Interview mit Pablo C. Ursusson von Sangre De Muerdago

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Auf Tour mit den Senkrechtstartern von Heilung dürften sich SANGRE DE MUERDAGO 2019 viele neue Fans erspielt haben. Nun veröffentlicht die Band mit „Xuntas“ ihr nächstes Studioalbum. Bandkopf Pablo C. Ursusson über die Tour mit Heilung, das Erlernen ausgefallener Instrumente und wie er Steve Von Till dazu brachte, Galizisch zu lernen.

Wir sprechen zu besonderen Zeiten – ich hoffe, es geht euch trotz der Corona-Situation gut!
Vielen Dank für das Interview. Wir sind gesund und leben an einem komfortablen Ort, mehr können wir im Moment nicht verlangen. Ich hoffe, es geht dir auch gut!

Wie ist die Situation bei euch aktuell?
Wir leben in Deutschland, ich weiß nicht, wie anders die Situation im Moment zwischen Sachsen und Bayern ist, aber hier in Leipzig ist sie seit dem Ausbruch von Corona relativ entspannt, zumindest im Vergleich zu den Realitäten in anderen Ländern wie Spanien oder den USA. Aber wie sich die Dinge in den letzten Monaten entwickelt haben, macht es den Eindruck, dass sich alles innerhalb weniger Stunden ändern kann.

Wann hast du erkannt, dass Corona auch dein Leben, deine Tätigkeit als Musiker und damit SANGRE DE MUERDAGO beeinflussen würde?
Während der ersten Tage unserer letzten Frühjahrstournee, die nach vier oder fünf Konzerten abgebrochen wurde.

Was hat sich seitdem für dich und die Band verändert?
Die Situation bezüglich Live-Auftritten hat sich für die gesamte Welt der Musik, Kunst und Kultur dramatisch verändert. Wir haben seit Beginn der Pandemie nur zwei Konzerte gespielt, und was das angeht, wirkt es nicht, als würde es in absehbarer Zeit viel besser werden.

Hat die Corona-Situation auch die Entstehung eures neuen Albums beeinflusst?
Ich vermute, zum Teil schon. Wir haben mit den Aufnahmen vor der Tournee angefangen und hatten vor, die Aufnahmen fortzusetzen, wenn wir wieder daheim wären. Aber die Situation hat auch unseren Zeitplan umgeworfen, und wir haben die Aufnahmen Anfang Mai 2020 fortgesetzt.

Und wie wird es deiner Meinung nach den Erfolg des Albums beeinflussen? Schließlich kann man, wie erwähnt, jetzt keine Tournee spielen …
Keine Ahnung, um ehrlich zu sein. Es ist ganz klar, dass wir nicht auf Tournee gehen können, um das Album zu promoten. Auf der anderen Seite haben wir es fertiggestellt und möchten es nun mit der Welt teilen. Wir hoffen, dass es die Wege für diejenigen erhellt, deren Leben sich aufgrund der Pandemie verdunkelt hat.

Eure letzte große Europatournee habt ihr zusammen mit Heilung gespielt – wie kam diese Kombination zustande?
Es war das Werk unserer Booking-Agentur Doomstar. Wir bekamen das Angebot, einige Konzerte mit ihnen zu spielen und haben das Angebot freudig angenommen.

Diese Band wirkt sehr speziell, ein bisschen überzogen vielleicht, während ihr extrem unauffällig und ohne viel Aufhebens daherkommt. Wie funktioniert das zusammen – seid ihr hinter der Bühne gut miteinander ausgekommen?
Ja, wir haben uns wunderbar verstanden und während der Tournee viele schöne Momente miteinander geteilt. Heilung umfasst eine sehr große Zahl an Menschen und Crewmitgliedern, deshalb hatten wir unterschiedlich viel Kontakt zu den Beteiligten. Während wir mit einigen von ihnen gute neue Freundschaften geschlossen und neue Erfahrungen gemacht haben, hatten wir mit anderen viel weniger Kontakt. Aber das ist bei der Menge an beteiligten Personen ganz normal.

Hast du in diesen konzertlosen Zeiten eine lustige Anekdote von dieser Tournee für uns?
In Wien hatten wir einen magischen Jam zusammen, die ganze SANGRE-Bande mit vielen aus der Heilung-Familie. Es war eine wirklich schöne Session, von der wir eine schöne Aufnahme aufbewahren. Das ging bis zum Curfew.

Wie und in welchen Situationen entsteht eure Musik – schreibst du auch auf Tournee Songs oder nur zu Hause?
Ich würde sagen, in unerwarteten Momenten. Normalerweise wenn ich Zeit mit den Instrumenten verbringe. Dann kommen mir neue Melodien.

Ihr nutzt für eure Lieder ein besonderes Instrumentarium – wie kommt man dazu, diese Instrumente zu spielen, wo bekommt man sie her – oder baut ihr sie selbst? – und wie lernt man solche ungewöhnlichen Instrumente?
Ja, wir spielen einige ungewöhnliche Instrumente wie die Nyckelharpa, die Drehleier oder den Pandero cuadrado. Aber diese Instrumente sind in der Welt der Volksmusik gar nicht so ungewöhnlich. In der Regel handelt es sich um traditionelle Instrumente aus verschiedenen Teilen der Welt. Unser Interesse an ihnen kam auf natürliche Weise: Wenn man sich mit verschiedenen Musiktraditionen beschäftigt, stößt man auf die erstaunlichsten Instrumente und Musikrichtungen. Wie man sie spielt, haben wir uns selbst beigebracht – indem wir einfach Zeit mit ihnen verbracht haben. Mit der Zeit haben wir verstanden und gelernt, welche Möglichkeiten sie bieten.

Euer neues Album heißt „Xuntas“ – was „gemeinsam“ bedeutet. Der Titeltrack erzählt von Freundschaft, Solidarität. Wenn man sich ansieht, wie wenig Solidarität in der Corona-Krise, aber auch in der Flüchtlingskrise gezeigt wird, könnte man meinen, dass diese Begriffe heutzutage viel von ihrer Bedeutung verloren haben. Was denkst du dazu?
Ich könnte nicht mehr zustimmen. Mit der Botschaft dieses neuen Albums wollen wir Liebe, Zuneigung, Fürsorge füreinander, Respekt, Freundschaft und Solidarität als ganz wesentliche Werte in unserem Leben thematisieren. Wir haben in naher Zukunft eine Vielzahl harter und beispielloser Situationen zu überwinden, und das kann sich für alle auf verschiedenen Ebenen des Leidens abspielen. Ich spreche nicht nur von unserer eigenen Spezies, sondern von allen Arten, die sich den Planeten teilen.

Die Nachrichten enthalten derzeit so viele negative Dinge – was stimmt dich persönlich zuversichtlich, was gibt dir positive Energie?
Die Konzentration auf die in der vorigen Frage erwähnten Werte sind ein guter Anfang. Jeder einzelne von ihnen ist für mich elementar. Auch die Momente, die wir in Trance oder in einem ekstatischen Zustand verbringen, sind eine gute Inspiration, sei es durch Musik, Kreativität, Meditation, Gesellschaft, Einsamkeit oder wie auch immer sie erreicht werden können.

Für den Titelsong konntet ihr Steve Von Till als Gastsänger gewinnen. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Vor einigen Jahren waren wir bei Steves Solokonzert in Leipzig. Ich habe an dem Abend erfahren, dass er unsere Musik sehr schätzt. Ich bin seit den frühen Tagen ein großer Neurosis-Fan, außerdem ist ein guter Freund von mir seit Jahren als Roadie mit Neurosis auf Tournee, sodass wir auch einige gemeinsame Freunde haben. Danach blieben wir nur vage in Kontakt, aber in den letzten Jahren haben wir aus verschiedenen Gründen einige Male wieder Kontakt aufgenommen. Steve erzählte mir letzten Winter, dass er gerne eines Tages, wenn möglich, einige Konzerte mit uns spielen würde, und ich glaube, das war, was mich eines Tages auf die Idee für eine Zusammenarbeit brachte, als wir schon an den Aufnahmen des Albums gearbeitet haben. Ich kann ihm nicht genug für diese Ehre danken. Es war ein aufregender Moment, als ich zum ersten Mal die Spur von Steves Gesang auf Galizisch angehört habe.

Das Album wurde im Fire Vessel Studio mit Tobias Häussler und Georg Börner – zwei Metalheads also – gemischt und gemastert. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Das Fire Vessel ist unsere eigenes Studio, das wir seit 2019 betreiben. Wir haben in der Vergangenheit schon einige Male mit Tobi zusammengearbeitet, unter anderem bei den Aufnahmen zu unseren beiden vorherigen Alben. Wir waren auch gemeinsam an Aufnahmen zu anderen unserer Musikprojekte beteiligt, immer mit einem guten Ergebnis. Wir sind Freunde und verstehen und mögen einander, und das ist dür die Zusammenarbeit bei der Produktion eines Albums ein großer Vorteil.

Tobias Häussler, Heilung und Steve Von Till kommen aus der Metal-Welt – gibt es noch andere Überschneidungen mit der Szene, hörst du selbst auch etwas Metal?
Ich habe mein ganzes Leben lang viel harte und schnelle Musik gespielt. Ich komme eher aus der DIY-Punk-Ecke, war aber meist im härteren Bereich aktiv … in Bands wie Ekkaia, Cop on Fire, Antlers habe ich Hardcore-Punk, Crusty Rock ’n‘ Roll und Black Metal gespielt.

Vielen Dank für das Gespräch. Zum Abschluss unseres traditionellen Brainstormings:
Ein Hobby abseits der Musik: Bogenschießen
Donald Trump: erbrechen
Eine positive Erkenntnis aus der Corona-Zeit: Das Gefühl der Stille in den Monaten März und April.
Neurosis: Trance.
Das erste Getränk, das du in einer Barbestellst: Bier, Aber ich gehe nicht in Bars.
Black Metal: Abgrund.
Dein aktuelles Lieblingsalbum: „Sabbath Bloody Sabbath“.
SANGRE DE MUERDAGO in zehn Jahren: In den Wäldern.

Nochmals vielen Dank deine Zeit und Antworten. Die letzten Worte gehören dir:
Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für euer ganzes Team!

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Fotos von: Afra Gethöffer-Grütz

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