Konzertbericht: Iotunn w/ In Vain, Nephylim

17.04.2026 München, Backstage (Halle)

IOTUNN aus Dänemark und den Färöer Inseln konnten mit ihrem Album „Kinship“ 2024 auf ganzer Linie überzeugen. 2025 kam die Band immerhin im Rahmen der Ultima-Ratio-Tour nach Deutschland – allerdings nur als erster Support-Act mit 30 Minuten Spielzeit, was bei IOTUNN grade mal für drei Songs reicht. Nun geht es für die Band endlich auf Headliner-Tour – gemeinsam mit IN VAIN und NEPHYLIM. Dass das Package funktionieren könnte, zeigt sich schon im Vorverkauf: Die mit 30€ fair bepreisten Tickets gehen gut, in München wird die Show vom Backstage Club in die größere Halle verlegt. Und auch diese füllt sich noch vor Beginn um 19:00 Uhr sehr gut.

NEPYHLIM als Opener haben melodischen Death Metal im Programm, der an eine technisch versierte Version von INSOMNIUM denken lässt. Damit können die Niederländer das Publikum direkt überzeugen – nicht zuletzt, weil sie die Bühne absolut souverän beherrschen: Posen, Positionswechsel und die Fertigkeiten an den Instrumenten schinden Eindruck – zumal sich NEPHYLIM auch von viel Pech nicht aus dem Konzept bringen lassen: Gitarrist Ralph Lentink hat einen rabenschwarzen Tag erwischt, ihm reißt gleich auf beiden mitgebrachten Gitarren eine Saite, sodass er das Set schlussendlich auf fünf Saiten zu Ende spielen muss, und zu allem Überfluss verletzt sich Schlagzeuger Martijn Paauwe dann auch noch am Finger. Für die neue große Hoffnung am Metal-Himmel sind NEPHYLIM auf die Länge von knapp 45 Minuten wohl doch etwas zu generisch. Die Spielfreude und Souveränität macht die Band dennoch sympathisch und wird zu Recht mit viel Applaus belohnt.

  1. Travail Pt.I – Anima
  2. Travail Pt.II – Animus
  3. Amaranth
  4. Withered
  5. Fractured Existence
  6. Inner Paradigm
  7. Grand Denial

Dass IN VAIN nicht nur eine weitere Vorband, sondern für viele der Anwesenden ein zweiter (oder vielleicht sogar der) Headliner sind, merkt man schon, als die Band unter frenetischem Jubel die Bühne betritt. In der folgenden Stunde haben es die Norweger entsprechend leicht, werden sie vom Publikum doch quasi auf Händen durch das Set getragen. Die Begeisterung für die Darbietung ist schon allein aus technischer Hinsicht vollkommen gerechtfertigt: Was die fünf Männer, die ansonsten unter anderem als Live-Musiker bei SOLEFALD und IHSAHN aktiv sind, an ihren Instrumenten abliefern, ist an Präzision und Eleganz kaum zu überbieten. Wer die Studioalben von IN VAIN zu schätzen weiß, kommt darum fraglos schon ohne den heutigen Headliner auf seine Kosten. Damit einem bei der Musik aber das Herz aufgeht, muss man schon ein ausgeprägtes Faible für Prog-Metal haben: Insbesondere der oft vielstimmige Gesang klingt leider – dem sympathischen Auftreten von Haupt-Sänger Kjetil Alver Lund zum Trotz – perfekt, dabei aber eben auch so glatt, dass kaum Emotion transportiert wird.

  1. Shadows Flap Their Black Wings
  2. Blood We Shed
  3. Hymne Til Havet
  4. Season Of Unrest
  5. Captivating Solitude
  6. Seekers Of The Truth
  7. At The Going Down Of The Sun —
  8. Against The Grain

Das ist dann auch der entscheidende Unterschied zum Headliner – denn gefühlvoller, als IOTUNN ihre Musik darbieten, geht es wohl kaum. Das liegt zum einen am noch bescheideneren Auftreten der Gebrüder Jesper und Jens Nicolai Gräs an den Gitarren, die keinerlei Aufsehen um ihre technischen Fertigkeiten machen, dabei aber in Riffs, Soli und gezupften Cleanparts brillieren. Zum anderen aber ist es natürlich der Gesang, der – nach der lupenreinen Performance von Morten Bering Bryld (HEIDRA) als Ersatzmann auf der letzten Tour – diesmal wieder vom eigentlichen IOTUNN- (sowie HAMFERÐ-) Sänger Jón Aldará kommt. Dessen etwas affektiertes Gebaren auf der Bühne ist zwar zunächst – grade im Vergleich zu Brylds minimalistischen Bewegungen – etwas gewöhnungsbedürftig. Musikalisch jedoch klingen IOTUNN mit Aldará noch ein Scherflein „echter“.

Weil man Aldarás Stimme von den Alben her kennt, aber auch, weil er im direkten Vergleich noch etwas mehr Gefühl und etwas weniger Technik in die Stimme legt. Das mag zwar um Nuancen weniger sauber klingen als beim eingesprungenen Bryld, transportiert dafür aber noch mehr Gefühl. Das größte Plus aber ist die Headliner-Position selbst: Mit knapp 90 Minuten haben IOTUNN heute endlich die Zeit, um ohne Druck eine nennenswerte Zahl ihrer bisweilen an die 15 Minuten langen Songs darzubieten. So gibt es diesmal ganze neun Songs zu hören – sechs der acht Stücke von „Kinship“ (2024), dazu noch drei vom Debüt-Album „Access All Worlds“ (2021).

  1. Twilight
  2. Mistland
  3. Safe Across The Endless Night
  4. I Feel The Night
  5. Kinship Elegiac
  6. Earth To Sky
  7. The Tower Of Cosmic Nihility
  8. The Anguished Ethereal
  9. Laihem’s Golden Pits

Mit einer Nettospielzeit der drei Bands von insgesamt rund drei Stunden bekommt man auf dieser Tour wirklich etwas für sein Geld geboten – weil 30€ ein wirklich fairer Preis sind, aber auch, weil jeder der drei Bands absolut sehenswert abliefert. Insbesondere die anspruchsvolle, einstündige Performance von IN VAIN braucht viel Aufmerksamkeit, sodass einiges an Aufnahmefähigkeit gefordert ist, um danach noch die nicht minder anspruchsvollen IOTUNN zu verarbeiten. So richtig sickert die Genialität des heute gesehenen darum erst im Verlauf der nächsten Tage durch.

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Moritz Grütz

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Ein Kommentar zu “Iotunn w/ In Vain, Nephylim

  1. Kann ich genau so unterschreiben. Ich mag Progressivität, hatte IN VAIN bisher nicht auf dem Schirm und habe nach dem Konzert mal reingehört. Technisch sehr gut, manche Wechsel und Breaks kommen mir aber zu gewollt. Den Eindruck hatte ich auf dem Konzert auch. IOTUNN hingegen liebe ich, beide Platten haben eine ganz eigene Magie. Kann es aber sein, dass die Band nicht immer ganz synchron war? Auch ich fand Jóns Auftreten etwas befremdlich und hätte es schön gefunden, wenn er, zumindest am Ende, aus seiner Bühnenrolle rausgefunden hätte. Auf der Haben-Seite war aber ganz klar die Atmosphäre, das Licht und die kurzen Zwischensequenzen, die einen in eine fremde Welt gezogen haben.

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