Interview mit Alex Kaschte von Samsas Traum

Im oftmals einseitigen virtuellen Leben der Onlineredakteure gibt es vereinzelt Höhepunkte, die uns mit Stolz erfüllen, mit denen wir nicht gerechnet hätten und auf die wir immer wieder gern zurück blicken. So lässt sich auch dieses Interview mit SAMSAS TRAUM beschreiben. Mastermind Alex Kaschte kontaktierte uns nach einer zugegebenermaßen fiesen CD-Review zur neuen Platte „Heiliges Herz – Das Schwert Deiner Sonne“ aus dem Hause Rock Hard und hatte große Lust, bei Metal1.info über das Album, sein Verhältnis zum Rock Hard und andere, wunderbar ausführlich beantwortete Themen zu sprechen, aufzuräumen und klarzustellen.

Hallo Alex. Wie geht es dir? Wie verbringst du momentan deine Zeit?
Im Augenblick leiste ich viel Pressearbeit, d.h. ich beantworte eine Extraportion Interviews. Ich sitze demnach viel vor dem Computer, „quietschlebendig“ wäre zur Beschreibung meines Gemütszustandes etwas übertrieben. Gestern waren Redakteure des Orkus-Magazins bei mir zu Gast, ich habe sie im Rahmen eines Sonderberichts vegan bekocht – es war ein netter Abend. Nächste Woche fliege ich für ein paar Tage nach London, um meine englischen Musiker zu treffen. Eigentlich wollten wir die Zeit mit Bandproben verbringen; da wir aber vom Billing des „On A Dark Winter’s Night“-Festivals entfernt wurden, werden wir den Englandaufenthalt für einen Urlaub nutzen. Die Weihnachtszeit verbringe ich in Italien, bevor ich Anfang nächsten Jahres meinen Freund und Ex-Gitarristen Michael in New York besuche. Er arbeitet dort für ein halbes Jahr im Rahmen seines Studiums.Wie würdest du Samsas Traum einem vollkommen Unwissenden erklären?
Das ist eine interessante Frage, denn in letzter Zeit kann ich mir SAMSAS TRAUM ob der vielen unterschiedlichen Fan- und Presse-Reaktionen selbst nicht erklären. Heute Nacht wurde mir z.B. ein Link geschickt, der zu einer SAMSAS TRAUM-„Satire“ führt: ein paar junge Mädchen haben sich ein Interview mit mir ausgedacht und auf Video gebannt, das mich karikieren soll. Das Mädchen, das „Alexander Kaschte“ dargestellt hat, hat den Nagel wirklich auf den Kopf getroffen. Einerseits ist es natürlich ein schönes Gefühl, Menschen durch das eigene Wirken in ihrer Freizeit zu kreativen Beschäftigungen anzuregen – andererseits frage ich mich, ob man nichts Besseres zu tun hat, als sich über mich das Maul zu zerreißen. Andere Leute haben im Alter der Video-Mädchen schon Gebäude in Brand gesteckt, Platten veröffentlicht oder hübsches Unheil gesät.

In diesem Sinne: SAMSAS TRAUM sind eine deutsche Band, die wie keine Zweite polarisiert. Bei der Musik von SAMSAS TRAUM geht es um nichts anderes als um die Selbstverwirklichung des Bandgründers und Kreativkopfs Alexander Kaschte, der mittels Musik seine Gefühle und Eindrücke zu verarbeiten versucht. SAMSAS TRAUM waren, sind und werden stilistisch immer ungebunden bleiben, und: SAMSAS TRAUM sind mit äußerster Vorsicht zu genießen, denn sie haben das Spiel mit den Medien und der Provokation nicht nur verstanden, sie haben es verinnerlicht. SAMSAS TRAUM propagieren militanten Veganismus, unterstützen mit Begeisterung sämtliche zur Zerstörung führenden Beeinträchtigungen moderner Zivilisationsmodelle und haben für Gott und die Welt ungefähr so viel übrig wie Theodore Kaczynski.

Nach dem „a.Ura-Album“ schien es einen enormen Anstieg der Fanmenge, besondersbei den jüngeren „Goth-Girlies“ gegeben zu haben. Dir scheint diese Entwicklung nicht gefallen zu haben?
Tatsächlich? Ich habe diese Entwicklung gar nicht bemerkt – ich finde es hingegen total super, von 15jährigen jeden Tag erzählen zu bekommen, was der Black Metal der frühen 90er wirklich bedeutete, dass ich nicht Black Metal „bin“ und früher bei SAMSAS TRAUM so oder so alles besser war. Dabei fällt mir ein, dass ich es schon als ein wenig seltsam empfand, dass plötzlich alle Streifen und Haarspangen tragen… Im Ernst: ich verkaufe gerne wieder so viele Platten wie zu „Oh Luna Mein“-Zeiten – auf gut Deutsch: wesentlich weniger als jetzt-, wenn ich dafür das Bedürfnis, auf die ersten Reihen meines Publikums pissen zu müssen, aus meiner Gefühlspalette streichen darf. „Dann tritt doch nicht mehr auf, wenn wir Dir nicht passen!“ Zack – man lese und verstehe meine Antwort auf die nächste Frage.

Stattdessen kündigtest du, sozusagen als Konter, ein echt norwegisches Black Metal Album an, das „Heiliges Herz – Das Schwert Deiner Sonne“. Meinst du, das verscheuchen der Möchtegern-Fans ist dir gelungen?
Erstens möchte ich mich von dem Wort „norwegisch“ deutlich distanzieren – wir sind eine deutsche und deutschsprachige Band, aus Norwegen zu stammen ist kein Gütesiegel. Meiner Meinung nach ist es an der Zeit, sich von Altlasten, Genrevorgaben und Richtlinien zu emanzipieren – es ist wahr, dass ich diverse Black Metal-Bands seit vielen Jahren zu meinen Einflüssen und Vorbildern zähle und auch heute noch respektiere. Ich sehe aber nicht ein, an zwei Handvoll alter Männer gemessen zu werden, die mit den Jahren an Gewicht zu-, an Kreativität allerdings abgenommen haben: ein großer Name kann über schlechte Musik nicht hinwegtäuschen. Black Metal muss wieder in die Hand junger Bands, welche die alten Helden aus den 90ern ablösen und übertreffen. Dies ist eines der erklärten Ziele von SAMSAS TRAUM – wir eifern keinen Idolen nach, wir wollen sie stürzen, und gerade in Deutschland gibt es ein paar Bands, in die mehr als nur Hoffnung gesetzt werden kann und sollte.

Und zweitens: nein, ich glaube nicht, dass ich die Möchtegern-Fans vertrieben habe – wie an einer anderen Stelle bereits erwähnt, habe ich die naive Hoffnung, die Spreu mit nur einem Album vom Weizen trennen zu können längst aufgegeben. Ich bin nicht frei von Fehlern, lerne aber schnell dazu – ich habe nach der Veröffentlichung von „Heiliges Herz“ und „Wenn schwarzer Regen“ verstanden, dass viele weitere Schritte notwendig sein werden, um meine Musik vollends aus den Klauen der geistig minderbemittelten Masse zurück zu erobern. Dazu gehören das Abschaffen von überflüssigem und schlechtem Bonus-Material, das Abschaffen überdimensionierter und überteuerter Sonderverpackungen und Limited Editions, das Abschaffen bunter Bildchen und poppiger Märchen-Layouts, das totale Eliminieren von Abbildungen meiner Person und der schrittweise Rückzug aus der Öffentlichkeit, der das Ausbleiben von zu vielen Festivalauftritten, Live-Konzerten und Interviews zur Folge haben wird. Meine Kunst ist alles was zählt, und ich möchte sie wieder zu etwas Verstecktem, Nicht-Frei-Zugänglichen und Besonderen machen. Alle, die sich in meine Musik verliebt haben, möchten sich bitte entlieben bevor es zu spät ist – ich will und werde niemanden mehr retten.

Mich persönlich hat das Album sehr beeindruckt, was auch meine Maximalwertung erklärt. Schneller und aggressiver Black Metal trifft auf, ich möchte schon sagen typisch kaschteeske (und das ist durchaus positiv gemeint), von früheren Alben bekannte Trademarks, wo meiner Ansicht nach besonders der Titeltrack und das „Liebeslied“ herausstechen. Bist du selber mit dem Ergebnis zufrieden?
Ich möchte Dir zunächst einmal für Deine Rezension danken – sie hat mich sehr gefreut. Und „ja“, ich bin mit dem Album zufrieden, ich war seit „Oh Luna Mein“ nicht mehr so stolz auf eine Veröffentlichung. Sicherlich gibt es die eine oder andere Sache, die ich jetzt wieder verändern würde, auch werde ich beim nächsten Album einen anderen Schlagzeugsound anstreben, da mir die Drums auf „Heiliges Herz“ mittlerweile zu steril klingen – als Künstler ist man mit Kunstwerken aber nie wirklich fertig, deshalb muss man die Tür irgendwann ins Schloss fallen lassen und eine Angelegenheit für beendet erklären. Ich brauche mich aber nur an die Glücksgefühle zurückerinnern, die mich durchströmt haben, als ich „Auf den Spiralnebeln“ zum ersten Mal fertig gemischt aus Fredmans Boxen hörte – und schon weiß ich wieder, dass ich für mein aktuelles Album alles richtig gemacht habe und sich der lange Kampf gelohnt hat.

An wen richtet sich dieses Gänsehaut erzeugende Liebeslied überhaupt?
Ich denke, dass Informationen dieser Art nicht mehr von Relevanz sind – ich habe mein Privatleben lange genug öffentlich breit getreten und breit treten lassen. Ich wünsche mir, dass viele Hörer und Hörerinnen im Text dieses Stücks den einen Menschen finden, an den auch ich meine Zeilen gerichtet habe – mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Und was zur Hölle bedeutet der Titel des Intros? 5 und 6 sowie 218 haben zwar dieselbe Quersumme, aber mehr Reim konnte ich mir nicht machen.
Mit Jon Nödtveidt verschwand am 16. August letzten Jahres einer der begnadetsten und talentiertesten Gitarristen und Songschreiber von der Bühne der Musik – und vom Angesicht dieses Planeten. Man mag über das letzte DISSECTION-Album, Nödtveidts Lebensgeschichte, sein okkultes System und den MLO denken was und spekulieren so viel man will, ebenso wenig ist meine private Meinung darüber an dieser Stelle von Relevanz. Fakt ist, dass mich sowohl Jons resolute Herangehensweise an seine Kunst als auch sein selbst gewähltes Lebensende gleichzeitig beeindruckt und schockiert haben – das in der Öffentlichkeit erzeugte Bild war tragisch, der aus einer Verklärung der Ereignisse auf Zeitungspapier und Computerbildschirmen entstehende Charakter bewunderns-, bei näherer Betrachtung hingegen zutiefst bemitleidenswert.

Die vom MLO propagierte Rückführung des gesamten Kosmos ins Chaos, will heißen: das Ende aller Existenz weist mit seinem Hang zur Selbstvernichtung Parallelen zu der von mir in „Das Zeitalter der Bäume“ besungenen „Stille“ auf – mit dem Unterschied, dass mir nicht die Vernichtung der gesamten Universums, sondern schon das Verschwinden der menschlichen Rasse in Anbetracht der durch sie an der Natur verübten Verbrechen ausreichen würde.

Die Verbindung zu Nödtveidts Nihilismus hat mich, verbunden mit dem Umstand, dass mich die Musik seiner Band DISSECTION vor über 10 Jahren durch eine schwere Phase meines Lebens begleitet hat, dazu bewogen, in meinem Intro ein Sample aus einem mit Jon während der „Gods Of Darkness“-Tour geführten Interview zu verwenden – das Sample passt erstens zur Aussage des Textes von „Das Zeitalter der Bäume“ wie die Faust aufs Auge und stellt zweitens meine eigene, kleine Reminiszenz an Jon Nödtveidt dar, ohne dessen Musik es mich heute bestimmt nicht mehr gäbe.

In der Welt des MLO stellt 218 eine äußerst wichtige Zahl dar – die in vielen anderen okkulten Richtungen angestrebte Vereinigung von Gott und Mensch, von Pentagramm (5) und Hexagramm (6), steht hier gleichbedeutend mit den Dualitäten/Gegensätzen (2), die sich vereinen (1) und dadurch in die Unendlichkeit (die liegende 8) eingehen. Die Erreichung dieses Zustands, den Nödtveidt u.a. durch seinen Selbstmord angestrebt hat, bezeichnen andere an Erleuchtungs- und Initiationsriten gebundene Religionen als den heiligen Gral oder das Paradies.

Und was genau stellt das Cover dar, welches ich übrigens für nicht so gelungen wie die Musik erachte? Ein brennender Jesus in der Kirche? Reine Provokation oder Aussage?

Die Idee, mich als Jesus Christus abbilden zu lassen, kam mir, weil ich tagtäglich Emails erhalte, in denen mich meine Fans nach Lösungen für Beziehungsprobleme, wiederkehrende Suizidgedanken, tiefe Sinnkrisen, zwanghaftes selbstverletzendes Verhalten und simple Existenzangst fragen. Ich fühle mich des Öfteren wie ein zu seiner Bestimmung gezwungener Erlöser, auf dessen Schultern man all seine Sorgen, Ängste und Nöte abladen kann und von dem erwartet wird, dass er auf alles eine Antwort weiß – anscheinend schreibt man mir ob meiner Texte ein hohes Maß an Lebenserfahrung zu.

In der Standard Edition von „Heiliges Herz“ taucht das Jesus-Motiv deshalb in unterschiedlichen Darstellungen auf: man sieht mich mit in meinen Körper geschnittenen SAMSAS TRAUM-Textzeilen, weil ich durch meine Band – meinen musikalischen Kerker -gebrandmarkt bin, man sieht einen Jesus, der sich das Herz herausgerissen hat und dem Betrachter entgegenhält, so als würde er sagen: „Bitte, nimm‘ es mit, ich will es nicht mehr, ich bin nicht der empfindsame Trottel, für den Du mich hältst…“, man sieht mich auf den Knien, wie ich von Innen heraus verbrenne, weil mich all die Hoffnung, die in mich gesetzt wird auffrisst; und man kann mich als Jesus betrachten, der sich vom Kreuz heruntergerissen hat, weil er seine Rolle nicht weiter zu spielen bereit ist. Ich will nicht mehr an einem Kreuz hängen, an dem mich alle angaffen, anbeten und vergöttern können.

Adrian Erlandsson ist, so meine ich, die ideale Besetzung für die Drums und macht seinen Job mehr als nur gut. Wie kamst du gerade auf ihn? Wie konntest du ihn überreden, für dich zu spielen?
Alle SAMSAS TRAUM hassenden Metalheads werden sich wahrscheinlich die Seelen aus dem Leib kotzen, wenn sie die folgenden Zeilen lesen oder sie mir sowieso nicht glauben – aber ich musste Adrian Erlandsson gar nicht ÜBERREDEN, um ihn für die Aufnahmen von „Heiliges Herz“ zu gewinnen. Es hat vollkommen gereicht, ihm Demo-Versionen der Stücke zu schicken – die Songs haben ihm so sehr gefallen, dass er ohne zu zögern seine Mitwirkung an meinem Album zugesagt hat.
Ursprünglich war für die Aufnahmen ein anderer Schlagzeuger vorgesehen, der allerdings auf Grund eines Mangels an Vorbereitung und Engagement eine schlechte Figur abgab – noch dazu war das für die Session ausgewählte Studio entgegen meiner Erwartungen von mittelmäßiger Qualität, so dass weder die Aufnahmen noch ihr Klang meinen Ansprüchen genügten. Ich habe wochenlang erfolglos nach einer Lösung für das Schlagzeugproblem gesucht und in meiner Verzweiflung schließlich Fredrik Nordström angerufen – er riet mir kurzerhand dazu, die Platte von einem anderen Schlagzeuger noch einmal einspielen zu lassen und stellte den Kontakt zu Adrian her, was auch meiner Meinung nach für „Heiliges Herz“, will heißen: für den Moment die richtige Wahl war – ob wir allerdings in Zukunft weiter zusammenarbeiten werden ist unklar. Ich verlange 100% Einsatz und weiß nicht, ob Adrian mit all seinen Verpflichtungen und Aktivitäten die Leistung erbringen kann, die ich fordere.

Auch Daniel Schröders Klarinettenspiel darf man sowohl auf „Heiliges Herz“ als auch auf dem parallel veröffentlichten „Wenn Schwarzer Regen“ wieder lauschen. Besteht eine besondere Bindung zwischen Daniel und dir, dass er als einziges Mitglied neben dir erhalten geblieben ist?
Ich kenne Daniel Schröder seit fast zehn Jahren. Uns verbindet mehr eine Freundschaft als meine Band, obwohl SAMSAS TRAUM und alles, was dazu gehört, oft Gesprächsthema sind. Ich habe Daniel an der Universität in Marburg an der Lahn getroffen, an welcher wir beide Musikwissenschaft studierten. Wir kamen aus musikalisch gänzlich unterschiedlichen Richtungen und haben uns gegenseitig immer wieder mit neu entdeckter Exoten-Musik bereichert, bis ich ihn dazu einlud, ein Solo zu „Oh Luna Mein“ beizusteuern. Unserer Zusammenarbeit breitete sich auf viele Gebiete aus und wird hoffentlich noch weitere Früchte tragen. Während ich mein Studium nach – ich weiß gar nicht mehr wie vielen – Semestern wegen SAMSAS TRAUM abbrach, hat Daniel übrigens seinen Magister über Frank Zappa gemacht und arbeitet derzeit fleißig daran, selbst ein Zappa zu werden.

Nahezu jeder deutschsprachige Black Metal mit klaren Vocals wird spätestens seit Nocte Obducta als Avantgarde bezeichnet. Würdest du deine Musik selber auch unter diesen Begriff stellen?
Ich interessiere mich nicht für Kategorien und gängiges Schubladendenken – „Avantgarde“ kann alles und nichts sein, und dass es für „Avantgarde“ überhaupt einen Umschreibung gibt steht in meinen Augen im Widerspruch zur eigentlichen Bedeutung des Wortes. Man IST entweder anders als andere oder man ist es NICHT – der Versuch allein wird weder zur Andersartigkeit ausreichen noch authentische Ergebnisse hervorbringen.

Stilrichtungen sind, ähnlich wie Regeln, Gesetze, Gebote und politische Termini Werkzeuge – oder besser: Leitplanken und Wegweiser für schwache Menschen, die auf wackeligen Beinen stehen und der Führung bedürfen. Der Besitz sämtlicher Burzum-Alben kocht mein Gehirn nicht weich und macht aus mir ebenso wenig einen Nationalsozialisten, wie ein Jazz- oder Techno-Album in meiner Plattensammlung meine musikalischen Ideale und Vorstellungen zerbröckeln lässt.

Ich betrachte SAMSAS TRAUM als Black Metal-Band weil in allem, das wir von Anfang an getan haben, der „Widersacher“ mitschwang – ob auf „Die Liebe Gottes“, auf „Heiliges Herz“ oder sogar auf „a.Ura“: SAMSAS TRAUM sind eine Alternative, SAMSAS TRAUM sind dagegen, SAMSAS TRAUM sind eine Fleisch und Blut gewordene Anti-Haltung. SAMSAS TRAUM ist ein philosophischer Satan – und das Schöne ist, wie im ersten Absatz dieser Antwort erwähnt: ich muss mich nicht anstrengen, um das zu tun, was ich tue, ich tue es einfach.

Beim Rock Hard scheint man es auf jeden Fall anders zu sehen. Und einen Tag vor erscheinen von Connies Rezension trudelte per Mail die prompte und vernichtende Antwort deinerseits ein, die auch eine mögliche Erklärung des seltsamen „Herr der Ringe“-Vergleichs liefert. Hat das Rock Hard etwas gegen dich? Wie erklärst du dir diese schlechte Rezension und Bewertung?
Der Krieg mit dem Rock Hard-Magazin hat eine lange und lustige Genese – wie in meinem kleinen Pamphlet beschrieben wurden die ersten drei SAMSAS TRAUM-Alben „Die Liebe Gottes“, „Oh Luna Mein“ und „Utopia“ nacheinander zu Arschbomben des Monats gekürt. Während „Die Liebe Gottes“ und „Oh Luna Mein“ noch von Wolf Rüdiger Mühlmann in der Luft zerrissen wurden, kümmerte sich Jan Jaedicke um „Utopia“ – zwar weniger originell als Mühlmann, dafür aber nicht minder dämlich. Wir haben schon damals den daraus resultierenden Medienrummel für unsere Zwecke genutzt und den einen oder anderen offenen Brief verfasst, welche teilweise auch vom Rock Hard in Anfällen aus Fairness und Hybris abgedruckt wurden. Womit unserer Freunde aus dem Ruhrpott allerdings nicht gerechnet haben, waren die zahlreichen Reaktionen unserer Fans, die Mühlmann und Konsorten das Lachen schnell vergehen ließen – und so wurden die folgenden Alben „Tineoidea“ und „a.Ura“ vom Rock Hard ignoriert, obwohl Dortmund von unserem Label mit den Platten bemustert wurde.

Um die Promotion von „Heiliges Herz“ hingegen kümmerte sich eine namhafte Agentur, auf die das Rock Hard reagieren musste. Fräulein Schiffbauer hatte allerdings keinen blassen Schimmer worauf sie sich einließ, als sie kurzerhand genau das Thema in Angriff nahm, vor dem sich alle anderen Rock Hard-Schreiberlinge drückten: dem neuen SAMSAS TRAUM-Album. Alles Weitere wurde bereits oft beschrieben und breit getreten. Conny hat genug gebüßt und durfte während der dem Review folgenden Treibjagd stellvertretend für Mühlmann und Jaedicke mitbluten. Als ich sie auf der Party zum 20jährigen Bestehen von Nuclear Blast traf, hat sie sich nicht einmal getraut mir zu sagen, wo sie lebt – sie scheint für ihre Rezension ein paar saftige Emails kassiert zu haben. Ich musste ihr lange gut zureden, bis sie die Angst vor mir verlor.

Wie hart man beim Rock Hard wirklich arbeitet und wie die schlechte Review zustande gekommen ist, hat mir Conny an diesem Abend erklären können: Redakteur bekommt kurz vor Redaktionsschluss einen Stapel CDs auf den Schreibtisch geknallt, hört von den ersten vier Stücken jedes Albums 15 Sekunden und sucht dann nach einem sinnfreien Aufhänger, in meinem Fall „Der Herr der Ringe“. So viel Herzblut und Aufwand seitens der Kulturfördernden und Meinungsbildenden Printmedien sollte zukünftig – natürlich nur, wenn es sich nicht um kleinwüchsige Mädchen wie Conny handelt – mit Prügel belohnt werden, denn Leute wie ich lassen den Arsch solcher Wichser erst scheißen.

Um mal unauffällig das Thema zu wechseln: Spielst du lieber auf großen Bühnen vor vielen Menschen oder im kleinen Rahmen?
Ich hatte noch nie die Ehre auf einer wirklich großen Bühne zu spielen. Die größten Auftritte, die SAMSAS TRAUM bisher absolviert haben, waren die Shows auf den M’era Luna-, Amphi- und WGT-Festivals. Sicherlich ist es beeindruckend, eine unüberschaubare Menschenmenge vor sich zu haben, und ich bin glücklich darüber, dass es mir fast immer gelungen ist, mein Publikum zu begeistern – trotzdem empfinde ich kleinere Club-Shows als angenehmer, da der Funke besser auf die Fans überspringt, die Stimmung intimer ist, die Hütte schneller kocht und die Interaktion mit dem Publikum besser verläuft.

Passend dazu wurde ja erst kürzlich sehr überraschend euer Auftritt auf den „On A Dark Winter’s Night“-Festivals abgesagt. Wie kam es dazu?
Wir haben ein paar Dinge, die wir mit Mr. X wegen der Shows abgesprochen und fixiert hatten hinterfragt und zu unserer Überraschung festgestellt, dass gewisse Vereinbarungen ab gewissen Größenordnungen nichts zu bedeuten scheinen. Als wir und unsere Plattenfirma dann das Verhalten von Mr. X in einer anderen, parallel laufenden Angelegenheit kritisierten, blies sich Mr. X wie ein Heißluftballon auf und holte Mr. Y zur Hilfe, der uns dann als Demonstration seiner erschreckenden Macht und Verfügungsgewalt kurzerhand vom Billing der Festivals fegte. Unsere Fans sollen wissen, dass wir selbst während Mr. Ys gnadenlos zorniger Flammenregen auf uns niederprasselte noch unsere Ehre zurückstellten und zur Realisierung der Konzerte beitragen wollten – Mr. Y war es allerdings wichtiger, den wilden Mann zu mimen und sein Revier zu markieren. Keine Sorge, wir bringen den Typen noch zum Platzen, ich habe die Nadel immer in der Hand.

Sie stehst du inzwischen zu der ganzen Internetsache? Im Booklet der „Tineoidea“ verurteilst du Menschen, die die CD kopieren. Doch inzwischen haben sowohl Du privat als auch die Band ein Profil bei Myspace, und Hörproben gab es auch im Chat schon zu bewundern…
Das Internet zu Marketing-Zwecken zu benutzen bedeutet noch lange nicht, das Internet als Plattform illegaler Downloads gut zu heißen. Ich habe meine Meinung hinsichtlich des Diebstahls von Musik nicht geändert und werde sie auch nie ändern – immerhin verdiene ich mein Geld mit dem Verkauf meiner Musik und möchte nicht meiner Lebensgrundlage beraubt werden. SAMSAS TRAUM haben sich hinsichtlich ihrer Musik bei jedem Album Mühe gegeben, dem Käufer für den entsprechenden Preis einen entsprechenden Gegenwert zu liefern. Glücklicherweise wird dies gerade in musikalischen Subkulturen noch honoriert – im Gegensatz zum Mainstream.

Für mich stellen sich bei diesem Thema noch ganz andere Fragen – bringt z.B. die Erziehung zum verantwortungsbewussten Umgang mit dem geistigen und materiellen Eigentum Anderer nicht auch verantwortungsbewusste Menschen hervor? Ich kann mit der Einstellung, dass alles umsonst, frei verfügbar und austauschbar sein soll nichts anfangen – für mich hat alles einen Wert, und so mancher Wert kann nicht geschätzt werden. Wie weh muss es tun, damit man versteht, was „Wertschätzung“ bedeutet?

Apropos Chat. Wie kam es zu den vielen Verschiebungen? Reibereien mit demLabel?
Trisol – besser gesagt: das ausführende, für den Chat zuständige Organ und die beteiligte Marketingfirma – haben den SAMSAS TRAUM-Chat insgesamt dreimal verschoben; aus Gründen, die ich zwar offiziell als technische Probleme oder Naturkatastrophen verpackt habe, die mir aber in Wirklichkeit von Anfang an als an den Haaren herbeigezogen, wenn nicht als erstunken und erlogen vorkamen. Ich glaube, dass Terminstress, daraus resultierende mangelnde Vorbereitung, Unfähigkeit, wenn nicht sogar pure Blödheit die eigentlichen Gründe waren. In Verbindung mit dem Umstand, dass Trisol „Heiliges Herz“ ganze sechs Monate lang haben herumliegen lassen anstatt das Album zu veröffentlichen und dem Gefühl, dass entsteht, wenn einem Künstler seine Fans im Nacken sitzen und er ihre Ungeduld nachvollziehen, wenn nicht sogar teilen kann, kann der Frust über einen verschobenen Chat Kapriolen schlagen – und ich finde, dass Trisol für meine Verhältnisse noch mit einem blauen Auge davongekommen sind. Man darf nicht vergessen, dass ich immer der Bote zu sein durfte, der die Nachricht von einer weiteren Verschiebung zu überbringen hatte – und irgendwann ist die Peinlichkeit physisch wahrnehmbar, vor allem, wenn man sich die enttäuschten Gesichter dank Myspace bildlich vorstellen kann.

Bisher kam nichts wie es schien und alles anders als erwartet. Was ist als nächstes unter dem Namen Samsas Traum zu erwarten?
Als nächstes werde ich mich einem simplen Album widmen – eine einzige CD, auf der sich elf erlesene Stücke befinden, eingebettet in einen winzigen Digipak, bei dem es sich um kein überdimensioniertes Sonderformat handeln wird. Ich will nicht sagen, dass ich mir bisher mit meiner Musik keine Mühe gegeben habe, aber ich möchte den Schwerpunkt eindeutig auf meine Kunst verlagern und den scharfen Blick der Öffentlichkeit nicht auf meinen Verpackungen belassen. Das kommende Album wird sich wieder wesentlich von allem unterscheiden, was ich bisher gemacht habe; es wird kalt, disharmonisch, klaustrophobisch und mit einem Layout aufwarten, das man bisher von SAMSAS TRAUM nicht gewohnt war. Ob ich zu diesem Album Interviews geben werde, kann ich derzeit nicht sagen – ich befürchte, dass die Texte für sich selbst stehen und sprechen werden. Ich hatte schon bei „Heiliges Herz“ das Gefühl, dass alle erklärenden Worte überflüssig sind.

Zum Schluss natürlich noch die obligatorischen Assoziationsfragen. Was fälltdir ein zu…
– Bathory/Quorthon
…wir alle haben unsere Vorbilder.

– Wacken Open Air
…da würde ich gerne mal spielen.

– Gothic Subkultur
…auf nimmer Wiedersehen. Gott sei Dank war ich nie wirklich „Gothic“.

– Erotik
…siehe „Liebeslied“.

– Alkohol
…in Maßen – ich vertrage nicht viel.

– Weihnachten
…Schreck lass‘ nach. Lieber Sonnengott als Jesus.

– Metal1.info
…von Null auf 100 in einer Sekunde.

Ich danke dir vielmals für deine wertvolle Zeit und wünsche dir bzw. hoffe auf vielen weiteren kreativen Output. Danke.
Ich habe zu danken – es war mir eine Ehre!

www.samsas-traum.info
www.myspace.com/samsastraum
www.myspace.com/alexander_kaschte

Die Fotos entstammen der offiziellen SAMSAS TRAUM Myspace-Seite.