Konzertbericht: Nachtgeschrei

27.04.2013 Spectaculum Mundi, München

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Im Jahr 2008 riefen In Extremo den „Sängerkrieg“ aus. In weiser Voraussicht? Man könnte es beinahe meinen. Allerdings dauerte es bis 2012, ehe das folkrockige Sängerkarusell bei Bands wie Nachtgeschrei, Ignis Fatuu und Ingrimm ins Rollen kam. Vom Krieg der Barden untereinander kann dabei keine Rede sein, doch besonders in den Augen der langjährigen Fans müssen die neuen Frontmänner gegen die alten bestehen. Die Frankfurter Folkmetaler NACHTGESCHREI unternehmen auf ihrer „Aus schwärzester Nacht“-Tour als erste den Anlauf, ihren neuen Sänger Martin LeMar als neues Gesicht und neue Stimme zu etablieren. Und sind am 27. April trotz widriger Umstände an eben jener Stätte erfolgreich, an der fast auf den Tag genau ein Jahr zuvor Ex-Sänger Hotti verabschiedet wurde.

Das Spectaculum Mundi ist erwartungsgemäß nicht ganz so gut gefüllt wie im Vorjahr, als die ersten Takte von „Sirene“ erklingen. Damit eröffnen NACHTGESCHREI ihr Liveset genau wie ihr aktuelles Album. Und die Adaption funktioniert. Früh entpuppt sich Martin auch auf der Bühne als Glücksgriff für das Septett: Diesem merkt man augenblicklich seine Bühnenerfahrung an, so dass er trotz merklich angeschlagener Stimme eine hervorragende Leistung abliefert, sowohl vom Gesang als auch von der Bühnenpräsenz. So verzeihen es neben den Fans auch die übrigen Bandmitglieder, dass er „Niob“ kurzerhand zu einem Stück des letzten Studiowerks „Ardeo“ macht. Eben jener Song funktioniert als Einstieg in die alten Werke vergleichsweise weniger gut. Dafür beweist Martin u.a. bei „An Mein Ende“ und „Herzschlag“, dass er in der Lage ist, dem alten NACHTGESCHREI-Material seinen eigenen Stempel aufzudrücken und gleichzeitig die alten Fans zu erreichen, welche bereitwillig in den Chorus von „Herzschlag“ einstimmen. Selbst das balladeske „Herbst“ überzeugt live deutlich mehr als auf der Studioproduktion. Martin zeigt sich im Vergleich zu seinem Vorgänger stimmlich vielseitiger und verleiht dadurch dem Bandsound ein rockigeres Gewand, in dem sich alle Anwesenden sichtlich wohl fühlen.

Dementsprechend unwahrscheinlich ist es, dass Martin bis „an sein Ende“ mit dem Klischee des Neuen behaftet sein wird. Dafür stehen NACHTGESCHREI schon jetzt auf neuen, eigenen Füßen, ohne ihre Wurzeln zu vernachlässigen. Zwar sehnt sich der stimmlich geschwächte Frontmann mit Kopftuch mehrfach nach einer etwas längeren Pause für sein Organ wie er es aus seinen Prog-Zeiten bei Mekong Delta kennt, doch diese bekommt er nur beim einzig instrumentalen Song „Na Sdrowje!“, bei dem die Musiker zuvor zusammen mit ihren Anhängern die Gläser bzw. Flaschen erheben. Mangels Auszeiten ist es wenig verwunderlich, dass Martin unter anderem beim stimmlich anspruchsvollen „Spieler“ und den hohen Tönen ab und an die Segel streichen muss. Doch dies schwächt den starken Gesamteindruck unmerklich, zumal das textsichere Publikum mehrfach unterstützend eingreift. Auch der beschränkte Raum auf der Bühne und vereinzelte Kollisionen der Musiker untereinander führen nicht zu gröberen Patzern, sondern lediglich zu ein paar kleinen Unstimmigkeiten auf Grund fehlender Eingespieltheit. Am Ende beschließen NACHTGESCHREI den Abend mit einem Song, der dem Bandcredo sprechen könnte: „Ungebrochen“.

Im Zugabenblock legen die Südwestdeutschen mit „Totmacher“ noch einmal eine Perle aus früheren Schaffenstagen nach, ehe „Windstill“ den Abend so rockig beendet wie ihn die sieben Musiker fast durchgehend gestalten. Mit der Songauswahl aus Alt und Neu werden NACHTGESCHREI in nächster Zeit niemals alle Anhänger zufriedenstellen, doch die aktuelle Setliste verspricht besonders durch Martins stimmliche Fertigkeiten eine rosige Zukunft für die neue Band-Ära. Besonders wenn der Neusänger komplett genesen ist, könnten sich die Frankfurter bald wieder in alte Sphären spielen – oder besser gesagt rocken. In jedem Fall ist der Hoffnungsschimmer zurückgekehrt – nicht nur zu den Musikern.

Setliste:
Sirene
Die Geister die uns riefen
Niob
Spieler
Der Meister
In die Schwärze der Nacht
Flamme
An mein Ende
Der Ruf
Na Sdrowje!
Herzschlag
Ich hör nichts mehr
Kein reiner Ort
Herbst
Für alle Zeit
Am Ende der Zeit
Ungebrochen

Totmacher
Windstill

Publiziert am von und Uschi Joas

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