CD-Review: Envy - Atheist's Cornea

Besetzung

Tetsuya Fukagawa – Gesang
Masahito Tobita – Gitarre
Nobukata Kawai – Gitarre
Manabu Nakagawa – Bass
Dairoku Seki – Schlagzeug

Tracklist

01. Blue Moonlight
02. Ignorant Rain At The End Of The World
03. Shining Finger
04. Ticking Time And String
05. Footsteps In The Distance
06. An Insignificant Poem
07. Two Isolated Souls
08. Your Heart And My Hand


Von den Anfängen im traditionellen Hardcorepunk mit englischen Texten, über die Entscheidung für japanischen Gesang und dem Einfluss von wunderschönen Post-Rock-Melodien bis hin zum Status als vielleicht wichtigsten Post-Hardcore-Band der Gegenwart: ENVY spielen seit über 20 Jahren in einer ganz eigenen Liga. Nach ihrem 2010 veröffentlichten Album „Recitation“ war es sehr still um die Band geworden, umso größer fiel dann aber schließlich die Vorfreude aus, als Anfang 2015 „Atheist’s Cornea“ angekündigt wurde. Die Rückkehr von ENVY, nachdem in ihrer Abwesenheit Bands wie Touché Amoré oder Deafheaven, die unbestreitbar von den japanischen Großmeistern beeinflusst sind, die alternative Musikszene ordentlich aufrütteln konnten, ist unbestreitbar mit hohen Erwartungen versehen. Umso faszinierender, dass diese sogar noch übertroffen werden: „Atheist’s Cornea“ ist ein weiteres Meisterwerk der Band aus Tokyo, das eine Rückbesinnung auf ihre alten Hardcorewurzeln darstellt, gleichzeitig aber auch die Post-Rock-Elemente in ENVYs Musik weiterentwickelt und dabei eine eigenständige, logische Konsequenz aus der bisherigen Bandgeschichte darstellt.

Der Opener „Blue Moonlight“ deutet in den ersten 20 Sekunden mit ruhigen, harmonischen Tönen noch einen atmosphärischen Einstieg an, nur um plötzlich von einem hämmernden Schlagzeug unterbrochen zu werden und den Weg für den wohl direktesten Hardcoresong von ENVY seit „All The Footprints You’ve Ever Left And The Fear Expecting Ahead“ freizugeben: Chaotisches Drumming, mitreißende Melodien, Tetsuya Fukagawas charakteristische Schreistimme, die über die Jahre immer tiefer wurde und immer mehr Spielraum hinzugewonnen hat – ENVY zeigen, dass sie auch nach mehr als 20 Jahren noch nicht das Feuer ihrer Anfangstage verloren haben. Mit „Ignorant Rain At The End Of The World“ präsentieren ENVY daran anschließend einen der eingängigeren und geradlinigsten Punksongs ihrer Karriere, welcher im letzten Drittel mit einem durch Schönheit und Leidenschaft regelrecht betäubenden Teil aufwarten kann. Erst „Shining Finger“ nimmt den Fuß vom Gas und präsentiert sich als emotionaler Post-Rock-Song, welcher von Synthieklängen unterstützt wird und sich im Laut-leise-Wechselspiel pudelwohl fühlt.

Auch der Rest des Albums wartet ausnahmslos mit großartigen Songs auf. Sei es „Ticking Time And String“, welches mit seinen wunderschönen gesechzehntelten Gitarren Tränen in die Augen treiben dürfte und an eine verschleppte Metalversion von Dredg erinnert, das unglaublich packende „Footsteps In The Distance“, welches ob seiner epischen Struktur und großen Geste inklusive Streicherteil für Kniefälle sorgt und Tetsuyas Singstimme sowie sein hektisches Sprechen in den Vordergrund stellt, der klassische Post-Hardcore-Song „An Insignificant Poem“ oder der erneute Schlag in die Magengrube durch das düstere und heftige „Two Isolated Souls“ – ENVY legen mit „Atheist’s Cornea“ ihr abwechslungsreichstes, in sich stimmigstes Album vor, welches sowohl einzelne herausragende Songs enthält und sich dabei als ein vollkommen logisch aufgebautes und mitreißendes Meisterwerk präsentiert, welches mit „Your Heart And My Hand“ in einem straighten Song mit Indieeinflüssen seinen konsequenten Schluss findet.

Zwar hätte ein Abschluss, der nicht in einem Fade Out endet, „Atheist’s Cornea“ noch einmal besser gemacht – das Ergebnis ist aber auch in dieser Form ein absolutes Meisterwerk, welches gerade durch seine vor allem für ENVY ungewöhnlich kurze Spielzeit von weniger als 45 Minuten immer wieder den Finger zur Repeattaste wandern lässt, bei jedem Durchgang neue Momente offenbart und somit jedes Mal in seiner Schönheit, seiner epischen Größe und seiner Leidenschaft wächst. Viele Worte für ein Album, das mit Worten kaum adäquat zu beschreiben ist, da es so stark auf einer emotionalen Ebene funktioniert. Danke, ENVY.

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Bewertung: 10 / 10

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