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Opeth – Garden Of The Titans: Live At Red Rocks Amphitheatre

„Garden Of The Titans“ mag ein etwas hochgegriffener Titel für das Live-Album einer Band sein. Allerdings sind die Interpreten, OPETH, nicht irgendeine Band, sondern eine Institution innerhalb der progressiven Musik, die sich mit Recht als „Titans“ betitelt lassen darf.

Und eben jene Institution, zwölft Studioalben und vier Livealben schwer, macht auf ihrem neusten Output „Garden Of The Titans: Live At Red Rocks Amphitheatre“ genau das, was OPETH meisterhaft beherrschen: ein Konzert geben und das Ergebnis auf einen Silberling pressen lassen.

Damit findet nun die fünfte live aufgenommene Platte den Weg ins heimische Wohnzimmer, die alte und neue Fans der Schweden gleichermaßen versöhnlich stimmen wird. Neben den neueren Songs von „Sorceress“ (2016) sowie „Heritage“ (2011) ist die Setlist von „Garden Of The Titans: Live At Red Rocks Amphitheatre“ auch mit älteren Hits gespickt: „Ghost Of Perdition“ („Ghost Reveries„), „Demons Of The Fall“ („My Arms, Your Hearse„) und „Deliverance“ mit dem legendären Drum-Outro als Abschlusssong – OPETH müssen noch nicht einmal eine Note gespielt haben, um den geneigten Fan ins Schwitzen zu bringen, das Lesen der Setlist reicht hierfür völlig aus.

Wie auch auf den vorherigen Live-Alben genügt es den Schweden dabei nicht, nur auf das auditive Erlebnis zu setzen, sodass „Garden Of The Titans: Live At Red Rocks Amphitheatre“ auch als visuelles Medium via DVD sowie Blu Ray bewundert werden kann. „Bewundert“ ist dabei ein wohlbedacht gewähltes Wort, denn OPETH spielen sich durch die zehn Tracks in einer solchen Genauigkeit und Wucht, dass sowohl das Gefühlvolle bei „In My Time Of Need“ („Damnation“) ebenso einnehmend ist wie die Kraft eines „Heir Apparent“ („Watershed„). Verwunderlich mag das nicht, wenn man auch die vier vorherigen Live-Veröffentlichungen im heimischen Regal stehen hat. Dennoch ist es erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit und Bravour OPETH live agieren – und das seit „Lamentations“ von 2003.

Ein runderes Bild würde die Review ergeben, wenn wir genau eben jenes, nämlich das Bild, auch zur Rezension vorliegen gehabt hätten. Glaubt man allerdings den bereits veröffentlichten Clips zu „Ghost of Perdition“ und „Sorceress“ verlassen sich OPETH nicht nur auf die Wirkung der fesselnden Songs, sondern untermauern dies mit vielen, dem Tempo der Passagen entsprechenden Bildwechseln. Das Konzept, dass die Musiker vor einer gespannten Leinwand performen, erinnert dabei stark an „In Live Concert At The Royal Albert Hall“ – inklusive den allseits bekannten und amüsanten Kommentaren von Åkerfeldt.

Man mag sich fragen, wie viele Live-Alben von OPETH in einen gut geführten Prog-Haushalt gehören, immerhin bringen die Schweden beständig neue auf den Markt. Durch den Verbund von alten Klassikern mit dem neuen Material ist wohl mittlerweile besonderes letzteres der wahre Kaufanreiz, denn ein Song wie „Ghost of Perdition“ ist beispielsweise auf drei Live-Mitschnitten vertreten. Auch mag die Bühnenshow mit den Projektionen auf der Leinwand nicht das künstlerisch bombastischste Mittel sein. Dennoch: OPETH bieten anspruchsvolle Prog-Unterhaltung, der man erstaunlicherweise auch nicht mit der fünften Veröffentlichung überdrüssig wird.

Plini – Sunhead (EP)

Instrumentalliebhaber aus dem Bereich des modernen Prog, vereinigt euch! Denn der aufsteigende Stern der Szene, PLINI, bringt mit der EP „Sunhead“ einen weiteren Beweis dafür vor, dass instrumentaler Prog entspannend sein kann. Denn wessen Haare bei Polyphia aufgrund der schier unbändigen Verquickungen zu Berge stehen, bekommt auf „Sunhead“ diese Verquickungen in wohl dosierter Form.

Plini Roessler-Holgate, das musikalische Mastermind hinter dem Projekt, kollaborierte bereits mit namenhaften Vertretern der Prog Metal/ Djent-Szene wie Skyharbor, Intervals sowie Novelist und holte sich im Gegenzug deren Unterstützung für das Einspielen von „Sunhead“. Denn obwohl Roessler-Holgate die vier darauf befindlichen Tracks eigenständig komponierte, sind es beispielsweise Simon Grove (Intervals) und Devesh Dayal (Skyharbor), die mit den Basslinien beziehungsweise dem Hintergrundgesang aushalfen.

Im Ergebnis legt das Einmann-Projekt PLINI ein 20-minütiges Minialbum vor, geboren im Prog Metal, aufgezogen vom Jazz Fusion, befreundet mit Djent. Diese Einflüsse in unterschiedlich stark ausgeprägten Nuancen lassen „Sunhead“ zu einem relaxten Stück Musik avancieren, welches mehr mit sanftem Spiel als mit brachialen Ausbrüchen zu begeistern weiß. Die Verwendung von Piano und Saxophon unterstreicht den Chil-Out-Charakter von „Sunhead“, einer EP, die Prog in einem ungewohnt ausgeglichenen Licht erscheinen lässt.

Während Between The Buried And Me recht verdreht bis anfänglich schwer zugänglich musizieren und Tesseract mit ihrem haarscharf abgenommenen Sound klinisch produziert wirken, stellt PLINI das Gegenstück zu beiden dar: kaum kompliziert, viel Liebe zum Detail, weiche Klangfarbe sowie ein sanftes Ineinanderübergehen sämtlicher Klänge zu einer Wall Of Sound. Umso spannender, dass PLINI den Support für die anstehende Tour mit Tesseract und Between The Buried And Me darstellt!

The Contortionist – Claivoyant

Nach drei Studioalben wagen THE CONTORTIONIST mit ihrer neuen Platte „Claivoyant“ etwas, was viele Bands scheuen: eine gewisse Abwendung von dem, was die Alben zuvor charakteristisch auszeichnete. Waren auf den Vorgängern von „Claivoyant“ noch deutlich die harschen Vocals zu hören und galten sie doch als recht heavy, weist das vierte Album der Prog-Metaller diese Merkmale nicht mehr auf. Anstatt geschrien, wird gesungen (dauerhaft) und anstatt harte Tracks zu präsentieren, bleiben THE CONTORTIONIST vergleichsweise sanft (dauerhaft). Außerdem scheinen die US-Amerikaner mittlerweile eine größere Vorliebe für eine Melodik im Post-Rock-Stil gefunden zu haben als am Djent.

Kurzum: autsch. Eine solche Abkehr von den vorherigen typischen Merkmalen kann gewaltig schief gehen, denn a) muss die Band eine solche Abwendung handwerklich gut hinbekommen und b) müssen sie auf aufgeschlossene Fans hoffen, die nach dem instrumentalen Intro „Monochrome (Passive)“ noch nicht enttäuscht die CD stoppen. Gewiss werden sie das aber nicht tun, da THE CONTORTIONIST a) gelingt.

Es folgen acht weitere Songs, die sich dank einer hohen Eingängigkeit in die Gehörgänge fressen. Zuträglich hierfür sind außerdem die wenig komplexen, sondern klaren Strukturen, die nicht mit komplizierten Wendungen auf sich aufmerksam machen, sondern mit Atmosphäre. Und genau diese ist Fluch und Segen zugleich auf „Claivoyant“.

Natürlich lassen sich die neun Tracks gut in Dauerrotation laufen, schließlich packt ihre verspielte sanftmütige Art mit dem zarten Säuseln von Sänger Michael Lessard jeden Hörer in eine butterweiche Wolke des Wohlfühlseins. Rein gar nichts kann man an Tracks wie das großartig einfühlsame „Reimagined“ oder das smoothe „Relapse“ aussetzen, außer, dass sie zu schnell enden. Der Sound klingt dabei durchweg sehr organisch, dicht und druckvoll, komplett aus einem Fluss. THE CONTORTIONIST scheinen eher einen 54 Minuten langen Song auf die Scheibe gepresst zu haben anstatt neun Songs, so homogen schmiegen sich die Tracks in ihren Übergängen ineinander an.

Diese durchweg gehaltene Atmosphäre offenbart aber auch, dass die Amerikaner offene Brüche und damit auch gewisse Kontraste nur minimal, beispielsweise in „Return To Earth“, einsetzen. Das ist insofern schade, weil sich THE CONTORTIONIST somit der Möglichkeit berauben, mehr von sich zu zeigen. Besonders Prog-Fans, die dem Trendauswuchs Djent offen gegenüberstehen, werden auf weiten Teilen von „Claivoyant“ etwas enttäuscht werden; zu ähnliche Motive, zu wenig Überraschungen. Versteht man allerdings, dass THE CONTORTIONIST genau das bezwecken wollten, kann ihre aktuelle Platte an sehr vielen Stellen einnehmend und verzaubernd sein.

Die Amerikaner machen somit wenig falsch, weil sie sich allerdings auch wenig trauen. Geht man ohne diesen Anspruch an „Claivoyant“ heran und verzeiht den jungen Herren die stellenweise zu lang ausgestalteten Motive, können THE CONTORTIONIST dennoch lange im Ohr bleiben.

Haken – Vector

Gleich zur Einleitung sei folgendes gesagt: Bei HAKEN mit vergleichenden Wertungsstandards wie besser oder schlechter agieren zu wollen, ist fehl am Platz. Zum einen, weil die Briten wohl kaum etwas Schlechtes komponieren können, zum anderen, weil HAKEN nicht etwas auf den Markt bringen, was wie die vorherige Veröffentlichung klingt. Auch wenn es äußerst wünschenswert wäre, werden die Herren um Sänger Ross Jennings instrumental betrachtet kein „The Mountain 2.0″ (2011) schreiben noch werden sie die Geschichte von „Aquarius“ (2010) auf einem kommenden Album weiterschreiben.

Mit einem solchen Blickwinkel ist auch „Vector“, die neue und fünfte Platte des Sextetts, zu betrachten. Denn wer dessen Vorgänger, das stark verspielte „Affinity“ (2016), noch immer im Kopf hat und mit dessen Melodien im Ohr in „Vector“ startet, wird das Album nach dem ersten Durchgang etwas ungläubig zur Seite legen. Sehr rifforientierte Songs, die für HAKEN-Verhältnisse mehr nach Prog-Metal als nach Prog-Rock klingen, warten auf der Scheibe. Ein Song wie „Nil By Mouth“ wäre auf einem „The Mountain“ ebenso undenkbar gewesen wie der Track „Puzzle Box“ auf „Affinity“. Gemeinsam mit fünf weiteren Songs kreieren HAKEN auf „Vector“ wieder einmal etwas Neues; mit Blick auf die Spielzeit von 45 Minuten allerdings auch die bis dato kürzeste Scheibe der Briten.

Neben dem vergleichsweise härten Spiel stellt auch das lyrische Konzept der Platte eine Überraschung dar, auf die bereits der Rorschach-Test auf dem Albumcover hinweist: Psychoanalyse. Gitarrist Charles Griffiths äußert sich diesbezüglich wie folgt: „Es geht um einen Arzt mit einem faszinierenden, vielleicht unheimlichen Interesse an einem bestimmten Patienten. Von dort aus tritt die Geschichte in den Blickwinkel des Patienten – der katatonisch zu sein scheint, aber sein Verstand funkelt mit Erinnerungen oder Wahnvorstellungen, die durch die Behandlung, die er erhält, hervorgerufen werden.“ Dass „Vector“ deutlich metallischere Geschütze auffährt als auf ihren vorherigen Alben erscheint bei einem solch beklemmenden Szenario nur folgerichtig.

Der anfänglich harte Schnitt zwischen dem fröhlichen, zum Mitsingen geeigneten Ohrwurm „The Good Doctor“ sowie dem eher dunkleren Rest des Albums erklärt sich dank Griffiths‘ Aussagen zum Inhalt von „Vector“. Eine solche Erläuterung wären allerdings auch für das überlange „Veil“ oder das mäßig unterhaltsame „Host“ angebracht. HAKEN bewiesen bereits zuvor, dass sie eine verlässliche Bank für long tracks darstellen, aber dieses Vertrauen bröckelt dank „Veil“; einem Song, dessen Spannungsbogen sowie Überraschungsmoment nach fünf Minuten gelöst ist. Dennoch folgen weitere sieben Minuten, welche die Briten besser in einen anderen Song hätten investieren können.

Eine ähnliche Enttäuschung aus einem anderen Grund stellt „Host“ dar, der sanfteste Song von „Vector“. Das Grundgerüst für ein Gänsehautlied der Extraklasse erspielen sich HAKEN innerhalb der ersten zwei Minuten, danach folgt allerdings ein mehrfacher Wechsel zwischen ruhigen und dynamischen Passagen, welche die beabsichtigte Epik am Ende des Tracks ihrer Wirkung beraubt.

Den restlichen Songs, vom würdigen „Affinity“-Ableger „The Good Doctor“ über das kantige „Puzzle Box“, hin zum packenden instrumentalen „Nil By Mouth“ sowie dem letzten Lied, dem eingängigen „A Cell Divides“ wohnt – wenn auch anders als erwartet – genau das inne, worauf sich HAKENs guter Ruf gründet: auf Einfallsreichtum und Spannung. Das düstere Thema überführen die Briten eindrucksvoll auf die musikalische Ebene, sodass Text und Musik stimmig ineinander übergehen. Auch wenn das Hörerlebnis nur vergleichsweise kurze 45 Minuten währt, wovon zehn Minuten auch noch gewissen Längen zum Opfern fallen, wächst „Vector“ mit jedem weiteren Durchlauf zu einem guten Album heran.

Wenngleich „Vector“ mitnichten das stärkste Album der Briten ist, stellt aber selbst diese schwächere HAKEN-Platte noch immer große und vor allem empfehlenswerte Kunst dar. Ihren Stand als Ausnahmeerscheinung im Prog-Bereich unterstreichen HAKEN mit „Vector“ zwar auf eine so ungewohnt kraftvolle Art, dass ein „Atlas Stone“ wie nicht von ihnen geschrieben wirkt, aber diese Art steht ihnen größtenteils auch gut zu Gesicht.

Noekk – Carol Stones And Elder Rock (EP)

Nachdem sich die Bewunderer des Schaffens von Markus Stock alias Ulf Theodor Schwadorf alias F. F. Yuggoth einige Jahre lang in Geduld üben mussten, revanchiert sich der vielbeschäftigte Tausendsassa dieser Tage gleich in mehrfacher Hinsicht für deren Treue. Nicht nur, dass man auf der anstehenden „Heralds-Of-The-Fall“-Tour sowohl Empyrium als auch Sun Of The Sleepless bestaunen dürfen wird, auch NOEKK lassen 2018 nach zehn Jahren endlich wieder von sich hören. Erstmals seit „The Minstrel’s Curse“ bringen Stock und sein langjähriger Weggefährte Thomas Helm (bzw. Funghus Baldachin) eine neue gemeinsame Prog-Rock-Platte heraus: die 7‘‘-EP „Carol Stones And Elder Rock“, die den Fans einen Vorgeschmack auf das für 2019 angekündigte Full-Length-Album geben soll.

Sowohl bezüglich des Umfangs als auch der Musik selbst geben sich NOEKK auf ihrer Comeback-Veröffentlichung genügsam. Im Gegensatz zu den ausladenden Stücken des Vorgängers sind die vier Lieder auf „Carol Stones And Elder Rock“ kurz und knapp gehalten, sodass man sich wohl oder übel mit gerade mal 13 Minuten an neuem Material zufriedengeben muss.

Aus kompositorischer Sicht ist das Minialbum insofern als zurückhaltend zu bezeichnen, als die Tracks weder verzerrte Gitarren noch spielerisch komplexe Arrangements beinhalten. Stattdessen setzt das Duo hier bewusst auf eine luftig-leichte Instrumentalisierung, bestehend aus klassisch inspiriertem, nachdenklichem Klavier („A Loss“), trockenen, verspielten Akustikgitarren („Pan“) und kauzigen Retro-Prog-Keyboards („Archaic Tune“). Gerade letztere sind ein erfreulicher Garant dafür, dass NOEKK bei ihrer betont akustischen Herangehensweise nicht als müder Abklatsch von Empyrium dastehen.

Davon abgesehen sind ein paar stilistische Parallelen zu Alben wie „Weiland“ zwar nicht von der Hand zu weisen, die vorherrschende Grundstimmung ist jedoch eine andere. Der verträumt-wehmütigen Atmosphäre von „Where At Night The Wood Grouse Plays“ stehen hier eher geheimnisumwitterte Klänge gegenüber. Seine Vorliebe für naturmystische Lautmalerei hat Schwadorf selbstredend auch diesmal nicht abgelegt. Die tadellose, ungekünstelte Produktion und Helms erhabener Gesang tun dann noch ihr Übriges, um die vier Songs zu einem vollkommen stimmigen Ganzen zu formen und NOEKK damit eine Rückkehr ohne die geringsten Abnutzungserscheinungen zu ermöglichen.

Wer dem Release des kommenden Albums von NOEKK noch nicht mit Spannung entgegengeblickt hat, der wird es nach dem Hören von „Carol Stones And Elder Rock“ gewiss tun. Die neuen Stücke tragen die unverkennbare Handschrift ihrer beiden Schöpfer, offenbaren aber gerade durch den Verzicht auf E-Gitarren die eine oder andere neue Facette. Zwar bleibt zu hoffen, dass die vier Songs exklusiv auf dem Kurzalbum verbleiben werden, doch rein qualitativ hätte es das Material zweifelsfrei verdient, auch auf einer Full-Length-Platte unterzukommen. Die Anschaffung lohnt sich somit nicht nur für Sammler und Komplettisten. Fans von NOEKK und Empyrium sowie Folk und Prog-Rock im Allgemeinen können hiermit nichts falsch machen.

Riverside – Wasteland

„Wasteland“ ist RIVERSIDEs erstes Album nach dem tragischen Tod von Gitarrist Piotr Grudziński, der mit seinem singenden Spiel ihren Sound entscheidend geprägt hat. Zweieinhalb Jahre nahmen sich Piotrs Bandkollegen Zeit, um zu trauern, Kraft zu sammeln und eine Vision für ihre Zukunft zu entwickeln.

Während RIVERSIDE live jetzt von Gastgitarrist Maciej Meller (ex-Quidam) begleitet werden, bleiben sie im Studio ein Trio. Die Rhythmus- und Leadgitarren übernimmt Sänger und Bassist Mariusz Duda – unterstützt von Maciej Meller und Mateusz Owczarek, die einige Soli beisteuern. Auch die Texte und fast die gesamte Musik stammen von Mariusz Duda.

„Wasteland“ ist düster. Klanggewordene Schwere, in der all die Trauer und Verzweiflung der letzten Jahre steckt. Der Funke Hoffnung, der „Love, Fear And The Time Machine“ so hell zum Strahlen brachte, ist fort. Im Keim erstickt. „The Day After“ eröffnet das Album ganz ruhig: Nur Mariusz‘ wunderbare Stimme – allein, klagend, verloren im Hall. Wunderschön und tieftraurig zugleich. „What if it‘s not, if it‘s not meant to be…“

Aber die Platte klingt auch direkter, roher und aggressiver als ihr Vorgänger. Auffällig ist, dass Mariusz stellenweise tiefer singt als je zuvor. Zudem strahlt die Musik in einigen Momenten eine Atmosphäre aus, die an Soundtracks zu Western-Filmen erinnert. All jene, die sich fragen, ob die verbliebenen Mitglieder ohne Piotr überhaupt den typischen RIVERSIDE-Sound kreieren können, dürfen aufatmen. Ja, seine emotionalen Soli fehlen und hinterlassen eine Lücke. Diese wird aber von Mariusz und den beiden Gastgitarristen mit viel Feingefühl gefüllt; auch 2018 ist die Musik sofort als RIVERSIDE zu erkennen.

Mehr noch: Die neuen Songs erinnern stark an die Anfangstage, an eine gradlinigere Version von „Out Of Myself“ und „Second Life Syndrome“. Mit dem letztgenannten teilt sich „Wasteland“ dann auch den konzeptionellen Aufbau. Auch 2005 eröffneten RIVERSIDE ihr Album mit einem Acapella-Song, „After“, und schlossen mit „Before“. Die neue Scheibe beginnt mit „The Day After“ und endet mit „The Night Before“. Beide CDs enthalten neun Tracks und ein Instrumentalstück.

Highlights gibt es viele: Etwa „Guardian Angel“, „River Down Below“ und „The Night Before“ – gleich drei wundervolle Balladen, die Erinnerungen an Tränenzieher wie „Conceiving You“ oder „I Believe“ wecken. Wer es härter und direkter mag, höre „Acid Rain“ oder „Vale Of Tears“. Und mit dem Titeltrack haben RIVERSIDE einen zukünftigen Bandklassiker geschrieben.

Irgendwie haben sie’s geschafft: Mariusz Duda, Michał Łapaj und Piotr Kozieradzki kanalisieren auf „Wasteland“ ihre Trauer und Verzweiflung in neun starken Tracks, die allen Fans von „Second Life Syndrome“ sehr gefallen werden – und beweisen, dass sie stark genug sind, um auch nach Piotrs Tod weiterzumachen. Das ist Musik, die unter die Haut geht.

Soen – Lykaia Revisited

Ursprünglich Anfang 2017 veröffentlicht, erblickt das dritte Album von SOEN nun unter dem Titel „Lykaia Revisited“ erneut das Licht der Welt. Neben einem neuen Mastering wurde auch das Artwork der Platte überarbeitet. Zudem bietet die neue Version der Scheibe dem Hörer zwei Livetracks, die auf der Tour zum Album mitgeschnitten wurden.

SOEN selbst hatten schon vom Beginn ihrer Karriere an einige Aufmerksamkeit sicher, denn die Band zählt niemand Geringeren als Martin Lopez zu ihren Mitgliedern. Dieser dürfte aufgrund seiner früheren Tätigkeiten bei Opeth und Amon Amarth kaum jemandem in der Metalwelt unbekannt sein. Die Beachtung wurde durch ein großartiges Debüt gerechtfertigt, ehe die Truppe danach etwas aus dem Scheinwerferlicht verschwand und auch „Lykaia“ zunächst nur bedingt Beachtung fand. Dieser Umstand soll nun korrigiert werden.

Das ist auch gut so, denn mit ihrem dritten Album ist SOEN erneut ein wundervolles Werk progressiver Metalmusik gelungen. Die Songs sind mal träumerisch-verspielt („Lucidity“) und laden den Hörer dazu ein, sich in den mäandrierenden Melodien zu verlieren und die Wärme der Tracks über einen hinwegschwappen zu lassen („Orision“). An anderer Stelle wiederum werden die Zügel fester angezogen und harte Riffs regieren („Sectarian“), was der Truppe ebenso gut zu Gesicht steht und problemlos von der Hand geht.

Dabei stört es zu keinem Zeitpunkt, wenn das Pendel innerhalb der Songs zwischen den genannten Polen hin und herschwingt, denn die Verbindung von Härte, Melodie und komplexem – aber immer nachvollziehbarem – Songwriting gelingt SOEN auf „Lykaia Revisited“ scheinbar mühelos, wie „Opal“ exemplarisch unter Beweis stellt.

Fragt sich eigentlich nur noch, welchen Vorteil die Neuerungen dem Album bringen. Da wären zum einen die beiden Livetracks „Sectarian“ und „Lucidity“, welche in Lissabon bzw. Rom aufgenommen wurden. Diese verdeutlichen, dass die Band ihre Songs auch live toll zur Geltung bringen kann und machen in der Tat Lust auf den Besuch eines der Konzerte von SOEN.

Wichtiger jedoch ist das neue Mastering, welches „Lykaia Revisited“ verpasst wurde. Denn der Sound der Platte ist schlicht gigantisch. Warm und organisch klingend, sind die Songs trotzdem mit einer Menge Druck ausgestattet, der jedoch die Feinheiten der Kompositionen nicht überschattet. Zudem sind die einzelnen Instrumente wunderbar differenziert zu hören, was vor allem dem Bass zugutekommt. Denn Stefan Stenberg brennt auf „Lykaia Revisited“ ein wahres Feuerwerk ab – allein für die Bassspuren lohnt es sich, diese Scheibe zu hören.

So steht im Ergebnis ein unheimlich starkes Album, dem ein grandioser Sound verpasst wurde – besser kann man eine Wiederveröffentlichung nicht rechtfertigen. Allen Fans von progressiver Musik, die sich nie in sich selbst verliert, sei „Lykaia Revisited“ dringlichst ans Herz gelegt und auch wer mit Prog eigentlich nichts anfangen kann, sollte mal ein Ohr riskieren. Denn SOEN haben das Potential, einen für diese Musik zu begeistern und das Ohr für dieses Genre zu öffnen.

Spock’s Beard – Noise Floor

Modern, frisch und untypisch sieht‘s aus, das Cover von „Noise Floor“ – und wirft damit die Frage auf, ob SPOCK‘S BEARD auf ihrem 13. Album genauso innovativ klingen, wie sie verpackt sind. Erst recht nach dem zerfahrenen, leblosen Vorgänger „The Oblivion Particle“.

Die wichtigste Info vorab: Sechs der acht Songs auf der Haupt-CD sind von Bandmitgliedern geschrieben worden oder unter ihrer Mitwirkung entstanden. Ein deutliches besseres Verhältnis als beim letzten Album, bei dem zwei Drittel von Ghostwritern stammten. Es ist also wieder eine „echte“ SPOCK‘S BEARD-Platte.

Das erwähne ich, weil man es hört: Nein, „Noise Floor“ klingt nicht so ungewöhnlich wie das Cover aussieht. Die Scheibe klingt wie SPOCK‘S BEARD – allerdings wie eine sehr AOR-verliebte, schnell ins Ohr gehende Version davon. Vor drei Jahren bestand jedes Lied aus vielen zusammenhanglosen Einzelteilen, um ach so progressiv zu sein. Jetzt konzentrieren sich die Jungs auf wenige ausgewählte Zutaten. Sie fassen sich kurz und gehen gradliniger zu Werke, ohne den Prog gänzlich über Bord zu werfen. Der Einfluss von Ted Leonard ist spür- und hörbar. Und so geht der Longtrack-Fetischist dieses Mal leer aus. Das Ergebnis: Es gibt wieder richtige Songs mit Wiedererkennungswert und Melodien, die ins Ohr gehen.

Aus dieser Grundhaltung heraus ist eine nette, wenn auch nicht weltbewegende Scheibe entstanden. Die Zeiten, in denen „die Bärte“ euphorisierten und begeisterten sind lang vorbei. Aushängeschild und Impulsgeber der Prog-Szene sind längst andere Bands. Dennoch: Es gibt sie noch, die Tracks, die die alte Magie aufblitzen lassen. Das Mini-Opus „One So Wise“ ist so einer. Oder der epische Abschluss „Beginnings“. Auch die Halb-Ballade „Somebody‘s Home“ ist nah dran.

Der Rest ist solide und gern gehört, ein wenig unspektakulär. Kurz vorm Ende lassen die handzahm gewordenen Progger dann aber doch nochmal die Sau raus: „Box Of Spiders“ ist ein wildes Instrumental aus der Feder von Ryo Okumoto. Hier proggen SPOCK‘S BEARD ohne Rücksicht auf Verluste (und Songwriting!) drauf los. Das macht Spaß und ist ein toller Kontrapunkt zum etwas konservativen Rest.

Die Songs auf der Bonus-EP wurden bewusst abgetrennt. Stilistisch und qualitativ passen sie aber gut zum Haupt-Album und sind eine schöne Ergänzung. Vermutlich ging es eher darum, die Spielzeit auf der ersten CD kurz zu halten. Mit „Vault“ ist auch hier eine sehr schöne Nummer dabei.

Übrigens: Ex-Drummer und -Sänger Nick d‘Virgilio kehrt als Gast hinter das Schlagzeug zurück. Schade, dass er nicht fest einsteigt und mitschreibt. Live wird zukünftig Mike Thorne (Saga) seinen Part übernehmen.

Fazit: „Noise Floor“ ist gradliniger als gewohnt, unverkrampft und gut gemacht. Vielleicht auch ein wenig altersmilde. Ein nettes Album, das niemandem wehtut, nicht viel will, und gerade deshalb angenehm zu hören ist. Die Sprunghaftigkeit und Zerrissenheit von „The Oblivion Particle“ haben SPOCK‘S BEARD hinter sich gelassen. „One So Wise“ und „Box Of Spiders“ sind echte Highlights.