Archives

Rendezvous Point – Universal Chaos

Nachdem die norwegischen Prog-Metaller von RENDEZVOUS POINT bereits 2015 mit ihrem Debüt-Album „Solar Storm“ einen Achtungserfolg unter den Prog-Fans verzeichnen konnten, legen die jungen Musiker um Leprous-Schlagzeuger Baard Kolstad und Ihsahn-Live-Keyboarder Nicolay Svennaes nun mit „Universal Chaos“ nach. Und offensichtlich haben sie alles richtig gemacht.

Im Vergleich zum Vorgängeralbum fällt sofort auf, dass RENDEZVOUS POINT eine beachtliche Entwicklung durchgemacht haben und sich in jedem Punkt verbessert haben. Die Songs auf „Universal Chaos“ sind auffallend besser und strukturierter komponiert. Man kann den zum Teil wirklich schönen Melodielinien besser folgen und sich ungeniert treiben lassen. Passagen, die nur als Lückenfüller dienen, gibt es kaum noch. Das gesamte Album „Universal Chaos“ ist besser abgemischt und von der Klangqualität her weitaus wertiger als beim Vorgänger. Der Name RENDEZVOUS POINT scheint für den Versuch von stetiger Entwicklung zu stehen. Zusätzlich kommen die einzelnen Instrumente besser zur Geltung. Das eine oder andere Bass-Riff kommt kernig daher, die Gitarren klingen verdammt rockig, und die Schlagzeugarbeit ist mitreißend und virtuos.

Des Weiteren hat sich der Gesang von Geirmund Hansen auffallend verbessert. Es gibt hier längere Segmente, in denen seine Stimme gut und volltönend zum Tragen kommt. Gleich der erste Song des Albums, „Apollo“, ist eines jener Stücke, in denen er in gefühlvollen Passagen zeigen kann, wie unglaublich seine Stimme klingen kann, wenn sie melodietragend und voll zum Einsatz kommt. Dies wiederholt sich im Laufe des 44-minütigen Albums des Öfteren, aber immer passend zur Rolle der anderen Instrumente und in gelungener Abwechslung mit rockigen Abschnitten.

Bei der lyrischen Arbeit von RENDEZVOUS POINT ist im Vergleich zum Debüt-Album ebenfalls eine gute Entwicklung in die richtige Richtung festzustellen. Zwar sind die Textzeilen und Reime immer noch recht einfach gehalten, aber zumindest gibt es einige Zweideutigkeiten, die Spielraum für eigene Interpretationen lassen. Trotzdem hat es natürlich auch einen gewissen Charme, wenn RENDEZVOUS POINT einfach geradeheraus texten und singen, was ihnen am Herzen liegt. Neben einigem Herzschmerz wagen sie sich auch an Gesellschaftsthemen. So geht es zum Beispiel in „Digital Waste“ um die Auswüchse des Internets beziehungsweise der Social-Media-Plattformen. Ganz klar wird festgestellt, dass manch einer anderer Leute Leben ruiniert, weil er zuviel Langeweile oder Hass spürt, die er dann im Netz loswird. Aber auch die Selbstinszenierung der Nutzer und die Gier auf Likes/Klicks wird thematisiert.

Das einzige, was zu bemängeln bleibt, wenngleich als Kritik auf hohem Niveau, ist, dass Sänger Geirmund sein Potential noch nicht voll ausschöpft. Er hat eine wunderbare, reine Stimme, die auch im hohem Bereich noch glasklar und angenehm klingt. Trotz allem singt er lange Töne einfach gerade heraus, ohne diese in sich zu variieren und ohne den Versuch, dem Ton noch mehr Individualität zu geben. Wenn es seine Gesangslehrer schaffen würden, auch hier noch eine Verbesserung und eine Entwicklung zur Detailliebe bis zum nächsten Album herauszukitzeln, könnten wir uns beim nächsten Longplayer auf ein brilliantes Meisterwerk des Prog freuen.

Geschrieben am

Wage War kündigen neues Album an

Die amerikanische Metalcore-Kombo WAGE WAR wird am 30.08.2019 ihr drittes Studioalbum veröffentlichen. Das neue Werk wird den Namen „Pressure“ tragen und via Fearless Records veröffentlicht. Neben dem bereits bekannten „Low“ wurde nun auch ein weiterer Track namens „Who I Am“ veröffentlicht. Die Tracklist sieht folgendermaßen aus:

1. Who I Am
2. Prison
3. Grave
4. Ghost
5. Me Against Myself
6. Hurt
7. Low
8. The Line
9. Fury
10. Forget My Name
11. Take The Fight
12. Will We Ever Learn

O.R.k. – Ramagehead

Mag schon sein, dass O.R.K. primär das Brainchild des italienischen Sängers und Soundtrack-Komponisten Lorenzo Esposito Fornasari ist, aber von der Besetzung springen einem erst einmal zwei andere Namen ins Auge: zum einen Colin Edwin, seines Zeichens Bassist der Prog-Legende Porcupine Tree, zum anderen Pat Mastelotto, Schlagzeuger der noch legendäreren Genremitbegründer King Crimson. Eine Rhythmusgruppe, die sich wahrlich sehen (und hören) lassen kann – die Marschrichtung scheint somit quasi schon vorgegeben: „Ramagehead“, der inzwischen dritte Longplayer von O.R.K., möchte ohne Frage Liebhaber progressiverer Gefilde umschmeicheln. Mit Erfolg?

Nach dem ersten Durchlauf steht fest: „Ramagehead“ hat einiges zu bieten, was dem geneigten Progressive-Fan gefallen dürfte: neun Songs mit schönen Melodien, spannenden Arrangements, technisch anspruchsvolle und mit viel Liebe zum Detail umgesetzte knapp 40 Minuten Musik. O.R.K.s Kompositionen sind ausgesprochen abwechslungsreich und dass Gitarrist Carmelo Pipitone ein Meister seines Fachs ist und von klassischer Akustikgitarre bis hin zu noisigem Effektchaos eine große Bandbreite an Stilen zu bieten hat, macht „Ramagehead“ noch kurzweiliger.

Apropos „noisiges Effektchaos“: Zu den Highlights auf „Ramagehead“ gehören ohne Frage der groovige Rocker „Signals Erased“ mit seinem kreischenden, effektbeladenen Gitarrenriff, aber auch die Ballade „Black Booms“, in der sich Fornasari das Mikrofon mit System-Of-A-Down-Frontmann Serj Tankian teilt. Resultat dieser Kooperation ist ein tolles Gesangsduett, bei dem der O.R.K.-Sänger nicht ins Hintertreffen gerät: Seine Stimme ist beeindruckend dynamisch und klingt zu jederzeit souverän und sicher – sogar in den expressiven, fast schon True-Metal-artigen höheren Lagen, die er ebenso beherrscht wie ruhige, introvertiertere Strophen, die in manchen Momenten sogar etwas von Muse haben.

Zuerst genannte Passagen sind aber eher die Ausnahme, denn von „Signal Erased“ mal abgesehen gehen O.R.K. auf Albumlänge eher entspannter zu Werke und bieten hervorragend produzierten Progressive Rock, der strukturell auch an besagte Kollegen von Porcupine Tree oder auch The Pineapple Thief erinnert: „Beyond Sight“ oder das zweigeteilte „Some Other Rainbow“ zeugen in jeder Minute von der Spielfreude des Quartetts. Die von Fornasari eingespielten Synthesizer sind ein cooles zusätzliches Gimmick und sorgen für mehr Farbe und Atmosphäre in O.R.K.s grooviger Soundlandschaft.

„Ramagehead“ ist das erste Album der Band, welches auf KScope erschienen ist – und das vor allem für seine Progressive-Releases bekannte Label scheint das perfekte Zuhause für eine Band wie O.R.K. zu sein, immerhin stehen hier auch Künstler wie Steven Wilson, The Pineapple Thief oder Amplifier unter Vertrag. Das Artwork stammt übrigens vom Tool-Gitarristen Adam Jones, so schließt sich gewissermaßen der progressive Kreis. Dass O.R.K.s Kompositionen tendenziell kompakter als die von z.B. Wilson sind, tut der Sache keinen Abbruch. Ist doch auch mal schön, dass gute Ideen nicht unnötig breitgetreten werden –  es muss ja nicht gleich jede Prog-Nummer die Zehn-Minuten-Marke sprengen. So ist „Ramagehead“ rundum gelungen, Filler gibt’s keine auf die Ohren, seelenloses Gefrickel ebenfalls nicht. Weniger ist manchmal mehr.

Dancing Sun – Firefable

DANCING SUN ist das Soloprojekt von Bert Dittrich (ex-Mortal Coil) aus Graz, der nun mit „Firefable“ sein Debütalbum vorlegt. Ein schlichtes Cover ziert den Longplayer, das in Zusammenarbeit mit Marcelino Sus entstanden ist. Acht Songs in rund 40 Minuten umfasst das Release, welches Dittrich (mit Ausnahme von „Laszlo Podenco’s Dreams“) auch selbst gemixt hat. Das Mastering übernahm Tony Lindgren. Vornehmlich bewegen sich die Songs des Österreichers im Progressive Metal, weisen aber ebenso Einflüsse aus dem Doom Metal und dezente Death-Metal-Ausflüge vor.

Mit einer kurzen Akustikgitarren-Sequenz wird der Opener „Healing Hands“ eingeleitet, bevor sich die E-Gitarre und Schlagzeug ins Geschehen einschalten. Das Riff ist markant, der Gesang rau und kratzig. Dennoch ist der Start des Longplayers noch recht verhalten, der Metal-Anteil relativ gering. Erst gegen Ende nimmt der Titel ein wenig Fahrt auf. Im weiteren Verlauf spielt DANCING SUN seine Stärken aus, die in der Vermischung aus klassischem Doom Metal und progressiven Anteilen entstehen.

Vor allem in Sachen Gitarrenmelodien hat Dittrich ein glückliches Händchen und schüttelt einige markante Momente aus dem Ärmel. Dazu gesellen sich diverse Einwürfe, die die einzelnen Titel trotz ähnlichem Aufbau nicht langweilig werden lassen. So gibt es bspw. die Hammond-Orgel („Laszlo Podenco’s Dreams“) oder aufkeimende Lounge-Momente („Birds Of Fire“) zu hören. Mit jedem Song möchte DANCING SUN eine Geschichte erzählen, die sich zu einem großen Ganzen verbinden und von einer epischen Grundatmosphäre getragen werden. Nur beim abschließenden „Lotte’s Song“ fragt man sich nach dem Sinn, wurde es von einem kleinen Mädchen eingesungen, welches von schrägen Gitarrenklängen begleitet wird.

Bei der Produktion und Abmischung wurde ordentlich gearbeitet, wenn natürlich kleinere Mankos eines in Eigenregie entstandenen Debüts nicht komplett ausbleiben. Die Instrumente sind alle deutlich voneinander zu unterscheiden, lediglich der Gesang könnte etwas mehr Druck vertragen. Hier sind die Fähigkeiten von Bert Dittrich allerdings grundsätzlich begrenzt, die Herangehensweise variiert nur minimal. Ebenfalls ist es dem Hörgenuss zuträglich, dass ein reales Schlagzeug und kein Drum-Computer zum Einsatz kommt.

Mit „Firefable“ hat das Ein-Mann-Projekt DANCING SUN ein erzählerisches Werk geschaffen, das sich nicht in progressiven Spielereien verliert. Mit schleppendem Grundtenor und einiger Epik ausgestattet wissen die Titel zu gefallen und schaffen es sich als geschlossene Einheit zu präsentieren. Wenn man von den Mängeln in Sachen Gesang und kleineren Unfeinheiten im Mix/Mastering absieht, dann ist es ein interessantes Debüt geworden, dem Freunde der Mischung aus Progressive und Doom einige spannende Momente abgewinnen können.

Per Wiberg – Head Without Eyes

PER WIBERG dürfte den meisten als Keyboarder der Progressive-Band Opeth sowie der Stoner-Truppe Spiritual Beggars ein Begriff sein, ist aber auch auf unzähligen weiteren Metalplatten von Arch Enemy bis Candlemass zu hören – und das seit über 20 Jahren. Umso erstaunlicher, dass die erste Soloplatte des umtriebigen Schweden so lange hat auf sich warten lassen. Hat „Head Without Eyes“ mehr zu bieten als hoffentlich überdurchschnittliche Instrumentalarbeit?

Streckenweise ja – auch wenn es hier und da vielleicht ein kleines bisschen an Eigentständigkeit fehlt. PER WIBERG arbeitet sich eigentlich auf „Head Without Eyes“ durch 50 Jahre Rockgeschichte, was durchaus Spaß macht und aufgrund der Abwechslung auch gut funktioniert. Vom Schlagzeug und einigen Gesangspassagen mal abgesehen hat Wiberg alle Instrumente selbst eingespielt: Und der Multiinstrumentalist beweist eindrucksvoll, dass er nicht nur an Tasteninstrumenten technisch überzeugen kann, sondern auch mit Vier- und Sechssaiter umzugehen weiß. Spielerische Skills sind schon mal nicht das Problem, aber wie schaut es mit dem Gesang aus?

PER WIBERG ist technisch ohne Frage ein guter Sänger, allerdings fehlt es seiner Stimme ein wenig an Charakter und Unverwechselbarkeit – so fühlt man sich auf „Head Without Eyes“ häufig an Nick Holmes um die Jahrtausendwende erinnert, der Gesamteindruck in Verbindung mit der Musik lässt auch Vergleiche mit Anathema, Steven Wilson, The Pineapple Thief und anderen Kscope-Acts zu. Das ist sicher nicht verkehrt, aber auch nix richtig Besonderes – obwohl es eine Menge schöner Melodien auf Wibergs Solodebüt zu hören gibt, bleibt der Ohrwurmcharakter ein klein wenig auf der Strecke. Wenn Sängerin Billie Lindahl unterstützend eingreift, wird daraus allerdings ein Schuh: „Anywhere The Blood Flows“, der mit über elf Minuten längste Song des Albums, ist eine extrem coole und catchy Space-Rock-Nummer inklusive psychedelischen Orgelklängen und auch der atmosphärische Albumcloser „Fader“ hat etwas wunderbar soundtrackartiges.

„Head Without Eyes“ ist definitiv kein schlechtes Album, denn der zu Anfang angesprochene Facettenreichtum macht den Unterschied: „Get Your Boots On“ rockt ziemlich und geht tempomäßig schön vorwärts, „Pass On The Fear“ ist sehr düster geraten und erinnert harmonisch im besten Sinne an Steven Wilsons Solodebüt „Insurgentes“, ohne dabei abgekupfert zu wirken. Und da PER WIBERGs Werksschau nur sechs Songs (was aber aufgrund von zwei Zehnminütern trotzdem zu einer Spielzeit von knapp 45 Minuten führt) und dabei keine wirklichen Filler beinhaltet, kann man das Experiment „Selbstverwirklichung“ unterm Strich als geglückt bezeichnen. „Head Without Eyes“ ist kurzweilig und abwechslungsreich, progressiv, aber überfordert nicht und kann somit jedem Freund von in diesem Review genannten Musikern und Bands problemlos ans Herz gelegt werden – zumindest solange man als geneigter Zuhörer nicht die ultimativ-einzigartige Gesangsstimme erwartet.

Ethernity – The Human Race Extinction

So schnell kann es manchmal (leider) gehen: Um die Jahresmitte herum haben die belgischen Progressive-Power-Metaller ETHERNITY ihr viertes Album „The Human Race Extinction“ angekündigt. Nur wenige Monate später musste die Gruppe ihre Fans vom Weggang der Sängerin Julie Colin unterrichten. Dies erweitert das Album natürlich um eine emotionale Komponente als letztes gemeinsames Werk mit der Vokalistin, die der Band 13 Jahre lang ihre Stimme geliehen hat.

Mit 14 Nummern auf satte 70 Minuten verteilt ist „The Human Race Extinction“ quantitativ betrachtet ein Mammutwerk. In dieser Zeit liefern ETHERNITY aber auch ordentlich ab, ohne je wirklich in die Belanglosigkeit abzudriften, wie es bei so viel Songmaterial zu befürchten wäre. Die Nummern sind ansprechend komponiert und erhalten durch diverse, teils futuristisch anmutende Keyboard-Spielereien einen Klang, der gut mit dem Artwork harmoniert. Gitarren-Enthusiasten müssen sich hierbei aber keine Sorgen machen, denn obwohl dem Tasteninstrument in der Tat viel Raum zur Entfaltung geben wird, begehen ETHERNITY nicht den leider häufig anzutreffenden Fehler, die Saitenfraktion zu einer reinen Begleiterscheinung zu degradieren. Die Songs stützen sich deutlich auf Riffs, welche zum Teil auch angenehm brachial daherkommen. Die Vocals von Julie Colin setzen dem Ganzen schließlich die Krone auf, welche gekonnt vorgetragen sind und zwischen sanft-melodischen und raueren, nahezu schon Heavy-Metal-mäßigen Lagen wechseln – stets passend zur musikalischen Untermalung.

Dass sich bei einer derart ambitionierten Platte nicht jeder Song besonders hervortun kann, versteht sich von selbst. So kommt es, dass „The Human Race Extinction“ beim ersten Hören einen durch und durch positiven Eindruck hinterlässt, sich auf lange Sicht aber nur vereinzelte Nummern durch speziellen Wiedererkennungswert im Gedächtnis verankern. Dies betrifft unter anderem „Grey Skies“, welches einige der stärksten Riffs des Albums bietet, oder das epische „Rise Of Droids“ mit tatkräftigem Chor-Einsatz. Ein großer Teil des Materials fällt jedoch eher in die Kategorie „gut hörbar, aber nicht herausragend“. Das nimmt den besonders gelungenen Songs jedoch nichts von deren Wiedererkennungswert und da es trotz allem keine misslungenen Nummern auf die Platte geschafft haben, ist sie dennoch angenehm als Gesamtwerk zu hören – wenn man die nötige Zeit und Muße mitbringen kann.

Unter dem Strich ist das vierte Album der Belgier ETHERNITY definitiv ein starkes und obwohl ihm die Rolle des letzten Werkes mit Sängerin Julie Colin wohl eher unfreiwillig zukommt, kann getrost festgehalten werden, dass sie den Fans der Band mit „The Human Race Extinction“ ein durch und durch würdiges Andenken hinterlässt.

Antimatter – Black Market Enlightenment

Die (laut eigener Aussage) „traurigste Band der Welt“ hat wieder zugeschlagen: ANTIMATTER veröffentlichen mit „Black Market Enlightenment“ ihr erstes Album seit 2015 und man darf gespannt sein, welche Facette ihres bisherigen Schaffens diesmal in den Fokus gerückt wird. Immerhin sind die Frühwerke der 1998 gegründeten Band eher im Trip Hop anzusiedeln, während der Rockanteil erst auf den späteren Alben der Band an Bedeutung zunahm.

Der Opener „The Third Arm“, gleichzeitig die erste Videoauskopplung, gibt die Marschrichtung vor: Multiinstrumentalist Mick Moss sorgt mit seinem melodischen, phasenweise durch Effekte stark entfremdeten Gesang und einem klassischen Moog-Synthesizer für eine melancholische Atmosphäre, bis im zweiten Songdrittel die tatsächlich überraschend fetten Gitarren einsetzen. Diese bleiben auf Albumlänge keine Ausnahme: „Black Market Enlightenment“ ist trotz vieler ruhiger Passagen definitiv ein Rockalbum, das in manchen Momenten auch vor metallischen Akzenten nicht zurückschreckt – man beachte das Palm-Mute-Finale in „Sanctification“ oder das Double-Bass-Gewitter in den letzten Takten von „Partners In Crime“.

Vom Schlagzeug einmal abgesehen (hierfür zeigt sich Fab Regmann verantwortlich) hat Moss die Hauptinstrumente Gitarre, Bass und Keyboard/Synthesizer selbst eingespielt – und das auf höchstem Niveau. Unterstützt wird er dabei von diversen Gastmusikern, die von Flöte (wunderbar eingesetzt in „Wish I Was Here“) und Streichern über Saxophon („Sanctification“) bis hin zu weiblichen Gesang (unter anderem auch von der 2016 verstorbenen südafrikanischen Sängerin Aleah Starbridge im Song „Existential“) eine ganze Menge großartiger musikalischer Details und Feinheiten beisteuern, die das aktuelle ANTIMATTER-Album zu einem wahren Ohrenschmaus machen. Produktionstechnisch gibt es dementsprechend auch nichts zu beanstanden, es tönt jederzeit rund, differenziert und ausgewogen aus den Lautsprechern.

Musikalisch ist ANTIMATTER die Gratwanderung zwischen atmosphärischem und härterem Rock mit (Alternative-)Metaleinschlag („Between The Atoms“ kickt schon ziemlich Arsch), elektronischen Passagen (schön auch die ersten Minuten des Albumclosers „Liquid Light“) und progressiv anmutenden Soundlandschaften, welche sowohl Fans der ersten Stunde als auch der letzten Alben zufrieden stellen dürften, definitiv gelungen.

So markiert „Black Market Enlightenment“ nicht nur das 20-jährige Bestehen des musikalischen Schaffens von Mick Moss unter dem Namen ANTIMATTER, sondern ist auch ein echtes Highlight in der Diskografie der Band. Melancholisch-melodisch, ohne im Kitsch zu versinken, musikalisch und technisch anspruchsvoll, ohne in allzu progressives Gefrickel auszuarten, dabei erstaunlich abwechslungsreich und doch in sich geschlossen und homogen. Eine großartige Platte, an der für Freunde jüngerer Opeth-Alben, Porcupine Tree– oder auch Anathema-Fans kein Weg vorbeiführen dürfte.

Periphery – Hail Stan

Mag sein, dass Tesseract und PERIPHERY dem gleichen Genre angehören. Mag sein, dass die Charakteristik der Songs ähnliche Elemente wie ausdrucksstarke Stimme und melodische Refrains beinhaltet. Dennoch liefern die Amerikaner mit ihrem aktuellen Album „Hail Stan“ eine nahezu völlig andere Interpretation von Djent ab als es die Briten auf „Sonder“ im letzten Jahr taten. Und PERIPHERY die Jahre zuvor selbst.

Die Gründe hierfür sind mannigfaltig und der Auffälligste zeigt sich bereits beim Opener, dem 17-minütigen Giganten „Reptile“: PERIPHERY klingen so hart wie nie zuvor! Sotelos sonst so warmer, mitunter etwas zu anbietender Gesang weicht rauen und ungewohnt harschen Growls, die stellenweise stark mit Deathcore liebäugeln. Dass das überstarke „Blood Eagle“ von der gleichen Band stammt, was auch die „Juggernaut„-Alben auf den Markt brachte, scheint beinah unmöglich.

Mit „CHVRCH BVRNER“, einer im Namen offensichtlichen Black-Metal-Persiflage, riffen sich PERIPHERY nicht durch dessen Trademarks, sondern bauen mit einem Elektronik-Outro auf den Überraschungseffekt – schade nur, dass der vermeintliche Humor hinter diesem Songtitel ebenso flach bis gar nicht daherkommt wie der Albumtitel selbst.

Wer den Humor der Amerikaner nicht mag, wird mit „Hail Stan“ aber an beinah neun Stellen, nämlich mit fast jedem Song, gebührlich entschädigt. Denn PERIPHERY legen mit ihrem vierten Album den innovativsten Brocken ihrer Karriere vor: kantig, schwer und zugleich ohne Umschweife ins Ohr gehend. Haben sich Sotelo und Co. zuvor gerne in ihren Songs verloren, liefern sie auf „Hail Stan“ in sich schlüssige Tracks, deren Grad an Abwechslung – obwohl wir es mit einem Prog-Album zu tun haben – dennoch überrascht.

Mit Loops, Breakdowns, Choreinsatz und symphonischen Einschüben verpacken PERIPHERY ihren Djent-/ Prog-Hybriden, der die Aura eines Pitbulls hat – bissig, aggressiv, nach der Fütterung aber doch handzahm und kuschelbedürftig. Der Bruch mit dem bisherigen Label Sumerian Records scheint enorme positive Kräfte zum Vorschein gebracht zu haben.

Während die ersten drei Tracks reine Nackenbrecher sind, steigen PERIPHERY mit „Garden In The Bones“ in smoothen Djent ein, auf den der hochgradig poppige Song „Its Only Smiles“ folgt, der stellenweise an A Thorn For Every Heart erinnert. Noch gegensätzlich wird es allerdings mit „Follow Your Ghost“, einem Lied, auf das Oli Sykes (Bring Me The Horizon) wohl voller Neid blicken dürfte.

So wie die Amerikaner „Hail Stan“ eröffnet haben, schließen sie auch das vierte Kapitel ihrer Diskografie, nämlich mit einem überlangen Song. Während „Reptile“ allerdings auf ganzen 17 Minuten unterhält, versucht „Satellites“ mit einem Motivbruch in der Hälfte des Songs einen Kontrast zu erzeugen, der eher holprig wirkt anstatt er den Klimax unterstützt, den PERIPHERY sicherlich erschaffen wollten.

Dass der letzte Track zugleich der schwächste ist, mag verzeihlich sein, schließlich haben die Amerikaner auf „Hail Stan“ nicht nur sehr viel Mut gezeigt, sondern auch, dass sie beim Schreiben ihrer Songs noch eine überbreite Schippe drauf legen können. Dieses Wagnis hätte gehörig schief gehen können, ist aber bei acht von neun Songs gelungen – Respekt!

PERIPHERY anno 2019 setzen somit Maßstäbe, wie man sie einem Devin Townsend oder Between The Buried And Me jederzeit zutraut, den Köpfen um Sotelo allerdings – zu Unrecht – bisher nicht. Mögen PERIPHERY auch (noch) nicht an die kompositorischen Finessen der genannten Musiker heranreichen, wodurch „Hail Stan“ eher wie eine Best-Of von Hits anstatt wie ein homogenes Album klingt, so sind die Ideen darauf und besonders deren Umsetzung zu großen Teilen sehr stark.