KRALLICE zählen zu den Akkordarbeitern in der US-amerikanischen Black-Metal-Szene: 15 Alben und vier EPs hat das Quartett seit der Bandgründung im Jahr 2007 veröffentlicht. Bisweilen waren es sogar zwei Alben pro Jahr (2022, 2023). Das letzte ist mit „Scour Order“ eben erst erschienen. Die unbändige Kreativität geht wohl auf unbändiges Chaos in den Köpfen ihrer Macher zurück – anders ist so manches Album der New Yorker nicht zu erklären. Wie sich das hochgradig technische, experimentelle Endprodukt live darstellt, wollen rund 60 Fans und Interessierte heute im Feierwerk herausfinden.
Als Opener fungiert ein echter „Local Support“, wie er im Buche steht: Erst vor wenigen Monaten gegründet, geben XPAM (gesprochen wohl Hram) heute ihr Live-Debüt. Das lassen sich die Süddeutschen allerdings zu keiner Sekunde anmerken: technisch fit und auf der Bühne absolut souverän präsentiert das Quartett aus gestandenen Musikern in jeder Hinsicht typischen Black Metal. Optisch haben XPAM dafür tief in die Accessoire-Truhe gegriffen und Nieten, Patronen, Kreuze und viel Leder herausgezogen – passend zur Musik, die zwischen schwedischer Melodik und norwegischer Trueness einzuordnen ist. Dass XPAM damit rein gar nicht zum Headliner KRALLICE (und deren Fans) passen, hält die Band nicht davon ab, in der halben Stunde eine packende Show auf die Bretter zu legen. Damit können XPAM sogar heute beim Publikum punkten, zumal einige Fans vornehmlich für diese Show gekommen zu sein scheinen. Im „richtigen“ Kontext könnten XPAM richtig zünden.
Was 30 Minuten später mit KRALLICE ansteht, ist nicht nur optisch ein Kontrastprogramm. Die Amerikaner spielen ohne jede Form von „Outfit“ oder sonstiger Bühnendeko – sieht man vom hängen gebliebenen Backdrop der Vorband ab. Ähnlich puristisch fällt auch die musikalische Darbietung aus: weitestgehend ohne Ansagen, vor allem aber ohne wiedererkennbare Muster. So erinnern die „Songs“ von KRALLICE weniger an klassische Kompositionen denn eher an den Musik gewordenen „Stream of Consciousness“ eines ADHS‑lers. Dass trotz zwei Gitarren der 6-Saiter-Bass das einzige „Melodieinstrument“ ist, während ansonsten nur Riffs geschrammelt werden, macht KRALLICE nicht eben leichter verdaulich. Immerhin: Wenn einem ein Part nicht gefällt, kann man sich ziemlich sicher sein, dass er in dem Stück kein zweites Mal vorkommen wird. Begriffe wie „Strophe“ und „Refrain“ sind im Proberaum von KRALLICE offenkundig verpönt.
Eingängigkeit kreiert man damit natürlich keine – zumindest aber eine sehr eigene, rohe Atmosphäre. Auch die könnte aber stärker sein, wären die einzelnen Komponenten in der Musik stärker. Leider bietet aber selbst Nicholas McMaster am Sechssaiter eher eine durchschnittliche Performance. Und auch das Schlagzeug kommt über sauberes, aber unkreatives Standardspiel nicht hinaus. Was aufgrund der fehlenden Strukturen zunächst komplex klingt, ist bei näherem Hinhören eigentlich ziemlich trivial – trotzdem aber extrem anstrengend, da Ruhepunkte in Form bekannter Parts komplett fehlen. So überrascht es nicht, dass das Publikum über die gebotenen 90 Minuten ausdünnt: Das Ende erleben nur noch knapp 40 Fans mit.
Zugegeben: Wie KRALLICE Songs schreiben und was deren Livedarbietung mit einem macht, ist – wennschon musikalisch kaum vergleichbar, doch irgendwie ähnlich wie bei SUNN O))) – eine interessante Erfahrung. Öfters schauen sich das aber wohl nur Hartgesottene an, denen wirklich jede Form von wiederkehrendem Muster zuwider ist. Zumindest nach allen gängigen Kriterien liefern XPAM heute aber den sehenswerteren Auftritt ab.
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