Interview mit Joey Jordison von Sinsaenum

Joey Jordison war der vielleicht beste Schlagzeuger, den die Metalwelt je gesehen hat, ehe er aufgrund einer seltenen Nervenerkrankung plötzlich nicht mehr spielen konnte und von SLIPKNOT fallengelassen wurde. Doch Jordison ließ sich nicht unterkriegen: Er lernte das Schlagzeugspielen quasi neu und gründete zunächst SCAR THE MARTHYR, aus denen VIMIC hervorgingen, später dann mit Frédéric Leclercq (Dragonforce) die Death-Metal-Band SINSAENUM. Ein Gespräch über Schicksalsschläge und Reunions – vor allem aber den unbändigen Willen, der Jordison wieder dorthin gebracht hat, wo er hingehört: Hinter sein Schlagzeug.

Der Tourmanager bittet um einen Moment Geduld – er müsse noch einen geeigneten Ort für das Interview finden. Geeignet bedeutet vor allem nah am Backstagebereich. Er will nicht, dass Joey viel laufen muss. Wenig später wird klar, warum. Langsam und unsicher kommt Joey Jordison die Treppen herunter, der Tourmanager, der auch später während der Show die ganze Zeit auf Jordison achten wird wie eine Mutter auf ihr Kind, lässt ihn dabei keine Sekunde aus den Augen.

Joey wirkt, von der durchgemachten Erkrankung gezeichnet, um Jahrzehnte älter, als er ist – dass dieser gebrechliche Mann später hinter einem Schlagzeug sitzen und eine Extreme-Death-Metal-Show bestreiten soll, erscheint kaum vorstellbar. Die Begrüßung ist herzlich, doch Jordison wirkt zunächst etwas abwesend, es dauert ein wenig, bis das Gespräch schließlich in Gang kommt.

Gestern hattet ihr einen Day off – wie habt ihr den Tag verbracht? Sightseeing?
Wir haben uns ein paar Sachen angeschaut … nicht zu viel, aber eine, anderthalb Stunden bin ich herumgelaufen. Dann sind wir Abendessen gegangen – wir hatten Spaß! Ich bin gerne hier – es ist cool!

Die Tour ist zur Hälfte vorbei – gibt es eine lustige Anekdote?
Nicht wirklich. Eigentlich üben wir nur – die ganze Zeit: Im Bus, während des Soundchecks, während der Show. Aber es ist alles super, ich bin mit der Tour zu 100 Prozent zufrieden.

Eigentlich wollte ich dieses Interview mit dir schon im März 2017 führen, damals sollten VIMIC hier spielen. Die Tour wurde dann aber abgesagt, weil das Album noch nicht fertig war. Gibt es diesbezüglich Neuigkeiten? Gibt es die Band überhaupt noch?
VIMIC ist zu 100 Prozent am Leben! Zum Release-Termin kann ich dir erst mehr sagen, wenn ich selbst Genaueres weiß. Aber wir haben jetzt drei Aufnahmen, wir mussten das Label wechseln – aber jetzt geht es los. Wir warten nur noch auf das Veröffentlichungsdatum.

VIMIC ist aus SCAR THE MARTHYR hervorgegangen – was hat zu diesem Neustart geführt?
Dafür gab es verschiedene Gründe. Viele Leute, mit denen du spielst, ändern sich irgendwann. Sie wollen sich im Leben weiterbewegen, sich auf andere Dinge konzentrieren, vielleicht ganz mit der Musik aufhören. Deswegen bin ich so dankbar, dass ich meine Brüder bei SINSAENUM und VIMIC habe. Es gibt immer Menschen, mit denen du zusammenspielen und kreativ sein kannst. Darum geht es, nur darum. Es gibt da einen alten Film – der Name fällt mir gerade nicht ein –, darin sagt ein alter Musiker zu einem jungen: „Du musst immer spielen – egal mit wem.“ Das hält dich am Leben, verstehst du?

Was reizt dich an dem Stil von VIMIC? Für deine Verhältnisse ist das ja doch fast soft …
Ich würde das nicht soft nennen … einige der stärksten Songs unserer Zeit sind Balladen. Die sind nicht „soft“, sondern haben etwas zu sagen! Schau dir „Nothing Else Matters“ von Metallica an. Ist das für dich ein verdammter Pussy-Song? Ja wohl definitiv nicht! Das ist pure Stärke. Nur weil du einen Akustiksong schreibst und Emotionen zeigst, heißt das nicht, dass du nicht stark bist – ganz im Gegenteil: Vielleicht bist du gerade deswegen besonders stark.

Spielst du als Schlagzeuger lieber solche ruhigen Songs oder die extremen Nummern wie jetzt bei SINSAENUM, der Band, mit der du heute hier bist?
Das kommt darauf an. Momentan habe ich mich ganz SINSAENUM verschrieben. Ich liebe das Blasten, das Geprügel – diesen brutalen Black/Death Metal. Das ist etwas, das ich mit Fred seit langem geplant und entworfen habe … und jetzt ist es endlich da und wir sind auf Tour. Ich könnte nicht glücklicher darüber sein, dass wir das realisiert haben – das ist Hingabe von ganzem Herzen.

Was hat dich generell motiviert, in einer Black-Death-Band anzuheuern?
Ich komme aus dem Death und Black Metal – genauso wie aus dem Thrash, Speed und Nu Metal. Wenn du die Interviews gelesen hast, die ich früher gegeben habe – ich meine um 1999, 2000 –, weißt du, dass ich schon damals gesagt habe: Eines Tages werde ich die richtige Person finden, um eine solche Band zu gründen. Das war Fred. Wir haben schon mit Slipknot und Dragonforce zusammen getourt. Als wir da als Kumpels Backstage abgehangen haben, kam dieses Thema auf. Viele reden ja dann immer nur von so etwas und es passiert nie. Aber wir haben es durchgezogen. Fred und ich haben die gleiche Mentalität und das war etwas, was wir wirklich wollten. Deswegen gibt es SINSAENUM, deswegen bin ich jetzt hier, deswegen unterhalten wir uns jetzt.

Musikalisch ist das neue Album deutlich vielseitiger als das erste Album. Gibt es dafür einen Grund?
Fred ist immer noch der Hauptsongwriter, aber wir helfen alle mit, wenn es um die Arrangements geht. Ich kann daheim in Iowa sitzen und er kann mir Demos schicken. Dann schlage ich vor, welche Parts geändert werden müssen oder wo was für ein Riff hinmuss und ich schicke ihm das. Wenn wir ins Studio gehen, erwacht das Ganze zum Leben. Das Coole an dieser Band ist, dass wir alle an unterschiedlichen Orten leben können und trotzdem eine Band sein können.
Natürlich ist es nicht eben von Vorteil, dass wir so weit auseinander leben: Wir kommen nicht zum Proben zusammen, wir leben sogar in verschiedenen Zeitzonen, müssen auf die Antworten auf Textnachrichten manchmal lange warten, weil der Empfänger vielleicht gerade schläft, und dann schläft der andere wieder, oder die Leute vom Label …aber wir sind aus einem Grund hier. Wir freuen uns einfach, auf Tour zu sein, wir wollen unser Bestes geben, um die Leute mitzureißen, wir wollen den Fans alles signieren. Und natürlich Alben veröffentlichen. Ich garantiere dir: Das vierte wird da sein, bevor du schauen kannst.

Habt ihr denn schon Material geschrieben?
Nein …da kann ich noch nicht drüber reden. (lacht)

Wie bereitet ihr euch denn auf eine Tour wie diese hier vor?
Ich habe die Songs daheim geübt, mich vorbereitet, Videos geschickt und sichergestellt, dass alles erledigt ist. Dann sind wir nach Frankreich gekommen, dort haben wir angefangen gemeinsam zu üben. Dann sind wir in den Bus, und schon standen wir auf der Bühne. (lacht) Ich kann mich nicht beschweren.

Die Band ist eigentlich eine echte Allstar-Band, aber verglichen mit den Bands, mit denen du schon aufgetreten bist, ist SINSAENUM echter Underground: Statt in Stadien und als Festivalheadliner spielst du jetzt wieder in kleinen Clubs wie dem hier. Wie fühlt sich das an?
Es spielt keine Rolle. Immer wenn ich hinter meinem Drumkit sitze – sogar wenn ich daheim bin –, erinnere ich mich daran, wo ich herkomme. Es spielt keine Rolle. Solange ich hinter meinem Kit oder an der Gitarre oder im Studio bin, Songs schreibe und Musik mache, ist alles andere egal. Das ist alles, was zählt.

Aber vermisst du nicht manchmal dieses Gefühl, vor tausenden von Fans zu spielen? Oder kommen in den USA mehr Leute zu euren Shows als hier?
Das werden wir ja machen! Wir werden ja auf Festivals spielen, insofern wird das auf jeden Fall wieder passieren. (lacht) Momentan konzentrieren wir uns aber voll auf Europa.

Auch der Lebensstandard auf dieser Tour dürfte unter dem liegen, den du von deinen Touren mit Slipknot gewohnt warst. Gibt es Tage, an denen du dir denkst: Fuck, ich dachte, das hätte ich hinter mir?
Auch das spielt keine Rolle. Ich bin froh, einfach irgendwo zu sein. Ich freue mich, für jemanden spielen zu dürfen. Ich bin glücklich, überhaupt hier drüben sein zu können, mit den anderen Jungs Death/Black Metal machen zu können und für die Leute, die zu unseren Shows kommen, spielen zu können. Das ist mir sehr wichtig. Ich bin noch immer gerne auf Tour, zu 100 Prozent.

Dass du das alles kannst, ist keine Selbstverständlichkeit – du warst vor nicht allzu langer Zeit schwer krank…
Ja.
…und es gibt wohl nichts Schlimmeres für einen Musiker, als sein Instrument nicht mehr spielen zu können…
Mhm.
Wie bist du damit umgegangen und wann hast du gemerkt, dass du wieder in die Rolle des Profidrummers zurückfinden würdest?
Das ist eine gute Frage. Es war wie damals, als ich zum ersten Mal gelernt habe, Musik zu machen. Du hast ein Ziel. Das Leben kann dich niederschmettern. Ganz gleich, was passiert. Es ist egal, wer du bist, wie stark du bist, was du im Leben erreicht hast, wie viel Geld du verdient hast, wie bekannt du bist … dieser ganze Scheiß. Das Leben kann dir in den Arsch treten. Und es hat mir in den Arsch getreten. (macht eine Pause) Ich bin zurückgekommen, weil das meine Bestimmung ist, weil ich die richtigen Trainer hatte und meine Freundin Amanda daheim – auch sie hat mir viel geholfen.

Würdest du sagen, du bist heute da, wo du vor der Krankheit warst?
Ja! Ich bin viel besser. (lacht) Viel besser! Nein, nein, nein, wirklich – viel, viel besser. Das ist, was ich an SINSAENUM mag, warum wir die Band gegründet haben: Ich will gefordert werden! SINSAENUM fordert mich, das hält mich motiviert. Viele Bands machen jeden Tag das Gleiche – SINSAENUM ist jeden Tag eine Herausforderung. Das ist super, das hält dich auf Trab.

Statt mit einem Ersatzmann weiterzumachen und dir die Zeit zu geben, wieder gesund zu werden, haben SLIPKNOT dich 2013 rausgeschmissen, richtig?
Darüber rede ich eigentlich nicht gerne. Ich meine, ich habe diese Band gegründet … mit Paul zusammen. Paul ist gestorben … und natürlich mit Shawn.
Ich habe so viel für diese Band getan. Ich treffe noch täglich Leute, die mir das vor Augen führen. Mein Drum-Tech auf dieser Tour etwa: Immer wenn ich auf sein Bein schaue, sehe ich sein Tattoo mit dem Tribal-S-Logo, das ich gemalt habe … all so was. Als ich bei SLIPKNOT war, habe ich das Leben von Leuten besser gemacht, mit der Musik, die ich machen konnte, die ich gemacht habe … seit … verdammt, seit 1995! Darüber kann ich mich nicht beschweren. SLIPKNOT wird immer ein Teil von mir sein, bei jedem Schritt, den ich mache. Ich habe mit dieser Band so viele Songs geschrieben… Es ist der Wahnsinn, ich bin echt froh, dass ich diese Musik auf die Welt gebracht habe, die Songs, die ich geschrieben habe, die Logos – das Tribal-S und das Bandlogo. All das, was ich mit SLIPKNOT gemacht habe, trage ich immer bei mir. Bei jedem Schritt.
Aber aktuell konzentriere ich mich auf SINSAENUM. Das ist das Extremste, was ich bislang gemacht habe – das liebe ich daran. Ich freue mich, mit SINSANEUM herumzukommen. Das Gleiche gilt für VIMIC und alles, was noch kommen mag.

Ich habe das Gefühl, dein Nachfolger dort orientiert sich stark an dir – selbst seine Fills klingen nach dir. Ehrt dich das oder ärgert dich das?
Das geht mich nichts an. Ich bleibe bei dem, was ich mache – was andere machen, ist mir egal. Ich bin auch von vielen Leuten beeinflusst worden. Ich wünsche ihm alles Gute, aber ich muss mich um anderes Zeug kümmern. (lacht)

Stehst du noch Kontakt in zu den Jungs von SLIPKNOT?
Ja. Ich bin mit ein paar von ihnen in Kontakt, er wird auch wieder enger. Es ist alles cool. Ich will nur, dass sie glücklich sind. Ich bin nicht sauer.

Besteht also Hoffnung auf eine Reunion?
Ich habe kürzlich mit den Jungs geredet. Die Gespräche müssen etwas vertieft werden, aber die Zeit heilt alle Wunden. Ich sage nur so viel: Ich würde jederzeit mit den Jungs zusammenspielen – ganz egal, was passiert ist. Ich liebe sie, das sind meine Brüder.

Eine Frage noch zu SLIPKNOT – wie funktioniert es eigentlich, aus einer so großen, kommerziell erfolgreichen Band geworfen zu werden?
Hast du eigentlich auch irgendwelche positiven Fragen, Mann? (lacht) Verdammt … aber mach weiter, ich werde dir eine Antwort geben.
Na ja, sagt da jemand aus der Band „Du bist raus“ und das war’s, oder läuft so was über Anwälte, die über Abfindungen und Tantiemen verhandeln?
Da spielen so viele Faktoren mit hinein, das geht niemanden etwas an. Das geht verdammt noch mal niemanden etwas an. Das ist meine Sache und nur meine.

Dann lass uns über einen positiveres Thema reden: Du hast in einem Interview gesagt, dass du mit Wednesday 13 über eine MURDERDOLLS-Reunion gesprochen hast?
Wir haben darüber geredet. Viele Bands reden, aber ich würde das gerne auch wirklich machen. Zumindest noch ein Album, um das Kapitel abzuschließen – oder auch um ein neues zu beginnen. Aber momentan liegt mein Fokus voll auf VIMIC und SINSAENUM. Da muss ich dranbleiben, mein Bestes geben, so gut Schlagzeug spielen wie möglich. Darauf konzentriere ich mich jetzt.

Unsere Zeit ist, glaube ich, abgelaufen …
Wenn du noch Fragen hast, werde ich sie beantworten!

Danke! Dann lass uns zum Abschluss noch ein kurzes Brainstorming machen:
Das Ende von Slayer: Schrecklich. Ja. „Show No Mercy“ kam 1983 raus … ich habe meinen ersten Vertrag erst 1998 bekommen. Und sie haben ja schon lange davor gespielt, wie Metallica. Sie haben meinen größten Respekt, sie sind in der Top 5 meiner absoluten Lieblingsbands!
Vinnie Paul: Ja… Mann, ich habe ihn geliebt. Er hat mich immer mit dem größten Respekt behandelt. Er wird in unseren Herzen für immer weiterleben – er wird nie weg sein. Das ist das Coole an Musikern, die etwas wie Vinnie und Dime erschaffen haben. Ich glaube, Dime hat ihn zu sich gerufen: Komm her und schreib‘ ein paar verdammte Songs! (lacht) Wenn wir dann gehen und da hochkommen – wo immer das ist –, sehen wir sie hoffentlich wieder und bekommen ein neues Pantera-Album zu hören. (lacht)
Das wäre natürlich ein guter Grund, jetzt sofort zu sterben …
Ja… (lacht) ich kann gar nicht erwarten, zu hören, womit sie jetzt ankommen würden. (lacht) Aber jetzt sind sie jedenfalls wieder vereint.
Donald Trump: Über Politik spreche ich nicht.
Death Metal: Death Metal, Black Metal – ich sehe das nicht als Label. Das ist etwas, das in dir steckt, mit dem du geboren wurdest, das du tun musst. Ich versuche nicht, Teil von irgendeinem Genre zu sein. Die Leute sehen Fred mit Dragonforce und nennen es Power Metal. Für mich sind es einfach Dragonforce. Bei Slipknot hatten wir extrem starke Death-Metal-Einflüsse. Aber wichtig ist nur, dass du dich auf das konzentrierst, woran du gerade arbeitest, was du gerade erschaffst. Dafür braucht es keine Labels. Aber SINSAENUM ist definitiv ein Hybrid aus Death und Black Metal, deswegen gibt es SINSAENUM überhaupt erst.
Hellhammer von Mayhem: Einer meiner absoluten Lieblingsschlagzeuger.
SINSAENUM in zehn Jahren: Ich denke ehrlich gesagt nur an morgen. In zehn Jahren? Hoffentlich noch da. Hoffentlich.

Dieses Interview wurde persönlich geführt.

Geschrieben am

Fotos von: Afra Gethöffer-Grütz

2 Kommentare zu “Sinsaenum”

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