Absolute Zustände sind langweilig. Spannend wird es an den Übergängen – wenn die Sonne unter- oder aufgeht, wenn Lebensphasen beginnen oder enden, oder wenn eine Band so viele Genres ineinanderfließen lässt, dass sich am Ende eben nicht mehr sagen lässt, welchem davon das Resultat nun zuzuordnen ist. MØL aus Dänemark gelingt das nun bereits seit mehr als zehn Jahren vortrefflich, zuletzt 2021 auf „Diorama“, ihrem Debüt bei Genre-Major Nuclear Blast: Shoegaze, Post-Rock, Rock, Pop – im wilden Mix der Truppe aus Aarhus findet alles seinen Platz. Mit „Dreamcrush“ legen MØL nach – abermals über Nuclear Blast Records. Und abermals erwartet Hörerinnen ein Album voller Übergänge, das entsprechend spannender kaum sein könnte.
Zwischen die titelgebenden Tracks „Dream“ und „Crush“, die sich um das Album schließen wie eine Klammer, packen MØL eine Dreiviertelstunde Musik, die vielseitiger kaum sein könnte: Die Rockigkeit von KVELERTAK trifft auf die Melancholie von ALCEST, die Growls von DARK TRANQUILLITY und die Dark-Pop-Attitüde von CHASTITY. Wer will, kann zwischendurch noch KATATONIA und ENVY heraushören, oder die von der Band selbst genannten Einflüsse von MY BLOODY VALENTINE bis SMASHING PUMPKINS. Oder aber man lässt die tumben Vergleiche und lässt sich stattdessen voll auf „Dreamcrush“ ein.
Das nämlich hat das Album verdient: Zwar geht es, der melodisch-poppigen Seite sei Dank, schon beim ersten Mal gut ins Ohr; die Einflüsse aus Prog-Metal, Post-Rock und Alt-Rock sorgen jedoch dafür, dass sich das Album mit jedem weiteren Durchlauf noch etwas weiter öffnet. Schon allein gesanglich sind MØL kaum zu fassen: Melo-Death-Screams und poppiger Klargesang finden in Tracks wie dem großartigen „Små Forlis“ gleichermaßen und gleichwertig ihren Platz – was nun der „eigentliche“ Gesang und was die Ergänzung ist, ist am Ende schlichtweg egal. Dass MØL zudem drei Gitarristen in ihren Reihen haben, ist keine bloße Spielerei, sondern essenziell, um die aus vielfach übereinander geschichteten Arrangements live adäquat umsetzen zu können: Clean- und Zerrgitarren, Riffs, Melodielinien und Soli geben sich nicht nur die Klinke in die Hand, sondern heben die Tür gleich ganz aus den Angeln und stellen sie beiseite, um ungehindert ein und aus gehen zu können.
Wer bislang dachte, Shoegaze und Post-Rock wären alles in allem eher unspektakuläre, vielleicht sogar langweilige Genres, wird von MØL eines Besseren belehrt: Noch klarer als auf dem ebenfalls bereits herausragenden Vorgänger zeigen die Dänen, was alles möglich ist, wenn man sich traut, sich eben nicht festzulegen. MØL sind nicht Entweder-oder – MØL sind das Dazwischen, der Übergang. Und als solcher spannender, als alle Bands der einen oder anderen Seite je sein könnten.
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Wertung: 9 / 10


