April 2026

Review At The Gates – The Ghost Of A Future Dead

Wohl jeder Mensch fragt sich irgendwann im Leben, was bleibt, wenn er oder sie nicht mehr ist. Bei Musiker:innen lautet die Antwort logischerweise immer (auch): die Musik. Trotzdem dürften die wenigsten Musiker:innen ihre Songs und Texte mit diesen Gedanken im Kopf schreiben – ist der Tod doch über den Großteil des Lebens hinweg (zum Glück) eine eher abstrakte Bedrohung.

Bei Tomas „Tompa“ Lindberg und „The Ghost Of A Future Dead“ dürfte es anders gewesen sein: Als der Schwede, schwer an einer seltenen Krebsart erkrankt, vor über zwei Jahren mit seinen Bandkollegen das achte Album von AT THE GATES fertigstellte, war sein baldiger Tod mehr als nur eine Möglichkeit. Und so haben seine Bandkollegen mit Tomas jedes Detail des Albums durchgesprochen und verfeinert, um sicherzustellen, dass wirklich nichts dem Zufall überlassen bleibt.

Wie es sich anfühlen mag, so wissentlich am eigenen Vermächtnis zu arbeiten, kann man sich kaum ausmalen – zumal die Krankheit auch den Aufnahmeprozess massiv beeinflusst hat: Die Vocals für alle zwölf Songs wurden an einem einzigen Tag aufgenommen – am Tag vor Tomas‘ Operation, um seinen Part im Kasten zu haben, komme, was da wolle. Später wäre es wohl dann tatsächlich auch nicht mehr möglich gewesen. So sind die Gesangsspuren – größtenteils als „First-Takes“ –, die Tomas damals noch zu Demo-Versionen der Songs eingesungen hat älter als alle anderen Spuren, die man auf dem fertigen Album hört. Und gleichermaßen Zeugnis für die Willenskraft wie auch die Professionalität des Mannes, der den Death Metal geprägt hat wie wenige andere: Denn allem Druck, der diese Aufnahmesession belastet haben dürfte, zum Trotz ist nichts von alledem auf „The Ghost Of A Future Dead“ hörbar: Zwölf letzte Male Tompas Reibeisenstimme – zu Songs, die in der Tat wie die von ihm anvisierte „Rückkehr zu den Wurzeln“ klingen.

Denn ehe die Hiobsbotschaft über Lindgrens Gesundheitszustand bekannt gegeben wurde, sah es bei AT THE GATES vielversprechend aus wie lange nicht: Mit Anders Björler war jener Gitarrist zurückgekehrt, mit dem die Schweden zuletzt „At War With Reality“ (2014) geschrieben, aber auch ihre ersten Schritte getan und 1995 schon ihr unangefochtenes Meisterwerk „Slaughter Of The Soul“ erschaffen hatten. Und tatsächlich ist es nicht übertrieben, wenn Tompa es in seinem letzten Statement als Mischung dieser beiden Werke beschreibt.

An dieser Stelle gibt es dann auch nichts weiter zu sagen oder zu schreiben: Sich im Klein-Klein irgendwelcher Stilkritik zu verlieren, wäre vermessen, angesichts dessen, was alle Beteiligten hier geleistet haben, um mit und für Tompa dieses Monument aus purem Schwedenstahl zu errichten. Es gibt aber auch schlicht und ergreifend nichts zu kritisieren: Meisterhafte Riffs mit Melodien, die „Göteborg Metal“ auf den Punkt bringen, das wuchtige Drumming von Adrian Erlandsson und der von Jens Bogren fachmännisch eingefangene Sound hätten „The Ghost Of A Future Dead“ auch unter normalen Umständen zu einem herausragenden Album gemacht. Aber die Umstände sind alles andere als normal, und hinter dem so poetischen Albumtitel steckt eine ganz nüchterne Realität: Tompa ist tot, und dieses Album sein Lebewohl. Tack för allt!

R. i. P. Tomas „Tompa“ Lindberg
16.10.1972 – 16.09.2025

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Wertung: 10 / 10

Moritz Grütz

Publiziert am von

2 Kommentare zu “At The Gates – The Ghost Of A Future Dead

  1. At The Gates sind etwas besonderes für mich – die „Slaughter of the Soul“ ist eine dieser Platten, die man buchstäblich fühlt und Tompas Tod hat mich sehr bewegt … Danke für die Review, Album ist geordert.

  2. Schönes Review, vielen Dank dafür. Mir stehen – nicht zum ersten Mal in Verbindung mit Tompas Tod – die Tränen in den Augen.
    Ich hoffe, dass ich musikalisch Deine Meinung teilen werde. Warte dann mal sehnsüchtig auf’s Paket…

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