Schandmaul – Ein Blick in die Zukunft

 

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Hinaus aus dem Genre-Schatten, hinein in das Scheinwerferlicht der deutschen Medienlandschaft und Popkultur: Nach über 15 Jahren intensiven Schaffens haben die Folk-Rocker es geschafft, sind so weit gekommen, wie kaum ein anderer Genre-Vertreter vor ihnen, und entsprechend neugierig werden sie nun von Szene-Fans und -Neulingen gleichermaßen beäugt. Wir trafen uns mit Frontmann Thomas Lindner, um mit ihm über den Stand der Dinge zu reden – und ihm die ein oder andere persönliche Anekdote zu entlocken.

Ein Bier-Gespräch.

„Was kann denn eigentlich auf ein Album namens „Unendlich“ noch folgen?“

„Fertig!“, lacht Thomas Lindner, und trinkt von seiner Halben. Immer noch grinsend, aber deutlich ruhiger fügt er hinzu: „Gold … Noch ein paar weitere verkaufte Alben, und wir haben mit „Unendlich“ Gold erreicht.“ Er sagt es mit dem bescheidenen Stolz eines Mannes, der sich nicht gern mit Erfolgen brüstet. Von Angeberei und Selbstprofilierung hält der privat eher ruhige und nachdenkliche Frontmann herzlich wenig. Zwar ist Thomas Vollzeit-Musiker und auf finanzielle Erfolge angewiesen, doch für diese würde er sich nie verbiegen lassen. Mediale Omnipräsenz? Eher nichts für den Wahlmünchener. Lieber erzählt er im persönlichen Gespräch begeistert vom gemeinsamen kreativen Schaffensprozess für das neue Album, an dem die Folk-Rocker bereits fleißig arbeiten. Trotz der anstrengenden Festival-Saison.

„25 Songs wollen wir schreiben, um am Ende auszuwählen, welche wir auf die CD packen“, fasst Thomas zusammen. Rund die Hälfte davon ist bereits fertig. Tragischer seien die Geschichten dieses Mal, berichtet der Barde. Wie zum Beispiel die Tragödie um die Zigarrenkiste eines jungen Seemanns namens Tjark Evers, der am Tag vor Weihnachten versehentlich von einem Schiff an einem falschen Ort abgesetzt wird, anschließend weiß, dass er dort sterben wird und einen letzten Brief an seine Liebsten verfasst. Inspiriert wurde Thomas durch einen Besuch in einem Museum in Baltrum, wo eben diese Kisten ausgestellt ist. Ähnlich tragische, wahre Geschichten sollen auch viele der anderen Stücke erzählen, z.B. über den Räuber Kneissl – einem echten „Arschloch“ wie Thomas vor dem Studium der originalen Fallakten dachte. Hinterher änderte sich seine Meinung. Ein zweites „Mit Leib und Seele“ soll der noch namenlose „Unendlich“-Nachfolger allerdings nicht werden, dafür bleiben Schandmaul dem Rock dieses Mal zu verbunden. Ein Konzeptalbum ist ebenfalls nichts, womit die süddeutschen Szeneveteranen sich anfreunden können. Welche Richtung der folkige Sechser einschlagen wird, erfahren die Fans im August oder September kommenden Jahres.

Davor werden die Mäuler auf der Abschiedstournee von Unheilig als Support auftreten und Ende 2015 noch eine kleine, aber feine Akustiktour spielen. Im Vorprogramm wird es einen speziell an Kinder gerichteten Teil geben, bei dem auch das Schandmäulchen anwesend sein wird. Dafür hat Thomas die Geschichten von „Schandmäulchens Traumreise“ noch einmal komprimiert zusammengefasst, so dass jedes Bandmitglied nun seine beziehungsweise ihre eigene Rolle bekommt und alle zusammen eine gemeinsame Geschichte rund um die sechs Songs erzählen. Im Abendprogramm verzichten die Musiker wiederum auf das große Orchester, sondern legen Wert auf eine intime Atmosphäre ohne großes Tamtam. Insgesamt 16 Städte bereisen Schandmaul auf dieser „Clubtour der besonderen Art“. Enden werden die winterlichen Ausflüge in Fürstenfeldbruck, nahe ihrer musikalischen Heimat Gröbenzell (bei München). Die Heimatverbundenheit prägt auch die Arbeit am neuen Material. So werden die Lieder in Eichenau aufgenommen, damit die stolzen Mamas und Papas abends zu ihren Familien zurückkehren können. Wie ein erzwungener Kompromiss wirkt dies nicht, mehr wie eine natürliche Entwicklung. Schließlich gibt es in dem sehr familiären Bandgefüge viel Verständnis für das Privatleben der anderen Bandmitglieder. Nicht unwahrscheinlich, dass gerade dieser ungezwungene Umgang mit Familie und Band der Grund sowohl für das langjährige Bestehen als auch den langjährigen Erfolg der Band ist. Apropos langjährig: Die Planungen für 20 Jahre Schandmaul laufen bereits. Die Lanxess Arena in Köln wird 2018 als Austragungsort dienen, im gleichen Jahr soll dazu eine Bandbiografie erscheinen.

Fest im Blick hat Frontmann Thomas neben der langfristigen Planung stets „sein“ Publikum, wie er es nennt. „Wenn ich auf Tour bin und dafür von Stadt zu Stadt ziehe, dann fühle ich mich wohl“, bringt er es auf den Punkt. Festivals seien deutlich anstrengender. Warum er das so empfindet, fragen wir, und Thomas spricht von eigenen Ansprüchen, von den rennenden Gedanken, die einen vor und während des Konzerts kaum in Ruhe lassen: Wie reagiert das Publikum, das wir noch nicht für uns gewonnen haben? Was halten die anderen Bands von uns, beobachten sie mich von hinter der Bühne? Wie schneiden wir ab im Vergleich zu den anderen Leistungen, und finden Publikum und Bands unseren Auftritt der Running Order angemessen? Es sind sehr menschliche, nachvollziehbare Ängste, von denen Thomas erzählt, und es macht die Schandmäuler nur noch sympathischer, dass sie sich nach all den Jahren noch keine „Alles egal, Hauptsache Gig“-Einstellung angewöhnt haben. Ganz im Gegenteil sogar. Wir fragen Thomas nach Festival-Momenten, an die er sich gerne zurückerinnert, die ihn bewegt haben und die er nie vergessen wird. Er muss nicht lange überlegen, denn bis heute blieb dem 40-jährigen Familienvater ein Konzert beim Summer Breeze besonders im Gedächtnis. Der Auftritt fand kurz nach dem Schulmassaker in Winnenden statt, eine Mutter reiste anstelle ihrer erschossenen Tochter an. Sie bat den Sänger im Vorfeld um eine Schweigeminute für ihr Kind, das für immer den Refrain von „Dein Anblick“ auf dem Grabstein stehen hat. Thomas entsprach dem Wunsch und das gesamte Gelände verharrte vor dem Lieblingsstück der Tochter in andächtiger Stille. Tausende Feierlaunige bewiesen Anstand und Mitgefühl und konnten damit die Schandmäuler und besonders deren Fronter schwer beeindrucken.

Ein Konzertpublikum zum Nachdenken oder gar Weinen zu bringen, das ist die hohe Kunst der Live-Musik. Da kommen die unterschiedlichsten Menschen zum Feiern und Spaß haben zusammen und lassen sich durch die Musik durch eine Achterbahn der Gefühle schicken. Auch in dieser hohen Kunst kann Thomas auf ein persönliches Repertoire an Erfahrungen zurückgreifen. „Ich war bei der 360°-Tour von U2 in München. Frontmann Bono sang „Miss Sarajevo“, und ich habe mich gefragt, wer den Part des verstorbenen Luciano Pavarotti übernehmen wird. Vielleicht würden sie ihn mit einem Einspieler vom Band ersetzen? Und plötzlich singt Bono den Part selbst, in klassischem Tenor. Ich habe seine Stimme kaum erkannt! Es war wundervoll, für mich eine ganz besondere Erinnerung.“

Auch Thomas hat eine klassische Gesangsausbildung hinter sich. Zu seiner Rolle als Sänger kam er jedoch eher wie die Jungfrau zum Kinde: Keyboarder war er bei „Nachtschicht“ und Keyboarder wollte er bleiben, „so wie Heiner von WETO“. Nicht der „Bühnenrandkasper“, sondern der Unauffällige im Hintergrund, der gewissenhaft seinen Job erledigt und sich ein wenig hinter Instrument und Musikern verstecken kann. Doch als „Nachtschicht“ einen neuen Sänger suchen musste, fand die Band in ihrem Keyboarder den perfekten Nachfolger – und Thomas zu seiner neuen Berufung. Auch wenn er sich in diese Rolle erst hineinfinden musste. „Eigentlich wollte ich nie derjenige sein, der auf der Bühne alles im Blick behalten muss. Funktioniert die Flöte? Sind wir im Zeitplan? Wie lange muss ich meine Ansage strecken?“ Fragen über Fragen prasseln auf den Sänger wider Willen ein, und machen es ihm oft schwer, den Auftritt in vollen Zügen zu genießen. Die extrovertierte Frontmann-Seite in sich kam ihm jedoch nicht ebenso leicht zugeflogen. Dieser ging eine lange Findungsphase voraus. Wer will und kann er auf der Bühne sein, um diese wichtige Rolle auszufüllen, doch ohne dem Publikum etwas vorzumachen? Als wichtige Stütze und wichtiger Anhaltspunkt bei diesem Thema diente ihm in frühen Jahren Micha Rhein von In Extremo, dem er bis heute sehr dankbar ist. „Stundenlange Gespräche“ haben sie geführt, bis Thomas verstand, warum Das letzte Einhorn wann wie auf der Bühne agierte. Diesen Rat würde er auch jungen Nachwuchsmusikern geben: Guck mir auf die Schnauze und die Finger! Zieht eure Schlüsse aus dem, was eure Vorbilder tun und lernt daraus. So fand auch Thomas schließlich seinen eigenen Stil, maßgeblich beeinflusst von den Werken deutscher Liedermacher wie Reinhard Mey, Heinz Rudolf Kunze und anderen. Oder PUR, denen er nicht nur musikalisch einiges abgewinnen kann, sondern von denen er auch die Idee übernommen hat, in jedem Album-Booklet einen Brief an die Fans zu inkludieren.

Privat bleibt Thomas aber weiter das etwas unnahbare Nordlicht, raue Schale, weicher Kern, und genießt die schönen Dinge des Lebens, beschäftigt sich gern mit seiner Familie, mit Natur, mit Musik, Büchern oder Hörspielen – seinem großen Hobby. Über 1500 Stück besitzt er nach eigenen Angaben. Sie gehören zu seinem Alltag, nicht nur zum Einschlafen. Wenig Platz finden bei ihm Facebook und vergleichbare Medien. „Dafür fehlt mir der intellektuelle Zugang“, sagt er mit einem Schmunzeln und präsentiert sein altes, ramponiertes Nokia-Handy mit Schwarz-Weiß-Display. Vielleicht ist er auch einfach dem gesprochenen Wort zu verbunden. Mehrere Ausflüge als Sprecher für die Hörspiele seines Bruders Stephan belegen dies. In Ruhe arbeiten, kein Liken, Teilen oder Kommentieren – da ist er gerne altmodisch. Immer lieber etwas mehr Abstand als zu wenig. Mehr Kontrolle über die eigene Rolle als im Fokus der anderen stehen. Das entspricht seiner Selbstwahrnehmung und seinem Selbstverständnis. Deswegen sieht er sich auch nicht als Juror in Casting-Formaten wie „The Voice“ oder als Teil von TV-Shows wie „Sing meinen Song“. Diese TV-Präsenz ist auch den radiokompatiblen Künstlern vorbehalten. Mit diesem Thema hat Thomas nach mehreren erfolglosen Anläufen seinen Seelenfrieden geschlossen.

Noch einmal würde er auch nicht den beschwerlichen Weg in den Folkolymp auf sich nehmen. Würdest du wirklich lieber bei OBI arbeiten wollen statt heute nochmal von unten anfangen zu müssen, Thomas? „Wir sind 1998 schon auf den fahrenden Zug aufgesprungen. Meiner Meinung nach ist die Szene voll besetzt“, spricht Thomas klare Worte. Keine zu guten Aussichten für talentierte Emporkömmlinge wie Versengold? Thomas hofft das Beste, seine Zeit in der Folkszene hat ihn aber geprägt. So leert er irgendwann sein letztes Glas an diesem Tag und verabschiedet sich zurück nach Gröbenzell zu seiner Familie.

 

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