Interview mit Ulf von Festival-Mediaval

Ein Jahr nach seinem Einstieg als Festivalchef geht es für Ulf ins zweite Kapitel: Das FESTIVAL-MEDIAVAL 2026 steht unter dem Motto „Legends“ und verbindet große Namen der Szene mit einem klaren Anspruch an Weiterentwicklung hinter den Kulissen. Während auf dem Gelände gewohnt fantasievolle Welten, Marktleben und Musik verschmelzen, arbeitet das Team im Hintergrund an Strukturen, die moderner und effizienter werden sollen, ohne den Charakter des Festivals zu verlieren. Im Gespräch erklärt Ulf, warum sich Tradition und Veränderung für ihn nicht ausschließen, wie sich das Booking entwickelt hat, welche Rolle Nachwuchsförderung spielt und warum „Legends“ für ihn weit mehr ist als ein reines Line-up-Konzept.

Hallo Ulf, letztes Jahr war dein erstes als Festivalchef – jetzt gehst du ins zweite. Was hat dich im Rückblick am meisten überrascht, was hast du vielleicht auch unterschätzt?
Die Buchhaltung (lacht)
Nein, nicht nur das. Im Endeffekt waren sehr viele unserer Organisationsstrukturen, sagen wir, alt eingesessen. Das alles mal kritisch beäugen und eben aufbrechen ist eine anhaltende große Aufgabe. Vor den Kulissen soll es ja unbedingt unser geliebtes verträumtes Festival bleiben, aber hinter den Kulissen stehen die Zeichen massiv auf Modernisierung. Und die Buchhaltung… die ist wirklich nicht Rock’n’Roll.

Du bist als Schwiegersohn in eine gewachsene Struktur reingekommen. Wie schwierig ist und war es, sich zwischen Tradition bewahren und eigener Handschrift setzen zu positionieren?
Das ist überraschend einfach. Da ich ja selbst seit Jahren im Team bin und an sehr, sehr vielen Dingen und Neuerungen ohnehin beteiligt war, fühle ich mich hier heimisch.  Wie oben bereits erwähnt, ist zwar die Machart in vielen Bereichen bereits eine neue, das Herz bleibt aber.

Gab es nach 2025 konkrete Dinge, bei denen du gesagt hast: Das muss sich 2026 definitiv ändern?
Unzählige (lacht)
Wir haben jetzt z. B. ein Projektmanagement-Tool und lauter so Kram. Die Kommunikation im Team funktionierte zwar schon gut, aber irgendwie alles über mich und 5000 verschiedene Kanäle. Das alles wurde geordnet und läuft jetzt *toitoitoi* etwas geschmierter.

2026 steht alles unter dem Motto „Legends“ – was bedeutet das für dich persönlich? Eher Nostalgie oder ein bewusstes Weiterdenken der Szene?
Klar Nostalgie. Das sind die Größten, die uns zu Fans gemacht haben, und diese sollen gerne so gefeiert werden. Es hätte da natürlich noch ein paar Kandidaten dazu gegeben, aber man muss leider irgendwann auch einen Schlussstrich im Booking ziehen. Sehr schade, dieser Teil des Jobs ist wirklich schön.

Viele Acts wie IN EXTREMO, SUBWAY TO SALLY oder FAUN bringen Jubiläums- oder Spezialshows mit. Wie früh stand das Konzept „Legends“ wirklich fest und wie stark hat es das Booking beeinflusst?
Ich stehe jetzt am Anfang von 2028 und fange an, für 2029 die eine oder andere Gehirnwindung zu erübrigen. Man denkt sich letztendlich etwas aus und fängt an, mit Bands und Managements ins Gespräch zu kommen. Und überraschend oft haben Bands dann Lust, die eine oder andere Sache, über die sie schon länger nachgedacht hatten, auf die Bühne zu bringen. Und das ermöglichen wir dann gerne. Ich denke hier gerade an „LORD OF THE LOST Unplugged“ oder die „Lifeguard Show“ von ALESTORM. Und natürlich die Wiederbelebung von CANTUS BURANUS.

„Legenden“ sind oft die großen Namen. Wie wichtig ist es dir, auch kleineren Bands oder neuen Acts in diesem Kontext eine Bühne zu geben?
Auch wenn wir es uns wünschen, die Größten wird es nicht ewig geben und so ist es für mich sehr wichtig, den Nachwuchs zu fördern. Nicht zuletzt mit unserem Award.

Das Festival war schon immer mehr als nur Musik. Wie zieht sich das „Legends“-Thema durch Markt, Lagerleben und das Rahmenprogramm?
Legenden findet man ja nicht nur auf der Bühne. Sie stecken in alten Geschichten, in Handwerk, in Musik, in Gewandung, in Lagerfeuern, in Figuren, die man trifft, und in Momenten, die man gemeinsam erlebt. Genau das zieht sich über den Markt, die Lager, die Literatur, die Shows, Workshops und das Familienprogramm. Man kann also nicht nur Konzerte besuchen, sondern in eine Welt eintauchen, in der überall kleine und große Legenden entstehen. Am Ende ist „Legends“ für uns weniger ein Dekothema, sondern eher eine Einladung: Jeder Gast soll das Gefühl haben, Teil einer großen gemeinsamen Geschichte zu sein.

Nach dem Gothic-Thema im letzten Jahr wirkt „Legends“ wieder offener. War das eine bewusste Entscheidung?
Ja, ganz klar. Seit 2013 gibt es nun die Specials und mit „Legends“ wird es nun einen würdigen Abschluss finden. Wir hatten leider immer wieder Missverständnisse, wie zuletzt: „Ey, kaum ein neuer Veranstalter, schon ist es kein Mittelalter-, sondern ein Gothic-Festival.“ Und so haben wir uns entschieden, hier die Namensgebung etwas zu ändern. 2027 wird es also auch Ausreißer im Programm geben, Schmankerl aus, sagen wir, der schwedischen Folk-Szene und vieles mehr, aber der Name und das „Special“ werden verschwinden.

Wenn alles aufgeht: Mit welchem Gefühl sollen die Besucher Sonntagabend nach Hause gehen?
Freude und Hoffnung. Wir leben in einer gefühlt immer hektischer werdenden Welt und das FESTIVAL-MEDIAVAL soll genau hier ein Gegenpol sein. Wir wollen trotz riesigem Programm und Beschallung durch und durch Einfachheit und Wohlbefinden übermitteln. Man soll das Chaos vergessen können und wenn man dann nach Hause geht, mit Mut im Herzen sagen können: Es ist doch eigentlich alles gar nicht so schlimm. Das und ein voller Bauch voll Met und zu vielen Köstlichkeiten auf der Gastromeile.

Du bist gleichzeitig Veranstalter und Musiker bei den BLACKBEERS. Wie gut lassen sich diese beiden Rollen während des Festivals wirklich trennen?
Tatsächlich absolut. Als wir letztes Jahr gespielt haben, war das der Moment für mich, um einfach als „Jemand anderes“ mal zwei Stunden durchzuschnaufen. Nach zwei Wochen Aufbau und dann einer geglückten Eröffnung konnte ich mich hier in die Show fallen lassen. Zwar musste ich dann direkt weiter und die Band ohne mich abbauen (nicht so schlimm) und feiern und sich die Nacht um die Ohren jagen (schon eher schlimm), aber die Show an sich war top. Das war aber zum Großteil nun auch der Grund, warum unser letztes Konzert nicht auf dem FESTIVAL-MEDIAVAL stattfinden sollte. Nach zehn Jahren als Bandleader und mit Schweiß und Blut in der Sache, sollte diese Ära nicht einfach in zwei Stunden Pause meines Veranstalter-Daseins ausklingen.

Das FESTIVAL-MEDIAVAL hat sich über die Jahre zu einer festen Größe entwickelt. Wo siehst du aktuell die größten Veränderungen oder Herausforderungen in der Szene?
Die größte Herausforderung sehe ich in der zunehmenden Kommerzialisierung. Viele große Festivals werden heute von Konzernen, Investoren oder sehr anonymen Strukturen getragen. Da entsteht schnell der Eindruck, dass Besucherinnen und Besucher vor allem Zahlen in einer Kalkulation sind. Das wirft leider manchmal ein schlechtes Licht auf die gesamte Festivalszene und verändert auch die Erwartungen des Publikums. Mir ist wichtig: Ich möchte niemandem vorschreiben, welche Festivals er besucht. Aber ich würde mir wünschen, dass sich Menschen bewusster fragen, wer hinter einer Veranstaltung steht. Ist das ein privat geführtes Festival mit Herzblut, Haltung und echter Verbindung zur Szene? Oder ist es vor allem ein Produkt? Ich glaube, unsere Szene braucht Orte, an denen es nicht nur um Profit geht, sondern um Gemeinschaft, Atmosphäre und Leidenschaft. Genau dafür stehen viele kleinere und inhabergeführte Festivals – und ich hoffe, dass die Menschen diese Orte weiterhin bewusst unterstützen.

Wenn wir beim Thema „Legends“ bleiben: Wer oder was könnte in ein paar Jahren selbst als Legende gelten, obwohl es heute noch nicht jeder auf dem Schirm hat?
Ich glaube, die nächsten Legenden stehen oft nicht auf dem größten Plakat. Sie stehen vielleicht gerade auf einer kleineren Bühne, sitzen in einem Lager, erzählen Geschichten im Literaturzelt oder bauen auf dem Markt etwas mit den eigenen Händen. Legenden entstehen für mich dann, wenn Menschen Jahre später noch sagen: „Weißt du noch damals auf dem Goldberg?“ Genau deshalb sind uns Nachwuchs, besondere Orte und Programmpunkte abseits der großen Bühnen so wichtig. Dort passieren oft die Momente, die erst später ihre eigentliche Größe bekommen. Natürlich bringen die großen Namen ihre Geschichte mit. Aber das Schönste ist, wenn bei uns neue Geschichten entstehen – und vielleicht ist genau das die eigentliche Idee von „Legends“.

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Sigi MaierChristina Maier

Publiziert am von und

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
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Ein Kommentar zu “Festival-Mediaval

  1. Danke für das Interview. Da bin ich schon mal gespannt, wie das ab dem nächsten Jahr wird. Bzw. ein paar Jahre später….bisher konnte man ja immer sagen „weißt Du noch damals beim Scotish Special…,“

    Ich bin jedenfalls mehr als dankbar, das es dieses wunderschöne Festival gibt und ich dort noch viel wunderbarere Menschen kennenlernen durfte – die jetzt teilweise zu richtig guten Freunden geworden sind. Egal ob man sich nur 1x im Jahr in Selb trifft oder aber auch unterjährig auf diversen Konzerten. Schön das es das alles dank Blacky, Ulf und den vielen anderen gab und weiterhin geben wird.

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