Interview mit Olve Lomer-Wilbers von Emptiness

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Bereits seit „Nothing But The Whole“ (2014) haben sich EMPTINESS immer weiter vom Black Metal ab- und eher ruhigen Ambientklängen zugewandt. Mit ihrem neuesten Album, „Vide“, gehen die Belgier diesen Weg konsequent weiter.  Welche Gefühle das düstere Album wecken soll, welchen Einfluss der Lockdown auf die Entstehung hatte und in welcher Lebenslage man „Vide“ am besten hören sollte, verrät Gitarrist und Sänger Olve Lomer-Wilbers alias Neraath.

Danke, dass du dir Zeit für dieses Interview genommen hast! In Anbetracht der Pandemie-Situation hoffe ich, dass Ihr alle gesund seid und es euch gut geht?
Hallo. Vielen Dank auch, mir geht es hier gut auch wenn ich mich schon frage, wohin das alles führen wird, hinsichtlich sozialer und wirtschaftlicher Folgen, aber auch im Bezug auf Fragen zur Beschaffenheit von Freiheit.

Fangen wir mit dem Offensichtlichen an: Die Trackliste eures neuen Albums „Vide“ steht direkt auf dem Cover, das sieht man selten. Entwertet das nicht die Aussagekraft des Bildes?
In der Tat sieht man das selten, deshalb waren wir geneigt, etwas anders zu machen und direkt zu definieren, was wir hier verkaufen – zusammen mit dem rätselhaften Cover und Titel. Es steckt auch ein grafischer Zweck darin, die Idee eines Produkts in der Zeit zu forcieren. Ich persönlich denke, dass es dem Bild und dem gesamten Konzept des Artworks einen gewissen Wert verleiht.

Wo wir gerade dabei sind: Was (oder wen) sehen wir hier genau? Gibt es ein echtes Neugeborenes, oder die künstlerische Darstellung eines Neugeborenen?
Es ist nicht echt. Es ist eine Kopie eines Neugeborenen, ein namenloses Artefakt, unecht und leer von aller Menschlichkeit und doch so nah am kollektiven Bewusstsein aller.

Warum habt ihr dieses Bild gewählt, warum ist es das perfekte Cover für dieses Album?
Aus mehreren Gründen: die lyrische Indentität der Band beschäftigt sich viel mit der Definition der Rolle des Menschen im Universum, seiner Bedeutung, seinen Zielen und Handlungen. Mit diesem Album, „Vide“, wollten wir diese Thematik in den Begriff der Zeit übertragen und wie diese Zeit während einer Lebensreise beeinflusst wird. Wir wollten auch etwas „Ungewöhnliches“, aber zugleich sehr natürliches. Als Erinnerung daran, wie seltsam das Leben an sich manchmal sein kann, obwohl wir so sehr an alles gewöhnt sind, was uns umgibt. Die Welt, wie wir sie zu kennen glauben, hat einige merkwürdige Eigenschaften – ungewiss, fast unvorhersehbar, aber alles verstrickt in einer mathematischen Logik einer kosmischen Kohärenz. Unsere Wahrnehmung mit Gehirn und Herz ist daran gewöhnt, damit umzugehen, und so schien es perfekt zu passen, ein Neugeborenes zu zeigen, um diese Konzepte über Zeit, Leben und Tod zu illustrieren.

EMPTINESS 2020; © Felicie Novy

Musikalisch ist das Album weniger abwechslungsreich, aber sehr kohärent. Ist das der beabsichtigte Effekt?
Eines unserer Hauptziele war es, beim Hörer ein gewisses Unbehagen hervorzurufen, und zwar mit aller musikalischen Freiheit, die wir hatten. Es mag weniger abwechslungsreich klingen – ich verstehe, was du damit meinst – aber wir haben viele Schichten von Details arrangiert, und diese Details schimmern nach ein paar Mal Hören heraus. Es ist vom Anfang bis zum Ende kohärent, und es empfiehlt sich, es als Ganzes zu hören.

Die Songs wurden an verschiedenen Orten aufgenommen – die Pandemie und die Abriegelung haben das beeinflusst, vermute ich? Was hättest du anders gemacht, wenn du könntest?
Ich denke nicht, dass die Pandemie Einfluss darauf hatte. Der Wunsch, sich abzuschotten, begann schon vor der Krise, und die Kompositionsarbeit nahm von da an eine andere Form an. Es gab eine echte Absicht, sich dem Einfluss der Stadt zu entziehen, die Dinge anders zu machen, als wir es gewohnt waren, nicht in einem Aufnahmestudio.

Welche Auswirkungen hatten diese Bedingungen auf das Ergebnis, auf das Album?
Dass wir instinktiver waren, Improvisationen beibehalten und aus diesen spontanen Aufnahmen heraus gearbeitet und gebaut haben. Es gibt nicht den technischen Einfluss, den richtige Aufnahmestudios haben können. Wenn man im Studio ist, herrscht der unbedingte Wille, die Dinge optimal einzurichten, die besten Takes zu machen, und die Denkweise ist anders. Hier waren wir an einem unbekannten Ort oder in einer vertrauten Wohnung isoliert und haben einfach der Fantasie freien Lauf gelassen.

EMPTINESS 2020; © Felicie Novy

Hat sich das auch auf die Texte ausgewirkt, wovon handeln sie?
Ich glaube nicht, aber ich bin auch nicht derjenige, der sie schreibt. Sicherlich gibt die kollektive Stimmung um einen herum der Alltagswelt ein spezielles Feeling. Ein Hauch von Depression. Unsere lyrischen Themen sind seit ein paar Alben gleich geblieben, sie sind kryptisch mit einem Stück dramatischer Poesie. Einige unserer Texte beschreiben diese Momente des Lebens, in denen wir uns selbst nicht ganz wiedererkennen, wie eine parallele Menschheit, die der unseren sehr ähnlich ist, in der aber nichts klar und logisch erscheint.

Ihr habt zum ersten Mal Französisch als Textsprache gewählt – warum?
Wie beim Songwriting, eher instinktiv. Es gibt keine technischen Einschränkungen mehr beim Übersetzen, es ist jetzt authentischer gegenüber der ursprünglichen Idee und es ist einfacher, alle Arten von Gefühlen auszudrücken. Als französischsprachige Musiker ist es für uns ehrlicher.

Ihr habt auf dem Album alles selbst gemacht, bis hin zum Sound – war das geplant, oder auch eine Folge der Lockdown-Situation?
Wir haben von Anfang an versucht, alles selbst zu machen. Es kam zwar vor, dass wir aus technischen oder künstlerischen Gründen mit jemandem zusammengearbeitet haben – wie beim Vorgängeralbum „Not for Music“ -, aber bei diesem Album haben wir uns schon vor langer Zeit dafür entschieden, die gesamte Produktionsarbeit selbst zu machen.

EMPTINESS 2020; © Felicie Novy

Ganz unabhängig von EMTPINESS: Vor zehn, zwanzig Jahren wäre es für Bands nicht möglich gewesen, ein Album ohne Produzent und Studio aufzunehmen. Siehst du diese Entwicklung ausschließlich als Freiheitsgewinn – oder ist damit vielleicht auch etwas verloren gegangen, sei es ein „Filter“, dass nicht jeder mit wenig Aufwand Musik aufnehmen kann, oder ein „Supervisor“ als externe Instanz, wie es Produzenten früher waren?
Ich bevorzuge es, wenn Profis ihre Arbeit machen, aber die Fähigkeiten des einen müssen nicht unbedingt die Vision des anderen so ausdrücken, wie es sein sollte. Das kann frustrierend sein, und das Ergebnis ist dann anders, als man es sich vorgestellt hat. Aber natürlich kann es auch positiv überraschen. Heute ist es so erschwinglich geworden, Produktionsausrüstung und Hardware zu kaufen und sich die nötigen Fähigkeiten anzueignen. Menschen brauchen Leidenschaft und Ziele, wenn es ihr Leben erfüllt und ihre Möglichkeiten steigert, dann ist das gut für sie. Es liegt am Hörer, zu entscheiden, was seinen Ohren gefällt.

 Eine abschließende Frage noch zu der anderen Band, bei der du aktiv bist: ENTHRONED. Wie ist der Stand der Dinge dort, arbeitet ihr schon an einem neuen Album?
Wir haben schon ein paar Dinge zusammengetragen, arbeiten an einem neuen Konzept für dieses Kapitel und werden es vielleicht später in diesem Jahr konkretisieren. Durch die Krise 2020 ist es schwierig geworden, sich zu sehen, da wir nicht alle in Belgien leben.

Herzlichen Dank für das Gespräch. Zum Abschluss ein kurzes Brainstorming:
Ein Essen, das dich immer glücklich macht:
traditionelles Essen
Europa: Eine faszinierende Zivilisation, vielleicht die einzige, die sich über die bekannte Welt hinaus ins Unbekannte bewegt hat.
Das letzte Album, das du dir angehört hast:
William Basinski – Lamentations
Craft Beer:
Brüssler Biere im Allgemeinen
Ein Hobby von dir, das nichts mit Musik zu tun hat:
Malen
Die perfekte Situation, um „Vide“ zu hören:
An einem belebten öffentlichen Ort zu sitzen, mit Kopfhörern aufgesetzt.
EMTPINESS in zehn Jahren:
nichts Gutes im Schilde führend.

Nochmals vielen Dank für deine Zeit. Die letzten Worte gehören dir:
Danke auch, ich möchte die Leser immer einladen, unsere Musik anzutesten, wenn sie etwas anderes als die Norm hören wollen.

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