„Computer Metal“ – passender könnte der Name für ein neues MASTER BOOT RECORD-Album kaum gewählt sein. Gleichzeitig ist diese besondere Bezeichnung etwas, das auf ausgesprochen unangenehme Art in unsere Zeit passt. Früher hieß es: „Der Ton macht die Musik.“ Heute übernimmt das immer häufiger ein Prompt. Natürlich war das Wesen von MASTER BOOT RECORD nie humanoid. Ganz im Gegenteil. Zwar hat D’Amore seine Musik bisweilen in der Hauptsache durch Maschinen umgesetzt, spätestens aber seit „Hardwarez“ hat sich die Richtung ein wenig geändert. Oder besser, das bestehende System wurde erweitert.
Ganz pragmatisch geht es da für MASTER BOOT RECORD um den gesteigerten Einsatz von Gitarren. Was schon 2024 mehr als deutlich zu spüren war, ist heute noch einmal hörbar ausgebaut worden. Direkt verdeutlicht wird das über „Dot Matrix“, den Opener von „Computer Metal“. Hier treffen die flirrigen Commodore-Sounds, die schon immer als Säulen der Kreativität von D’Amore galten, auf einen treibenden Drumcomputer und authentische, rhythmusorientierte Riffs. Dadurch erreicht „Computer Metal“ von Beginn an ein neues Maß an Härte. Und so leicht ist dann gar nicht mehr zu unterscheiden, wer da gerade ein schnelles Solo spielt, ob der Mensch oder die Maschine.
Der Weg ist für MASTER BOOT RECORD aber schon nach Track eins sonnenklar. War nämlich der Grundtenor von „Hardwarez“ damals am Bay Area Thrash und Heavy Metal ausgerichtet, wildert D’Amore 2026 einmal komplett über die Genrefläche hinweg. Zwar setzt ein Song wie „Plug And Play“ noch am ehesten auf den Transfer klassischen Metals in den maschinellen Klangkosmos von D’Amore, das führt bei Leibe aber nicht dazu, dass auch nur ein Hauch an Intensität der fast erhellenden Melodien verloren geht. Ganz anders, beinahe gegensätzlich verhält es sich bei „Voodoo2“, dessen hämmernde Rhythmen und düsteren Synthesizer stark an deathmetal-artige Songstrukturen angelehnt sind.
Wer sich indes mit D’Amores Zweitprojekt KEYGEN CHURCH ein wenig auskennt, der dürfte sich von „Boot Sector“ bestens unterhalten fühlen, bringt dieser Titel mit seiner Mischung aus synthetischer Epik und den herrschaftlichen Gitarren-Arrangements doch eine beinahe orchestrale Größe ins Spiel. Damit bietet dieses Stück auch einen passenden Kontrast zum ansonsten sehr treibenden Wesen von MASTER BOOT RECORD. Wie unglaublich intensiv die Musik von Vittorio D’Amore wirken kann, zeigt sich auch beim Albumcloser „Ctrl+Alt+Del“, wo sich wunderschöne Theatralik mit etwas Stranger-Things-Gefühl und einem geradlinigen, druckvollen Drum-Beat zu einem großartigen Schlusspunkt zusammenfügen, der an Opulenz und großen Harmonien nicht zu toppen ist. Ob das die Beendigung des laufenden Systems oder dessen Neustart bedeutet? Man wird es sehen.
MASTER BOOT RECORD ist und bleibt eine der interessantesten Formationen innerhalb der Metal-Kultur. Das muss hier auch insofern hervorgehoben werden, als Vittorio D’Amore mit „Computer Metal“ ganz getreu dem Namen seines neuen Albums nun endgültig den Sprung in die brachiale Stromgitarrenmusik schafft. Selbstverständlich behält sich D’Amore sein Commodore-Framing auch auf Album Nummer 12. Die Zeit der reinen Maschinenmusik scheint bei dem Italiener aber vorerst vorbei. Was aus dieser Entwicklung entstanden ist, setzt den Weg des Vorgängers „Hardwarez“ konsequent fort und kann, trotz (oder gerade wegen?) der zunehmenden Hinwendung zu heftigen Riffs, als gelungenes weiteres Zeugnis der hohen Kreativität von MASTER BOOT RECORD verstanden werden.
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Wertung: 8 / 10


