Interview mit Peter Iwers von In Flames

Mit über 20jähriger Bandgeschichte und über zweieinhalb Millionen verkauften Tonträgern gehören IN FLAMES zu den Top-Acts der Metal-Szene. Unter den Fans sorgt dennoch – dem internationalen Erfolg zum Trotz – seit Jahren jedes neue Album der Schweden für Diskussionen. Bassist Peter Iwers mit dem Versuch, schon im Vorhinein die Wogen, die wohl auch „Siren Charms“ schlagen wird, zu glätten.

Inflames Siren Charms Header

Für die Promotion zu „Siren Charms“ seid ihr nochmal für ein paar Tage in Berlin – gefällt dir die Stadt?
Ja, sehr. Es ist eine sehr freundliche Stadt. Wir hatten eine schöne Zeit hier während der Aufnahmen und es ist cool, wieder hier zu sein.

Du hast es schon angesprochen: Dieses Mal habt ihr in Berlin aufgenommen. Warum habt ihr euch für das Hansa Studio entschieden und welchen Einfluss auf das Album hatte diese Entscheidung?
Peter Iwers 2014 - 02Nun, zunächst einmal haben wir unser Studio in Göteborg, in dem wir das letzte Mal aufgenommen haben, verkauft. Wir mussten also diesmal wo anders aufnehmen. Anders (Fridén, A.d.Red) hatte dieses Studio schon lange auf dem Radar. Es war ein lange gehegter Traum von ihm, dort ein Album aufzunehmen. Viele großartige Bands waren schon hier, Depech Mode oder U2 beispielsweise. Ich glaube, es war eine sehr gute Entscheidung – nicht zuletzt weil es gut für uns war, zum Aufnehmen dem Alltagstrott entrissen zu sein. Anstatt jeden Abend heimzufahren und abzuschalten, waren wir voll auf die Aufnahmen fokussiert. Dazu kommt die Magie des Ortes: In einem Raum, in dem schon so viele große Künstler gearbeitet haben, herrscht eine ganz besondere Atmosphäre – das hat uns definitiv inspiriert.

Wart ihr denn im Studio selbst noch kreativ tätig?
Ja, wir haben das Songwriting dieses Mal erst im Studio abgeschlossen – die Songs waren also noch gar nicht fertig, als wir dort ankamen. Ich glaube, das hat dem Album eine zusätzliche Note verpasst. Natürlich klingt es immer noch nach IN FLAMES, aber wir haben uns ja auch von Album zu Album stark weiterentwickelt. Dieses Studio war für uns der nächste logischer Schritt – und eine gute Entscheidung, glaube ich.

Ihr habt euch für die Aufnahmen einen zeitlichen Rahmen von sechs Wochen auferlegt. War es eine gute Idee, dieses Mal unter Zeitdruck zu arbeiten?
Ja, ich denke, das war eine gute Idee. Letztes Mal haben wir am Ende sogar zweimal aufgenommen. Zuerst eine Demo, und dann, nachdem wir diese ausgiebig angehört und das eine oder andere Detail nochmal geändert hatten, das Album. Dieses Mal sind wir ins Studio gegangen und haben einfach die ersten Ideen, die wir hatten, aufgenommen. Nicht immer als First-Take, ein paar Änderungen haben wir schon noch vorgenommen und gegen Ende wurde es dann auch ein bisschen hektisch, aber ich glaube generell schon, dass man unter Zeitdruck besser arbeitet. Man ist kreativer, einfach, weil man dazu gezwungen ist. Du hast einfach keine Zeit, herumzusitzen und dich mit anderem Zeug zu beschäftigen. Insofern denke ich, war es eine gute Vorgehensweise. Und man darf nicht vergessen: Als wir mit IN FLAMES angefangen haben, haben wir unsere Alben noch in zehn Tagen oder so aufgenommen – vergleichsweise dazu hatten wir dieses Mal richtig viel Zeit. (lacht)

Inflames Siren Charms CoverDas Album ist zudem das erste mit Niclas Engelin an der Gitarre. Welchen Einfluss hatte das auf das Resultat?
Nun, die Musik schreibt immernoch Björn, aber Niclas hat uns das Band-Gefühl zurückgegeben. Auf dem letzten Album haben wir ja nur zu viert gespielt. Das war auch eine interessante Erfahrung, aber das jetzt gemeinsam mit Niclas zu machen hatte einen großen Einfluss auf die Gruppendynamik in der Band.

In Flames - Rusted NailAlso fühlt es sich schon „natürlich“ an, Niclas in der Band zu haben?
Definitiv, ja. Ich meine, Niclas kam das erste Mal genau wie ich 1997 zu IN FLAMES und war für ein halbes Jahr Bandmitglied. Wir kennen ihn also schon wirklich lang. Dann ersetzte er Jesper, als der seine Auszeit genommen hatte, und war mit uns ein paar Jahre lang auf Tour, bevor wir ihm dann angeboten haben, vollwertiges Mitglied zu werden. Insofern fühlt es sich absolut natürlich an, ihn in der Band zu haben.

Das Album selbst klingt deutlich weniger aggressiv, weniger „-core“-Lastig als die beiden Vorgänger. War das euer erklärtes Ziel, oder hat sich das während des Songwritings so ergeben?
Ich denke, das hat sich einfach entwickelt. Ich meine, die Antwort kann natürlich unterschiedlich ausfallen, wenn du jemand anderen aus der Band fragst, aber für mich ist es einfach eine natürliche Weiterentwicklung dessen, was wir tun: Wir haben uns hinsichtlich des Arrangements verbessert und Anders hat sich hinsichtlich seines Gesangs verbessert. Das ist sein „Instrument“, und wie man hört, wollte er das eben auch zeigen und mehr klar singen als früher. Das hat natürlich einen großen Einfluss auf das Gesamtbild des Albums.

Diskutiert ihr Details wie die Gesangsarten für bestimmte Passagen, oder ist das Anders Entscheidung?
Er macht uns Vorschläge und in der Regel passt das dann auch. Er singt seine Passagen ein und zeigt sie uns, und wenn uns etwas nicht so gefällt, sprechen wir eben darüber. Aber das gilt für alle Bestandteile des Albums, nicht nur für den Gesang.In Flames 2014 - 02

Einmal mehr hat Örjan Örnkloo mit Synthesizer-Elementen ausgeholfen. In wie weit gebt ihr diesbezüglich eine Richtung vor oder wie läuft diese Zusammenarbeit ab?
Örjan schreibt wirklich viel Material und wir sortieren dann aus und verwenden das, was uns gefällt. Hauptsächlich sind es also seine Ideen, die wir dann an der passenden Stelle einfügen – bei manchen Songs machen wir ihm aber auch vage Vorschläge, wie wir uns das vorstellen.

Habt ihr auch schon einmal in Erwägung gezogen, mit ihm oder einem anderen Keyboarder aufzutreten, oder wird es bei Samples bleiben?
Wir haben das vor längerer Zeit mal diskutiert, aber wir haben die Idee dann wieder verworfen. IN FLAMES bestehen aus fünf Leuten – die Musiker, die wir für die Platten einbeziehen, bleiben Studiomusiker. Vielleicht gibt es hier oder da für eine oder zwei Shows mal einen Gastauftritt, aber eher nicht. Wir bleiben bei Samples vom Band.

Siehst du im Sample-Einsatz generell ein Problem für das Live-Feeling?
Nein. Ich denke, das verstärkt einige Songs nur. Wir machen das ja schon seit ’99 so, insofern ist das sehr etabliert bei uns.

Peter Iwers 2014 - 04Im Herbst spielt ihr eine Tour in vergleichsweise kleinen Hallen – was hat euch dazu bewogen und was erwartet ihr euch von diesen Shows?
Wir fangen mit einer Club-Tour an, danach geht es in die großen Arenen mit fetter Bühnenproduktion, Lichtshow und so weiter. Wir wollten klein anfangen, weil wir seit einem guten Jahr nicht mehr live gespielt haben. Da ist es schön, wenn man seinen Fans ersteinmal sehr nahe ist. Das hat was von einer Punk-Show: wir gehen einfach raus und spielen. Zwei Wochen später startet das große Ding da sind wir dann schon ein paar Wochen in der ganzen Live-Sache drin. Ein ganz normaler Prozess also: Man fängt klein an und bringt das Ganze dann auf den nächsthöheren Level.

Was gibt dir mehr? Die vertrauliche Atmosphäre einer Klub-Show oder die beeindruckende Atmosphäre einer Festival-Show vor zehntausenden Fans?
Ich mag beides. Wie eben schon erwähnt mag ich es, den Fans nahe zu sein, zwischen den Songs mal mit einem Zuschauer abzuklatschen und dergleichen. Das ist einfach schön. Andererseits ist eine riesige Bühne mit aufwändiger Produktion auch eine verdammt coole Sache. Insofern ist es echt schwer, sich da für das eine oder das andere zu entscheiden.

Ihr macht jetzt in Berlin ja auch ein Meet&Greet – wie wichtig ist dir, mit den Fans in direktem Kontakt zu bleiben?
Das ist extrem wichtig! Wir machen das schon so lange und ohne unsere Fans wären wir nicht in der Lage, das als Vollzeit-Job zu betreiben. Schon deshalb ist es mir sehr wichtig, Leute zu treffen, die uns treffen wollen. Und es macht ja auch Spaß: Du triffst nette Leute und hast Spaß – schließlich verbindet uns alle die Liebe zur Musik.

In Flames 2014 - 03Ist es mit eurem heutigen Bekanntheitsgrad heute schwieriger, den Kontakt zur Fan-Basis nicht zu verlieren, als es in euren Anfangstagen war?
Ich denke, es ist eher einfacher geworden – den Social-Media-Netzwerken sei dank. Ich habe Instagramm, eine eigene offizielle Peter-Iwers-Facebook-Seite und so weiter. Die Leute schreiben mir dort und ich antworte ihnen. Ich denke, das ist ein guter Weg, mit Leuten zu interagieren, die dir einfach eine Frage stellen wollen. Außerdem reisen wir heute viel mehr, da ergeben sich auch mehr Gelegenheiten, mit Leuten abzuhängen.

Gibt es denn schon Feedback zu „Siren Charms“?
Ja, natürlich. Wir haben viele positive Reaktionen bekommen, aber auch ein paar negative, klar. Es gibt immer zwei Perspektiven. Aber ich finde es wichtig, beide Positionen zur Kenntnis zu nehmen. Ich meine, was andere Leute denken wird nie die Art und Weise, wie wir ein Album schreiben, beeinflussen, aber trotzdem sind konträre Meinungen immer interessant.

Liest du auch Reviews und interessierst dich für die Meinung der Presse über euer Werk?
Nicht so sehr für die Meinung der Presse, um ehrlich zu sein – mich interessiert die Meinung unserer Fans. Und wenn ich lese, dass jemand schreibt, dass er das Album nicht gut findet, lässt mich das nicht kalt – weil ich eben denke, dass es gut geworden ist. Aber ich kann natürlich niemanden dazu zwingen, das Album zu mögen. (lacht)

Peter Iwers 2014 - 01Wie geht ihr mit der Tatsache um, dass ihr euch mit dem Album einmal mehr einen Schritt von den Fans eurer Göteborg-Metal-Zeit wegbewegt?
Ich hoffe, dass wir uns nicht von ihnen wegbewegen, sondern sie in eine neue Richtung mitnehmen. Wir haben nie behauptet, dass wir für immer eine Melodic-Death-Metal-Band bleiben würden. Wir sind eine Metal-Band und ich denke, dass die Musik, die wir schreiben, immer Metal bleiben wird. Genauso wird sie aber auch immer Einflüsse aus verschiedenen Musikrichtungen aufweisen – und das ist der entscheidende Punkt: Wir sind, was unsere Musik angeht, sehr aufgeschlossen. Deshalb werden unsere Alben auch nie gleich klingen, wir werden uns immer entwickeln. Ich hoffe einfach, dass die Leute unvoreingenommen an das Album herangehen, es nicht gleich mit „The Jester Race“ vergleichen, sondern es als das sehen, was es ist. Vielleicht hilft es sogar, für fünf Minuten zu vergessen, dass es sich um IN FLAMES handelt – hört es euch einfach erst einmal an. Wenn es euch dann gefällt, ist es gut. Wenn nicht, dann … gibt es nichts, was wir tun können.

Weißt du, was Jesper über das neue Material denkt? Hast du mit ihm über das neue Album gesprochen?
Nicht über das neue, aber ich weiß, dass er den Vorgänger sehr gut findet.

Zum Abschluss bitte ein Tipp: Welches 2014er-Album würdest du unseren Lesern empfehlen?
Die neue Mastodon, „Once More ‚Round The Sun“! Außerdem noch das neue Album von Avatar, einer wirklich guten Band aus Göteborg: „Hail The Apocalypse“.

Vielen Dank für das Interview!

In Flames 2014 - 01

Dieses Interview wurde per Telefon geführt.

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1 Kommentar zu “In Flames”

  1. M.P.

    Wenn man ließt das die Fans am wichtigsten sind und viele wie z.B. ich mit Clayman eingestiegen sind, finde ich das schon schade das man so weit abkommt von den Wurzeln
    Klar bleibt sich fast keine Band ihrem Anfangsstil treu, aber so hat man sie kennen gelernt und dahin gebracht wo sie jetzt sind.
    Aber das man noch weiter weg kommt in Zukunft wie die letzten 2 Alben finde ich schon schade.
    Viel Glück und Erfolg mit den Fans die ihr damit erreicht.

    Die Alten sind immer noch am besten. ;-)

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