Review Devin Townsend – The Moth

DEVIN TOWNSEND war schon immer ein absolut unberechenbarer Künstler. Seine Musik forderte stets Zeit, war von häufig wechselnden Visionen beeinflusst, und an Kreativität hat es Devin ohnehin nie gefehlt. Nun hat er sein bisher umfangreichstes Projekt zu einem Ende gebracht. „The Moth“ als Progressive-Metal-Oper bezeichnet Townsend selbst als sein Lebenswerk. In mehreren Studios aufgenommen, mit unzähligen Gästen umgesetzt und von North Netherlands‘ Orchestra und gleichem Chor begleitet, zog sich dieses Projekt über zehn Jahre.

Fürwahr: Hier auf einzelne Titel einzugehen, ist relativ sinnfrei, einfach weil „The Moth“ als Gesamtkunstwerk verstanden werden will – und ebendies zweifelsohne auch ist. Denn nicht etwa erwartet das Publikum hier Devins Auslegung des NIGHTWISH-Sounds, sondern vielmehr ein dramaturgisches Spektakel zwischen Oper und Musical. Von welcher Erhabenheit „The Moth“ durchzogen ist, offenbart schon „Semi Prologue“, dessen wunderschöne Arrangements bei Chor und Orchester ein wenig an James Newton Howard denken lassen. Wie tadellos Townsends Gesang mit dieser Kulisse zusammenwirkt, ist kaum zu beschreiben, verursacht aber vom ersten Moment an Gänsehaut. Und auch wenn auf dem folgenden „War Behind Words“ erstmals die Gitarren nicht als Motivgeber, sondern vielmehr als schlagender Puls auftauchen, ist die Mischung perfekt.

Viele Stücke auf „The Moth“ verhalten sich dabei weniger wie klassische Songs, sondern eher wie Kulissen für Stimmungs- und Motivwechsel. „The Moth“ und „Ode To My Eye“ bereiten beispielsweise über traumhafte wie traumschwere Chöre, Streicher und Bläser den Weg für „Enter The City“ – einen Titel, der ein wenig so klingt, als hätte Danny Elfman „Carmen“ neu interpretiert. Geleitet vom irrwitzigen Prog-Regisseur Townsend, dessen Band hier erstklassig mit der filmischen Atmosphäre verschmilzt.

Es ist ein selbstverständliches dramaturgisches Mittel, harte Brüche in Themen zu bringen. So etwa auf „The Moth“ durch „Lexin“ intoniert. Dessen Reduktion im Bereich des Orchesters macht einer breiten Bassline und jeder Menge Verspieltheit Platz. Als weiteres Highlight muss definitiv „Home At Night“ herausgestellt werden. Hier zeigt sich erneut, was Devin für ein überragender Sänger ist. Die epische Wand, vor der er bei diesem Song seine Stimme zum absoluten Mittelpunkt macht, ist in ihrer Schönheit schlicht überwältigend. Erinnerungen an „Edward mit den Scherenhänden“ sind hier unvermeidlich.

An diesem Punkt hat der Schreiber gerade einmal einen Bruchteil dieses Epos angeschnitten und dabei nicht annähernd die volle Tiefe dessen seziert, was DEVIN TOWNSEND hier mit seinem gigantischen Ensemble an Mitstreitern auffährt. Denn ob man nun die Wucht eines „Covered By Causes“ oder die reduzierte Ambient-Atmosphäre eines „Intermission“ heranzieht – „The Moth“ ist und bleibt ein gigantisches Gesamtkonstrukt, das in aller Ausführlichkeit zu durchdringen hier den Rahmen sprengen würde.

DEVIN TOWNSEND zeigt sich den Konventionen der Musik gegenüber erneut absolut unversöhnlich. „The Moth“ versteht sich nämlich nicht als konventionelles Musikalbum. Vielmehr ist es eine Reise in die Selbsterkenntnis, pendelnd zwischen großen orchestralen Aufbauten, choraler Epik und dem so vertrauten wie verrückten musikalischen Expressionismus, den Townsend sich über die Jahre zu eigen gemacht hat.

Klar ist aber auch: Die Platte benötigt Zeit, Stimmung und Lust auf ausufernde, epochale und experimentelle, beinahe fragmentierte Stücke. Denn bei aller Ambition ist es gut möglich, dass der zündende Funke auf „The Moth“ auch einfach ausbleibt. Zu unfassbar ist im wahrsten Sinne des Wortes die Größe dieser Veröffentlichung. Wer sich aber auf Dramaturgie statt Konvention einlassen kann, für den dürfte diese Veröffentlichung das bisherige Opus Magnum von DEVIN TOWNSEND darstellen.

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Wertung: 7.5 / 10

Philipp Sorger

Publiziert am von

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