Konzertbericht: Møl w/ Tayne, Cold Night For Alligators

09.02.2026 München, Feierwerk (H39)

Mit ihrem dritten Album „Dreamcrush“ haben MØL ohne Zweifel ihr bisheriges Meisterwerk veröffentlicht. Die Presse überschlägt sich (und wir überschlagen uns gerne mit), aber auch bei den Fans können die Dänen ordentlich punkten, wie sich an diesem Montagabend im H39, der größten Location des Feierwerk-Komplexes in München zeigt. Obschon die Vorbands weithin unbekannt sind, der Ticketpreis mit 32 € nicht eben günstig ist und es, wie es Montagabenden so zu eigen ist, Montag ist, füllt sich die Halle zwischen Einlass (19:00 Uhr) und Beginn (20:00 Uhr) zusehens.

So können sich bereits COLD NIGHT FOR ALLIGATORS über einen gut gefüllten Zuschauerraum freuen. Inwieweit die Freude auf Gegenseitigkeit beruht, hängt stark davon ab, wie Prog-affin man ist: Vielseitig ist die Musik der Dänen nur in der Schreibweise mit „a“ – insgesamt bringen es COLD NIGHT FOR ALLIGATORS bei drei Saiteninstrumenten auf beachtliche 22 Saiten (8/8/6). Mit diesem Maximalwert liefert die Band 30 Minuten Prog im Stile von LEPROUS – wobei die Ähnlichkeit nicht bei der Musik endet: Auch der Falsettgesang von Johan Pedersen erinnert stark an Einar Solberg. Unterstützt von einem – stellenweise unnötig präsenten – Backingtrack mit Sounds und teilweise sogar Bass-Spuren liefern COLD NIGHT FOR ALLIGATORS eine technisch lupenreine Show ab, die vom Publium mit wohlwollendem Applaus bedacht wird. So richtig passt das Quartett aber nicht zum restlichen Programm und weiß deshalb nur einzelne Fans wirklich zu begeistern.

Deutlich besser steht es da um TAYNE: Das Trio aus London beschreibt seinen Sound selbst als Industrial Noise Pop – eine Definition, der man zu folgen gerne gewillt ist. Zwar ist der „Noise“ heute leider wörtlich zu verstehen, übertönt der Backingtrack den Live-Anteil aus Bass und Gitarre streckenweise mit unangenehm tieffrequentem Brummen. Trotzdem beeindrucken TAYNE mit ihrer auf die Bühne gebrachten Energie das Publikum in den ihnen zugestandenen 40 Minuten sichtlich. Kein Wunder: Der mal zarte, mal harte Mix aus groovigem Drumming, Klargesang und akzentuierender Gitarrenarbeit (auch auf dem Bass, der hier tatsächlich eher wie eine Gitarre gespielt wird) weckt Erinnerungen an frühe PRONG oder auch KILLING JOKE, während die markige Elektro-Komponente zwangsläufig an MINISTRY oder LAIBACH denken lässt. Dass TAYNE für diese massive Soundwand grade einmal zehn Saiten (6/4) benötigen, macht den Auftritt umso beeindruckender.

Waren die Reaktionen aus dem Publikum bei TAYNE schon gut, können sich MØL von Anbeginn an über beste Stimmung freuen. Das liegt zum einen daran, dass die Rahmenbedingungen kaum besser sein könnten: Der Sound ist perfekt und vor der Bühne stehen genug Leute, um Stimmung aufkommen zu lassen. Zum anderen aber liefern MØL eine von Anfang bis Ende packende Show ab. Wennschon musikalisch aus dem Shoegaze kommend, kann man sagen: Auf die shoes gazet hier niemand. Im Gegenteil: Bereits nach wenigen Songs kommt Sänger Kim Song Sternkopf zum ersten, aber nicht letzten Mal ins Publikum, dazwischen wirbelt er den Mikrofonständer so enthusiastisch um sich, dass er beinahe den Deckenventilator abmontiert. Und auch der Rest der Band sorgt auf der Bühne für erstaunlich viel Wirbel.

Überraschend ist auch die Zusammenstellung des Sets: Statt sich vornehmlich auf das neue Album zu fokussieren, verteilen MØL ihre Spielzeit von 60 Minuten zu nahezu gleichen Teilen auf ihre drei Alben „Jord“, „Diurama“ und „Dreamcrush“. Wäre schon ein reines „Dreamcrush“-Set vielseitig gewesen, sorgen MØL so nochmal für mehr Abwechslung: Munter geht es zwischen eher gemächlichen Nummern wie „Hud“ oder „Crush“ und fetzigen Uptempo-Stücken wie „Vestige“ (mit beachtlichen 190 bpm), „Serf“ oder „Bruma“ hin und her. Dass das Publikum da keinen Moshpit startet, ist wohl einzig und allein der Faszination zuzuschreiben, die von Auftreten und Musik ausgeht. Dass insbesondere Kim Song Sternkopf obendrein extrem sympathisch rüberkommt und geradezu euphorisch die gemeinsam geschaffene Atmosphäre feiert, rundet das Bild von MØL stimmig ab: Diese Band macht in jeder Hinsicht Spaß.

  1. Hud
  2. Penumbra
  3. Ligament
  4. Young
  5. Photophobic
  6. Garland
  7. Vestige
  8. Serf
  9. Jord
  10. CRUSH
  11. Bruma

Einzig der Blick auf den Merch drückt die Stimmung etwas: Die Preise für T-Shirts (35 €), Vinyl (30 €) und CDs (20 €) sind gesalzen – speziell für eine Underground-Show. Angesichts der grade für kleine Bands über Gebühr gestiegenen Kosten einer Europatour geht es aber wohl kaum noch anders – und dank der großartigen Performance können sich MØL anschließend trotzdem über regen Andrang und wohl auch ordentlich Umsatz am Merch freuen.

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Ein Kommentar zu “Møl w/ Tayne, Cold Night For Alligators

  1. Die traurige Erfahrung, dass das Publikum nicht bereit ist, in Moshpits, Tänzen oder einen Hauch mehr Bewegung als ein sanftes Kopfnicken aufzugehen, habe ich im Feierwerk leider schon mehrfach gemacht. Und die Haarpracht wäre durchaus vorhanden gewesen, um eindrückliche Headbanger zu sehen.
    Ist man sich zu fein? Ist es uncool? Wäre es einem peinlich Emotion zu zeigen? Fühlt man sich zu alt (der Altersdurchschnitt ist ja keine zwanzig mehr)?
    Hatte danach ein Gespräch mit dem Sänger von Tayne. Auch der war irgendwie traurig, dass keiner auf sein „Munich let’s get sexy“ reagiert hatte und keiner so richtig mitmachen wollte.
    Wäre schön, wenn das Feierwerk seinem Namen gerechter werden würde und die Leute zu dieser moshbaren Musik (wie z.B. zu Gaerea auch) einfach mal mehr tanzen würden.

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