Interview mit Jeff Waters von Annihilator

Seit 26 Jahren bereichern ANNIHILATOR die Metalszene mit erstklassigen Thrash-Scheiben – die auch immer wieder für Gesprächsstoff sorgen. Zum Release des neuen Werks „Annihilator“ riefen wir Mastermind Jeff Waters in seinem kanadischen Zuhause an und plauderten über die neue Scheibe, die Pleite von SPV, arme Kinder und über das zweite Standbein des Mr. Waters.

Hey Jeff! Wie steht die Kunst?
Bestens, danke der Nachfrage! Ich muss dir aber ganz ehrlich sagen, dass ich ein wenig überrascht bin…

Überrascht? Weswegen?
Du bist ernsthaft der erste deutsche Journalist, der mich absolut pünktlich und auf die Minute genau anruft. Seit einigen Jahren schaue ich aus Spaß immer, wann genau der Anruf kommt – und scheinbar telefonieren einige Leute nicht so gerne mit mir, weswegen sie unpünktlich sind. (lacht)

Also lautet deine Erkenntnis nach 26 Jahren ANNIHILATOR: Mit der viel umschriebenen deutschen Pünktlichkeit ists nicht weit her?
Haha, nein. Mit den Schweizern ist es merkwürdigerweise genau so. Die haben diese genialen Uhren erfunden, da glaubst du wirklich, die wären im Stande, dich pünktlich anzurufen. Aber nein…

Dann darf ich dich auch pünktlich zum neuen Album dazu beglückwünschen. Es ist großartig geworden!
Danke dir, Mann! Man gibt immer sein Bestes – manchmal erfolgreich, manchmal leider weniger erfolgreich. Dieses Mal funktionierte aber alles wunderbar und wir sind sehr zufrieden mit der neuen Scheibe.

Hast du dich um das Mixing und Mastering und die Produktion an sich wieder selbst gekümmert? Lief alles reibungslos ab?
Ja, natürlich! Anders funktioniert es für mich inzwischen gar nicht mehr.

Wir hatten genau genommen kein Label mehr und damit auch keine Deadline für die Fertigstellung des Albums. Es vergingen einige Tage, bis mir überhaupt mal der Gedanke kam: „Verdammt, warum machen wir uns so einen Stress? Wir sollten entspannen und alles ruhig angehen.“

Das ist unsere 13. Scheibe, aber die erste, für die es keine Deadline gab, für die ich keine Fristen einhalten musste. Normalerweise folgt direkt auf die Aufnahmen das Mixing und Mastering. Wenn es soweit ist, bin ich aber immer schon komplett am Ende und habe eigentlich keine Lust mehr, mich sofort wieder mit meiner Musik auseinanderzusetzen. Meine Ohren sind müde und ich habe mental einfach eine Zeit lang keine Lust mehr auf die neuen Aufnahmen. Du arbeitest sechs Monate an den Gitarrenparts, am Bass, nimmst alles auf, produzierst alles – und danach musst du das alles noch so schnell wie möglich mixen.

Dieses Mal konnte ich einen Mix machen, mir eine kleine Auszeit nehmen und einen Monat später nochmal einen zweiten, besseren Mix machen.

Als SPV Insolvenz angemeldet haben, muss das ja ein kleiner Schock für dich gewesen sein. Was war denn dein erster Gedanke, als du davon gehört hast?
Ich wusste, dass irgendwas nicht stimmte. Deswegen war die Insolvenz eigentlich kein wirklicher Schock für mich. Genau eine Woche, bevor SPV das bekanntgaben, trat ich von unserem Vertrag zurück – obwohl mir keiner erzählt hat, dass es zur Insolvenz kommen wird, weil nicht viele Leute davon wussten! Ich habe lange genug mit den Jungs und Mädels dort gearbeitet, um zu merken, dass irgendwas nicht stimmen konnte – es wurde keine Promotion mehr gemacht, der komplette Betrieb kam praktisch zum Stillstand; von einer Minute auf die andere. Das konnte nur bedeuten, dass sie entweder in ernsten finanziellen Schwierigkeiten steckten oder eben in die Insolvenz gehen mussten.

Womit du ja leider recht behalten hast.
Mein Instinkt hat mir gesagt: „Junge, wenn du die Chance hast, jetzt aus diesem Vertrag rauszukommen – dann mach das!“ Ich habe ihnen die „Live At Masters Of Rock“-DVD angeboten, um vom Vertrag zurücktreten zu können und sie waren glücklicherweise sofort einverstanden. So musste ich also kein weiteres Album für SPV machen. Aber naja, du weißt schon…

Schade ists trotzdem, natürlich. Immerhin hattet ihr eine jahrelange hervorragende Zusammenarbeit.
Eben. Das alles tat mir wirklich leid für das Label, weil ich dort auch einige Freunde hatte – und immerhin waren sie auch sehr fair zu ANNIHILATOR, indem sie die Band gehen ließen. Sie hätten problemlos sagen können, dass wir noch ein weiteres Album für sie machen sollten, um unseren Vertrag zu erfüllen. Das rechne ich ihnen hoch an.

Auf der einen Seite war ich an diesem Tag der glücklichste Musiker der Welt, weil ich die Band möglicherweise vor ihrem Ende retten konnte. Und auf der anderen Seite war ich natürlich auch traurig, weil ja jeder weiß, wie wichtig SPV für die Rock- und Metalwelt war.

Rein auf „Annihilator“ bezogen scheint es aber bis zu einem gewissen Grad auch Glück im Unglück für euch gewesen zu sein, oder?
Im Grunde genommen war es das, ja. Wenn es SPV weiterhin gut gegangen wäre und sie diese Problem nicht gehabt hätten, wären wir auch weiterhin bei ihnen geblieben. Ich dachte immer, die sind ein sehr stabiles und sicheres Label – aber damit habe ich mich wohl getäuscht. Die wirklich positive Sache daran ist allerdings, dass die neue Scheibe in meinen Ohren die beste ist, die wir seit Langem gemacht haben. Einfach deshalb, weil von Seitens des Labels kein Druck aufgebaut wurde und ich mir so viel Zeit nehmen konnte, wie ich wollte.

Es scheint langsam zur Mode zu werden, dass Musiker vom Artwork ihrer zukünftigen Scheibe träumen… Bei dir war das ja ebenfalls der Fall.
Tatsächlich, ist das so? (lacht) Ich schaue mir Nachts, wenn meine Kinder schon schlafen, gerne Horrorfilme an, nehme mir etwas Zeit für mich selbst, bevor ich auch ins Bett gehe. Und dann hatte ich auch tatsächlich mal den Traum, dass mir so ein typisches kleines Horrorfilm-Mädchen Mädchen bis ans Bett folgte. Als ich aufwachte, dachte ich mir nur, dass das eigentlich ziemlich cool ist – irgendwas aus der Hölle trifft auf Linda Blair aus „Der Exorzist“. Ich hatte ein genaues Bild im Kopf, erzählte unserem Cover-Künstler in Budapest davon – und sein erster Entwurf war tatsächlich genau das, was ich mir vorgestellt habe.

Es steckt also keine ernste Bedeutung dahinter, macht sich aber verdammt gut und könnte eigentlich genau so gut auf dem Cover einer Death Metal-Platte sein. Im übrigen passt es auch ziemlich gut zu den anderen Bands bei Earache Records.

Ein kleiner Blickfang ist es auf jeden Fall, ja. Wie hat sich denn die Sache mit dem Albumtitel gestaltet? Jedes Mal, wenn du eine coole Idee für den Titel hattest, erschien irgendetwas mit dem gleichen Namen. Ließt da jemand deine Gedanken?
(lacht) Vielleicht nicht ganz das, nein. Ich sag dir, wie es eigentlich immer läuft: Wenn die Aufnahmen abgeschlossen sind, brauche ich natürlich einen Titel für das Album. Der lautet meistens auf den Namen eines Songs, der auf der Scheibe ist. Das ist ziemlich einfach und setzt keine großartige Gehirnakrobatik voraus, richtig? Wenn du dir aber die aktuellen Songtitel anschaust, klingt eigentlich keiner davon als Albumtitel gut.

Und so kam dann als vorläufiger Titel „Defiance“ zustande?
Der wurde aber auch schnell wieder verworfen. Eigentlich hätte er ziemlich gut gepasst: Die Plattenfirma geht pleite und andere Bands wären damit sicherlich untergegangen. Aber nicht ANNIHILATOR. Der Titel hätte also durchaus gepasst, weil ich trotzig war und kämpfen wollte. Dann kam aber der Film gleichen Namens heraus und letzten Jahr brachten dann auch Deströyer 666 ein Album mit dem Titel auf den Markt.

Also steckt keine tiefsinnigere Bedeutung hinter der schlichten Selbstbetitelung von Album Nummer 13?
Nein, wirklich nicht. Mein Sänger Dave kam irgendwann an und sagte: „Hey, jetzt denkst du schon seit drei Monate über einen Titel für das Album nach. Warum nennst du es nicht einfach „Annihilator“, wenn dir nichts anderes einfällt?“ Das ist eigentlich der einzige Grund – so unspektakulär das auch klingt. (lacht)

Jetzt habt ihr einen Vertrag bei Earache Records unterschrieben. War das eure erste Wahl oder habt ihr auch noch andere Angebote eingeholt?
Nuclear Blast und ein weiteres großes Label haben uns Verträge zugeschickt und Verhandlungsgespräche mit uns aufgenommen. Wir waren schon kurz vor der Vertragsunterzeichnung, als Earache Records in letzter Minute mit einem Angebot kamen. Ursprünglich wollten wir bei einer deutschen Plattenfirma unterzeichnen, weil wir in Deutschland immer sehr gut angekommen sind und uns dort wohl fühlen. In das Bandprogramm von Earache Records passen wir außerdem gar nicht unbedingt und die Manager der anderen Labels gaben uns eigentlich auch die besseren Konditionen und sagten uns ständig, wie sehr sie doch auf ANNIHILATOR stehen.

Warum habt ihr euch dann überhaupt für Earache Records entschieden?
Ich bekam dieses ganz bestimmte Gefühl… „Soll ich das probieren oder soll ichs lieber lassen, weil es eine bescheuerte Idee ist?“ Du kennst das das doch auch.

Klar, das ist eine Frage, die sich jedem stellt, der einen Joghurt-Becher mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum vor sich hat.
(lacht) So ähnlich, verdammt ja… Wir standen vor der Entscheidung, den sicheren Weg mit Nuclear Blast oder einem anderen, in etwa gleichwertigen Label einzuschlagen – oder mit Earache etwas zu riskieren. Letzten Endes haben wir uns für das Risiko entschieden.

Laut Label hast du dich auf der neuen Langrille mit satten 66 Soli verewigt. Eine eindrucksvolle Zahl.
Diese Zahl wird mich von nun an auf Schritt und Tritt verfolgen… (lacht) Die hat übrigens der Label-Manger von Earache ins Gespräch gebracht. Er bekam die gemasterte Version der CD geschickt und zwei Tage später schrieb er mir eine Mail. „Heilige Scheisse, Jeff. Weist du, dass du 66 Soli auf der Scheibe gespielt hast???“ Das war alles, was er sagte und machte mir zwei Sachen klar:

Erstens: Es ist verdammt merkwürdig, Soli zu zählen. Das habe ich noch nie gemacht und kenne auch keinen, der das macht. Du etwa?

Auf die Schnelle nicht, nein. Und die zweite Sache?
Mein zweiter Gedanke war, dass es eigentlich verdammt cool ist, wenn der Label-Chef sich die Zeit nimmt und sich derart intensiv mit deinem Album auseinandersetzt, dass er sogar die Soli mitzählt und aufschreibt. Als ich mir dieser Zahl so richtig bewusst wurde, kam mir dann auch in den Sinn, warum meine Finger, Hände und Schultern nach den Aufnahmen so schmerzten… (lacht)

Bisher war ANNIHILATOR immer gleich Jeff Waters. Jetzt sind ANNIHILATOR Jeff Waters und Dave Padden. Wann entwickelte sich ANNIHILATOR von deiner zu eurer Band?
Tja, Junge – wenn wir so weiter machen, haben wir in ungefähr 20 Jahren eine richtige Band. (lacht) Nein, also: Dave kam vor fast acht Jahren in die Band und bis dato dachte auch jeder, dass ANNIHILATOR mehr oder weniger ein Jeff Waters-Soloprojekt ist. Für Leute, die mich nicht kannten, musste das ziemlich merkwürdig gewesen sein. „Hey, der Mann muss doch ein Arschloch sein. Oder ein Diktator.“ Ich liebe es einfach, mit verschiedenen Musikern zu arbeiten. Wenn du einen Musiker anheuerst, der richtig gut ist, passiert es auch schnell mal, dass irgendwann eine andere Band kommt, mit der er mehr Geld machen kann. Oder dass du jemanden ins Boot holst, der Familie hat, nicht auf Tour kann und will, dafür aber Wert auf ein regelmäßiges Einkommen legt, weil er für seine Kinder sorgen muss.

Also bist du keiner, der ewig im gleichen LineUp arbeiten könnte?
Ich weiß nicht. Ich liebe es einfach, oft mit anderen Leuten zu arbeiten – meinetwegen jedes Jahr mit anderen Musikern zu spielen. Viele sagen, dass ANNIHILATOR um einiges größer und erfolgreicher sein könnten, wenn das LineUp stabil und die Musik in etwa gleich geblieben wäre. Darauf gebe ich aber nicht viel. Für manche Leute bedeutet Erfolg in dieser Branche, auf möglichst vielen Magazincovern zu sein, viel Geld zu verdienen und als Star gesehen zu werden. Ich habe so viel von der Welt gesehen, konnte viel reisen, verschiedene Kulturen und unzählige Menschen kennen lernen und überall auf der Welt vor Leuten spielen, denen meine Musik gefällt. Das ist mein Erfolg.

Und wie verhält sich das nun mit Dave? Irgendetwas an ihm muss es dir ja angetan haben.
Dave ist jung und war noch ziemlich unerfahren, als ich ihn ins Boot geholt habe. Ich musste außerdem schnell feststellen, dass er auf der Bühne nicht frei sprechen oder die Sau rauslassen konnte, beinahe schon schüchtern war. Mit den Jahren hat er sich aber beachtlich entwickelt und heute steht er auf der Bühne, rattert seine Riffs absolut präzise runter, hat eine wahnsinnig gute Stimme und tritt einfach Ärsche. Er ist als Künstler und Sänger gereift.

Das merkt man der neuen Scheibe an wie keiner zuvor, wenn du mich fragst. Jedenfalls lag deine Wahl mit ihm wohl goldrichtig.
Absolut. Vor ein paar Jahren ertappte ich mich sogar dabei, wie ich ihn eines Nachts anrief und um Rat fragte, weil ich mit ein paar Songs nicht weiter musste. Auf diese Art und Weise vertraute ich mich zuvor keinem ANNIHILATOR-Musiker an. Ich gewöhnte mich langsam aber sicher daran, einen Partner in der Band zu haben. Bei diesen Aufnahmen rutschte mir dann plötzlich heraus: „Dave, du bist jetzt auch ANNIHILATOR!“ Und verdammt, das stimmt!

Hinter „Nowhere To Go“ steckt eine besondere Begebenheit. Erzähl unseren Lesern doch bitte davon.
Ich fuhr mit meinem Wagen durch Downtown Ottawa. Ottawa ist eine der reichsten Städte Kanadas. Ich war dort in einem Musikgeschäft und es war schon dunkel, als ich mich wieder auf den Heimweg machen wollte. Dunkel und verdammt kalt. Irgendwo am Straßenrand hab ich dann zwei Kinder liegen sehen und dachte erst, denen wäre etwas passiert. Es stellte sich dann aber heraus, dass die dort seit einiger Zeit Nachts schliefen – Bruder und Schwester, gerade mal 12 oder 13 Jahre alt. Ich habe selbst auch Kinder, weswegen mich das ziemlich getroffen hat. Ihre Eltern waren Drogenabhängige, nach Hause konnten und wollten die Kids also nicht, weil das eine einzige Crack-Höhle war.

Und dann hast du sie mitgenommen?
Ja, obwohl das im Nachhinein ein merkwürdiges Gefühl für mich war, das ich nicht so recht beschreiben kann. Ich habe sie einfach gepackt, in meinen Wagen gesetzt und bin mit ihnen zu einer Einrichtung namens „The Shelter“ gefahren. Die ist allerdings für Erwachsene und nicht für Kinder. Ich hatte beinahe noch einen Streit mit den Verantwortlichen dort, weil sie nicht wussten, wohin man die Kinder stattdessen bringen konnte. Ich überlegte, ihnen Geld zu geben – was aber nicht die beste Idee gewesen wäre. Es sind immerhin Kids, die wissen doch nicht, wie sie es am besten ausgeben sollten. Irgendwann habe ich dann endlich die richtige Organisation gefunden und sie ein paar Streetworkern übergeben, die sich um sie gekümmert haben.

Und nur einen Augenblick später saß ich wieder in meinem Auto und fuhr nach Hause. Die Nacht war echt strange… Das waren die surrealsten drei Stunden, die ich jemals erlebt habe. Alles in allem war ich danach sehr deprimiert, weil mich das wirklich betroffen gemacht hat. Meine Freundin Zuhause fragte mich nur, wo ich die ganze Zeit gewesen sei, weil ich drei Stunden früher zurück sein sollte. Es war schwer für mich, das zu erklären und zu verarbeiten, weswegen ich einen Song darüber schrieb.

Der auch ein klares Statement beinhaltet, nicht wahr?
Im Grunde genommen schleudert er all den Leuten, die zulassen, dass Kinder auf der Straße schlafen müssen, ein „Fuck You!“ entgegen. Wir sind so ein reiches Land, da sollte sowas nicht passieren.

„Romeo Delight“ ist ein Van Halen-Cover. Warum hast du dich gerade für diesen Titel entschieden?
Zuerst mal dachte ich, es wäre Zeit, mit ANNIHILATOR einen coolen Song zu covern. Bisher findet sich nämlich kein Cover auf einem unserer offiziellen Studioalben. Es stellte sich allerdings als ziemlich schwer heraus, einen einzigen Lieblingssong für ein Cover auszusuchen. Das konnte nicht funktionieren. Also entschloss ich mich, nachzudenken, welcher Song meinen musikalischen Werdegang bestimmt, mein Gitarrenspiel geprägt und meine Persönlichkeit als Musiker beeinflusst hat. Und da gab es nur „Romeo Delight“ von Van Halen. Der Song war auf dem 1980er-Album „Women & Children First“…

…die heraus kam, als der kleine Jeff gerade 13 oder 14 Jahre alt war…
…und die meiste Zeit über nur mit AC/DC oder Kiss hörte. „Romeo Delight“ war das Härteste, was ich bis dato gehört habe. Heute gelten Van Halen als Hard Rock-Band, für manche sogar als Party-Band. Aber zu dieser Zeit wurden Bands wie Van Halen und AC/DC als Heavy Metal bezeichnet. „Romeo Delight“ war für diese Zeit ziemlich aggressiv und heavy und ich bekam Lust auf mehr davon. Bald darauf folgte Black Sabbath, danach kamen Priest und Maiden, irgendwann Venom. Wenn du bei Venom angekommen bist, geht es schnell weiter zu Slayer, Exodus und Metallica. Ohne diesen großartigen Van Halen-Song würde ich also heute – wenn überhaupt – Musik in Richtung 80er-Melodic-Stuff machen, aber garantiert keinen Thrash Metal.

Neben ANNIHILATOR schreibst du auch noch Songs für andere Künstler. Wie läuft dieser Part?
Woher weißt du das? Hast du mich komplett durchleuchtet, oder was? (lacht)

Recherche ist der halbe Lohn… (lacht) Bin ich etwa falsch informiert?
Nein nein, das stimmt schon. Nur weiß so gut wie niemand davon. Ich habe praktisch zwei Leben, wenn du so willst. Ich habe nur ganz wenige Songs für Metal-Künstler geschrieben, an die ich mich auch gar nicht mehr richtig erinnern kann. HammerFall, zum Beispiel.

Aber das ist doch nicht alles, oder?
Nein. Nebenher habe ich noch ein paar Sachen am Laufen, für die ich aber nie meinen richtigen Namen verwende. Da schreibe ich Balladen, beinahe schon Pop. Damit habe ich schon 1993 angefangen – es ist also nichts, das ich erst seit Kurzem mache. Ich hatte schon eine Art Karriere am Laufen, als wir mit ANNIHILATOR die „Set The World On Fire“ heraus brachten, auf der ja auch melodische Songs und Balladen zu finden waren. Auf die Scheibe wurden gleichzeitig und unabhängig voneinander ein anderer Songwriter und ein Verleger aufmerksam und sie fragten mich, ob ich nicht mehr von diesen melodischen Songs oder Balladen schreiben wollte.

Man gab mir lediglich den Tipp, das nicht unter meinem richtigen Namen zu machen, weil das vielleicht einigen ANNIHILATOR-Fans oder Metalheads allgemein vor den Kopf stoßen könnte. Ich habe also immer versucht, das mehr oder weniger geheim zu halten. Seit 1993 schreibe ich Jingles für TV-Werbespots, Musik für Fernsehserien, Filme und Videospiele – alles mögliche! Und natürlich auch für viele andere Künstler, die nicht mal im Entferntesten was mit Metal zu tun haben.

Das überrascht jetzt doch. Dass du dabei auch derart produktiv warst, hätte ich gar nicht gedacht.
Und weißt du was? In manchen Jahren waren es sogar diese soften, poppigen Songs, die ich unter einem anderen Namen geschrieben habe, die ANNIHILATOR am Leben hielten, die das Geld brachten, womit wir dann auf Tour gehen oder Alben aufnehmen konnten. Gerade Ende der 90′ haben kaum mehr Labels Bands unter Vertrag genommen und es war allgemein nur noch wenig Geld mit Metal zu holen. Da musste jeder selbst schauen, wo er blieb. Wenn ich dieses Standbein nicht gehabt hätte, gäbe es ANNIHILATOR heute wohl nicht mehr.

Du wurdest – mal wieder – für eine Auszeichnung um deine Gitarrenkunst nominiert. Dieses Mal für den „God Of Riffs“-Award im deutschen Metal Hammer. Bedeuten dir solche Auszeichnungen etwas und glaubst du, du hast eine Chance zu gewinnen?
Oh Jesus, das ist eine gute Frage… (lacht) Es gibt ganz sicher viele Gitarristen in dieser Kategorie, die die Auszeichnung mehr verdient haben, weil sie ganz einfach besser sind. Diese Auszeichnungen und Umfragen und all das brauchen die Magazine wohl von Zeit zu Zeit. Über die Auswahl lässt sich natürlich streiten und letztendlich entscheiden die Leute ja ohnehin nur nach ihrem persönlichen Geschmack. Ich meine: Es ist eine Schande, dass in keiner dieser Wahlen Malcom Young von AC/DC aufgelistet wird. Und wieso nicht? Weil er auf der Bühne nur drei Riffs spielt? Na und? Dieser Kerl hat einige der bekanntesten und am meisten verkauften Rocksongs der Welt geschrieben und ist wahrscheinlich der taktsicherste Gitarrist, den es jemals gab – nach seinem Spiel kannst du Atomuhren stellen! Über die Auswahl lässt sich also streiten… Es ist also cool, dabei zu sein, aber im Grunde genommen die unwichtigste Sache der Welt.

In Sachen Booking scheint es ja mittlerweile wieder gut zu laufen. Ich habe gehört, ihr habt einen Deal mit einer der größten Agenturen überhaupt an Land gezogen?
Meine Managerin hat dort angerufen, ja. Ich hielt das Anfangs eigentlich für eine unsinnige Idee, weil ich mir sicher war, dass eine Booking-Agentur dieser Größe ganz sicher nichts mit einer Band wie ANNIHILATOR zu tun haben wollte. Meine Managerin wollte es aber auf jeden Fall versuchen, weil es nur wenige Booking-Agenturen gibt, die wirklich gut sind. Sie rief also an und der Kerl, der normalerweise das Booking für Coldplay und Robbie Williams macht, outete sich als riesiger ANNIHILATOR-Fan! Das war eine glückliche Fügung des Schicksals, weil wir jetzt einige verdammt coole Touren am Start haben.

Das scheint ja soweit schon ein gutes Jahr für ANNIHILATOR zu werden, nicht wahr?
Definitiv! Ich bin gespannt, was noch so auf uns zukommt!

Sehen wir euch dieses Jahr noch auf einer deutschen Bühne oder müssen wir damit bis 2011 warten?
Wir spielen dieses Jahr leider auf keinem deutschen Festival, kommen im Herbst aber auf eine Tour als Support-Act zurück. Im Frühjahr wollen wir dann als Headliner nochmal auf große Tour durch Europa gehen. Wenn du also gegen Herbst deine Augen und Ohren offen hältst, solltest du uns auch irgendwo in Deutschland zu Gesicht bekommen.

Lass uns das Interview mit einem kleinen Brainstorming abschließen. Was fällt dir zu den folgenden Begriffen ein:

Golf von Mexiko: Ölspur
Iron Man: Wunderschöne Frauen… Robert Downey Jr. War vergangene Nacht in irgendeiner Talkshow, um Werbung für den zweiten Teil zu machen. Es wurde ein kurzer Trailer eingeblendet und alles was man sah, waren schöne Frauen. An mehr erinnere ich mich nicht. (lacht)
Flashpoint: Keine Ahnung, was das ist
Heirat: Wahrscheinlich nicht nochmal… (lacht)
Metal1.info: Hat Spaß gemacht, gerne wieder!

Jeff, vielen Dank für deine Zeit. Hat mich gefreut, hat Spaß gemacht und war verdammt interessant. Bis zum nächsten Mal!
Ich danke dir, man sieht sich hoffentlich im Herbst auf Tour! Bis die Tage und pass auf dich auf!

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