Interview mit Bogdan von Entorx

Noch jung, aber doch schon irgendwie ein alter Hase: Bogdan Brygadin hat ENTORX bereits 2009 gegründet, war aber schon zuvor musikalisch aktiv. Mit ihrer proggigen Mischung aus Thrash und Death Metal hat sich die mittlerweile zum Quintett angewachsene Band vor allem im Südwesten Deutschlands einen knallharten Ruf im Underground erspielt. Warum man sich als Musiker ständig weiterentwickeln sollte und auch als Routinier nicht vor kreativen Durststrecken gefeit ist, erzählt uns der Gitarrist und Songwriter im Interview.

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Wie würdest du jemandem eure Musik beschreiben, der noch nie zuvor etwas von ENTORX gehört hat?
Es ist eine Mischung aus Death- und Thrash Metal mit diversen Einflüssen aus Musikrichtungen, die wenig mit Metal zu tun haben, zum Beispiel Jazz und Funk. Wir experimentieren mit „schrägen“ Akkorden und Takten außerhalb der Dreiviertel- und Vierviertel-Bereiche. Außerdem setzen wir in unseren Songs, abgesehen vom genretypischen Growling und Screaming, klaren und rauen Gesang ein. Unsere Songs sind trotz mancher Komplexität sehr groovig und melodiös. Bei den neuen Songs hört man ein wenig Black Metal heraus. Ich kann nur empfehlen, sich unsere Songs anzuhören, zum Konzert zu kommen und sich seine eigene Meinung zu bilden.

Wie geht ihr an die Sache ran, wenn ihr einen neuen Song schreiben wollt?
Unser Songwriting läuft von Anfang an in 95 Prozent der Fälle gleich ab. Das Grundgerüst für einen Song komponiere ich zu Hause. Diese Grundgerüste werden dann bei einigen Proben erst mal mit dem Drummer ausgearbeitet und gegebenenfalls abgeändert. Meistens werden entweder überflüssige Riffs ausgemistet oder weitere ergänzt. Danach proben wir mit der ganzen Band und der Sänger probiert einige Gesangsmelodien aus. Wenn die Gesangsmelodie steht, wird dazu ein Text geschrieben.

Entwickelt ihr neue Songs in Jams oder arbeitet ihr eher digital?
Zum Jammen treffen wir uns nicht. Die Songs entstehen bei mir zu Hause mit dem Programm Guitar Pro und werden anschließend an die anderen Bandmitglieder geschickt. So kann jeder für sich in Ruhe zu Hause üben. Wir wohnen alle außerhalb von Speyer, wo wir unseren Proberaum haben. Für unseren Bassisten Taras und mich sind es circa 100 Kilometer einfache Fahrt. Bei so einer Strecke ist jede produktive Minute Gold wert. Da ist wenig Zeit zum Jammen. Außerdem bin ich, als Hauptsongwriter, kein so guter Jammer. Für gute Ideen brauche ich drei Sachen: Gitarre, Ruhe und Zeit!

Wie lange dauert bei euch der Entstehungsprozess von der ersten Idee bis zum fertigen Song?
Es ist immer unterschiedlich. Manche Songs entstehen in zwei bis drei Stunden. Manche liegen monate- oder sogar jahrelang unfertig rum.  Dabei spielt die Komplexität oder die Länge des Songs keine Rolle. Vieles hängt von der Anwesenheit der Muse ab.

Welche Ziele setzt ihr euch beim Songwriting?
Das wichtigste Ziel für ENTORX ist es, gute Songs zu schreiben. Dabei ist es egal, ob sie alle in eine Richtung gehen oder sich stilistisch durch diverse Einflüsse unterscheiden. Bei unserer EP „Theta Waves“ und der LP „Broken Ways“ verfolgten wir keinerlei Konzepte.  Bei den neuen Songs versuchen wir, uns an ein bestimmtes, textliches Konzept zu halten. Es gibt eine grob entworfene Geschichte, die wir Stück für Stück mit unseren Songs versuchen zu beschreiben. Bei den ersten vier Tracks halten wir uns noch daran. Wie es weiterläuft, wird die Zeit zeigen. Musikalisch setzen wir uns keine Grenzen.

Worauf legt ihr im Großen und Ganzen beim Komponieren und Texten Wert?
Beim Komponieren lege ich großen Wert darauf, mich musikalisch weiterzuentwickeln. Zum Glück ist da noch viel Luft nach oben. Bei Texten legen wir viel Wert auf den Inhalt und eine in sich geschlossene, kurze Geschichte. Diese Geschichten müssen nicht unbedingt was beim Hörer beziehungsweise Leser bewirken. Wir schreiben unsere Lyrics, um bestimmte Dinge zu verarbeiten. Dinge, die uns auf dem Herzen liegen. Bisher haben wir in den Texten unsere persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen beschrieben.

Ihr beschäftigt euch in euren Texten ja mit den dunklen Seiten der Menschheit: gesellschaftliche Missstände, Tragödien, Enttäuschungen, Korruption. Was macht für euch den Reiz an diesen Themen aus?
Jeder Mensch macht in seinem Leben seine Erfahrungen mit den oben genannten Sachen. Egal, ob einem das alles selbst passiert oder man es als Außenstehender beobachtet. So ging und geht es auch uns. Man wird täglich mit unangenehmen Dingen konfrontiert. Die Medien machen es möglich. Wir schreiben über das, was wir sehen und leben, um es zu verarbeiten.

Wovon lässt du dich noch anregen, außer von Medien und persönlichen Beobachtungen?
Ich höre viel unterschiedliche Musik und lasse mich von anderen großartigen Bands inspirieren. Manchmal lerne ich dadurch viele neue Sachen, die ich bei unseren Songs auf meine Art und Weise einsetze.

Wie tief tauchst du in die Materie ein, wenn du ein Thema neue Musik für ENTORX suchst?
Ich interessiere mich für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und las früher ziemlich viele Bücher darüber. In meinen Texten fing ich meistens mit meinen Gedanken und Vorstellungen über das Gelesene an, rutschte aber meistens wieder in das Gesellschaftskritische ab. Diese Themen beschäftigen mich anscheinend mehr als der Zweite Weltkrieg.

Welche Reaktionen möchtet ihr bei euren Hörern auslösen?
Manche Songs sind einfach nur zum Ausrasten gedacht. Andere bauen eine schöne Atmosphäre auf und man sollte einfach nur zuhören. Manche Songs gehen direkt ins Ohr, bei anderen braucht man mehrere Anläufe, um sie zu verstehen. Im Großen und Ganzen wollen wir, dass unsere Zuhörer abschalten und für einen Moment ihre Sorgen und Probleme vergessen. Wie sie das machen, ist jedem selbst überlassen.

Habt ihr beim Songwriting schon die Live-Situation im Hinterkopf?
Selbstverständlich. Alle Songs schreiben wir, um sie live zu spielen. Es gibt nur ganz wenige, die wir heute bei unseren Konzerten nicht mehr spielen oder nicht mehr spielen wollen.

Wie hat sich deine Schreibmethode über die Jahre entwickelt?
Die Methode hat sich nicht verändert. Was das Songwriting angeht, denke ich, dass ich mich mit der Zeit weiterentwickelt habe. Wenn man die EP „Theta Waves“ mit der LP „Broken Ways“ vergleicht, wird man den Unterschied merken. Die neuen Songs von ENTORX bewegen sich wieder in eine leicht veränderte Richtung. Im Kern ist und bleibt es aber Death Metal.

Hat der Fortschritt im Bereich  Home-Recording Auswirkungen auf deine Arbeitsweise?
Ich bin nicht so der Typ, der seine Ideen mit dem PC aufnimmt. Ich kenne mich, ehrlich gesagt, nicht so gut mit Recording-Programmen aus. Es ist für mich einfacher, ein Aufnahmegerät mitlaufen zu lassen oder die Ideen direkt mit Tabs festzuhalten.

Wo liegen deine größten Stärken und Schwächen als Musiker?
Meine Stärken kann ich schlecht einschätzen. Da musst du am besten meine Bandkollegen fragen. Was Schwächen angeht: Ich bin manchmal ungeduldig. Vor allem, wenn es um das Üben geht. Ich kann keine zwei Stunden lang an einer Übung sitzen, ohne dass ich einen Fortschritt merke. Dabei weiß ich, dass manche Dinge einfach ihre Zeit brauchen. Ein Teufelskreis, den ich versuche zu durchbrechen.

Wie trittst du der Gefahr entgegen, beim Songwriting auf der Stelle zu treten?
Das Song-Arsenal von ENTORX ist momentan noch recht übersichtlich, wir haben circa 20 Songs. Da weiß man noch, was man schon hatte und was nicht.  Bis jetzt hatte ich das Glück, keine zwei gleichen Songs geschrieben zu haben. Aber generell gilt: üben, üben und noch mal üben. Damit lernt man neue Sachen, wird besser und kann dementsprechend bessere Songs mit abwechslungsreicheren Riffs liefern. Wenn man besser wird, kann man nicht auf der Stelle treten.

Was ist dein Geheimtipp gegen Schreibblockaden?
Bis 2014 kannte ich sowas wie Schreibblockaden gar nicht. Ich habe Songs wie am laufenden Band geschrieben. Manchmal lieferte ich innerhalb einer Woche bis zu drei Songs, wovon wir uns die besten aussuchen konnten.  Zwischen 2014 und 2016 habe ich aber gerade mal drei Songs komponiert. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Das war für mich eine richtig frustrierende Situation.
In diesem Zeitraum passierten sehr viele Sachen innerhalb von ENTORX. Wir brachten unser erstes Album raus, das promotet werden sollte. Wir sind zu einer Fünf-Mann-Band gewachsen, was eine kompositorische Umstellung mit sich brachte. Ich widmete mich mehr der Organisation der Konzerte, damit wir mehr Shows spielen konnten. Um das alles hatte zu 90 Prozent ich mich gekümmert. Wenn man das alles tut und dann noch versucht, an neuem Material zu arbeiten, landet man irgendwann im puren Stress – für die Kreativität eher kontraproduktiv.
2016 habe ich irgendwo im Internet gelesen, dass es durchaus helfen könnte, wenn man zur Musik einen Ausgleich sucht. Ich habe angefangen, ein bisschen Sport zu machen. 30 bis 60 Minuten Sport am Tag ist nicht nur für den Körper eine super Sache, sondern auch für den Geist. Nach einer kurzen Zeit stellte ich fest, dass es mit den neuen Riffs wieder bergauf ging. Allein im zweiten Halbjahr 2016 schrieb ich sechs komplette Songs, vier davon für ENTORX. Wenn es bei euch irgendwann nicht mehr klappen sollte, legt eure Instrumente zur Seite und unternehmt etwas, das euch Spaß macht und auf andere Gedanken bringt. Oder sucht euch einfach ein zweites Hobby, als Ausgleich zum Musizieren. Das könnte helfen.

Zu guter Letzt der Blick in die Zukunft: Welche Pläne haben ENTORX im Jahr 2017 und wann kann man mit neuer Musik von euch rechnen?
2017 werden wir nur ganz wenige Konzerte spielen und konzentrieren uns auf ein neues Album. Unser Ziel ist es, Anfang 2018 unsere zweite Full-Length rauszubringen. Zum jetzigen Zeitpunkt haben wir fünf fertige Songs. An weiteren zwei wird momentan fleißig gearbeitet. Außerdem organisieren wir bereits zum fünften Mal unser eigenes, kleines Underground-Festival „Kill Your Brain Fest“, das dieses Jahr am 16. September im 7er Club in Mannheim stattfindet. Die Organisation wird von Jahr zu Jahr immer aufwändiger und nimmt immer mehr Zeit in Anspruch.  In wenigen Wochen beginnt das Booking.

Abschließen möchte ich das Interview gerne mit dem traditionellen Metal1-Brainstorming. Was fällt dir spontan zu folgenden Begriffen ein?
Donald Trump: Make Opeth growl again!
Metallicas „Hardwired… To Self-Destruct“: Nicht ihr schlechtestes, aber auch nicht ihr bestes Album.
Brexit: Eine der dümmsten Aktionen der Briten.
Winter: Früher war alles besser!
Absolutes Lieblingsalbum: Revocation – Great Is Our Sin
ENTORX in zehn Jahren: Feiern ihren 18. Geburtstag und dürfen endlich was Härteres als Bier trinken.

An dieser Stelle vielen Dank für deine Zeit und Antworten! Wenn du noch etwas loswerden möchtet, die letzten Worte gehören dir:
Ich bedanke mich ganz herzlich für dieses Interview und bei all unseren Fans, die zu unseren Konzerten kommen, unser Zeug kaufen und uns damit motivieren. Hört Musik auch von Underground-Bands. Es gibt viele Perlen, die darauf warten, von euch entdeckt zu werden. Support the underground!