Interview mit Ally Storch

Sie hat die bekannteste Haarpracht in der Folk- und Mittelalterszene: ALLY STORCH. Dass unter der blonden Mähne eine reflektierte Frau steckt, beweist die Geigenvirtuosin in unserer Serie „Frauen im Folk“. Im Gespräch mit uns berichtet Ally über ihre Erfahrungen als vollwertiges Bandmitglied auf der einen und musikalisches Ausstellungsstück auf der anderen Seite – und darüber wie sie auf sozialen Medien ab und an selbst Fan sein kann.

Hallo Ally! Vielen Dank, dass du an unserer Interview-Serie „Frauen im Folk“ teilnimmst. Auch für dich zum Einstieg ganz allgemein: Wie bewertest du das Standing von Frauen in der weit gefassten Folk-, Gothic- und Mittelalterszene?
Ich muss sagen, dass ich über diese Frage wirklich lange nachdenken musste. Aufgefallen ist mir dabei, dass viele Menschen sich tatsächlich an Frauengesang geschmacklich stoßen; besonders in der Metal-Szene. Allerdings gibt es wohl kaum eine Szene, in die Frauengesänge besser passen, als in den Folk. Meiner Erfahrung nach traut man Frauen oft weniger zu, als Männern. Ich finde da die Geschichten meiner Soundtechnikerinnen immer sehr amüsant. Allerdings habe ich noch nicht erlebt, dass Qualität sich letzten Endes nicht doch durchgesetzt hätte. Am Ende meine ich, solange wir belastbar sind und überzeugend als Musikerinnen, sind wir gleichberechtigt.

Du bist inzwischen als Violinistin bei Subway to Sally festes Mitglied, stehst regelmäßig mit Schandmaul auf der Bühne, hast u.a. noch bei ASP, Haggard und der Letzten Instanz gegeigt. Wie waren deine persönlichen Erfahrungen mit diesen Musikern?
Mit Ausnahme von einer ist die Zusammenarbeit mit all diesen Bands sehr ähnlich: professionell und gleichzeitig familiär und herzlich. Man merkt jeweils stark die regionale Färbung und das liebe ich sehr! Ich habe und hatte nie das Gefühl, dass dabei mein Geschlecht eine wirkliche Rolle spielen würde. Natürlich ist es schön für die Bühnenpräsenz, wenn zwischen den Männern eine Frau auftaucht. Aber ich denke, ich hätte diese Konzerte auch gespielt, wäre ich ein Mann.

Wodurch unterscheiden sich diese Projekte für dich menschlich und musikalisch? Verkörperst du immer den gleichen Typ oder passt du dich an deine Rolle an?
Wie manche wissen, bin ich über die Szene hinaus auch in vielen anderen Ensembles und Stilrichtungen unterwegs. Da ist immer zuerst die Frage für mich, wieviel Fremdeinwirkung möchte die Band. Meistens wird nur jemand gesucht, der einen festgeschriebenen Part gut ausfüllen kann. Bis auf kleine Soli oder kleine Arrangements konnte ich bisher mein eigentliches musikalisches Können nicht wirklich unter Beweis stellen – das mache ich dann in den szenefremden Bands, wo z.B. viel improvisiert wird oder andere Sounds gefragt sind. Oder in meiner eigenen Band, in der ich mich voll und ganz auch kompositorisch austoben kann.
Befindest du dich dabei in einer Art Zwiespalt?
Ich versuche immer, in allen Projekten und Bands authentisch zu sein. Natürlich muss ich mich den einzelnen Bands stilistisch und optisch etwas anpassen, aber das mache ich nur soweit, dass ich mich nicht verbiege und dass ich meine Identität behalte. So darf ich inzwischen auch für die ein oder andere Band geigenkompositorisch etwas beisteuern. Für das neue Schandmaul-Album z.B. habe ich einen großen Teil der Geigen geschrieben, eingespielt und habe dabei versucht, „schandmaulig“ zu sein und trotzdem so Geige zu spielen, wie ich sie nach meinem Geschmack hier einsetzen würde. Ich bin gespannt, was das anstehende Subway-to-Sally Album da bringen wird. Menschlich sind die Bands durchaus sehr unterschiedlich gestrickt. In manchen gibt es den großen Mastermind, bei dem man nicht viel Mitspracherecht bekommt. Bei anderen geht es etwas demokratischer zu. Für mich funktioniert beides – solange mich das Endergebnis qualitativ überzeugt.

(c) Alex Schlesier, www.skulls-n-gears.com

Glaubst du, dass dir deine Optik bzw. der Fakt, dass du eine Frau bist, einige dieser Türen geöffnet hat oder führst du es wirklich nur auf dein musikalisches Können zurück?
Ich denke tatsächlich, dass ich meinen Weg durch mein musikalisches Können gemacht habe. Mir ist durchaus bewusst, dass meine langen Haare ein guter Hingucker sind. Aber keiner bucht mich wegen der Haare. Sie sind lediglich sehr von Nutzen, wenn sich jemand merken möchte, wer da eben auf der Bühne Geige gespielt hat. Vielleicht zielt Deine Frage auch darauf ab, ob man sich mit kurzem Rock und großem Ausschnitt auf der Bühne präsentieren muss, da das Thema im Moment seine Runde zu machen scheint. Jeder holt optisch das Beste aus sich heraus. Männer wie Frauen. Viele schminken sich. Männer wie Frauen. Dann gibt es auch genügend Männer, die z.B. mit freiem Oberkörper ihre Muskeln spielen lassen, andere tragen eben aufreizendere Kleidung. Warum nicht?  Das ist (meistens) schön für das Publikum, aber meines Erachtens nichts, was in unserer Szene die Karriere ankurbelt. Schließlich ist unser Publikum, or allem im Gothic-Bereich, ebenfalls oft sehr freizügig und meisterhaft in der Gestaltung von Outfits. Sie machen uns damit das Leben als Bühnenmusiker ganz schön schwer, wenn wir Bühnenkleidung zusammenstellen ;-)

Und wie waren deine Erlebnisse mit Fans?
Als ich noch in meinen 20er Jahren gewesen bin, waren die Fans tatsächlich nicht immer so respektvoll. Das hatte viel mit Alkohol zu tun und vielleicht mit dem Umstand, dass ich in einer reinen Frauenband gespielt habe. Ich vermute, dass sie sich das jetzt einfach nicht mehr trauen, da ich diese Veränderung auch in meinem Privatleben spüre.

Du hast viele Einblicke in unterschiedliche Fanszenen erhalten. Wo siehst du die größten Unterschiede und Gemeinsamkeiten, gerade mit Blick auf dich?
Bei Galaveranstaltungen fühle ich mich manchmal wie eine Puppe oder eine Jukebox. Da werden mal ungefragt meine Haare angefasst oder ich soll irgendwelche Songs zum Besten geben, egal wie qualitativ oder anspruchsvoll dann der Output wird. Da, muss ich sagen, begegnet mir großer Respekt in den anderen Szenen. Noch einen Unterschied sehe ich, wenn ich mit den Proggern und Jazzern zusammen bin: da unterhalten sich die Fans mit mir nur über Musik ;-)

Gibt es ein besonderes Ereignis mit einem Fan oder anderen Wegbegleitern, das dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Das sind durchaus so einige. Es gibt den einen oder anderen, der die Grenze zwischen Privatleben und Beruf nicht gut einordnen kann. Wenn z.B. plötzlich ein Fotograf in meinem kleinen Ort erscheint und mir entgegenkommt mit den Worten, er hätte gerade zu mir nach Hause gewollt. Oder wenn jemand zu sehr an meinem Tourleben teilnimmt und dafür sogar unangekündigt extra aus einem fernen Land anreist. Was nicht unbedingt ungewöhnlich klingt, aber komisch ist, wenn derjenige dabei meine volle Aufmerksamkeit einfordert. Meine letztes, allerdings schönes Erlebnis in dieser Richtung hatte ich in Poyenberg mit Schandmaul. Wenn Männern manchmal der legendäre BH zugeworfen wird, hatte ich diesmal das Glück, eine Männershorts auf die Bühne geschmissen zu bekommen. Sie liegt inzwischen (gewaschen!) in meinem Drehleier-Koffer. Jetzt fühle ich mich endlich wie ein vollwertiger Rockstar!

(c) Pushing Pixels, https://www.pushingpixels.de

Wie hat sich der Kontakt bzw. dein Verhältnis zu Fans durch soziale Medien verändert?
Es gibt dadurch überhaupt erst wirklich einen Kontakt zu den Fans. Vorher waren sie eher eine graue Masse, jetzt haben viele Fans Gesichter für mich. Wenn sich vor den sozialen Medien kaum jemand getraut hat, mich anzuschreiben, ist es jetzt anders. Das hat sich aber inzwischen auch sehr ins Positive eingependelt. Ich werde oft um Rat gefragt und freue mich dann, wenn ich helfen kann. Und ich darf selbst als Fan in Kontakt treten mit meinen großen Idolen, woraus ein für mich sehr wertvoller musikalischer Austausch entsteht.

Du wirkst auf Facebook und Co. sehr nahbar, postest unter anderem viel zu deinen Reisen mit der Deutschen Bahn. Nehmen Fans dieses Verhalten so wahr, dass du dadurch quasi immer für sie erreichbar bist?
Ich empfinde das tatsächlich eher als positiv. In meinen ersten Jahren habe ich noch ausprobiert und mich eher abgeschottet. Aber als ich gesehen habe, dass andere Künstler sehr offen sind und damit gut fahren, habe ich mich das auch getraut. Es ist tatsächlich nicht immer so harmlos und das muss man erst einzuschätzen lernen. Aber ich muss sagen, dass ich durch diese Fannähe viele wundervolle Menschen kennengelernt habe und Freundschaften pflege. Zudem erfahre ich aus erster Hand, wie meine Arbeit eigentlich ankommt.

Was noch nicht viele wissen, ist, dass du mit Ally The Fiddle auch ein eigenes Projekt hast. Wie ist denn dort der aktuelle Stand der Dinge?
Wir haben in letzter Zeit viel gewartet, denn unser Studio kam nicht so schnell voran, wie meine Planung das vorgesehen hatte. Darum hatten wir auch die Anzahl unserer Live-Auftritte heruntergefahren – um dann mit dem neuen Album durchzustarten. Es kommt am 14. September heraus und wir werden eine kleine Pre-Release-Tour machen, sogar mit Release-Party am 2. September im Nuke Club in Berlin. Das Album wird „UP“ heißen und wir arbeiten mit „Gentle Art of Music“ zum ersten Mal einer Plattenfirma zusammen.

(c) Alex Schlesier, www.skulls-n-gears.com

Hat dein Soloprojekt von deiner wachsenden Präsenz auf Folk-Bühnen profitiert?
Meine eigene Band hatte am Anfang davon profitiert, als unsere Musik noch folklastiger gewesen ist. Später habe ich mich nicht mehr um (Support-)Shows in unserer Szene bemüht, weil wir progressiver geworden sind. Aber solange wir live gespielt haben, hatte die Band durch meine Präsenz in anderen Formationen durchaus einen ziemlich starken Zulauf. Inzwischen haben wir uns stilistisch im progressiven und jazzigen Bereich gefunden und ich bin gespannt, welche neuen Zuhörer jetzt dazukommen.

Bist du lieber Frontfrau wie bei Ally The Fiddle, die meist im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, oder Bandmitglied wie bei anderen Projekten, die von Fans eher mit anderen Gesichtern assoziiert werden?
Ich bin tatsächlich gerne beides. Es gibt auf jeder Seite für mich viel zu entdecken und zu lernen; und ich lasse mich gerne herausfordern.

Du bist inzwischen Mama und noch mehr unterwegs. Wie passt das zusammen? Wie findest du bei so vielen Projekten noch Zeit für dich?
Zeit für mich? Habe ich nicht wirklich. Die suche ich in kurzen Aufenthalten in Hotels oder eben in meiner Arbeit. Das alles ist natürlich nur möglich mit der Unterstützung durch die Familie. Vielen Dank dafür!

Mit welchem Künstler würdest du gerne einmal die Bühne teilen und was würdet ihr zusammen performen?
Da brauche ich nicht lange zu überlegen: Jerry Goodman. Er ist einer der ersten Geiger, die elektrisch verstärkt in diversen Jazzrock-Bands gespielt haben. Und mein großes Idol. Ich könnte (werde!) noch so viel von ihm lernen und bewundere ihn, sein Können und seinen Ton aus tiefstem Herzen. Mir wäre dabei völlig egal, was wir performen – es wäre in jeder Hinsicht meine größte Stunde! Im übrigen spielt er ein Solo auf unserem neuen Album „UP“ und es ist der Wahnsinn!

Wie sehr nerven dich Fragen zu deinen Haaren?
Es hat mich eine Zeit lang schon sehr genervt, dass den Leuten keine anderen Fragen zu meiner Person eingefallen sind. Letztlich sind es doch nur Haare. Und mir ist meine Leistung auf der Bühne um einiges wichtiger. Aber im Grunde verstehe ich es und nehme es als Kompliment.

(c) Jorgen Skrotzky, http://lights-of-metal.com/

Vielen Dank für deine Zeit und Antworten. Zum Abschluss noch ein paar Stichworte für ein freies Assoziieren. Was fällt dir als erstes zu den folgenden Begriffen ein?

#metoo – Wichtig! Ich denke nicht, dass diese Bewegung dazu gedacht war/ist, übermäßig zu jammern und Mitleid zu erregen. Vielmehr darum, wie wenig uns manchmal bewusst ist, was ein sexueller Übergriff – und sei er auch noch so „klein“ – für eine starke Auswirkung auf die Seele hat. Beiden Geschlechts. Und welches Standing Frauen in anderen Bereichen der Erde haben.
Rapunzel –  haarige Angelegenheit
Drehleier – Horizonterweiterung
Männliche Groupies –  Bühnenunterhose
Vorurteile – wichtige Herausforderung
Deutsche Bahn – nehme ich inzwischen mit Humor

Die letzten Worte gehören dir …
Wir sollten uns mehr mit Musik beschäftigen und Musik wirklich hören.