Ska-P w/ Sondaschule, Talco

  • München, Zenith
  • 19. April 2013


Es mag Bands geben, bei denen der Erfolg einer Tour im Vorhinein ungewiss sein mag – die Ska-Punker von SKA-P gehören definitiv nicht dazu. Denn wie schon auf den letzten Touren, ist es für die Basken auch heute kein Problem, mit dem Zenith die zweitgröste Halle Münchens voll zu bekommen – und das, obwohl keine der Vorbands als Publikumsmagnet bezeichnet werden kann.


Los geht es mit TALCO aus Italien. Auch wenn die Band dem Großteil des Publikums wohl (noch) kein Begriff sein dürfte, ist diese Wahl nur logisch. Denn wie kaum eine andere Band schlagen die Italiener musikalisch in die Kerbe des heutigen Headliners: Flotter Ska-Punk mit griffigen Bläser-Melodien steht nämlich auch hier auf der Agenda. Die Euphorie für die Band aus Marghera, Venedig wird jedoch durch zwei gravierende Aspekte gebremst. Zum einen ist da der Sound: Dünn und bisweilen matschig raubt dieser der Show jedwede Dynamik. Das ist vor allem insofern schade, als die Musiker sich wirklich reinhängen und einige Energie freisetzen, die so leider quasi ungehört verpufft. Zum anderen ist es der Gesang, der die Freude an dem Auftritt drastisch mindert. Denn abgesehen davon, dass die Stimme von Gitarrist und Fronter Dema einfach zu kraftlos klingt, trifft er heute kaum einen Ton. Ob dies am Bühnensound oder schlichtweg mangelnder Begabung liegt, ist schwer zu sagen – da dieses Problem jedoch auch von den Studioalben her bekannt ist, kann es wohl zumindest nicht ausschließlich an widrigen Umständen liegen. Richtig punkten kann die Band eigentlich erst mit dem (Cover-)Song, „Bella Ciao „. Alles in allem vielleicht kein grandioser Auftritt, insgesamt aber zumindest eine stilistisch passende Show, die das Publikum vor dem Wellenbrecher dankbar als Aufwärmübung abfeiert.[Moritz Grütz]


Nach diesem Einstieg begeben sich um kurz vor 20.30 Uhr SONDASCHULE nach einem etwas merkwürdigen und entschieden zu lang geratenen Intro auf die Bühne. Der doch recht laute Applaus, der der Band entgegenschlägt, lässt vermuten, dass die Band wohl einige Fans in der Halle besitzt – vielleicht ist das teilweise von weit her angereiste Publikum auch einfach so feierwütig, dass es ihm egal ist, wer da auf der Bühne steht und was für Musik macht. Mit dieser Erklärung ließe sich das, was nun folgt, zumindest ansatzweise erklären. Eines vorneweg: Die Band trägt sicherlich keine Schuld daran, dass der Sound im Zenith ein einziger verwaschener Brei ist und man die Schlagzeugbecken sowie einzelne Gitarren nur mit viel Mühe erahnen kann. Für die Musik hinter diesem Brei tragen SONDASCHULE allerdings die alleinige Verantwortung. Man muss der Band zugutehalten, dass tatsächlich jeder Song ihres 45-minütigen Sets unterschiedlich klingt – unterschiedlich heißt hier allerdings nicht gut. Manche Elemente erinnern an Rantanplan, andere an Ska-P, andere an Die Ärzte, wieder andere an Manu Chao, ein Song klingt sogar ein wenig nach Kraftklub – alle Lieder haben allerdings gemeinsam, dass sie (im Gegensatz zu den Vorbildern) vollkommen uninspiriert, generisch und rundum langweilig klingen. Dass die Bandmitglieder – trotz des Spaßes, den sie unbestreitbar auf der Bühne haben – konsequent aneinander vorbei spielen und Sänger Costa Cannabis (Ja. Genau.) keinen einzigen Ton trifft, erscheint da nur folgerichtig. Spätestens, als kurz nach dem „Hit“ „Dumm aber glücklich“ ein stark angetrunkener Besucher mit eben diesem Statement auf den Lippen vorüberwankt, ist die eigentlich intendierte Ironie der plump gesellschaftskritischen Texte schließlich einer traurigen Wahrheit gewichen. Was sich die Veranstalter dabei gedacht haben, diese Band als Support für Ska-P zu buchen, wird ihr Geheimnis bleiben.
Wie es die heute Anwesenden schaffen, etwas Positives aus diesem Auftritt zu ziehen, ist mir ein Rätsel. Ebenso, wie SONDASCHULE so viele Jahre lang mehr oder weniger erfolgreich so schlechte Musik schreiben und sie live so dermaßen daneben aufführen konnten, ohne dabei aufzufallen.
[Bernhard Landkammer]


Nach diesem Auftritt, der in seiner Skurrilität höchstens noch von den Fans überboten wird, die auf dem Weg zur nächsten Hopfenkaltschale zur Überbrückung der Umbauzeit immer noch den zugegebenermaßen auch mit 1,5 Promille noch zufriedenstellend nachvollziehbaren Slogan „Wir sind dumm aber glücklich!“ skandieren, wird es Zeit für SKA-P.
Bereits der Bühnenaufbau lässt zumindest meine Kinnlade herunter klappen – sind große LED-Wände für eine animierte Video-Show doch nicht eben, was ich von einer linken, antikapitalistischen Anarcho-Band wie SKA-P erwarte. Das Publikum scheint sich daran wenig zu stören – im Großen und Ganzen hat man generell nicht unbedingt das Gefühl, dass hier auf wie vor der Bühne noch viel Punkattitüde übrig geblieben ist. So versuchen SKA-P in Form von Fronter Pulpul zwar immer wieder, auf politisch brisante Themen hinzuweisen und, wie sie das wohl sehen, Aufklärungsarbeit zu leisten – ob sie damit jedoch auch nur einen von hundert Konzertbesuchern erreichen, darf aus mehreren Gründen bezweifelt werden. Zum einen ist der Versuch, Botschaften über Landesgrenzen hinaus zu tragen, ohne Fremdsprachenkenntnis von vorneherein zum Scheitern verurteilt. So wirkt Pulpul auch eher hilflos, wenn er die teilweise recht langen Pausen zwischen den Songs, in denen Sänger Pipi hinter der Bühne von einem gesellschaftskritischen Kostüm in das nächste schlüpft, mit einem nicht abreißenden Redeschwall auf Spanisch füllt, den das Publikum auch ohne ein Wort zu verstehen bedingungslos abfeiert. Zum anderen gibt es, auch das muss man einfach einsehen, geeignetere Situationen, auf das Problem von sexuellen Übergriffen in der Kirche („Sexo Y Religión“), Kindersoldaten („Niño Soldado“) oder Misshandlungen von Tieren hinzuweisen, als ein Konzert – erst recht, wenn die Musik einfach zum Tanzen und Feiern einlädt. In der Folge kommt es zu einigen durchaus skurrilen Szenen, in denen tausende, gut gelaunte Konzertbesucher tanzen und lautmalerisch kreativ die durchweg spanischen Texte „mitzusingen“ versuchen, während sich auf den LED-Leinwänden Kinder erschießen, Leichen durchs Bild getragen werden und misshandelte Hunde elendiglich krepieren. Dass dabei auch ein inhaltlich mehr als zweifelhafter Text wie der zum Stück „Intifada“, in dem die Palästinapolitik Israels in einen Kontext mit dem Holocaust gesetzt wird („Die Opfer sind zu Henkern geworden“), vollkommen unreflektiert abgefeiert wird, ist in diesem Kontext nicht nur logisch, sondern mit mangelnder Textkenntnis auch entschuldbar – mit Wissen um den Inhalt des Textes deshalb jedoch nicht weniger erschreckend.
Wenn man schon auf einem Konzert das Gefühl hat, die Musik stehe nicht immer im Mittelpunkt des Geschehens, ist es wohl verzeihlich, wenn es sich beim Konzertbericht genauso verhält. Dennoch sollte der musikalische Aspekt hier nicht zu kurz kommen. Denn völlig unabhängig von den Inhalten sind SKA-P natürlich auch 2013 noch eine Band, die jeden Cent wert ist, den man für sie zahlt – immerhin 3500 an der Zahl. Nachdem sich der Sound nach einigen Songs eingepegelt hat und es diesbezüglich nichts mehr zu meckern gibt, legen SKA-P einen durchweg furiosen Auftritt hin, der sowohl von den Show-Elementen wie Pipis Kostümen als auch den Visualisierungen her einiges hermacht, als auch musikalisch mitzureißen vermag. Über zwei Stunden hinweg bieten SKA-P fast schon so etwas wie ein Oldschool-Set dar, in dem keiner der Hits von früher fehlt. Im Gegenteil ist es, wenn überhaupt, dann das neue Material, das zu kurz kommt: Dafür, dass die Tour nach dem aktuellen Album in Anlehnung an das “Occupy Wall Street”-Motto der unsichtbaren 99 Prozent „99%-Tour“ heißt, sind drei Stücke von dem entsprechenden Album ebenso wenig, wie zwei vom deutlich stärkeren Hit-Album „Lágrimas Y Gozos“. Der Stimmung ist das jedoch nicht abträglich, sind es doch unbestreitbar Hits wie „Cannabis“ oder „Gato López“, für die SKA-P bekannt sind.
[Moritz Grütz]


Setlist SKA-P:
01. Full Gas
02. Consumo Gusto
03. A La Mierda
04. Mestizaje
05. Se Acabó
06. Kasposos
07. Niño Soldado
08. Insensibilidad
09. Crimen Sollicitationis
10. Cannabis
11. Intifada
12. Romero El Madero
13. Canto A La Rebelión
14. Sexo Y Religión
15. Solamente Por Pensar
16. El Vals Del Obrero

17. Welcome To Hell
18. Mis Colegas
19. El Libertador
20. Estampida
21. Gato López

Auch wenn der Abend musikalisch (Sondaschule) sowie inhaltlich (Ska-P) an Skurrilität mitunter kaum zu überbieten war, kann man hier nur von einem gelungenen Konzert sprechen – gibt es wohl nur wenige Zuschauer, die das Zenith heute nicht schweiß- und bierüberströmt verlassen. Eines muss man SKA-P nämlich lassen – ihre Shows sind von der ersten bis zur letzten Minute intensiv, mitreißend und zweifelsfrei ein bleibendes Erlebnis für alle, die zum ernsten Mal in diesen Genuss kommen.
[Moritz Grütz]

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