Ein Black-Metal-Album mit dem Titel „Achterbahnekstase“ – und dann noch einem grellbunten, comichaften Artwork? Was für Traditionalisten ein Sakrileg sein dürfte, war für FLESIA aus Leipzig die erste Assoziation zur Musik – und natürlich ein gezielter Bruch mit Klischees. Was das Trio über Musik zum Ein- und Abtauchen, die Leipziger Szene und vielschichtige Lyrics.

„Achterbahnekstase“ ist der vielleicht schönste Albumtitel, den ich in diesem Jahr gelesen habe – allerdings denkt man nicht direkt an Black Metal, sondern eher an Element Of Crime. Wieso passt er trotzdem perfekt zu eurem Album?
Nachdem wir das Album fertig geschrieben hatten, war „Achterbahnekstase“ eine der ersten Assoziationen, die im gemeinsamen Austausch über einen Titel aufkam. Dieses ekstatische, gleichzeitig monotone Auf und Ab, das uns musikalisch begleitet, lässt sich mit dem Begriff sehr gut einfangen. Aber du hast recht: Bei diesem Titel denkt man wohl nicht direkt an Black Metal. Wir spielen gern mit Klischees, wollen diese aber gleichermaßen bewusst durchbrechen. Der Titel ist Teil davon.
Das gilt natürlich auch für das Cover, nur dass man hier weniger an Element Of Crime, denn an irgendwas aus dem Grindcore-Bereich denkt. Erst einmal die Bitte um eine Bildinterpretation: Was sehen wir?
Zu sehen ist eine Achterbahn, die sich aus dem Wesen im Zentrum des Artworks herauswindet – eingebettet in ein dämonisiertes Kaos. Die Interpretation wollen wir nicht vorwegnehmen und überlassen es all den Personen, die reinhören und sich einfühlen möchten.
… und warum ist diese Darstellung die perfekte Verbildlichung einer „Achterbahnekstase“?
Das Artwork soll einen bewussten Kontrast zur klassischen Black-Metal-Ästhetik bilden. Wir haben im Vorfeld mit Geleeregen über den Albumtitel als Grundlage gesprochen – und seine zeichnerische Umsetzung kommt unseren eigenen Vorstellungen auf fast unheimliche Weise sehr nahe. In seiner Interpretation steckt genau das Gefühl, das wir mit „Achterbahnekstase“ verbinden. Deshalb ist das Bild für uns die perfekte visuelle Ergänzung zur Musik.
Als ich über euer Album gestolpert war, hatte ich direkt einen Verdacht, woher diese Band stammen könnte. Direkt gefragt: Ist eine Band wie FLESIA nur in Leipzig möglich? Was macht eure Szene so speziell (cool, meint der neidische Münchner)?
Leipzigs Musikszene ist einfach unglaublich vielfältig, erfrischend und lebendig. Es gibt hier den idealen Nährboden für allerhand musikalische Experimente, seien es die ganzen Crews, Clubs oder die interessierten und sich einbringenden Menschen. Da können wir uns durchaus glücklich schätzen, dass wir uns in dieser Stadt über den Weg gelaufen sind und hier die Netzwerke vorhanden sind, die auf nahezu allen Wegen unterstützen können.

Musikalisch setzt ihr auf etwas weniger gewagte Ansätze als bei Titel und Cover – die Songs sind tatsächlich vergleichsweise genretypisch, vor allem aber extrem lang und (hoffentlich bewusst) monoton gehalten. Was reizt euch an Songs, die über mehr als zehn Minuten hinweg über weite Strecken ohne Entwicklung auskommen?
Für uns ist diese Musik eine Möglichkeit zum Ein- und Abtauchen. Bei kürzeren Songs – wie sie auf unserem ersten Album noch häufiger vorkommen – ist der Moment oft vorbei, bevor sich überhaupt eine Form von Ekstase entwickeln kann. Durch den bewussten Verzicht auf Gitarren sind wir klanglich von vornherein reduzierter und monotoner unterwegs als viele andere Bands. Genau das greifen wir auf und verstärken es gezielt, um diese erdrückende, undurchdringliche Wand zu erzeugen, die sich durch das ganze Album zieht. Die Monotonie ist dabei kein Selbstzweck, sondern schafft überhaupt erst den Raum dafür. Mit der nötigen Dauer öffnen sich Zwischentöne, versteckte Details, kleine Verschiebungen. Dafür braucht es Zeit.
Haben die Stücke für euch – live oder auch im Proberaum – überhaupt eine feste Länge, oder spielt ihr die Parts nach Lust und Laune mal länger, mal kürzer?
Alle Lieder haben eine konkrete Länge, die bewusst gewählt ist. Das Ziel ist dabei, sich so viel Zeit zu lassen, damit die Ekstase eintreten kann, aber nicht zu viel, damit keine Langeweile aufkommt. Die Längen und Wiederholungen sind natürlich durch unsere Gefühle und Vorlieben entstanden und wir hoffen sehr, dass einige Personen das so nachfühlen können, wie wir es fühlen.
Als Produzent fungierte hier Tim De Gieter, von DOODSESKADER und ehemals AMENRA. Wie kam es dazu und wie lief die Zusammenarbeit ab?
Der Sound von DOODSESKADER hat uns beim ersten Hören direkt umgehauen – besonders im „Bass-only“-Bereich ist das für uns absolut unerreicht. Aus dieser Begeisterung heraus entstand die Schnapsidee, Tim einfach mal anzufragen. Er hat dann tatsächlich auch ohne zu zögern zugesagt. Er hat unseren Aufnahmen einen Sound verliehen, den wir uns so nie hätten vorstellen können. Wir sind mehr als glücklich, dass diese Zusammenarbeit zustande gekommen ist. Die Kommunikation lief komplett entspannt per Mail. Tim ist auf all unsere Ideen und Wünsche eingegangen und hat gleichzeitig seine eigene Handschrift eingebracht. Er ist wirklich ein Ausnahmetalent.
Im Fankreis des klassischen Black Metal dürftet ihr mit diesem ganzen Konzept wenig Freunde finden – auf welche Szene oder welche Fans zielt ihr eher ab?
Unsere Musik ist definitiv kein Easy Listening und bewegt sich selbst innerhalb des extremen Metals in einer Nische. Wer bereit ist, sich auf musikalische Abgründe einzulassen, darf das richtig gern mit uns gemeinsam tun. Und weil es in diesem Musikstil nicht oft genug betont werden kann und du uns auf Szenen angesprochen hast: Wir sehen uns klar im linken und progressiven Spektrum des Genres und lehnen jegliche NSBM- oder Grauzonenscheiße strikt ab.
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Fühlt ihr euch überhaupt von dem Terminus Black Metal „angesprochen“, wie er im Pressetext verwendet wird? Was ist für euch „Black Metal“, ganz allgemein?
Wahrscheinlich kann Black Metal nur als grober Oberbegriff fungieren. Wenn man ganz genau sein will, ist es einfach extremer Metal. Black Metal sind für uns erdrückende Riffs, Blast Beats und Geschrei. Diese drei Komponenten lassen sich durchaus bei uns finden und bilden die Grundpfeiler. Daher wurde auch für den Pressetext der Terminus Black Metal gewählt.
Der Titel lässt nicht direkt Rückschlüsse auf die Texte zu – worum geht es in euren Songs? Habt ihr wenigstens so richtig „echte“ Black-Metal-Themen am Start?
Wenn du auf klassische satanische Lyrics abzielst, dann müssen wir enttäuschen. Unsere Texte befassen sich mit Gesellschaftskritik in einer großen Bandbreite von eher alltäglichen Problemen bis hin zu unaufhaltsamem Leid. Dieses Leid ist wiederum ein wahrscheinlich sehr klassisches Black Metal-Topic. Im jetzigen Album steht besonders gesellschaftlicher Druck und wie dieser uns in Handlungen zwingt, die augenscheinlich unsere eigenen selbstgewählten Entscheidungen sind. Mit der Folge, dass daraus Leid statt Erfüllung entsteht. Das Ganze wird bewusst in sehr vieldeutigen Metaphern verwoben, sodass immer mehrere Blickrichtungen möglich sind. Die darunterliegenden Themen und Details in den Texten dürfen gern selbst interpretiert und zerdacht werden. Genau dafür wurden sie so vielschichtig geschrieben.
Man kann Black Metal heutzutage als ziemlich eingestaubtes Genre betrachten, in dem sich die ewig gleichen Bands auf die Schulter klopfen und einfach immer weiter im Kreis laufen. Da helfen nur Bands wie FLESIA, die diese Grenzen sprengen. Welche Bands würdet ihr für euren Weg als Vorbilder nennen?
Es würde uns wahrscheinlich ohne DER WEG EINER FREIHEIT und SUN WORSHIP so nicht geben. Wir sind sehr dankbar, dass unter anderem diese Bands den von dir benannten Staub seit einiger Zeit aufwirbeln. Solche Musik hat uns erst in die Richtung gestoßen, in die wir nun mit FLESIA gehen. Ebenso lieben wir – wie bereits angedeutet – DOODSESKADER.
Und gibt es andererseits noch andere Bands aus dem Underground, die ihr empfehlen könnt?
Ansonsten sind auf jeden Fall noch die wunderbaren SICHEL aus Leipzig, NIDARE aus Berlin und TOADEATER (RIP) zu nennen, weil dies alles einfach ganz fantastische Bands und Menschen sind. Diese Aufzählung könnten wir noch weiter fortführen. Die Bands, die wir direkt jetzt vergessen haben aufzuzählen, wissen, dass sie mit gemeint sind ;)
Zum Abschluss ein kurzes Brainstorming:
Abbath: Timeless classic.
Markus Söder: Mukbang Influencer #SöderIsst.
GATECREEPER: Rockiger wird es nie mehr.
Achterbahnfahren: Am liebsten allein und in der Nacht.
(Münchner) Oktoberfest: Hölle auf Erden.
FLESIA in zehn Jahren: Wir brauchen immer noch mehr Blastbeats.

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
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