Interview mit Mathias Lillmåns von Finntroll

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Sieben Jahre haben FINNTROLL ihre Fans auf ihr neues Album „Vredesvävd“ warten lassen – so lange wie noch nie in 20 Jahren Bandgeschichte. Mathias Lillmåns über Nebenprojekte und wachsenden Druck, seine persönliche Situation in der Corona-Krise und den Verfall der Pagan-Metal-Szene.

Sieben Jahre habt ihr gebraucht, um „Vredesvävd“ fertigzustellen – länger als je zuvor in eurer Karriere. Hattet ihr eine echte Bandpause oder habt ihr diesmal nur länger am Album gearbeitet?
Nun, zunächst einmal sind wir nach der Veröffentlichung des „Blodsvept“-Albums viel getourt, sind mit dieser Platte überall hingefahren, wo wir hinkonnten – und danach sind wir sozusagen direkt auf eine 10-Jahres-Jubiläums-Tournee des „Nattfödd“-Albums gegangen. Wir hatten während dieser Zeit etwas Material geschrieben, aber es war nicht 100 % richtig … wir hatten das Gefühl, dass etwas fehlte. Wir beschlossen, ein paar mehr Auftritte zu spielen und einfach auf Inspiration zu warten. Wir sind dann zu Gigs übergegangen, die aus dem normalen Schema ausbrechen, haben in Japan, Südamerika und sogar Afrika gespielt.

Zu diesem Zeitpunkt hatten wir bereits das Jahr 2017 und wir hatten noch immer nicht den richtigen Sound für das Album gefunden. Wir beschlossen, einfach weiterzuspielen, bis sich das Material richtig anfühlt, und dann die Auftritte zu reduzieren und das Album zu machen. Im Sommer 2019 hatten Routa und ich einige Interviews, und wir wurden gefragt, für wann wir „ein Comeback planen“. Da habe ich entschieden, dass es jetzt genug ist und dass wir das Album im Jahr 2020 herausbringen müssen, weil die Leute uns sonst vergessen würden. Also habe ich eine E-Mail an Century Media Records geschickt und um eine Frist für eine Veröffentlichung im Jahr 2020 gebeten. Wir bekamen den Abgabetermin und plötzlich haben wir wieder angefangen, gutes Material zu schreiben! Und jetzt sind wir hier, ein Jahr später, mit einem fertigen Album, das im September herauskommt!

Waren die vielen anderen Alben, die ihr alle in der Zwischenzeit mit anderen Bands wie Moonsorrow, Shape Of Despair oder bei dir konkret …And Oceans veröffentlicht habt, eine Konsequenz dieser Kreativpause oder der Grund dafür?
Eher eine Konsequenz. Ich würde nicht sagen, dass diese Bands nennenswerten Einfluss auf die Verzögerung hatten. Nicht die richtige Inspiration für neue FINNTROLL-Musik zu finden, hat uns mehr oder weniger eigentlich erst erlaubt, uns auf andere Dinge zu konzentrieren. (lacht)

Spürst du einen gewissen Erwartungsdruck, wenn nun nach so langer Zeit ein neues Album erscheint?
Definitiv! Ich glaube, es wurde irgendwann zu einer Art Teufelskreis, nachdem drei, vier Jahre vergangen waren. Bei einer so großen Lücke kann der Druck entstehen, dass man meint, etwas liefern zu müssen, das das Warten wert ist. Auch das hat dazu geführt, dass wir bei den Riffs wählerischer waren, was wiederum dazu führte, dass wir uns mehr Zeit zum Schreiben nahmen … und so ging das eine Weile lang so weiter.

Ich habe das Gefühl, dass sich auch die Pagan-Szene in der Zwischenzeit verändert hat, nicht unbedingt zum Besseren. Während FINNTROLL immer für anspruchsvolle Musik stand, die mit einem Augenzwinkern – etwa Trollohren – präsentiert wurde, machen viele Bands in der Szene inzwischen nur noch Partymusik, die leider musikalisch nicht mehr ernst genommen werden kann. Wie stehst du dazu?
Ich denke, dass Bands das Recht haben, zu tun, was sie wollen, aber ich habe FINNTROLL nie als eine Band gesehen, die 20 „Trollhammaren“-Songs hintereinander machen würde – selbst wenn die Leute das fordern würden. Bei FINNTROLL ging es immer darum, sich weiterzuentwickeln und einige neue Elemente in jede Veröffentlichung einzubringen, ohne den ursprünglichen Sound zu verlieren.

© Henry Söderlund / Staring Abyss Photography

Ihr wart mit all diesen Bands viel auf Tournee – seht ihr euch immer noch dort, passt ihr noch in diese Szene?
Nach 2010 war die Szene mit Folk-Metal-Bands, die nur des Geldes wegen dabei waren, derart übersättigt, dass wir beschlossen haben, einen Schritt zur Seite zu gehen und mit etwas anderen Bands zu touren. Dass Rotting Christ und Samael auf einer Tournee für uns eröffnet haben, ist ein gutes Beispiel dafür. Diese Folk-Bands sind immer noch gute Freunde, und ich wette, dass wir in Zukunft wieder mit einigen von ihnen auf Tournee gehen werden, aber wir sind nicht daran interessiert, uns nur über ein Genre definieren zu lassen.

Das Album selbst klingt sehr typisch für FINNTROLL, würde ich sagen – also dürfte niemand enttäuscht sein. Auf der anderen Seite klingt es fast noch typischer als die anderen Alben: „Ur Jordens Djup“ war etwa sehr Black-Metal-beeinflusst oder „Blodsvept“ hatte einige wirklich verrückte Parts. War es eine bewusste Entscheidung, nach all den Jahren etwas „konservativer“ weiterzumachen, oder vielleicht eine Folge der Unterbrechung?
Als wir mit der Arbeit an diesem Album angefangen haben, wollten wir ein etwas schnelleres, raueres, aber dennoch melodisches Album schaffen. Das führte uns aus irgendeinem Grund ein wenig zurück in die Zeit unserer Black-Metal-Wurzeln. Dadurch klingt es auch etwas ernster.

Der Titel „Vredesvävd“ bedeutet „Geflecht aus Wut“, nicht wahr? Was war die Idee dahinter, und worum geht es bei dem Album, auch im Zusammenhang mit dem Cover-Artwork?
Diesmal konzentrieren wir uns in den Texten auf verschiedene Arten von Reisen, sowohl physische Reisen, die man geographisch unternimmt, als auch spirituelle Reisen. Alle Geschichten scheinen sich auf eine Art von Zorn zu beziehen oder in einem Zustand des Zorns zu geschehen, daher der Name „Vredesvävd“ oder “Wrath-woven” („Zorngeflecht“), wie wir es auf Englisch genannt haben.

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Für den Song „Forsen“ habt ihr ein Musikvideo im Cartoon-Stil veröffentlicht – ästhetisch passt es nicht unbedingt zu dem Bild, das man von FINNTROLL hat. Wie kam es dazu?
Wir wollten ein „Deluxe-Lyric-Video“ machen, konnten aber niemanden finden, der dafür in Frage kam. Dann wurde uns plötzlich klar, dass wir vor zehn Jahren ein animiertes Video für den Song „Under Bergets Rot“ hatten anfertigen lassen und wir beschlossen, die Leute von damals noch einmal zu kontaktieren. Sie – und wir – waren sofort an einem neuen gemeinsamen Projekt interessiert und „Forsen“ ist das Ergebnis. Ich könnte mit dieser Entscheidung nicht glücklicher sein!

Das Album hätte im August veröffentlicht werden sollen, wurde aber auf September verschoben. Was war der konkrete Grund dafür?
Es war eigentlich eine Produktionsverzögerung bei der Herstellung der physischen Tonträger aufgrund von reduziertem Personal und anderen unvorhergesehenen Dingen infolge der COVID-19-Situation. Nichts, was wir hätten beeinflussen können.

Wie schwer ist es zu akzeptieren, wenn der lang erwartete Veröffentlichungstermin verschoben wird?
Glücklicherweise war es nur ein Monat, und ich habe das Gefühl, dass die Leute verstehen, dass solche Dinge in Zeiten wie diesen passieren können.

Die Corona-Pandemie ist aber noch nicht vorbei – wie stehen die Dinge in Finnland?
Wir sind hier einigermaßen verschont geblieben, die Dinge kehren langsam zu einer Art Normalität zurück.

Befürchtest du negative Auswirkungen auf den Erfolg des Albums?
Ich glaube nicht, dass es irgendwelche Auswirkungen auf die Verkäufe und den Erfolg des Albums selbst haben wird, aber wir sehen definitiv Auswirkungen auf unseren Tourplan. Alles ist um mindestens ein halbes Jahr verschoben worden. Und obwohl das Album bereits seit einigen Tagen auf dem Markt ist, wurden noch keine Release-Shows angekündigt.

Ihr könnt also frühestens im Frühjahr auf Tournee gehen, und wenn man mal ehrlich ist, ist es alles andere als sicher, dass dann eine Tour stattfinden kann. Andererseits wird im Musikbusiness bekanntlich das meiste Geld auf Tour verdient. Wie hart trifft dich als Musiker die derzeitige Situation und die Unsicherheit darüber, wann du wieder auf der Bühne stehen wirst, in finanzieller Hinsicht?
Da ich 90 % meines Einkommens aus Tourneen beziehe, ist es für mich persönlich sehr hart. Ich musste andere Einkommensquellen finden, und wenn wir nicht bald wieder auf Tournee gehen können, weiß ich nicht, was ich tun soll.

Du lebst also eigentlich von der Musik?
Ja, wie gerade erwähnt, war ich in den letzten 15 Jahren völlig abhängig von der Musik, aber glücklicherweise habe ich jetzt herausgefunden, wie ich die meisten meiner Rechnungen bezahlen kann, und habe meine eigene „Gesangsakademie“ gegründet. Ich gebe über Skype Screaming-Unterricht und das läuft ziemlich gut. Insofern, an alle Interessierten, die das hier lesen: Kontaktiert mich über meine offiziellen Seiten in den Sozialen Medien und wir vereinbaren eine Session!

Vielen Dank für das Gespräch! Zum Abschluss ein kurzes Brainstroming:
Black Metal:
Die 90er-Jahre
Klimawandel:
Das Wetter in Finnland ändert sich.
Dein aktuelles Lieblingsalbum:
PH – Osiris Hayden
Humppa:
Eläkeläiset
Belarus:
Pass-Probleme an der Grenze, aber eine coole Show!
Das erste Getränk, das du in einer Bar bestellst:
Ein IPA-Bier
FINNTROLL in zehn Jahren:
Wahrscheinlich arbeiten wir an unserem nächsten Album. (lacht)

Nochmals vielen Dank für deine Zeit und Antworten. Pass auf dich auf und bleib gesund! Die letzten Worte gehören dir:
Bleibt stark und sicher! FINNTROLL kommt zu euch, sobald dieser Mist vorbei ist!

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Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
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