Die Finnen GLADENFOLD haben sich bisher selbst das Label „Epic Melodic Death Power“ verpasst. Mit ihrem neuen Album „Soulbound“ geht die Band jedoch einen strukturell klareren Weg und setzt voll auf epischen, melodischen Power Metal. Zudem wagen sie sich diesmal an ein Konzeotalbum um zwei über mehrere Leben miteinander verwobene Charaktere. Warum GLADENFOLD diesmal auf Melodic-Death-Metal-Elemente verzichten, welche Einflüsse das auf die Musik hat und über das Konzept des Albums sprechen wir mit den beiden Gitarristen Matias Knuuttila und Toke Gerdts.

Mit „Soulbound“ habt ihr euren Stil im Vergleich zu „Nemesis“ bemerkbar verändert. Die Melodic-Death-Metal-Elemente sind fast vollständig verschwunden, während ihr jetzt voll in Richtung Power-/Symphonic-Metal geht. War das eine bewusste künstlerische Entscheidung, oder hat sich das während des Songwriting-Prozesses organisch entwickelt?
Matias: Klar war nach der Veröffentlichung von „Nemesis“, dass wir etwas anderes machen wollten. Wir hatten im Kopf, ein geradliniges Album zu schreiben, mit Songs, die sich leicht auf Live-Performances übertragen lassen, und uns dabei natürlich auch als Songwriter herauszufordern. Esko, der unser Haupt-Songwriter ist, hat neue Ideen vorgestellt, die melodischer und mehr power-metal-orientiert waren, und es fühlte sich natürlich an, dass das nächste Album dann in diese Richtung gehen würde. Also ja, der Prozess war organisch, aber zu einem späteren Zeitpunkt haben wir bevorzugt Ideen aufgegriffen, die zu den ersten Songs passten, die uns den Weg gezeigt haben.
„Nemesis“ war deutlich düsterer und aggressiver. Hattet ihr nach diesem Album das Bedürfnis, euch bewusst musikalisch neu auszurichten, oder ist „Soulbound“ eher eine logische Fortsetzung eurer musikalischen Reise?
Toke: Beides und weder noch, würde ich sagen. In mancher Hinsicht sind die Alben eine Momentaufnahme der Zeit, in der sie entstanden sind, also auch wenn wir nicht per se eine sehr autobiografische Band sind, kommt trotzdem rüber, dass „Nemesis“ in einer dunkleren Phase unseres Lebens entstanden ist als „Soulbound“. Allerdings hatte es auch mit Frustrationen bei der Entstehung der Platte zu tun, wo die komplizierten Songstrukturen usw. sich als schwierig erwiesen haben – sowohl beim Aufnehmen als auch auf der Bühne. Diese Erfahrung hat uns dazu geführt, etwas Leichteres zu wollen, was die Komplexität angeht, aber vielleicht auch einfach etwas anderes als „Nemesis“. Deshalb weiß ich nicht, ob ich es eine logische Fortsetzung unserer musikalischen Reise nennen würde, aber es passierte zumindest sehr natürlich für uns. Ich finde, so sollte es sein – wir werden sehen müssen, in welche Richtung es uns beim nächsten Album führt.
Der stilistische Wechsel weg von eurem früheren „Epic Melodic Death Power“-Mix und von Melodic Death Metal generell könnte auch ein gewisses Risiko beinhalten. Habt ihr Sorge, dass ihr wegen dieser Veränderung Teile eurer bisherigen Fanbase verlieren könntet?
Matias: Es besteht immer das Risiko, dass manchen Fans dein neues Album nicht gefällt. Ich denke, „Nemesis“ war bis dahin unsere beste Arbeit, es ist großartig geworden. Aber aus den bereits genannten Gründen hatten wir das Gefühl, diesmal etwas anderes schreiben zu müssen. Der offensichtliche Unterschied ist das fast vollständige Fehlen von Growls, und wir fanden auch, dass akustische Songs nicht zu „Soulbound“ passen – wir wollten es schlank und geradlinig halten. Daher glaube ich nicht, dass sich die Identität der Band wirklich so sehr verändert hat. Wir haben viele großartige Songideen verworfen, weil wir das Gefühl hatten, sie wären nicht für dieses Album gedacht. Also werden diese Elemente, die auf „Soulbound“ nicht vorhanden sind, in Zukunft sehr wahrscheinlich in gewissem Maße wieder auftauchen. Aber man weiß es nie ganz sicher (lacht)

Ihr habt das Album komplett selbst aufgenommen und produziert. Hat euch diese Unabhängigkeit geholfen, das Konzept ohne Kompromisse umzusetzen, besonders in Bezug auf Sound, Dynamik und die gesamte Dramaturgie?
Toke: Vor allem, glaube ich, haben wir erkannt, dass wir eine schwierige Band sind, wenn man mit uns arbeiten will. Wir sind zu sechst in der Band, jeder hat starke Meinungen und will gehört werden – sowohl in der Diskussion als auch auf der Platte. In diesem Sinne war es eine sehr praktische Entscheidung, die uns sehr viel Flexibilität im eigentlichen Arbeitsprozess verschafft hat. Wie du erwähnst, hat es uns aber auch komplette kreative Kontrolle erlaubt, was gut und schlecht sein kann – ich denke, in diesem Fall ist es zum Besseren ausgegangen.
Ein Song wie „Anthem Of The Broken“ wirkt, als würde er drei oder mehr Songs in einem enthalten, und generell sind eure Tracks vollgepackt mit Ideen. Wie entscheidet ihr, welche Teile in welchen Song gehören und welche Ideen am Ende weggelassen werden müssen?
Matias: „Anthem Of The Broken“ war einer der letzten Songs, die wir fertiggestellt haben. Bei dem haben wir uns überhaupt nicht zurückgehalten, der Song drehte sich von Anfang an nur um Wendungen und überraschende Richtungswechsel. Wenn es ums Arrangieren von Songs geht, kann jeder Ideen einwerfen, und was sich an diesem Punkt richtig anfühlt und funktioniert, wird genommen. Die beste Idee gewinnt. Manchmal heißt es auch „wer zuerst kommt, mahlt zuerst“. Wenn jemand einen Vorschlag macht und eine neue Idee einbringt, löst das sehr oft neue Ideen bei den anderen aus und das Songwriting und Arrangieren passiert organisch und unvorhersehbar. Wenig überraschend ist es meistens so, dass es viel zu viele Spuren und Ideen gibt und der schwierigste Teil ist zu entscheiden, was weggelassen werden sollte.
„Soulbound“ hat mich stellenweise an Bands wie SONATA ARCTICA und KAMELOT erinnert. Welche Künstler oder spezifischen Alben haben euch beim Arbeiten an dieser Platte am meisten inspiriert und beeinflusst?
Toke: Diese beiden Bands waren definitiv ein zentraler Einfluss für (mindestens) alle Songwriter der Band und sind es auf dieser Platte weiterhin. Wenn ich für mich selbst spreche: Ich habe meine Liebe zu DRAGONLAND und zu den ersten beiden AMARANTHE-Alben sehr einfließen lassen. Olof Mörcks Lead-Spiel war in meinen Teenagerjahren ein riesiger Einfluss. Tatsächlich haben wir in unserem Gruppenchat darüber gewitzelt, dass wir – vielleicht untypisch für eine finnische Band – auf dieser Platte sehr stark von schwedischen Bands inspiriert waren; SCAR SYMMETRY und SEVENTH WONDER waren andere Bands, die in diesem Zusammenhang genannt wurden. Sogar als Däne schäme ich mich nicht, das zuzugeben – die Schweden machen großartige Sachen.
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Das neue Album wird als Konzeptalbum beschrieben. Wann entstand die Idee, eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen? War das Konzept von Anfang an da, oder hat es sich während des Songwriting-Prozesses nach und nach herausgebildet?
Matias: Der Großteil der Musik war bereits komponiert, als wir entschieden haben, dass das Album ein Konzeptalbum wird. „Ghostlike“ war einer der ersten fertigen Songs, und wir hatten das Gefühl, da ist etwas Magisches daran. Diese Lyrics waren die Inspiration zur Idee, eine Geschichte über zwei Seelen zu kreieren, die dazu bestimmt sind, über mehrere Leben hinweg miteinander zu interagieren. Dann haben Esko und ich angefangen zu brainstormen, welche Art von Geschichte und welche Ereignisse die Songs, die wir zu diesem Zeitpunkt hatten, unterstützen würden. Die finalen Arrangements und Anpassungen an den Songs wurden dann natürlich mit Blick auf die Story gemacht.
Im Zentrum der Geschichte stehen zwei Charaktere, gefangen in einem Kreislauf aus Wiedergeburt und Schicksal. Wie detailliert ist diese Erzählung? Gibt es eine klar definierte Handlung, oder seht ihr das Konzept eher als thematischen Rahmen mit bewusstem Raum für Interpretation?
Matias: Das Konzept ist definitiv eher thematisch als eine klar definierte Geschichte. Es wurde tatsächlich als Rahmen gebaut, der uns beim Schreiben der Lyrics leiten sollte, aber am Ende wurde es viel mehr als das. Wir setzen das Grundgerüst mit „Fire Wind“ und „Wardens Of Time“ auf und dann ist der Rest der Geschichte offener für Interpretationen. Das CD-Booklet und die Vinylhülle enthalten für jeden Song solche „kurzen alten Schriften“, die denen, die tiefer in die Story eintauchen wollen, mehr Hinweise geben. Aber die eigentliche Story ist hier nicht das Kernstück, es ist die Verbindung dieser beiden Charaktere. Darum geht es in den Songs. Das Cover-Artwork selbst sagt mehr als tausend Worte und sollte den Hörern so etwas wie einen Startpunkt geben, worum es auf diesem Album geht.

Wie kam der Gastbeitrag von Micha bei „Mercy“ zustande? Verkörpert sie eine bestimmte Rolle innerhalb der Geschichte?
Matias: Da die Albumstory auf zwei Charakteren basiert, einem männlichen und einem weiblichen, fühlte es sich natürlich an, auf diesem Album eine weibliche Gaststimme zu haben. Es muss so gewesen sein, dass, als Esko den Großteil der Lyrics zu „Mercy“ geschrieben hatte, ich das Gefühl hatte, dieser Song wäre perfekt für weibliche Gastvocals. Ich kannte Micha zufällig und sie hatte Interesse daran, bei diesem Song mitzumachen. Das ging alles ziemlich schnell und lief ganz unkompliziert, wir hatten auch nicht mehr viel Zeit, bevor wir das fertige Album beim Label abgeben mussten. Ich schätze, wir hatten ein bisschen Glück, denn ihre Stimme und ihr Phrasing waren für diesen Song genau auf den Punkt.
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Inwiefern beeinflusst die Arbeit an einem Konzeptalbum euren kompositorischen Ansatz? Schreibt ihr Songs anders, wenn sie Teil einer größeren Erzählung sind, zum Beispiel in Bezug auf Spannungsbögen, wiederkehrende Motive oder atmosphärische Leitmotive?
Matias: Ich schätze, normalerweise denken sich Bands zuerst die Story aus und fangen dann an, Musik zu komponieren. Wir haben es umgekehrt gemacht. In gewisser Weise wollten wir nicht, dass das Albumkonzept zu viel Fokus von der Musik abzieht. Wir wollten das Album geradlinig halten, keine Übergangstracks oder Interludes oder so, einfach Songs, die für sich funktionieren. Tatsächlich passiert in unserer Musik normalerweise schon so viel, dass wir nicht wirklich „mehr Farbe“ hinzufügen mussten, um die Story aufzubauen. Wir haben einige der Songs sogar gestrafft. Insgesamt haben wir unser Bestes getan, für jeden Song einen passenden lyrischen Ansatz zu finden, der das Konzept unterstützt. Aber ich muss sagen, es war eine Herausforderung, eine Erzählung zu haben, die sich über das ganze Album erstreckt.
Wenn du eure eigene musikalische Entwicklung mit dem Konzept von „Soulbound“ vergleichst: Würdest du sagen, dass diese stilistische Neuerfindung und der konsequente Schritt in Richtung Power Metal einen Bruch mit eurem eigenen kreativen Zyklus darstellen?
Matias: Hmmm… ich verstehe deinen Punkt. Anstatt ein stark experimentelles Album ohne irgendwelche künstlerischen Grenzen zu machen, wollten wir unser geschlossenstes, kohärentestes Album machen und unsere Ideen in eine bestimmte Richtung strukturieren. Mit diesem Album haben wir neue Wege gefunden, gemeinsam Musik zu machen, und das ist mit ein Grund, warum „Soulbound“ so geworden ist. Ich würde sagen, die nächste Herausforderung wäre, an diesen neuen Methoden festzuhalten und beim Songwriting wieder experimenteller zu werden. Die Veränderung ist das Konstante bei uns, wir langweilen uns schnell. Aber ja, es gab noch nie so einen großen Unterschied zwischen dem aktuellen Album und dem vorherigen, und es war definitiv ein mutiger Schritt.
Ihr habt mehrere Shows in Finnland sowie einen Auftritt in Japan angekündigt. Gibt es schon Pläne für den Rest Europas, möglicherweise auch für Deutschland?
Matias: In Deutschland und Mitteleuropa generell zu spielen, ist eine unserer Prioritäten, wenn es ums Touren geht. Die Daumen sind gedrückt, dass wir es mit diesem Albumzyklus möglich machen können.
Lass uns das Interview mit unserem traditionellen Brainstorming abschließen. Was ist das Erste, das euch in den Sinn kommt, wenn ihr die folgenden Begriffe hört?
KI: Kein Platz in der Kunst.
Der Zustand der Welt: Traurig.
Natur: Heilig.
Veränderung: Unvermeidlich.
„Soulbound“ in drei Worten: Episch, energiegeladen, melancholisch.
GLADENFOLD in zehn Jahren: Freunde, die immer noch zusammenhalten.
Vielen Dank für eure Zeit und viel Erfolg mit „Soulbound“! Die letzten Worte gehören euch.
Prost aus Finnland. „Soulbound“ ist jetzt draußen – tu dir selbst einen Gefallen und hör rein. Fans von melodischem Metal und Power Metal sollten auf jeden Fall etwas finden, das ihnen daran gefällt.
Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
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