Interview mit Gustaf Jorde von Evocation

Fünf Jahre hat das letzte EVOCATION-Album „Illusions Of Grandeur“ mittlerweile auf dem Buckel. Mit „The Shadow Archetype“ erscheint dieser Tage der Nachfolger, mit dem man zwischendurch gar nicht mehr gerechnet hatte: Bassist Gustaf Jorde über die gravierenden Lineup-Änderungen, das Songwriting in der neuen Konstellation und die psychologische Theorie, die sich hinter dem Albumtitel verbirgt.

Hi! Wie geht es dir, und was ist gerade im EVOCATION-Camp los?
Danke, uns geht es gut – wir sind ziemlich beschäftigt damit, den ersten Video-Dreh zu dem Album vorzubereiten.

Nachdem ihr nach eurer Reunion vier Alben in fünf Jahren veröffentlicht habt, hat es nun seit „Illusions Of Grandeur“ fünf Jahre gedauert, bis nun „The Shadow Archetype“ erscheint. Warum hat es diesmal mehr Zeit gebraucht?
Wenn man bedenkt, dass zwei Schlüsselfiguren ausgestiegen sind und wir das Label und die Booking-Agentur gewechselt haben, finde ich fünf Jahre eigentlich gar keine so lange Zeit. Wir hatten diesmal wirklich viel Pech zwischen diesen beiden Alben, obwohl ich persönlich glaube, dass das auf eine verrückte Art und Weise zur Stärke dieses Albums beigetragen hat.

In der Zwischenzeit hattet ihr die Vinyl-EP „Excised And Anatomised“ mit insgesamt fünf Coversongs veröffentlicht. Was war der Gedanke hinter diesem Release?
Man hat uns gebeten, ein paar Cover-Songs unserer Wahl aufzunehmen, um im Gespräch zu bleiben. Es war eine witzige Erfahrung und auch die erste Aufnahme mit EVOCATION, bei der ich mitwirken konnte.

Was magst du an Vinyl-EPs? Warum findest du das eine coole Veröffentlichungsart?
Persönlich bin ich ein großer Vinyl-Fan, egal, welche Inch-Zahl. Ich finde einfach, man bekommt mehr für sein Geld. Das ist es definitiv etwas Cooles!

Nachdem ihr 2012 auf deiner Position, am Bass, gewechselt hattet, habt ihr jetzt mit Simon Exner auch noch einen neuen Gitarristen in der Band. Warum ist Gründungsmitglied Vesa Kenttälumpu ausgestiegen?
Er hatte schlicht das Interesse an der Band verloren. Ich glaube, er hatte schon eine Weile so gedacht. Man muss bedenken, dass er eine viel größere Bürde getragen hatte, als nur Gitarre zu spielen. Er hatte auch viel zum Songwriting beigetragen und im Studio als unser Toningenieur gearbeitet. Bei den letzten Alben hatte er zudem den Mix übernommen. Ich glaube, die Vorstellung, diesen ganzen Prozess mit einem neuen Album wieder durchzumachen, war für ihn einfach erdrückend gewesen.

War es gleich klar, dass ihr auch ohne ihn weitermachen würdet, und wie seid ihr dann auf Simon gekommen?
Zunächst hatten wir überlegt, ob wir die Band endgültig beerdigen sollten, aber nach ein paar Wochen kamen wir zu dem Schluss, dass wir mit EVOCATION noch nicht durch sind. Wir alle spürten, dass wir weitermachen wollen, weil wir das Gefühl hatten, dass wir mit diesem Projekt noch etwas erreichen wollen. Simon ist ein alter Freund von uns und spielt selbst in einer anderen Death-Metal-Band namens As You Drown, die im gleichen Raum proben wie wir. Außerdem sind Marko [Palmén, Gitarre – A. d. Red.] und Simon verwandt und kennen sich deshalb schon von klein auf. Simon ist ein großartiger Gitarrist und ein beeindruckender Songwriter, insofern war es eine sehr natürliche Entscheidung für uns, ihm die Position des Leadgitarristen bei EVOCATION anzubieten.

Wann habt ihr denn mit dem Songwriting zu „The Shadow Archetype“ angefangen? Gehört ihr zu den Bands, die ein Album in einer kurzen, konzentrierten Phase schreiben, oder geht das über Jahre?
Marko und Simon, die sich als sehr umtriebige Rekruten herausgestellt haben, haben mit dem Songwriting ziemlich gleich nach Simons Einstieg begonnen. Das ist jetzt drei Jahre her. Einige Parts gingen schnell, andere dauerten länger – aber wir waren uns einig, dass dieses Album unser bislang stärkstes werden muss, also haben wir ihm die Zeit gegeben, die es gebraucht hat. Wie gesagt, wir hatten kein Label, also gab es auch keine anderen Deadlines als die, die wir uns selbst gesetzt hatten. Das ist eine sehr bequeme Art zu arbeiten. Aber ich glaube trotzdem nicht, dass es bis zum nächsten Album wieder fünf Jahre dauern wird.

Wie lief das Songwriting dann – verglichen zu früher – ab? In wie weit war Simon involviert?
Simon war ein großer Gewinn für das Songwriting, als Ergänzung zu Marko. Die beiden haben das gesamte Album geschrieben, was ich ziemlich beeindruckend finde. Simon hat es geschafft, sein Songwriting mit dem Sound von EVOCATION zu verschmelzen, und es so noch auf eine neue Stufe zu heben. Als die Songs dann fertig waren, hat Tjompe die Texte dazu geschrieben und ich meine Bassspuren.

Auch hinter dem Drumkit gab es einen Wechsel. Am Ende hat Per Möller Jensen (ehemals The Haunted) das Schlagzeug für „The Shadow Archetype“ eingespielt. Wie kam es dazu?
Wenn ich mich richtig erinnere, hat er irgendwann mal im Internet gepostet, dass er Session-Schlagzeug-Jobs sucht – das hat sich gut mit unserem Bedarf an einem Drummer für die Albumaufnahmen getroffen. Also haben wir Kontakt aufgenommen und dann hat sich das eben so ergeben. Auch wenn er nur als Session-Schlagzeuger mitgewirkt hat, hat er einen wirklich großartigen Job gemacht. Aber wie gesagt – er ist kein fester Teil der Band.

Musikalisch werden EVOCATION immer wieder mit Amon Amarth verglichen. Was hältst du davon, wie stehst du zu der Band?
Amon Amarth machen ihre Sache wirklich gut und haben ein paar fantastische Songs in ihrer Diskographie. Ich verstehe den Verleich bei ein paar Passagen auf „Illusion Of Grandeur“, aber da geht es mir bei At The Gates, Entombed, Candlemass oder Bolt Thrower nicht anders. Das nennt man „Einflüsse“ und ich bin mir ziemlich sicher, dass die jeder Songwriter hat. Das hat gute und schlechte Seiten. Am Ende des Tages ist das alles Metal und dieses Rad wurde vor langer Zeit erfunden – nicht von uns und nicht von Amon Amarth.

Wenn du „The Shadow Archetype“ mit „Illusion Of Grandeur“ vergleichst – wo siehst du die größten Unterschiede?
Das neue Album ist meiner Ansicht nach viel mehr „Death Metal“, sowohl bezüglich des Sounds als auch des Songwritings. Die Melodien sind zwar da, aber düsterer und kantiger. Es ist eine gute Mischung zwischen Aggression und Heaviness, während „Illusions Of Grandeur“ einen saubereren Sound ha und mit seinen ganzen Gitarrenlayern sehr melodiebasiert ist. Das war damals super, aber es gäbe keinen Grund, das Gleiche immer wieder zu machen, oder?

Ich persönlich finde „The Shadow Archetype“ wieder düsterer – es klingt dahingehend etwas nach „Apocalyptic“. Würdest du das unterschreiben?
„Apocalyptic“ war tatsächlich mein Lieblingsalbum von EVOCATION, bevor ich eingestiegen bin – und das ist es bis heute. Aber ja, die Dunkelheit hat sich wieder über uns gelegt.

Was steckt hinter dem Albumtitel, “The Shadow Archetype”?
“The Shadow Archetype”, der archetypische Schatten, ist ein Konzept des Schweizer Psychologen Carl Gustav Jung über psychologische Archetypen. Jung war der Ansicht, dass Menschen nicht als unbeschriebenes Blatt oder Tabula Rasa geboren werden. Er war vielmehr der Ansicht, dass die Menschen psychologische Strukturen von ihren Vorfahren erben, die tausende Jahre in die Geschichte zurückreichen. “The Shadow Archetype” ist die psychologische Struktur, die die düstere und böse Seite der menschlichen Psyche enthält.

Auch das Artwork ist sehr düster. Wie interpretierst du das Bild, was sehen wir?
Das Artwork selbst ist eine symbolische Interpretation dieses “The Shadow Archetype”, der düsteren Seite der menschlichen Psyche. Das Böse im Menschen blitzt in einem unkontrollierbaren Zorn auf. Ich denke, unser Artwork-Künstler Xaay hat diese Idee extrem gut eingefangen – ein Grund dafür mag sein, dass er voll in dieser Thematik drin ist: Er hat über diese Archetypen-Theorie an der Universität Krakau vor ein paar Jahren sogar ein Paper veröffentlicht.

Worum geht es dann in den Texten?
Die Texte handeln von Thomas‘ Gedanken über Poltik, psychische Erkrankungen, Sex, Drogen, die Medien und so weiter. Wie er die Welt sieht. Er ist ein sehr tiefgründiger Mensch und sobald wir einen neuen Song fertig haben, hat er schon eine ganze Geschichte im Kopf. Jeder Song hat eine Story über ein solches Thema. Ich denke, es ist seine Mission, euch etwas zu erzählen.

Wie wichtig sind die Texte generell bei EVOCATION?
Die Texte sind der wichtigste Teil, um eine Geschichte zu erzählen und die Gefühle in der Musik zu erklären. Es sind alles echte Emotionen, und das ist ein Weg, eine Message rüberzubringen. Thomas arbeitet an den Texten monatelang, jedes Wort ist am Ende an exakt der Position, an der wir es haben wollen. Er hasst es, mit den Arbeiten an einem neuen Album anzufangen, aber sobald das Gehirn auf Touren gekommen ist und der Stift übers Papier fliegt, liebt er es. Ich freue mich, dass die Band und die Fans es auch mögen. Ich hoffe wirklich, dass die Leute das auch sehen.

Plant ihr eine Tour oder zumindest Festival-Auftritte, um den Fans „The Shadow Archetype“ vorzustellen?
Ja, wir wollen im Herbst auf Tour gehen, aber wo und mit wem ist noch nicht fix. Wir verhandeln gerade mit Booking-Agenturen und wenn alles gut läuft, können wir dazu schon bald handfeste Informationen rausgeben!

Vielen Dank für das Interview! Zum Abschluss ein kurzes Brainstorming:
Donald Trump:
Gut möglich, dass er derjenige ist, der uns die Apokalypse bringt – direkt oder indirekt.
Black Metal: Großartig, wenn gut gemacht – also ohne Keyboards und Frauengesang.
Winter in Schweden: Nicht so, wie es früher war – ich erinnere mich an etwas namens „Schnee“.
Festivals: Eine großartige Möglichkeit, neue Leute kennenzulernen und tolle Bands zu sehen.
Deutschland: Das beste Land, um dort zu touren – dank des großartigen Supports der treuen Metalheads!
EVOCATION in zehn Jahren: Ein komplett graubärtiges Quintett.

Danke nochmal für deine Zeit und Antworten. Die letzten Worte gehören dir:
Danke für die Aufmerksamkeit – und schaut, dass ihr vorbeikommt, wenn wir das nächste Mal bei euch in der Stadt sind!