeutlichen, dass die Band ihre Songs auch live toll zur Geltung bringen kann und machen in der Tat Lust auf den Besuch eines der Konzerte von SOEN.

Wichtiger jedoch ist das neue Mastering, welches „Lykaia Revisited“ verpasst wurde. Denn der Sound der Platte ist schlicht gigantisch. Warm und organisch klingend, sind die Songs trotzdem mit einer Menge Druck ausgestattet, der jedoch die Feinheiten der Kompositionen nicht überschattet. Zudem sind die einzelnen Instrumente wunderbar differenziert zu hören, was vor allem dem Bass zugutekommt. Denn Stefan Stenberg brennt auf „Lykaia Revisited“ ein wahres Feuerwerk ab – allein für die Bassspuren lohnt es sich, diese Scheibe zu hören.

So steht im Ergebnis ein unheimlich starkes Album, dem ein grandioser Sound verpasst wurde – besser kann man eine Wiederveröffentlichung nicht rechtfertigen. Allen Fans von progressiver Musik, die sich nie in sich selbst verliert, sei „Lykaia Revisited“ dringlichst ans Herz gelegt und auch wer mit Prog eigentlich nichts anfangen kann, sollte mal ein Ohr riskieren. Denn SOEN haben das Potential, einen für diese Musik zu begeistern und das Ohr für dieses Genre zu öffnen.

Spock’s Beard – Noise Floor

Modern, frisch und untypisch sieht‘s aus, das Cover von „Noise Floor“ – und wirft damit die Frage auf, ob SPOCK‘S BEARD auf ihrem 13. Album genauso innovativ klingen, wie sie verpackt sind. Erst recht nach dem zerfahrenen, leblosen Vorgänger „The Oblivion Particle“.

Die wichtigste Info vorab: Sechs der acht Songs auf der Haupt-CD sind von Bandmitgliedern geschrieben worden oder unter ihrer Mitwirkung entstanden. Ein deutliches besseres Verhältnis als beim letzten Album, bei dem zwei Drittel von Ghostwritern stammten. Es ist also wieder eine „echte“ SPOCK‘S BEARD-Platte.

Das erwähne ich, weil man es hört: Nein, „Noise Floor“ klingt nicht so ungewöhnlich wie das Cover aussieht. Die Scheibe klingt wie SPOCK‘S BEARD – allerdings wie eine sehr AOR-verliebte, schnell ins Ohr gehende Version davon. Vor drei Jahren bestand jedes Lied aus vielen zusammenhanglosen Einzelteilen, um ach so progressiv zu sein. Jetzt konzentrieren sich die Jungs auf wenige ausgewählte Zutaten. Sie fassen sich kurz und gehen gradliniger zu Werke, ohne den Prog gänzlich über Bord zu werfen. Der Einfluss von Ted Leonard ist spür- und hörbar. Und so geht der Longtrack-Fetischist dieses Mal leer aus. Das Ergebnis: Es gibt wieder richtige Songs mit Wiedererkennungswert und Melodien, die ins Ohr gehen.

Aus dieser Grundhaltung heraus ist eine nette, wenn auch nicht weltbewegende Scheibe entstanden. Die Zeiten, in denen „die Bärte“ euphorisierten und begeisterten sind lang vorbei. Aushängeschild und Impulsgeber der Prog-Szene sind längst andere Bands. Dennoch: Es gibt sie noch, die Tracks, die die alte Magie aufblitzen lassen. Das Mini-Opus „One So Wise“ ist so einer. Oder der epische Abschluss „Beginnings“. Auch die Halb-Ballade „Somebody‘s Home“ ist nah dran.

Der Rest ist solide und gern gehört, ein wenig unspektakulär. Kurz vorm Ende lassen die handzahm gewordenen Progger dann aber doch nochmal die Sau raus: „Box Of Spiders“ ist ein wildes Instrumental aus der Feder von Ryo Okumoto. Hier proggen SPOCK‘S BEARD ohne Rücksicht auf Verluste (und Songwriting!) drauf los. Das macht Spaß und ist ein toller Kontrapunkt zum etwas konservativen Rest.

Die Songs auf der Bonus-EP wurden bewusst abgetrennt. Stilistisch und qualitativ passen sie aber gut zum Haupt-Album und sind eine schöne Ergänzung. Vermutlich ging es eher darum, die Spielzeit auf der ersten CD kurz zu halten. Mit „Vault“ ist auch hier eine sehr schöne Nummer dabei.

Übrigens: Ex-Drummer und -Sänger Nick d‘Virgilio kehrt als Gast hinter das Schlagzeug zurück. Schade, dass er nicht fest einsteigt und mitschreibt. Live wird zukünftig Mike Thorne (Saga) seinen Part übernehmen.

Fazit: „Noise Floor“ ist gradliniger als gewohnt, unverkrampft und gut gemacht. Vielleicht auch ein wenig altersmilde. Ein nettes Album, das niemandem wehtut, nicht viel will, und gerade deshalb angenehm zu hören ist. Die Sprunghaftigkeit und Zerrissenheit von „The Oblivion Particle“ haben SPOCK‘S BEARD hinter sich gelassen. „One So Wise“ und „Box Of Spiders“ sind echte Highlights.

Motorowl – Atlas

Mit ihrem Debüt „Om Generator“ gelang den Newcomern von MOTOROWL ein echter Überraschungserfolg. Der Erstling des Quartetts strotze nur so vor Spielfreude, psychedelischen Elementen, Doom und einer ordentlichen Portion Rock. Seit dem Release ihres Erstlings sind MOTOROWL ganz schön rumgekommen und spätestens seit der ausgedehnten Tour im Vorprogramm der Apokalyptischen Reiter, sind die Jungs definitiv kein Geheimtipp mehr. Die Erwartungen an die neue Scheibe „Atlas“ sind dementsprechend hoch.

Eines kann man gleich vorwegnehmen: MOTOROWL liefern kein „Om Generator II“ ab, sondern erweitern ihren Klangkosmos um eine gehörige Schippe Spacigkeit. Dafür wurden aber die Wildheit und Ungezügeltheit des Debüts recht deutlich zurückgefahren. „Atlas“ klingt deutlich reifer und ausgeklügelter als der Vorgänger und trotzdem überrascht die Scheibe mit immer wieder mit unerwarteten Wendungen und raffinierten Kompositionen. So drischt „The Man Who Rules The World“ nach dem sphärischen Intro nicht mit einem fetten Riff los, sondern schwebt und wabert scheinbar schwerelos über die gesamte Spielzeit. Bei „To Take“ ist es dagegen wieder genau anders herum, hier bricht über den Hörer eine schwere Wand aus Gitarren und Schlagzeug herein.

Dieses Spiel aus sphärisch und hart, laut und leise, schleppend und flott zelebrieren MOTOROWL auf „Atlas“ auf hohem Niveau und in Kombination mit dem gesteigerten Einsatz der Synthies und der Orgel, zeigen die Musiker damit eine ganz neue Seite von sich. Am ehesten an „Om Generator“-Zeiten erinnern wohl einige Parts des Titelsongs. Nimmt man nun noch die warme und erdige Produktion der Scheibe hinzu, so fühlt sich der Hörer direkt in die 70er teleportiert. Dieses Kunststück gelingt MOTOROWL leichter und besser als so manch anderer Retro-Kapelle.

Ganz ohne Haken kommt aber auch „Atlas“ nicht daher. Bei aller Raffinesse und Verspieltheit, wünscht man sich stellenweiße doch etwas mehr von der rohen Energie des Debüts. Gerade Stücke wie „To Give“ oder „Cargo“ hätten etwas mehr Energie durchaus vertragen können. Auch der Gesang von Fronter Max Hemmann kommt teilweiße etwas dünn daher, auch wenn die epische Performance bei „To Take“ mehr als beachtlich ist.

An sich ist MOTOROWL mit „Atlas“ aber ein ziemlich überzeugendes zweites Album gelungen. Die musikalische Reife und Entwicklung die die Band seit ihrem Debüt vollzogen hat, sucht definitiv ihresgleichen und macht neugierig auf das, was die Jungs in den kommenden Jahren noch vollbringen werden.

Devin Townsend Project – Ocean Machine – Live At The Ancient Roman Theatre Plovdiv

Die Meldung, dass Devin Townsend in irgendeiner Art und Weise neue Musik auf den Markt bringt, führt schon lange nicht mehr zu Jubelstürmen; zu regelmäßig veröffentlicht der Kanadier in Form von The Devin Townsend Band, unter seinem eigenen Namen oder mit dem DEVIN TOWNSEND PROJECT. Diese regelmäßige Veröffentlichungsrate gehört wohl schon eher zum guten Ton unter seinen Jüngern.

Und als ob das dem Prog-Tausendsassa nicht schon reichen würde, scheint Townsend auch noch Fan von Live-Alben zu sein; zuletzt mit „Devin Townsend Presents: Ziltoid Live At The Royal Albert Hall“ oder „The Retinal Circus“ in aller Munde, zeigte das DEVIN TOWNSEND PROJECT aber besonders mit „By A Thread: Live in London 2011“, dass sie eine Vorliebe für ausufernde Live-Darbietungen haben.

Die Ankündigung, dass Townsend und Co. mit „Ocean Machine – Live At The Ancient Roman Theatre Plovdiv“ auch 2018 ein Live-Album präsentieren werden, dürfte bei seinen Fans somit zu routiniertem, zustimmenden Kopfnicken geführt haben. Auch, weil der zwanzigjährige Geburtstag von „Ocean Machine“ somit gebührendlich gefeiert werden kann. Dennoch folgt nach dem coolen Kopfnicken ein offener Mund und weit aufgerissene Augen, denn „Ocean Machine – Live At The Ancient Roman Theatre Plovdiv“ ist das letzte Stück Musik, was das DEVIN TOWNSEND PROJECT (vorerst) veröffentlichen wird.

Anfang das Jahres verkündete Townsend „[to] take a break from this band and focus on a number of other projects„. Nach einem kurzen Moment des Sackenlassens mag man froh sein, dass uns der Kanadier also weiterhin in irgendeiner Form erhalten bleiben wird, etwas traurig darf man allerdings dennoch sein, schließlich gestaltete sich das DEVIN TOWNSEND PROJECT als hervorragender melting pot all der kreativen Ideen, die Townsend umhertreiben. Und nun, „Ocean Machine – Live At The Ancient Roman Theatre Plovdiv“ als finales i-Tüpfelchen des Schaffens?

Nur bedingt. Kein einziger Song von „Sky Blue“ sowie „Dark Matters“ oder „Epicloud„, „Addicted„, „Deconstruction“ und „Ki“ findet sich auf der ersten Hälfte des Live-Albums, dem by request-Teil. Lediglich vier Tracks vom letzten Studioalbum „Transcendence“ schafften es in die Setlist, die zum Großteil aus alten mehr-oder-weniger-Hits von The Devin Townsend Band besteht. Der Fakt, dass der Blick auf selten gespielten Tracks liegt, führt dazu, dass der Fan nun ein weiteres Live-Album im Schrank stehen hat, was immerhin gewisse Raritäten beherbergt. Allerdings gestalten diese Raritäten „Ocean Machine – Live At The Ancient Roman Theatre Plovdiv“ in den ersten 90 Minuten als zähen Brocken, der sich aus zwölf langen, vergleichsweise gering verspielten und nur bedingt mitreißenden Songs zusammensetzt; eben das typische Townsend-Material kurz vor der Jahrtausendwende bis 2007. Allenfalls „By Your Command“ und „Bad Devil“ bringen den Esprit ins bulgarische Plovdiv, für den das DEVIN TOWNSEND PROJECT die letzte Dekade stand.

Dass der sympathische Kanadier für den zweiten und eigentlichen Teil dieses Konzertabends, der kompletten Darbietung von „Ocean Machine“, aus dem Gespräch mit der Fans gerissen werden muss, ist typisch Townsend: Publikumsnah und voller Feuer für seine treuen Anhänger. Apropos Feuer: Dieses wird mit „Seventh Wave“, dem Opener von Townsends Debüt, nun auch endlich entfacht! Und das nicht ganz überraschend, schließlich ist das zwanzig Jahre alte Material noch immer ein benchmark für progressiven Metal. Ein „Night“ hat nichts an seiner Ziehkraft eingebüßt, geschweige denn ein „Regulator“. Und dass das nahezu alleine durch Townsends Stimme getragene „The Death Of Music“ noch immer Gänsehaut bereiten kann, zeigt sich auf „Ocean Machine – Live At The Ancient Roman Theatre Plovdiv“ eindrucksvoll!

Nach 160 Minuten endet das, was sich schwer bewerten lässt. Die Aufnahmen profitieren von der großartigen Kulisse und einem spielwütigen wie tief dankbaren Townsend, dessen Drummer ihm mitunter die Show stiehlt – mit seiner Leidenschaft für sein Spiel steht Van Poederooyen Townsend in Nichts nach. Seine Band ist in Höchstform, was sich von dem eingesetzten Orchester und Chor allerdings nur vermuten lässt, denn sie wurden schlichtweg zu leise abgenommen, um ihren Beitrag für „Ocean Machine – Live At The Ancient Roman Theatre Plovdiv“ vollends einschätzen zu können. Der by request-Teil punktet demnach weder mit der Setlist noch mit den zusätzlichen Gästen auf der Bühne. Tatsächlich ist es lediglich die Darbietung von „Ocean Machine“, die mit Überraschungsgast und damaligen Bassisten Harder sowohl personell als auch musikalisch überzeugen, berühren und faszinieren kann.

 

Between The Buried And Me – Automata II

Cleverer Marketing-Trick oder eine bewusste Entscheidung zum Wohle des Hörers: Wie auch immer man den Split eines Albums in zwei finden mag, BETWEEN THE BURIED AND ME haben mit diesem Vorgehen die beste Wahl getroffen, um ihr anspruchsvolles Material auf den Markt zu bringen.

Zuerst mag man denken, dass die Mühe, die zehn Songs auf zwei Platten aufzuteilen, nicht nötig gewesen wäre. Schließlich kommen die Tracks auf eine Spielzeit von 68 Minuten, nahezu zu gleichen Teilen auf „Automata I“ und nun „Automata II“ gepackt. Dennoch war dieser Schachzug wohl gewählt, denn untergebracht auf lediglich einem Album wirken diese 68 Minuten schnell wie ein wahnwitziger Ritt auf einem unberechenbaren Gaul, der einem jeden Moment aus dem Sattel werfen kann: Im einen Moment noch wohlich sanft trabend, im nächsten aufbrausend und unkontrolliert galoppierend.

Mit der Teilung des Materials bewirken BETWEEN THE BURIED AND ME hingegen eine intensive Auseinandersetzung mit ihren Songs – wohl der größte Dank, den ein Zuhörer einer Band zukommen lassen kann. Und eben jener Zuhörer darf sich vier Monate nach „Automata I“ vier neuen Songs stellen. Falls er noch den Vorgänger im Ohr hat, besticht „Automata II“ auf Anhieb mit einem (instrumental betrachtet) experimentelleren und weniger düsteren Charme als die Veröffentlichung vom März diesen Jahres.

Gestaltete sich ein „Condemned To The Gallows“ ebenso straight wie ein „Millions“ fragil, wirken die Tracks auf „Automata II“ durchweg aufbauend und erhellend, ihr Grundtenor ist einheitlich positiv und die starken Stimmungsschwankungen auf dem Vorgänger wurden nicht mit auf „Automata II“ übertragen. Vielleicht ist auch genau das der Grund, weswegen Songs wie „The Proverbial Bellow“ und „Voice Of Trespass“ zwar schnell zünden, aber BETWEEN THE BURIED AND ME ihnen nicht diese Eingängigkeit verleihen konnten wie es ihnen auf „Automata I“ gelang. Darin trafen Kontraste aufeinander, die auf „Automata II“ weniger brachial bis nur bedingt vorhanden sind. „The Grid“ lässt die „Automata“-Reihe so unspektakulär enden, dass man nicht glauben mag, dass zu dieser ein „House Organ“ und „Blot“ gehören.

Leicht betrübt möchte man diese Platte nun weglegen, auf der sich vier Tracks befinden, von denen einer ein Interlude ist und der letzte Song wohl der schwächste der Reihe. Mit nur zwei guten Songs ausgestattet, die allerdings auch nicht an die Hitqualitäten des Vorgängers herankommen, lässt sich „Automata II“ zwar noch immer als ein kleiner Ohrenschmaus für Prog-Fans bezeichnen; diese können ihn allerdings nur dann richtig genießen, wenn sie zuvor nicht in „Automata I“ hörten.

Ghostbound – All Is Phantom

Wenn Musikgruppen in ihrem Schaffen die verschiedensten Genres ineinander greifen lassen wollen, kann dabei entweder eine höchst spannende Neukreation oder ein heilloses Durcheinander herauskommen. GHOSTBOUND, die mit „All Is Phantom“ ihr erstes vollumfängliches Album herausgebracht haben, fallen jedoch weder in die eine noch in die andere Kategorie. Der Grund ist schnell erklärt: Von all den Stilrichtungen, die sich die Amerikaner großspurig an die Brust geheftet haben – unter anderem Black Metal, Post-Punk, 80er-Jahre-Rock und Ambient –, ist auf deren Debüt wenig bis gar nichts herauszuhören. Doch was steckt denn nun hinter dem Etikettenschwindel, den das Duo schon so früh in seiner Bandgeschichte betreibt?

Was GHOSTBOUND nicht spielen, ist zwar einfach festzustellen, korrekt kategorisieren lässt sich ihre Musik hingegen gar nicht so leicht. Die zahlreichen, auf Stimmungsmache getrimmten, cleanen Gitarrenspuren deuten auf Post-Rock hin, die zum Teil durchaus vertrackten Rhythmen und der theatralische Gesang eher in die progressive Richtung – und ganz vereinzelt gibt es dann doch den einen oder anderen Blast-Beat oder ein rau verzerrtes Riff als schwarzmetallenes Echo („Roof And Wall“). „All Is Phantom“ hält somit zwar nahezu nichts von dem, was es verspricht, doch damit muss nicht zwangsläufig eine Enttäuschung einhergehen.

Tatsächlich kann man GHOSTBOUND für ihren Stilmix durchaus Potential attestieren: „The Wildest Of Rivers“ erinnert mit seinem Akustik-Intro und seinen abgehackt-groovenden Gitarren sogar an Opeth in ihrer Hochphase und die gefühlvolle Geige, die in den meisten Tracks zumindest unterstützend zum Einsatz kommt („Earthen Ground“), vertieft deren emotionales Ausdrucksvermögen – obgleich die Streicher nicht allzu spannend arrangiert sind. Was „All Is Phantom“ letztlich ruiniert, ist jedoch nicht die irreführende Bewerbung, sondern Alec A. Heads völlig missratener Gesang.

Nicht nur gibt sich Head in seiner Performance massiv übertrieben pathetisch, er scheint auch nicht sonderlich viel Wert darauf zu legen, die korrekten Töne zu treffen. Hinsichtlich des Stimmenklangs bietet sich ein Vergleich mit Roy Khan an – mit dem entscheidenden Unterschied, dass ebenjener während seiner Zeit bei Kamelot nicht einfach wahllos an den Noten vorbeigesungen hat. Die Beliebigkeit und stellenweise Ungenauigkeit, die GHOSTBOUND in ihrer Instrumentalisierung vorzuwerfen sind, verstärken zusätzlich den Eindruck, dass die Amerikaner als Musiker noch viel Nachholbedarf haben.

„All Is Phantom“ hätte ein wirklich schönes, bewegendes Album werden können. Stattdessen haben sich GHOSTBOUND auf ihrer ersten Veröffentlichung derart viele Ausrutscher geleistet, dass man sich Song um Song zu der Frage veranlasst fühlt, wie das Duo – das in der Zwischenzeit zum Quartett angewachsen ist – bloß auf die unglückliche Idee gekommen ist, ein solches Machwerk herauszubringen. Dass sich GHOSTBOUND missverständlich vermarkten, wäre durchaus verzeihlich, die gesangs- und spieltechnischen Mängel lassen sich jedoch nicht so leicht beschönigen. Letztlich gibt es somit kaum Anreize, sich ihr Debüt zuzulegen.