FABIENNE ERNI veröffentlicht mit „Starveil“ ihr erstes Soloalbum. Damit öffnet sie neben ELUVEITIE und ILLUMISHADE erstmals einen Kanal nur für ihre eigenen kreativen Ideen. Wir sprechen mit ihr darüber, was ihr „Starveil“ bedeutet, was sie hier anders machen kann als sonst und was es mit der teilweise genutzten Fantasiesprache und Worldbuilding auf sich hat.

Mit „Starveil“ veröffentlichst du dein erstes Soloalbum. Wie fühlt es sich an, deine ganz eigenen Songs jetzt veröffentlichen zu können?
Es fühlt sich ehrlich gesagt manchmal ein bisschen surreal an, Songs zu veröffentlichen, die dieses Mal nur meinen eigenen Namen tragen. Das ist schön und auch ein bisschen nackt zugleich. (lacht) Gleichzeitig fühlt es sich unglaublich richtig an. „Starveil“ ist kein Nebenprojekt. Es ist ein Teil von mir, der lange in mir geschlummert hat und jetzt seinen eigenen Raum bekommt.
Wie viel von dir selbst, wie viel Persönliches und Emotionales, steckt in „Starveil“?
Sehr viel. Wahrscheinlich mehr, als ich beim Schreiben bewusst geplant hatte. (lacht) Es geht um Zweifel, Hoffnung, Spiritualität, Verlust, Neubeginn – alles Dinge, die mich wirklich beschäftigen.
Gleichzeitig war „Starveil“ für mich auch eine Möglichkeit, meine eigene Welt zu erschaffen. Ich liebe Worldbuilding, neue Welten zu kreieren inspiriert mich unglaublich für meine Musik. Musik ist für mich nicht nur Klang, sondern Atmosphäre, Landschaft und Emotionen. Auf diesem Album konnte ich mich kreativ komplett ausleben und dieser neuen Welt eine Stimme geben.
Bei ELUVEITIE und ILLUMISHADE bist du Teil eines Kollektivs und dort in die kreativen Prozesse eingebunden, bei deinem Soloprojekt ist das nun aber ganz anders. Wie hat sich deine Arbeitsweise und Herangehensweise an die Songs verändert?
Beim Soloprojekt darf ich Entscheidungen ganz intuitiv und für mich allein treffen, ohne Kompromisse. Das war auf eine Weise sehr befreiend. Und gleichzeitig fordert es mich heraus, weil ich mich nicht hinter einer Gruppe verstecken kann und ganz alleine hinter den Songs stehe.
Fühlt sich diese neue Eigenverantwortung eher befreiend oder auf gewisse Weise auch belastend an? Inwiefern holst du dir nun dennoch Feedback und andere Meinungen zu deinem eigenen Kreativprozess?Beides.
Es ist befreiend, weil ich meine Vision klar umsetzen kann. Und trotzdem ist es nicht immer ganz einfach, weil jede Entscheidung am Ende wirklich meine ist. Es geht dabei nicht nur um das Kreative oder das Musikalische, sondern auch um alles drumherum: Wo lasse ich das Merch, die CDs, die Vinyl drucken? Und so weiter.
Als Independent-Release kommt vieles zusammen, das eigentlich nichts mit Musik zu tun hat, aber es gehört eben auch zu diesem Weg dazu.
Und natürlich hole ich mir Feedback. Vor allem mit Vidick von INFECTED RAIN habe ich intensiv an den Songs gearbeitet. Ich schätze seine Meinung und seine Inputs sehr.

Was konntest du auf deinem Soloalbum umsetzen, was dir bei anderen Projekten nicht möglich war oder zu kurz kam?
Ich habe das Soloprojekt vor allem auch als kreativen Output gebraucht. Ich hatte viele Melodien in meinem Kopf, die in meinen anderen Projekten irgendwie keinen Platz gefunden haben. Und genau diesen wollte ich hier eine Plattform geben. Außerdem konnte ich musikalisch Dinge ausprobieren, die bisher nicht möglich waren, wie zum Beispiel mit einem Hackbrett-Musiker zusammenzuarbeiten. Das habe ich vorher noch nie gemacht und genau solche Experimente haben „Starveil“ für mich so spannend gemacht.
Hast du deine Stimme auf „Starveil“ bewusst anders eingesetzt als sonst oder beim Entstehungsprozess sogar teilweise neu entdeckt?
Ich habe definitiv während des Entstehungsprozesses neue Seiten an mir und meiner Stimme entdeckt. Gerade durch die Fantasiesprache(n), die ich auf dem Album verwende, verändert sich der Klang ganz automatisch: durch die Vokale, die Melodieführung, die Art, wie ich phrasiere.
Außerdem konnte ich meine folkige Seite noch stärker ausleben. Und ehrlich gesagt bin ich dadurch jetzt schon inspiriert für Soloalbum Nummer zwei.
Die eben angesprochenen Fantasy-Sprache sorgen in Tracks wie „Thalen Muron“ für eine mystische Atmosphäre. Ist das für dich eine Ausdrucksform für emotionale Momente, in der „unsere“ Sprache nicht ausreicht oder sogar Worldbuilding mit komplexerem Hintergrund?
Das hat tatsächlich viel mit Worldbuilding zu tun. Auf diesem Album wird diese Welt nur leicht angedeutet, aber für mich persönlich war sie während des Schreibens sehr präsent. Ich werde Schritt für Schritt mehr davon zeigen, aber alles zu seiner Zeit.
Ich habe Künstlerinnen wie Enya immer für ihre Fantasiesprache bewundert und jetzt war der Moment da, es selbst auszuprobieren.
Folgen die Songs lyrisch einem emotionalen oder story-/weltgetrieben Konzept oder stehen diese jeweils eher für sich allein?
Es ist kein klassisches Story-Album, aber die Songs zeigen unterschiedliche Facetten derselben inneren Welt. Lyrisch und musikalisch gibt es immer wieder Verbindungen. Bestimmte Motive tauchen in einem anderen Gewand wieder auf. Zum Beispiel kann eine Gesangsmelodie aus einem Chorus plötzlich als Bratschen-Solo in einem Interlude wieder erscheinen. Ich liebe es, solche kleinen „Easter Eggs“ im Album zu verstecken, man entdeckt beim zweiten oder dritten Hören immer noch neue Details.
Bei „Ritual“ ist Lena Scissorhands mit dabei. Was war deine Vision dieses Songs, warum hat sich gerade der für eine Gastsängerin angeboten und was macht Lena hier zur perfekten Wahl?
Schon während des Songwriting-Prozesses war mir klar, dass die harte Bridge nach Screams verlangt und in meinem Kopf waren da sofort Lenas Screams. Ihre Energie, ihre Attitude, ihre Emotionen und diese Intensität, die sie mitbringt, ist genau das, was „Ritual“ gebraucht hat.
Ich kenne Lena seit über sechs Jahren und umso mehr habe ich mich gefreut, dass sie sofort zugesagt hat.
Gibt es Songs, die du selbst als Herzstück des Albums bezeichnen würdest oder dir emotional besonders viel bedeuten?
Das ist wirklich schwierig zu beantworten, weil jeder Song etwas sehr Persönliches und seine eigene Entstehungsgeschichte hat. Aber „Ritual“ war für mich schon etwas Besonderes. Ich liebe diesen Song sehr und die Zusammenarbeit mit Lena hat mir viel Freude bereitet.
Die Welt im Musikvideo zu „Stone By Stone“ erinnert an Nagrand aus „World Of Warcraft“ oder den Ghibli-Klassiker „Das Schloss im Himmel“. Wovon wurde das Design inspiriert und was ist deine Lieblings-Fantasywelt?
Die Welt im Musikvideo wurde aus unserer eigenen Vision heraus entwickelt. Ich sage bewusst „unsere“, weil ich sie gemeinsam mit Vidick von INFECTED RAIN sehr intensiv ausgearbeitet habe. Die Idee mit den schwebenden Inseln ist natürlich kein komplett neues Motiv, aber unsere Version hat ihre eigene Geschichte und Symbolik.
Und was meine Lieblings-Fantasywelt angeht: ganz klar Harry Potter. Always. (lacht)

Für April und Mai hast du schon angekündigt, dass du Solo-Akustik-Shows spielen willst. Was können wir uns darunter vorstellen und warum hast du dich für deine ersten eigenen Konzerte für eine akustische Variante entschieden?
Es sind bereits einige Shows angekündigt, unter anderem in der Türkei, in Bulgarien und in Rumänien und es werden noch weitere dazukommen. Ich freue mich unglaublich darauf. Es wird ein gemütlicher Abend mit ausgewählten Solo-Songs, besonderen Versionen von ELUVEITIE- und ILLUMISHADE-Songs sowie ein paar Covers.
Ich kann es aber kaum erwarten, das Ganze auch mit einer Metal-Band auf die Bühne zu bringen. Aber gute Dinge brauchen bekanntlich Zeit. (lacht)
Bei ELUVEITIE steht ja schon der nächste Abschnitt der Ànv-Tour in den Startlöchern. Wie sind deine Live- und allgemein Solo-Pläne mit Eluveitie und Illumishade zeitlich vereinbar?
Zum Glück wissen wir bei ELUVEITIE relativ früh Bescheid, was die Tourpläne angeht, das hilft natürlich enorm bei der Planung. Und auch mit ILLUMISHADE geht es dieses Jahr wieder los, worauf ich mich sehr freue. Es braucht manchmal ein bisschen Organisation, aber bisher haben wir immer einen Weg gefunden, alles irgendwie unter einen Hut zu bringen. Und genau so wird es auch bleiben. (lacht)
Du ernährst dich vegan – wann hast du damit angefangen und begegnest du mein Musiker- und Tourleben hier manchmal Problemen? Was bedeutet Veganismus für dich und wie sehr liegt dir das Thema am Herzen?
Ich lebe seit gut sieben Jahren vegan, war aber schon seit ich 13 bin vegetarisch. Je nach Situation kann das total unkompliziert sein und manchmal ist es beim Catering sogar ein kleines kulinarisches Paradies. Es kann aber auch in die andere Richtung gehen. Insgesamt merke ich aber deutlich, dass es im Vergleich zu vor sieben Jahren viel einfacher und normaler geworden ist.
Bei ELUVEITIE haben wir zum Glück mehrere Veganer in der Band, deshalb steht das auch entsprechend auf unserem Rider. Und natürlich gibt es trotzdem Tage, an denen ich einfach auf meine Proteinriegel zurückgreife. Das gehört dazu.
Für mich bedeutet Veganismus, mit den Tieren zu leben und nicht von ihnen zu leben. Ich habe einfach das Gefühl, dass wir alle gemeinsam auf dieser Welt sind und dass wir entsprechend miteinander umgehen sollten.
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Zum Abschluss noch unser traditionelles Metal1.info-Branstorming. Was fällt Dir zu diesen Begriffen als erstes ein:
Künstliche Intelligenz: Irgendwo zwischen faszinierend und sehr beängstigend.
Zuhause: Familie, Freunde, Safespace.
Natur: Der See, an dem ich in Chișinău, wo ich wohne, oft spazieren gehe und natürlich die Schweizer Berge.
Der Zustand der Welt: Wie im falschen Film. Und doch viel Potenzial zur Veränderung.
„Starveil“ in drei Worten: Atmosphäre, Freiheit, Intensität.
FABIENNE ERNI in 10 Jahren: Immer noch mit viel musikalischem Output, ganz viel Gesang im Leben und um einiges gelassener und weiser.
Vielen Dank für deine Zeit, Fabienne! Viel Erfolg mit „Starveil“ und deinem Soloprojekt. Die letzten Worte gehören dir.
Vielen Dank für die Einladung, es hat mich sehr gefreut! Und danke an euch, die das Interview gelesen und mir eure Zeit geschenkt habt. Ich hoffe, Starveil wird euch genauso viel Freude bereiten, wie es mir tut.
Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
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