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Cynic – Humanoid (Single)

Im Jahre 2015, ein Jahr nachdem CYNIC ihr Album „Kindly Bent To Free Us“ auf den Markt brachten, überraschte Mitbegründer Sean Reinert mit dem Statement, dass die Band aufgelöst sei. Noch viel mehr für Verwunderung sorgte das andere Gründungsmitglied, Paul Masvidal, indem er dies negierte und versicherte, dass CYNIC weitermachen werden.

Gesagt, getan. Drei Jahre nach dieser vermeintlichen Auflösung präsentieren die US-Amerikaner einen neuen Song und stellen damit ihren neuen Drummer Matt Lynch (Nova Collective, Trioscapes) vor. „Humanoid“ ist der Name dieses Lebenszeichens, welches Fans aktuell auf der Bandcamp-Seite der Band finden können.

Der vierminütige Track überrascht mit einer Tech-Death-ähnlichen Spielweise, die sofort Assoziationen mit Obscuras letzten Album „Akroasis“ (2016) weckt. Entgegen dem beinah schon auf Schmusekurs spielenden Masvidal auf „Kindly Bent To Free Us“, zockt der Gitarrist in „Humanoid“ erfrischend spielwütig und vor allem kantig. Seine warme, sanfte Singstimme, ein Aushängeschild der Band, legt sich dabei eher begleitend über die Instrumente; zuletzt schien diese die Instrumente in den Hintergrund zu rücken. Masvidal leitet im Mittelteil des Songs gesanglich eine Steigerung ein, begleitet von Streichern, die in einem finalen Zusammenspiel des durchweg groovenden, dominanten Basses und dem akzentuierten Spiel von Lynch münden.

CYNIC scheinen die Fehler von „Kindly Bent To Free Us“ ausgebessert zu haben: Wie von einer Verjüngungskur zurückkommend, legen die Amerikaner mit „Humanoid“ ziemlich gut vor, was hoffentlich bald auf Albumlänge in den Regalen zu finden sein wird!

Tesseract mit ersten Infos zum neuen Album und mit neuem Song

Das neue Studioalbum „Sonder“ von TESSERACT, wird am 20.04.2018 über Kscope veröffentlicht werden. Mit „Luminary“ gibt es auch schon einen ersten Song daraus zu hören.

Die Tracklist von „Sonder“ liest sich wie folgt:

1. King
2. Orbital
3. Juno
4. Beneath My Skin
5. Mirror Image
6. Smile
7. The Arrow

Orphaned Land: Neue Single mit Steve Hackett

„Chains Fall To Gravity“ heißt die neue Single von ORPHANED LAND. Kein geringerer als Steve Hackett steuert darauf ein Solo bei.

Sänger Kobi Farhi meint zu dem Song:

“Chains Fall to Gravity ist ein sehr wichtiger Song auf dem neuen Album und dem dazugehörigen Konzept. Er symbolisiert den Punkt, wo der Held sich befreit und den Weg aus der Höhle findet und zum ersten Mal alles hinterfragt, was er bisher für die Wahrheit gehalten hat. Ich erinnere mich, wie ich Steve Hackett von dem Lied und dem Konzept erzählte und er hat all diese Emotionen in ein Gitarrensolo gesteckt, was dadurch, meiner Meinung nach, zu einem der besten Gitarrensolo in einem Orphaned Land Lied geworden ist. Wir sind so glücklich und fühlen uns geehrt eine Rocklegende dabei haben zu können.”

„Chains Fall To Gravity“ ist ein weiterer Vorbote des am 26.01.2018 erscheinenden Albums „Unsung Prophets & Dead Messiahs.

Perfect Beings – Vier

PERFECT BEINGS sind eine der im Underground bekannteren Prog-Bands. Und Prog heißt in diesem Fall „Prog“, ohne „Metal“. Zumindest finden sich auf ihrem neuen Album „Vier“ wirklich kaum Elemente, die man guten Gewissens dem Metal zuordnen könnte.

Stattdessen gibt es auf dem Opus (wie es die Band selbst nennt) ruhige Musik zum Genießen. Das gesamte Album ist sphärisch und voller Leichtigkeit. Lockere Klänge von Holzblasinstrumenten oder Klavier sind oftmals dominanter als die Vocal-Parts. Ob dies ein Mangel ist, muss jeder selbst entscheiden, aber wer gerne intensiven, tiefe Emotionen transportierenden Gesang hört, wird hier wohl etwas zu kurz kommen. Auch kann Sänger Ryan Hurtgen stimmlich nicht mit den bekannten Genregrößen wie z. B. Einar Solberg mithalten, wenngleich auch Mr. Hurtgen oft und gerne sehr sanft und schmeichelnd in höheren Lagen singt und natürlich sein Handwerk bestens beherrscht. Wer jedoch beispielsweise durch Leprous überhaupt erst auf Prog-Musik aufmerksam geworden ist und nun Vergleichbares sucht, sollte sich eher an die Bands Agent Fresco oder Haken halten. PERFECT BEINGS beinhalten sehr viel mehr klassische Elemente als die zuvor genannten.

„Vier“ könnte man sogar gut und gerne als vornehmlich klassisches Album mit nur leichten Prog- und Avantgarde-Elementen bezeichnen. Die von der Band selbst kategorisierte Stilrichtung „Prog-Rock“ bedarf jedenfalls bei diesem Album der erneuten Prüfung. Häufig driften PERFECT BEINGS sogar in Richtung Smooth Jazz ab, was vor allem durch die genretypischen, zwanglosen, entspannten Saxophon-Klänge unterstrichen wird.

Warum ein deutschsprachiger Albumtitel gewählt wurde, bliebe wohl in einem Interview zu klären, da die Band doch eigentich aus Los Angeles stammt. Aber die Zahl erklärt sich durch die vier Zyklen, die das Album durchläuft. Diese nennen sich „Guedra“, „The Golden Arc“, „Vibrational“ und „Anunnaki“, die sich aber in 18 einzelne Tracks aufteilen. Am Ende summiert sich dies zur beachtlichen Spielzeit von einer Stunde und zwölf Minuten.

Erst im zweiten Viertel des Albums wird es mit dem Song „Turn The World Off“ minimal experimenteller. Man switcht in den Midtempo-Bereich und die Instrumentierung sowie die Melodielinien brechen hier und da mal etwas aus und reißen den Hörer aus der Trance, in die er zu Beginn von „Vier“ versetzt wurde. Auch überrascht man kurzzeitig mit sanftem, weiblichem Backup-Gesang.

Beim kurzen, aber intensiven Track „America“ gibt es überraschenderweise doch noch ein Element, was entfernt als metal-lastig bezeichnet werden könnte. Nämlich eine E-Gitarre, die die softe Ballade begleitet. Allerdings ist dies wohl eher als Eskapade anzusehen, um Abwechslung in die Klangwelten des Albums zu bringen. Die Melodie ist sehr episch und eingängig, und mit großer Wahrscheinlichkeit ist dies der einzige Track, den man der eher metal-liebenden Leserschaft als Anspieltipp ans Herz legen könnte.

Aber der Großteil des Albums bleibt gediegen, einfühlsam, locker und entspannt. PERFECT BEINGS laden mit „Vier“ auf eine atmosphärische Kurzreise durch angenehme, leichtverdauliche Klangwelten ein, die so manchen Klassik- und Smooth-Jazz-Fan begeistern könnten, weil ihnen hier in der Prog-Variante eine neue Interpretation und somit Abwechslung geboten wird.

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King Crimson – Thrak

1995 hatte Robert Fripp nach einer vorigen zehnjährigen Pause schließlich den Einfall, mit KING CRIMSON ins Rampenlicht zurückzukehren. Da Fripp aber Fripp ist und damit Einfälle immer in einer Weise hat, wie sie vielleicht nicht ganz einfach nachzuvollziehen sind, entschloss er sich, die Band in Form eines „Doppel-Trios“ zurückzubringen. Das Konzept: zwei Gitarristen, zwei Bassisten, zwei Schlagzeuger. Zusätzlich zur klassischen 80er Besetzung mit Tony Levin, Adrian Belew und Bill Bruford holte man also den Chapman-Stick-Spieler Trey Gunn sowie den Schlagzeuger Pat Mastelotto mit an Bord. Wer sich grob dessen bewusst ist, dass KING CRIMSON schon immer für technische Versiertheit bis zur Perfektion inklusive vertrackter Rhythmik stand, wird sich selbst ein Bild machen können, mit welchen Erwartungen man an ein Album herangehen sollte, an dem zwei Instrumentalisten mehr als zuvor beteiligt waren.

Nach einem kurzen Intro schlägt „VROOOM“ dann auch los, wie sich das für ein derartiges Experiment gehört, allerdings überraschend stilvoll: Tony Levin legt einen typischen, fetten Bassgroove vor (trotz seiner Einfachheit mit der beste, den er in seinem gesamten Wirken bei KING CRIMSON vom Stapel ließ), das Schlagzeug drischt klinisch-industriell stoisch voran, außenherum wirbelt die Percussion. Die Gitarren liefern schräge Riffs, die mit etwas gutem Willen als Rückbesinnung auf „Larks‘ Tongues In Aspic“-Zeiten interpretiert werden könnten – wäre da nicht das moderne, leicht technoide Soundumfeld, welches doch wieder eine ganz andere Atmosphäre erzeugt als das 70er Album.

Es ist anzunehmen, dass Gunn sich mit dem Stick in der Gitarrenfraktion bewegt, wirklich hören kann es man bei dem kaum durchschaubaren Chaos aus dieser Richtung, welches auch noch meist vom Bass niedergebügelt wird, aber nicht. Als Abwechslung zu dieser interessanten, aber anstrengenden Gangart gibt es klare, ruhige Gitarrenparts, in welchen sich Fripp und Belew gegenseitig Töne zuwerfen, was durch seine Unvorhersehbarkeit immer Spannung erzeugt. Unter anderem diese Prozedur sollte auch für die folgenden Alben „The ConstruKction of Light“ und „The Power To Believe“ charakteristisch bleiben.

Weniger charakteristisch dafür dagegen sind die 80er Relikte, die sich in Form von „People“, „One Time“ oder „Dinosaur“ (zumindest teils) auf der Platte befinden: Gerade „People“ kommt mit funkigem Charakter äußerst dynamisch daher, hat eine Basslinie zum Niederknien dabei und außerdem Belew-Gesang, der immer noch Pop-taugliche Melodien intoniert. Bei diesen Gelegenheiten beweisen KING CRIMSON auch, dass sie trotz aller Rhythmus-Experimente und trotz aller abgefahrenen Sachen, die auf ihren Alben so zu finden sind, doch immer hauptsächlich Songs schreiben (bzw. improvisieren): Wenn ein Instrument mal einen Run hat oder wenn mal eine Gesangsmelodie im Raum steht, dann wird das nicht mit belgeitendem Saiten-Gewichse niedergeballert, sondern äußerst songdienlich unterstützt. So hat die nicht-instrumentale Seite dieses Albums auch durchaus Ohrwurm-Charakter vorzuweisen.

Bestimmend ist also mal wieder der Kontrast zwischen zwei Hauptausrichtungen: Der melodischen, poppigen („Walking On Air“) und der instrumentalen, heftigen, bösartigen („THRAK“!). Zweitere macht allerdings nicht weniger Spaß als erstere, da KING CRIMSON hier ohne jegliche instrumentale Selbstbefriedigung oder auch nur den Einsatz plumper Stilmittel so heftig und unverhohlen drauflosdreschen, dass es eine wahre Freude ist, da braucht man sich vor keiner Extreme-Metal-Band verstecken. Zwischen beiden Extremen gibt es diesmal aber auch eine Menge Mitteldinger, so geht es zum Beispiel in „Dinosaur“ trotz vorhandener Melodien auch mal gut ab, „Sex Sleep Eat Drink Dream“ ist rhythmisch so zerrissen, sodass dessen melodische Eingängigkeit wieder revidiert wird. Interessant sind hier auch die äußerst finsteren, verzweifelten Zwischenspiele „Inner Garden“ und „Radio“.

„Thrak“ steht als Übergang zwischen den alten neuen und den neuen KING CRIMSON (Bruford und Levin sollten an „The ConstruKction Of Light“ nicht mehr beteiligt sein). Ähnlich muss man sich auch den Sound vorstellen: Die Leichtigkeit der Gitarren, Levins pulsierender Bass und das organische Spiel Brufords aus den 80ern, die verschlungenen Stick-Linien Gunns und das technoide, lärmende Spiel Mastelottos aus der folgenden Ära. Auf „Thrak“ gibt es eine Menge zu entdecken, die Melodien gehen ins Ohr, die Riffs knallen und außenherum gibt es immer noch irgendwo eine Gitarren-Linie oder eine Percussion-Orgie der man bisher noch nicht aufmerksam gelauscht hat. „Thrak“ ist lebendig und abwechslungsreich, und wer mit ausufernden Soundscapes auf „Three Of A Perfect Pair“ ebenso wenig anfangen kann wie mit dem emsigen und doch irgendwie toten „The ConstruKction Of Light“, könnte mit diesem Album glücklich werden. Für die KING-CRIMSON-Besetzung ab Belew auf jeden Fall das am leichtesten konsumierbare Album, und das trotz der sechs Instrumentalisten – der Spagat aus Technik / Experiment und Songwriting ist hier (aus heutiger Sicht) am einhörfreundlichsten ausgefallen. Ein Album, das trotz dem großen Experimentierwillen auch eine innere Geschlossenheit und Makellosigkeit aufweist, die eine entsprechend hohe Bewertung mehr als verdient machen.

Van der Graaf Generator – H To He, Who Am The Only One

„H To He, Who Am The Only One“ dürfte viele Fans nach dem unbesorgten, nur wenig labilen, aber deshalb auch nicht direkt großartigen „The Least We Can Do Is Wave To Each Other“ regelrecht umgehauen haben – die einen im positiven, die anderen im negativen Sinne. Innerhalb eines einzigen Jahres lernten VAN DER GRAAF GENERATOR, wie man konsistente, fokussierte Alben schreibt, auf denen keine Note am falschen Platz zu sein schien. Diese erfreuliche Erkenntnis nutzte man, um auch umgehend eine Platte aufzunehmen, auf der man dies überaus deutlich hört.

Klar definierte Songstrukturen, innerhalb derer dennoch viel Raum für Improvisation zu sein schien, zwei oder drei clever verwendete Hooklines pro Lied – aus viel mehr bestehen viele Songs auf diesem Album nicht. Und dennoch klingt alles aufgrund des unverkennbaren Sounds von VAN DER GRAAF GENERATOR einzigartig: das symbiotische Zusammenspiel von Klavier und Schlagzeug, das dem Saxophon genug Raum für spontane Fills auf der einen, vor allem aber für getragene Melodien auf der anderen Seite lässt. Melodien, über welchen Peter Hammill sich nun gesanglich voll entfalten und zeigen kann, wie leblos viele Genre-Kollegen am Mikrofon eigentlich klingen – der Mann sucht nach wie vor seinesgleichen, wenn es darum geht, Emotion und Energie zu kanalisieren. Dabei werden alle Facetten von weinerlichem Flüstern bis zu entrüstetem Gebrüll in einer Weise abgedeckt, dass man öfter vermuten muss, das Wort „Hymne“ sei nur für Hammill selbst erfunden worden. Ob nun das entfesselte, manische „Killer“, das lyrisch-verträumte „The Emperor In His War Room“ oder das epische „Pioneers Over C“, in allen Metiers brilliert der Mastermind. Effektvoll sind dabei besonders die Momente, in dnen er sich mit drei oder vier Spuren selbst begleitet.
Zusammen schaffen es VAN DER GRAAF GENERATOR, den Hörer mit auf einen tiefgründigen Trip durch die Psyche zu nehmen. Dabei klingt die Truppe glaubwürdiger als manche Metal-Band, die es sich auf die Banner geschrieben hat, verzweifelt und sehnsüchtig zu klingen – bei VAN DER GRAAF GENERATOR ist jedes Gefühl so natürlich verpackt, dass weder ein wiederholtes „I Love You“ in „Lost“ noch herausgeschrienes „We Need Love!“ in „Killer“ in irgendeiner Weise peinlich oder unpassend wirken. Zu sehr fesselt das Soundgewand, zu gebannt lauscht man den sich gegenseitig übertrumpfenden Höhepunkten.

VAN DER GRAAF GENERATOR klingen auf „H To He…“ verstörend, skurril und samtweich zugleich, ohne dabei an Eingängigkeit einzubüßen oder jemals den Faden zu verlieren. Die (nicht nur) für Metal-Hörer reichlich ungewohnte Zusammenstellung aus Instrumenten mag anfangs gewöhnungsbedürftig sein. Doch die Einsicht, dass diese exotische Kombination eben auch dazu verwendet wird, einen einzigartigen Sound zu schaffen und nie gehörte Melodien zu kreieren, kommt bald. Wenige Bands warten auch nur entfernt mit ähnlicher Intensität auf, und offenbar hat sich auch noch niemand für fähig befunden, auf diesen musikalischen Erfolgszug aufzuspringen – Nachahmer sind zumindest mir keine bekannt. VAN DER GRAAF hatten mit diesem Album endgültig ihren ureigenen Sound gefunden, der im Folgenden zwar bisweilen leicht in seiner Fahrtrichtung korrigiert wurde, dabei aber immer unverkennbar blieb.

Anspieltipp: „Pioneers Over C“ – ein elfminütiges Epos, das quasi alles kann.

Fleshkiller – Awaken

Wen das Comeback von Extol vor vier Jahren vor allem deswegen erfreute, weil dadurch endlich wieder der warme Klargesang von Ole Børud auf der Bildfläche erschien, den wird dessen Extol-unabhängiges Musizieren mit seinem neuen Projekt FLESHKILLER hochgradig erfreuen. Denn Børuds Gesang ist das erste – und vielleicht auch letzte – markante Merkmal, was im Ohr bleibt, sobald FLESHKILLERs Debüt „Awaken“ einmal durch den Player gelaufen ist.

Betitelt als Supergroup, verbirgt sich hinter dem Quartett der Zusammenschluss von Børud, seinem Landsmann und Shining-Bassisten Vistnes, dem The-Burial-Sänger Mullins sowie dem eher unbekannten Sjøen. Was nicht so recht nach Supergroup im Borknagar– oder Lindemann-Sinne klingt, entpuppt sich auch musikalisch eher als Ernüchterung anstatt als „one of the most anticipated extreme metal albums of 2017„, wie das Plattenlabel von FLESHKILLER zu berichten weiß. Denn obgleich sich das norwegische Qualitätslabel Indie Recordings solche Ankündigungen meistens mit bestem Gewissen erlauben darf, passt diese bei „Awaken“ nun wirklich nicht. Dabei scheitern FLESHKILLER nicht etwa daran, keine schlechte Musik zu produzieren, sondern an den Erwartungen, die durch das Management und die Presse in die Höhe getrieben wurden. Würde dieses Album als das behandelt werden, was es darstellt, nämlich das Debüt einer neuen Band, hätte „Awaken“ wenigstens die Möglichkeit, sich zu beweisen. So müssen sich FLESHKILLER ihre Vorschuss-Lorbeeren verdient machen, was sie mit diesem dafür viel zu magerem Material nicht schaffen.

Sprudelt der Opener „Parallel Kingdom“ noch so aus sich heraus und mag das Intro von „Wisdom“ anfänglich darauf hinweisen, dass sich FLESHKILLER tatsächlich dem Extreme Metal verschrieben haben, so muss man dem Quartett nur etwas Zeit lassen, um zu zeigen, dass ihr Debüt „nur“ eine zu Anfang spannende Verschmelzung von Prog-Riffs, einem Death-Metal-Sänger (Mullins) sowie dem Charakteristikum von Extol (Børud) darstellt. Eine Verschmelzung, der es an wirklich bemerkenswerten Riffs, catchy Leads, einem abwechslungsreichen Drumming und per se an Alleinstellungsmerkmalen fehlt. Vistnes geht zu sehr unter, Mullins keift für gewöhnlich, Børud trällert ab und an dazwischen und ihr gemeinsames Gitarrenspiel ist eher zweckmäßig begleitend anstatt interessant.

Als ein Debüt ist „Awaken“ natürlich nicht der große Wurf, der allerdings auch selten bei einem Erstling zu beobachten ist. Zu unausgegoren, mit zu wenig Kanten, kaum mit  kreativer Überzeugungskraft versehen und in einem schnell langweilenden Songaufbau gepresst, wirken die Songs nicht in dem Moment, in dem sie laufen, und hallen auch nicht danach im Ohr nach. Wesentlich enttäuschender als dieses mittelprächtige Erscheinen in der Musiklandschaft ist allerdings das freche Promoten dieser Musik; weder Fisch noch Fleisch, weder Prog Metal noch Extreme, sondern sich stattdessen bedienend aus beiden, spielen FLESHKILLER eine Mischung, bei der es an zu vielen Stellen hapert, um es ernsthaft als „one of the most anticipated […] albums“ bewerben zu dürfen.

Jethro Tull – The Jethro Tull Christmas Album

„The Jethro Tull Christmas Album“ nimmt in der Diskografie von Ian Anderson und seiner legendären Band JETHRO TULL in zweierlei Hinsicht eine Sonderstellung ein: Es ist das 21. und bisher letzte Studioalbum der Gruppe, außerdem beinhaltet es neue Songs, Neuaufnahmen eigenen Materials und Arrangements traditionellen christlichen Liedguts. Insgesamt gibt es zehn Eigenkompositionen und sechs überarbeitete Versionen, u.a. von Bach oder Fauré, zu hören. Diese Zusammenstellung plus Andersons Einstellung zur vertonten Musik lassen ein rockiges Weihnachtsalbum entstehen, das erstaunlich locker daher- und ohne viel Kitsch auskommt.

In einem Interview erläuterte Ian Anderson damals dazu: „Weder bin ich überzeugter Christ noch denke ich, dass unser ‚Christmas Album‘ etwas mit dem Müll zu tun hat, den irgendwelche halbseidenen Künstler sonst so am Ende des Jahres unter die Leute zu streuen versuchen. Nein, was wir damit erreichen wollen: Eine Platte aufzunehmen, die die sehr spezielle, besinnliche Stimmung, die zumindest in unseren Breitengraden um die Weihnachtszeit herrscht, einzufangen. Weihnachten lebt sehr viel von Ritualen, was ich dieser Saison hoch anrechne. Und in konfusen Zeiten wie den unseren brauchen wir mehr denn je Rituale, Symbolik, eine eigene Identität. Unter diesem Aspekt ist die CD entstanden.“

Bereits mit dem Opener „Birthday Card At Christmas“ zeigen JETHRO TULL das berühmte Querflötenspiel sehr ausgiebig in einem dreieinhalbminütigen Art-Rock-Stück, das Weihnachten in einem ganz eigenen Licht präsentiert. Auch im weiteren Verlauf ist die Flöte von Mastermind Ian Anderson allgegenwärtig, umgeht aber gekonnt die Möglichkeit ins Nervige abzudriften. Neben von Melancholie getragenen Songs bestehen aber auch beschwingte Titel wie das überarbeitete Instrumental-Medley „Holly Herald“ oder das jazzige „God Rest Ye Merry Gentlemen“ ohne Probleme. Zweifelsohne besteht das Highlight des Longplayers aus dem Doppel „A Christmas Song“ und „Another Christmas Song“, die beide ihren Charme auf verschiedene Weise versprühen. Vor allem der zweitgenannte Titel gehört mit zum Besten, das rockige Weihnachtsmusik bis heute hervorgebracht hat. Weiter erwähnenswert sind „Greensleeved“, basierend auf der englischen Volkslied-Melodie „Greensleeves“, das auf Bach zurückzuführende und in seiner musikalischen Gestaltung erheblich geänderte „Bourée“ und das von Gitarrist Martin Barre stammende abschließende Instrumentalstück „A Winter Snowscape“. Besonders hieran ist, dass Barre bis dahin selten als Komponist genannt wurde.

Ganz ohne Kitsch kommt das Weihnachtsfest sicherlich nicht aus. Ian Anderson und seine Band JETHRO TULL schaffen es aber diesen Faktor relativ geringfügig zu halten und präsentieren das christliche Fest in unaufgeregter, auch nachdenklicher und hochkarätiger Weise. Auch die Zusammenstellung aus instrumentalen Titeln und Songs mit Gesang stellt sich als sehr gelungen heraus. „The Jethro Tull Christmas Album“ könnte unter dem Aspekt seiner Entstehung sicherlich zu einem musikalischen Ritual in der Weihnachtszeit werden, das auch weniger Rockmusik-affine Zuhörer eher selten verschrecken sollte. Qualitativ ist es allemal, wie die Briten Progressive, Art und Hard Rock mit Elementen der Klassik  in diesen knapp 60 Minuten verbinden.