Nur wenige Wochen sind vergangen, seit HÄMATOM dort gespielt haben, wo Konzerte mehr sind als Eskapismus – und Musik zur Haltung wird. Mitten im Krieg, mitten in Europa, dort, wo Luftschutzsirenen zum Alltag gehören und Kultur trotzdem weiterlebt, hat sich die Band bewusst auf eine Reise begeben, die weit über Tourbus, Bühne und Setlist hinausging. Für Schlagzeuger Süd war es keine Provokation und kein politisches Kalkül, sondern eine zutiefst persönliche Erfahrung, die bis heute nachhallt. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie sich diese Tage in der Ukraine mit etwas Abstand anfühlen – und warum diese Konzerte vielleicht die sinnvollsten seines bisherigen Lebens waren.

Eure Konzerte in der Ukraine sind jetzt ungefähr zwei Wochen her. Wie ordnest du diese Erfahrung inzwischen ein?
Das war die nachhaltigste Reise meines privaten und auch beruflichen Lebens und vielleicht die sinnvollsten Konzerte, die ich je gespielt habe. Ich will damit keine Konzerte in Deutschland schmälern. Das ist immer eine große Freude, macht mir sehr viel Spaß. Diese Reise und diese Konzerte in der Ukraine, da gab es natürlich viele verschiedene Ebenen, die es bei einem normalen Konzert in unserem beschützten Deutschland nicht gibt.
Zum Beispiel?
Was ich mitgenommen habe, ist einmal die Begeisterung dieses wirklich momentan sehr starken Volkes, diese Dankbarkeit, dass wir da sind, wo ich dann immer gesagt habe: Ihr müsst nicht dankbar sein, dass ich hier bin, weil ich kann nach drei Tagen wieder gehen. Ihr seid seit längerer Zeit standhaft und tragt einen Krieg aus, der nicht euer Krieg alleine ist. Es ist ein Krieg, der im Prinzip Europa verteidigt. Und ich habe so viel Stärke in diesen Menschen gesehen, gleichzeitig so viel Freude und so viel Kraft. Es war zum einen dann total schön, da zumindest ein kleiner Teil davon zu sein. Dass sie mir das Gefühl gegeben haben, mit meiner Musik gebe ich ihnen jetzt nochmals Kraft und kann ihnen so ein, zwei Stunden vielleicht versüßen. Und zum anderen ist es auch so ein bisschen mein Zeichen der Solidarität, dass ich sehr, sehr hinter diesem Staat stehe und auch hinter ihrer Standhaftigkeit.
Wie stehst du persönlich zum Thema Krieg, Waffengewalt und militärischen Auseinandersetzungen?
Ich selbst würde wohl nie eine Waffe in die Hand nehmen, meine Waffe ist das Instrument.

Wie kann man sich das initiale Gespräch innerhalb der Band darüber vorstellen, wenn man aus dem Nichts eine Anfrage erhält, in einem Kriegsgebiet ein Konzert zu spielen?
Keiner von uns hatte irgendwie die Idee oder im Kopf, ein Konzert in der Ukraine zu spielen. Ich glaube, wenn man nicht so in die Tiefe geht und darüber nachdenkt, dann stellt man sich das so vor, dass im Prinzip ein ganzes Land im Schützengraben liegt. Das ist zumindest so die kindliche Vorstellung. Ich würde aber mal behaupten, die Vorstellung vieler Erwachsener ist davon gar nicht so weit entfernt. Wir sind von einer ukrainischen Agentur eingeladen worden, die gesagt haben: HÄMATOM ist eine Band, die ist politisch, die zeigt Kante. Hier gibt es Leute, die hätten voll Bock drauf, dass diese Band Konzerte in der Ukraine spielt. Habt ihr Bock, vorbeizukommen? Die Reaktionen in der Band waren sehr unterschiedlich.
Wie genau?
Ich bin ganz offen und ehrlich, meine erste Reaktion war: Nee, geht nicht, ich fahre nicht in ein Kriegsgebiet. Ich kann diese Risiken nicht einschätzen. Ich weiß überhaupt nichts darüber. Die Anfrage kam außerdem genau, nachdem Kiew stark angegriffen wurde in der Nacht zuvor. Das war für mich ein weiterer Grund, um zu sagen, das geht nicht. Das ist mir viel zu gefährlich. Ich habe selbst Kinder. Das ist letztendlich eine Entscheidung, die kann ich auch gar nicht alleine tragen. Andererseits war da z. B. ein Ost, der gesagt hat: Machen. Interessanterweise, er hat auch Kinder. Aber für ihn war klar, wenn es eine Anfrage gibt, dann wohl auch einen Plan, wie man dort Konzerte spielen kann, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Wir waren zu diesem Zeitpunkt auf einem Videodreh, mussten alle drüber geschlafen. Und am nächsten Morgen hatten wir einen Call mit unserem Management.
Wie lief der Call?
Ich bin mit dem gleichen Gefühl in diesen Call, wie es anfangs hatte. Doch nach kurzer Zeit habe ich auch gesagt: Na klar, machen wir das. Das war keine rationale Entscheidung mehr. Ich wollte nur noch einmal Rücksprache mit meinen Angehörigen halten. Meine Frau hat sofort gesagt: Das müsst ihr machen. Wenn du mal was Sinnvolles mit deiner Musik machen kannst, dann ist es diese Reise. Da war ich fast ein bisschen schockiert, dass da gar nicht so die Angst da gewesen ist.
Mit wem hast du vorab noch gesprochen?
Meine Mutter habe ich viel später gefragt. Ich hätte sie eher ängstlich eingeschätzt, aber die ist im Moment sehr aktiv in der Friedensbewegung. Und bei ihr war die Reaktion: Unbedingt machen, das ist eine ganz tolle Sache. Sie hatte so ein bisschen Bedenken, weil ich bei HÄMATOM eine Totenkopfmaske trage. Ich habe ihr erklärt, dass ich diese nur auf der Bühne aufsetzen werde.
War das für dich bei euren öffentlichen Auftritten eine Frage der Pietät?
Ja. Wir waren auch mit einem Doku-Team unterwegs und haben z. B. zerbombte Häuser, Mahnmale und vieles mehr angeschaut. Dafür bin ich natürlich nicht mit einer Maske dagestanden. Das wäre wirklich Kriegstourismus oder einfach geschmacklos.
Und wie hast du es deinen Kindern erklärt?
Dem Kleineren, muss ich zugeben, habe ich es verheimlicht. Weil da gibt es, glaube ich, diese Vorstellung: Krieg ist Krieg. Der dachte, der Papa zieht jetzt einen Stahlhelm auf. Und es ist sehr ungewiss, ob er zurückkommt.
Und die größeren?
Die sind mitten in der Pubertät, die hatten schon ein bisschen Angst, haben aber im Prinzip auch gesagt: Mach es und komm heil wieder zurück.
Glaubst du, wenn ihr jetzt nicht Ost gehabt hättet, der auch so eine persönliche Verbindung zu dieser Region hat, dass ihr diese Tour gespielt hättet?
Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich hätte die Angst überwogen. Und wie du sagst, das habe ich auch erst bei der Reise gemerkt, dass bei ihm eine ganz andere Verbundenheit herrscht. Ost ist in jungen Jahren 1989 aus Polen geflohen. Er hat also die Zeit der russischen Einflussnahme noch mitbekommen. Das war zwar eine polnische Regierung, die aber unter Russland durchaus gelitten hat. Unsere Reise hat uns durch Polen geführt und wir haben im Zuge dessen seine Oma besucht, die natürlich nochmals eine ganz andere Beziehung zu den ganzen Themen hat.
Gab es denn vor, während und nach der Reise notwendige Änderungen oder Anpassungen, was jetzt Reisen oder eure Unterkunft betrifft bzw. auch triviale Dinge wie einen Soundcheck?
Es gab schon so ein paar Ungereimtheiten, die temporär für Verunsicherungen gesorgt haben. Am Anfang hieß es, der Zug ist das sicherste Fortbewegungsmittel, ein Zug wird nicht angegriffen, und schlussendlich ist man doch von Zug auf ein Auto geswitcht. Das war jetzt nicht unsere Entscheidung, sondern die von der Delegation dort. Dann gab es eine Begleitperson, eine Ukrainerin aus Deutschland, die hätte mitkommen sollen. Als ihr Gepäck in Krakau nicht ankam, hat sie gesagt, sie bleibt jetzt erst mal dort. Das war gerade zu dem Zeitpunkt, als wir an der polnisch-ukrainischen Grenze gewartet und die Sachen von unseren Bussen in die ukrainischen umgeladen haben. Es war kalt, es war dunkel, es war neblig – also wie man sich so eine Grenze vorstellt.
Wie seid ihr mit der Sprachbarriere umgegangen?
Wir hatten eine ukrainische Dolmetscherin, die Viktoria. Die hat mir vor allem durch ihre Souveränität jegliche Angst genommen. Sie lebt direkt an der Grenze, also im wirklichen Kriegsgebiet, und hat uns in Lwiw und Kiew begleitet. Sie hat uns gesagt, wie das hier läuft: Die Ukrainer haben ein sehr gutes Frühwarnsystem, was Luftangriffe angeht. Sie hat uns auch erklärt, dass Straßen nicht angegriffen werden, dass wir auf keiner militärisch interessanten Route fahren und dass wir nicht nachts unterwegs sind, wenn die militärischen, logistischen Veränderungen passieren.

Wie kann man sich jetzt als Außenstehender eure Gespräche zwischen diesen Shows vorstellen oder auch die Stimmung in der Band?
Unsere Stimmungen waren auch auf einer Reise. Bis wir die Grenze übertreten haben, habe ich immer gesagt, das ist die absolute Blackbox, die ich vor mir habe. Ich habe mich natürlich vorher informiert, ich hatte mehrere ganz tolle Gespräche mit dem DJ Schiller. Der war oft in der Ukraine, und er hat es relativ schnell geschafft, bei mir Angst in Respekt vor Luftangriffen zu verwandeln. Das heißt, ich konnte so ein bisschen erahnen, wie es sein könnte, aber letztendlich nicht final.
Und dann kamen wir an: Erste Station war Lwiw. Die Stadt ist ja noch relativ nah an der polnischen Grenze und wird relativ selten angegriffen. Es ist eigentlich alles fast so, wie wenn du in einem anderen Land tourst, nur dass dir in den Hotels beim Check-in auch immer der Schutzraum gezeigt wird. Das sind die Momente, in denen du daran erinnert wirst, wo du gerade bist, und die wieder so für Verunsicherung oder Angst sorgen.
Wie war es bei dir?
Ich habe mir alles sehr bewusst vor Augen geführt: Also, ich bin im Stock so und so, ich muss gegebenenfalls schnell runter und den Schutzraum aufsuchen, dann bin ich in Sicherheit. Ich habe nie infrage gestellt, ob ich in einem Schutzraum sicher bin. Wenn man das tut, dann sollte man die Reise bleiben lassen.
Hat dich nichts verunsichert?
Doch. Es wurde uns z. B. versprochen, dass wir im Hotel nicht höher als im ersten Stock untergebracht werden. Wir kamen ins erste Hotel, und ich glaube, die tiefste Etage, in der einer von uns sein Zimmer hatte, war die sechste von elf. Das fand ich nicht cool. Dann kam aber wieder Viktoria und meinte, ich kann auch bedenkenlos in die Etage 13 gehen. Es ist nicht so, dass es Alarm gibt und es bleiben nur noch zehn Sekunden, um dich in Sicherheit zu bringen. In der Regel hast du noch mehr als zwei Stunden Zeit.
Hat es euch in der Band geholfen, miteinander zu sprechen?
Es ist auf jeden Fall für eine Band eine sehr gute Teambuilding-Maßnahme. Natürlich gab es sehr viele Gespräche untereinander. Wie es so ist: Jeder Charakter ist anders. Der eine erzählt viel, dem anderen muss man ein bisschen was entlocken. Wir haben gemeinsam am Vortag der Abreise einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht. Der Leiter hat gesagt: Bitte setzt euch jeden Abend zusammen – und wenn es nur ganz kurz ist –, um eure Gefühle auszutauschen. Jeder soll sagen, wie er sich fühlt, ob er irgendwas gesehen hat und was ihn gerade sehr beschäftigt. Und das haben wir versucht, wirklich jeden Tag zu machen, manchmal auch auf der gemeinsamen Busfahrt. Und deswegen gab es auf jeden Fall einen größeren Austausch untereinander.

Wie haben andere Bands auf eure Pläne reagiert?
Ich habe spaßeshalber eine befreundete Band gefragt, ob sie auch Lust hätten und so, und da war ehrlicherweise die erste Reaktion: Sorry, das ist mir jetzt zu heiß. Ich behaupte, wahrscheinlich würden es gerade nicht so viele machen. Aber vielleicht können wir ein bisschen Botschafter sein und sagen: Hey, das ist machbar, haltet den Kontakt, und die Kultur soll weiterleben, auch zu Kriegszeiten. In der Ukraine gibt es sehr viele Menschen, die voll Bock drauf haben, auch auf internationale Künstler. Man muss wissen: Die Leute, vor allem auch Jugendliche, die wollen natürlich weiter weggehen, die wollen ihren Alltag. Die haben – das wurde mir auch wieder durch Viktoria bewusst – nicht nur einen Krieg seit 2022, sondern die hatten genauso wie wir auch Corona.
Wie hat Corona die aktuelle Situation im Land beeinflusst?
Da gibt es Jugendliche, die im Prinzip seit fünf Jahren dauernd eingeengt und eingeschränkt sind – durch Corona-Maßnahmen oder durch Sperrstunden. Und die haben natürlich auch ein Recht darauf, Konzerte zu besuchen, Partys zu feiern, und würden das gerne nicht nur mit ukrainischen Bands machen, sondern eben auch mit Musikern aus der ganzen Welt. THE RASMUS waren im Sommer da. Viktoria hat erzählt, dass sehr viele französische Bands in ihre Heimatstadt kommen und dort sogar an der Front spielen.
Was würdest du anderen Musikern raten?
Seid aufgeschlossen! Wenn ihr euch das zutraut, dann besucht die Ukraine. Es gibt da so viele tolle, nette Menschen, die hungrig nach guter Musik und Live-Konzerten sind.
Würdet ihr das auch wieder machen?
Wir würden das auf jeden Fall wieder machen. Kaum waren wir zurück in Polen, haben wir uns gedacht, wir würden gerne wiederkehren.

Eure Fans haben sehr unterschiedlich auf eure Ankündigung reagiert, diese Konzerte zu spielen. Wie ist das bei euch angekommen?
Wir sind natürlich darüber entsetzt, dass wir eine musikalische Reise in ein Land machen, das angegriffen wird, und dafür gehatet werden. Es gab so ein Bauchgefühl, dass das passieren könnte. Dass es in dem Maße passiert, das hat uns schon sehr schockiert. Facebook ist dafür besonders bekannt. Auf der Hinreise haben wir noch einen Post dort gemacht ohne politische Inhalte, dass wir uns auf die Reise freuen und all das. Das war Wahnsinn, wie viele schreckliche Hater-Kommentare es dafür gab. Ich kann dem ganz gut aus dem Weg gehen, ich habe es einfach nicht mehr durchgelesen. Ost hat sich das angetan, war dementsprechend schlecht drauf. Und ja, ich bin da einigermaßen schockiert darüber, dass eine für mich sehr eindeutige Situation für andere überhaupt nicht klar ist – und sie sagen, es wäre nicht ihr Krieg oder die Ukraine sei schuld oder Ähnliches.
AS I LAY DYING spielen demnächst Konzerte in Russland. Wie stehst du dazu?
Das wusste ich ehrlicherweise nicht. Das ist natürlich eine schwierige Situation. Ich finde die Regierung Russlands problematisch, das ist für mich ein eindeutiger Angriffskrieg und ein größenwahnsinniger Diktator. Aber ich habe natürlich nichts gegen das russische Volk. Das ist die große Herausforderung. Ich finde es trotzdem schwierig gerade, weil: Wie kommuniziert man das? Gerade Social Media ist leider schwarz-weiß. Aber ich für meinen Teil denke mir jetzt auch nicht, man darf es nicht machen. Ehrlicherweise muss man die Kultur und die Kommunikation aufrechterhalten. Aber gut, dass ich das jetzt erfahre. Ich werde mir auf jeden Fall die Reaktionen anschauen.
Wo siehst du die größten Risiken, konkret bei Konzerten in Russland?
Was natürlich nicht passieren darf, ist, dass sich diese Bands instrumentalisieren lassen von der Regierung. Und ich glaube, diese Gefahr könnte schon ein bisschen bestehen.

Du hast es bereits angesprochen: Ihr hattet ein Filmteam dabei. Was habt ihr jetzt im Nachgang zu dieser Ukraine-Reise noch geplant? Auf den Fotos hat man HÄMATOM zum ersten Mal ohne Masken gesehen, was nach sehr vielen Bandjahren ein sehr großer Schritt ist.
Als wir uns dazu entschieden haben, diese Reise zu machen, haben wir gesagt, wir wollen es unbedingt festhalten für uns. Wir wollen eine Doku darüber machen. Ich glaube, man merkt schon in diesem Interview, es gibt so viele Ebenen, so viele Schichten dieser Reise. Es ist nicht nur: Eine Band geht in ein benachbartes Ausland und spielt ein Konzert, sondern es ist wahnsinnig komplex. Sowohl emotional, aber natürlich auch politisch. Und deswegen war die Idee: Wir wollen es nicht nur als kleines Instagram-Reel festhalten, sondern wir planen eine einstündige Dokumentation. Der Schnitt hat aber noch nicht begonnen, und wir haben wahnsinnig viel Material. Als wir den Dreh und Co. genauer geplant haben, wurde uns klar, wie vorhin schon erwähnt: Man kann die Reise nicht komplett maskiert machen. Das heißt, auch in der Dokumentation werden die Emotionen von uns ohne Masken eingefangen. Und man wird neben dieser Reise, auf der man sehr viel über dieses Land und den Krieg erfährt, sehr viel über uns und unsere Gefühle erfahren. Man wird HÄMATOM so nahe kommen wie noch nie. Und ich bin ehrlicherweise sehr gespannt drauf, weil wir alle noch nicht gesehen haben, was da gefilmt wurde.
Wie meinst du das?
Wir waren so mit uns beschäftigt, die Kameras waren gleichzeitig immer an. Und es hat sehr ruhig begonnen in Lwiw, wo ich mich gefragt habe: Macht das eigentlich Sinn mit dieser Doku? Und hat sich zu so einem Drehbuch entwickelt, wie man es dramaturgisch vielleicht nicht hätte besser schreiben können. Wir kamen in Kiew in einen der schlimmsten Angriffe auf die Stadt in der Zeit des Krieges, mitten rein.
Du hast es gerade angesprochen: Als ihr in Kiew wart, kamen 640 Marschflugkörper, und 600.000 Menschen waren im Großraum der Stadt anschließend ohne Strom. Das ist ein bisschen das, was man jetzt als Worst Case sehen kann. So nach dem Motto: Wir spielen ein Konzert in der Ukraine, und dann passiert das. Kannst du gerade zu diesem Kiew-Kapitel noch ein bisschen erzählen – was da jetzt der große Unterschied war in der Logistik, bei dir selbst, beim Konzert?
Genau. Wir wurden, wie immer auf der ganzen Reise, wahnsinnig gut betreut und geführt. Bis dato wir in Kiew ankamen, hatten wir keine Doppelzimmer. Es war jedem freigestellt, ein Doppelzimmer oder ein Einzelzimmer zu nehmen. Ost hat im Hotel dann an meine Tür geklopft. Wir hatten das vorher so ausgemacht: Lass uns doch, wenn es brenzlig wird, wenn wir dann wirklich in Kiew sind, wenn die Gefahr sozusagen größer wird, zusammen in ein Zimmer gehen. Wir haben zwar alle diese Alarm-App, die ist relativ laut, aber ich muss sagen, die ging auch während einer Busfahrt, und Ost hat sie komplett verschlafen. Ich saß neben ihm, und er hat es gar nicht mitbekommen. Das hatte ich ihm auch erzählt. Insofern war das für uns sinnvoll: Sollte man sie nicht hören, dass man sich gegenseitig wecken kann. Dann ging der erste Alarm früh um vier oder so los. Bis dato waren wir komplett unberührt gewesen von jeglichen Alarmen.
Und wie ging es weiter?
Wir standen alle innerhalb einer Hundertstelsekunde in unserem Bett. Gefühlt zwei Sekunden später waren wir angezogen und fünf Sekunden später unten im Bunker. Das war glücklicherweise ein Fehlalarm. Das hat sich aber den ganzen Tag durchgezogen. Es gab wahnsinnig viele Alarme. Unsere Betreuerin hatte ein besseres Monitoring zu all den Angriffen. Die konnte immer sagen: Es ist nichts, es sind Fehlalarme. Das heißt nur, dass irgendwelche Flugzeuge an der Grenze hochgegangen sind. Dann hatten wir Soundcheck in dieser Mall, da gab es wieder einen Alarm. Wir mussten auch die Pressekonferenz improvisieren und im Schutzraum abgehalten. Das war eine große Tiefgarage. Das sind schon diese besonderen Momente. Der Grund, warum wir uns in dieser Tiefgarage einfinden, der ist schrecklich. Was dort jedoch passiert – dass alle improvisieren, trotzdem gut drauf sind und den Alltag weiterverfolgen –, das ist auch wieder schön mit anzusehen. Ich habe in den Momenten oft an die deutsche Bevölkerung gedacht.
Inwiefern?
Da denke ich, dass viele wieder rummosern oder sich verweigern würden. In der Mall haben alle zusammengehalten und geschaut, dass dieses gemeinsame Ziel, das man hat, weiterverfolgt wird.
Wie ist es schließlich ausgegangen?
Es gab wieder Entwarnung. Wir konnten das Konzert spielen. Während der Show kam es wohl zu neuen Alarmen. Die haben wir gar nicht so mitbekommen. Es gibt verschiedene Arten von Alarmen: die, die sagen, dass es Bewegung beim russischen Militär gibt, und dann genauere, konkretere. Als wir die Show gespielt hatten, hast du bei allen gemerkt: Die Situation wird jetzt ernst. Wir wurden erneut in die Tiefgarage geführt und über die Situation aufgeklärt. Das wussten die interessanterweise alle. Die meinten, es wird heute Nacht einen richtig krassen Angriff geben. Zu diesem Zeitpunkt hat meine Alarm-App wiederum Entwarnung gegeben. Ich weiß nicht, was die für andere Kanäle haben. Das war total interessant. Wir waren noch eine ganze Weile in der Tiefgarage.

Und dann?
Wurde es wohl konkreter. Sie haben gesagt, wir haben ein kleines Zeitfenster, um ins Hotel zu fahren. Im Hotel stehen Feldbetten im Bunker oder im Schutzraum. Es ist warm und es gibt Wasser. Entweder wir fahren jetzt und haben es ein bisschen schöner. Oder wir werden die ganze Nacht hier in dieser Tiefgarage sein. Wir sind sofort ins Hotel gefahren. Die Anspannung bei allen war allgegenwärtig, das war ein Ausnahmezustand. Da wurden auch rote Ampeln überfahren, und es war sehr viel Polizei unterwegs. Die haben geschaut, dass es keine Unfälle gibt und dass jeder in seinen Schutzraum kommt.
Kannst du dich überhaupt noch an die Show in Kiew erinnern?
Während unserer Show hat man gemerkt, dass es leerer wurde. Am Anfang haben wir es auf uns bezogen. Auch da gab es später Erklärungen. Das Einkaufszentrum ist ein bisschen außerhalb. Gerade die jüngeren Leute mussten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zurück.
Wie ging es dir persönlich?
Wenn ich den Vergleich ziehen darf: Du machst eine Bergtour. Die Wetter-App sagt, ein Sturm zieht auf. Jetzt hast du noch so und so viele Minuten, um die Schutzhütte zu finden. So hat sich das angefühlt. Dann waren wir im Schutzraum im Hotel, und ich habe mich total sicher gefühlt, bevor es richtig losging. Ein paar Raucher von uns waren noch draußen. Die haben es richtig scheppern gehört und sind schnell nach unten gekommen. Ich bin einfach unten geblieben und habe mich auf ein Feldbett gelegt. Ich wollte kein unnötiges Risiko eingehen.
War sonst noch jemand bei euch?
Wir waren mitten im Regierungsviertel, auf jeden Fall zusammen mit deutschen Politikern und vielleicht auch dem BND. Es gibt teilweise noch Informationswege, die für uns gar nicht so zugänglich sind, mit genauen Reports, wann welche Drohnen und Co. sich auf Kiew zubewegen.

Wir haben kaum über Musik gesprochen. Konntet ihr in der Ukraine eure HÄMATOM-Shows so spielen wie in anderen Ländern auch?
Ja, wir haben relativ eins zu eins unsere Show durchgezogen, inklusive Drumsurfing. Das haben wir auch mitgenommen. Zwei Sachen waren anders: Es gibt sehr oft Stromausfall. Das heißt gar nicht, dass es Probleme gibt, sondern oft, dass Reparaturarbeiten am Stromsystem durchgeführt werden. Dafür müssen sie den Saft kurz abschalten und umschalten. In Lwiw war das eine Minute. Da wurden wir auch vorgewarnt. Zudem gibt es zur Hälfte der Show immer Versteigerungen für einen guten Zweck. Das dauert so 20 Minuten. Für die Band eine Pause. Wir sind auf der Bühne geblieben und haben auch mitmoderiert. Wir hatten von unseren Sponsoren eine Gitarre dabei, die wir unterschrieben und versteigert haben. Das war ebenfalls für einen guten Zweck, also z. B. für Hinterbliebene. Ansonsten war alles so, wie man HÄMATOM kennt: auf die Mütze, brachial. Eine der Besonderheiten war, dass wir unseren Song „Mörder“ vor allem Putin gewidmet haben.
Hattest du das Gefühl, dass die Menschen einige Stücke besonders fühlen? Oder dass da eine besondere Stimmung aufkam, weil ihr irgendwas gemacht habt?
Ein Song war schon sehr besonders. Den haben wir zusammen mit THE HARDKISS gemacht. Das ist eine sehr bekannte ukrainische Band, die seit dem Krieg im Exil lebt. Diesen Song haben wir eine Woche vorher rausgebracht und in dieser Woche hatte der schon gut seine Runde gemacht. Die Stimmung war durch die emotionale Verbundenheit schon einzigartig. Hinten raus ist noch ein Mitsingteil, da haben wirklich alle mitgesungen.
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Wie leicht fällt es euch, mit HÄMATOM jetzt „back to business“ zu gehen? Ihr habt kommendes Jahr auch schon eine Gagamania in München mit J.B.O. angekündigt.
Ja, das schließt sich nicht aus. Diese Bandbreite finde ich eigentlich wirklich toll. Freude und Trauer gehören für mich im Leben zusammen und sind oft auch sehr nah beieinander. Es gibt natürlich auch die Momente, wo ich mir manchmal denke: Oh, passt das jetzt zusammen? Aber ich glaube, dass unsere Fans uns deswegen auch hören, lieben, und sie tragen das auf jeden Fall meistens mit. Was eher so die Herausforderung ist: Du kommst zurück und hast einen krassen Alltag – sowohl wieder mit der Band, weil jetzt wieder viel los ist, dazu Weihnachten mit der Familie –, dass dieser Alltag nicht wieder alles platt macht, darauf achte ich.
Wie meinst du das genau?
Sich die Zeit zu nehmen und an die Menschen in der Ukraine, an diesen schrecklichen Krieg zu denken. Wie geht es denen? Was mich am meisten berührt hat, waren die Schicksale einzelner Personen. Wir haben hier in den Nachrichten Zahlen von gefallenen Leuten, von kaputten Häusern und so. Und wenn aus diesen Zahlen dann Schicksale und Menschen werden, das fand ich so das Ergreifende. Wie zum Beispiel unsere Dolmetscherin. Ihr Mann ist im Krieg, sie sieht ihn zweimal im Jahr und hat zwei kleine Kinder zu Hause. Sie lebt wirklich an der Grenze, an der Front. Das heißt, den Alarm hat sie schon lange abgeschaltet, weil der durchklingelt.

Welchen Menschen seid ihr noch begegnet?
Da gab es einen Soldaten, der direkt von der Front zu uns auf das Konzert gekommen ist. Der hat viel erzählt und auch ganz stolz gesagt, dass er zum Glück auf niemanden schießen muss, weil er nur Logistik macht. Und dann waren wir an vielen Gedenkstätten. Wir kennen diese Gedenkstätten eher aus dem Zweiten Weltkrieg. Die sind meistens anonym, weil oftmals nur Kreuze oder Namen dastehen. Dort ist alles visualisiert mit Fotos. Du hast zu jedem gefallenen oder vermissten Soldaten ein Foto. Das sind teilweise 18-jährige junge Männer, die für diesen Scheiß gestorben sind. Das waren für mich als Pazifist die schlimmsten emotionalen Momente.
Wie beschäftigt dich das konkret?
Die Mutter, die diesen Soldaten verloren hat – was ist aus der geworden? Landet die jetzt in so einer Gewalt- und Rachespirale? Da steckt so viel dahinter, und das ist ehrlicherweise so schrecklich. Und das wird jetzt wieder Generationen dauern, bis man das wieder ausbügeln kann.
Ist das etwas, wo du sagst, da bist du ganz dankbar dafür, dass du Frank Jooss von Süd trennen kannst? Oder geht das nicht?
Ich glaube, das ging noch nie zu 100 Prozent. Man kann sich eine Maske überziehen und dann vielleicht Dinge tun oder sagen, die man ohne Maske nicht so gesagt hätte. Aber im Großen und Ganzen glaube ich auch: Jeder Schauspieler kann seinen individuellen Charakter nicht total verstellen. Das heißt, es ging schon immer zusammen. Vielleicht geht es jetzt ein bisschen mehr zusammen, weil wir durch die Reise in Zukunft auch die Personen, die hinter den Himmelsrichtungen stecken, etwas offener zeigen werden. Das können wir uns schon vorstellen, weil das ehrlicherweise auch neue Möglichkeiten mit sich bringt, um z. B. emotionale Statements ohne Maske zu machen. Das ist alles allerdings noch nicht zu Ende gedacht.
Ihr habt ja auch gerade die West Music Foundation gegründet. Kannst du das ein bisschen einordnen?
Wir haben die Foundation gegründet, um sozial schwache Kinder beim Erlernen eines Musikinstruments zu unterstützen. Dafür arbeiten wir mit einer anderen Stiftung zusammen. Vor Kurzem wurden wir zu einem Vorspielabend eingeladen, um die Foundation vorzustellen. Das hat zeitlich nicht geklappt, aber das war so einer der Momente, wo ich mir gedacht habe: Da wäre es besser, ohne Maske dazustehen. Es gibt Themen, da geht das für mich nicht richtig auf.
Auch uns erreichen Stimmen, die sagen: „Die Musik von HÄMATOM ist es vielleicht nicht, aber soziales Engagement, politische Stellung und so weiter – das nötigt mir Respekt ab.“ Ist das etwas, das ihr häufiger hört? Oder sagt ihr selbst: Wir können über die Musik hinaus einen gesellschaftlichen oder politischen Beitrag leisten, der vielleicht viel wichtiger ist?
Da muss ich ehrlich sein: Die treibende Kraft ist der Ost. Jedes politische Statement bringt einen Shitstorm mit sich, und den musst du ertragen. Das ist total anstrengend. Es bringt aber auch positives Feedback mit sich. Gestern wurde ich von zwei Leuten angesprochen, die gesagt haben: „Es ist geil, dass ihr das gemacht habt, dass ihr in der Ukraine wart.“ Einer meinte, er habe an die Ukraine gar nicht mehr so richtig gedacht und sich jetzt wieder intensiv mit dem Thema beschäftigt. Das ist eine super Sache. Genau das ist ja das Problem: Putin zerwirft ein Land, Amerika zieht sich zurück, Europa kommt nicht aus dem Quark – und dann wird es vergessen. Natürlich bewegt man nur etwas im Kleinen, aber wenn man etwas bewegt und neben den Hasskommentaren auch diese positiven Reaktionen bekommt, dann ist das eine tolle Sache.

Also nutzt ihr eure Reichweite ganz bewusst?
Ja, es gibt auf jeden Fall diesen Gedanken, dass man – wenn man die Motivation hat – auch über die Musik hinaus Dinge bewegen kann. Wir haben eine gewisse Reichweite. Warum sollte man die nicht nutzen? Vor allem jetzt auch mit dieser Stiftung, um sozial schwachen Kindern das Musizieren zu ermöglichen. Ich sehe das auch bei Freunden aus meinem Bekanntenkreis, die ähnliche Gedanken haben, sich aber fragen: Was ist eigentlich mein Hebel? Wie kann ich so etwas machen? Dass wir das jetzt umsetzen konnten, darauf bin ich ein bisschen stolz. Das ist in diesem Jahr nach der Ukraine-Reise die zweite wirklich sinnvolle Sache gewesen. Alles andere kann jeder: Musik machen, neue Songs schreiben, auf Tour gehen. Aber so etwas zu machen, war für mich auch persönlich wahnsinnig befriedigend.
Was hat dir das persönlich gegeben?
Ich habe da sehr viel „Ich“ reingesteckt, wir hatten Woche für Woche Calls, und das waren immer die Termine, auf die ich richtig Bock hatte. Da dachte ich: Okay, das ist jetzt mal wieder etwas mit Inhalt. Klar, ein paar Follower mehr auf Instagram sind schön, aber ganz ehrlich: Das ist auch schnell verpufft. Wir stehen mit der West Music Foundation noch ganz am Anfang, aber ich bin total gespannt, wie sich das weiterentwickelt. Da gibt es ein tolles Team, das das mitbetreut, und das ist ein ganz anderer Schlag von Menschen. Viel mehr Idealismus. Musiker wollen Musik machen, fertig. Pädagogen wollen, dass Kinder Bildung erfahren, dass es Kindern aus schwierigen Verhältnissen besser geht. Durch die Foundation hatte ich wieder viel Kontakt mit Lehrern und Sozialpädagogen – ich habe ja ursprünglich selbst Lehramt studiert – und das fand ich wahnsinnig bereichernd.
Verfolgst du ein bestimmtes Ziel mit der Foundation?
Wir wollen einfach möglichst vielen Kindern pro Jahr das Musizieren ermöglichen. Dafür braucht es viel Geld und Bekanntheit, damit viele Leute diese Möglichkeit überhaupt kennen. Es gab schon viele Rückmeldungen von HÄMATOM-Fans, die gesagt haben: „Ich habe mein Kind angemeldet, vielen Dank.“ Das ist das Ziel. Ich will dafür keinen Ruhm. Ich will zu Hause sitzen und mir denken: „Geil, jetzt lernen 100 Kinder ein Instrument.“ Und natürlich wäre es lustig, wenn sich daraus irgendwann eine Band entwickelt, die wir dann mit auf Tour nehmen können.
Und zum Abschluss: Was hätte West zu eurer Ukraine-Reise gesagt, und wie würde er da jetzt mit euch darauf zurückblicken?
Sehr gute Frage. Er war natürlich immer in unserem Kopf dabei, und wir haben uns selbst diese Frage immer wieder gestellt. Wir wussten, er wäre begeistert dabei gewesen. West kam aus Nürnberg, und unser Proberaum ist bei Bayreuth. Ab Nürnberg sind wir immer zusammen gefahren, haben viel über die Band geredet und hatten schöne Stunden zusammen. Wir sind uns alle sehr sicher, dass er gesagt hätte: „Ja klar, das ist ja typisch HÄMATOM, dass man so etwas machen muss.“ Er hätte es mit seiner Begeisterung und mit dem unbedingten Willen, es auch durchzuziehen, auf jeden Fall mitgetragen. Und am Ende war er auch unser leidenschaftlichster Autofahrer – er wäre die Strecke wahrscheinlich komplett alleine durchgefahren.

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Alle Bilder der Ukraine-Reise werden mit freundlicher Genehmigung von HÄMATOM verwendet
Dieses Interview wurde per Telefon/Videocall geführt.

