Pünktlich zum beginnenden Herbst und der in den Startlöchern stehenden Spooky Season kehren die aktuellen Könige des Okkult-Rock GREEN LUNG mit einem neuen Album zurück. „Necropolitan“ nennt sich der vierte Streich der Briten, und wie der Titel schon vermuten lässt, stehen diesmal nicht das ländliche England und dessen reichhaltiger Schatz an Mythen und Legenden im Mittelpunkt, sondern es geht hinein in das okkulte London. Als Aufhänger dienen die sieben viktorianischen Friedhöfe, die für GREEN LUNG sinnbildlich für Verfall, den Verlust von Macht und den Niedergang der Menschheit stehen.
Passenderweise trägt der erste Song auf „Necropolitan“ (nach dem stimmungsvollen Intro „Open The Hellmouth“) dann auch den Titel „Dance To The Grave“. Tanzbar im klassischen Sinne ist der Track nicht, dafür geht das fette Riff direkt in den Nacken, und der Singalong-Refrain frisst sich sofort ins Hirn. Frontmann Tom Templar hat hörbar noch mehr an Stimmvolumen zugelegt, wodurch Vergleiche mit einem jungen Ozzy Osbourne oder einem jungen Bruce Dickinson absolut nicht mehr aus der Luft gegriffen sind. Ein starker Einstieg, auf den die Single „Black Magick Radio“ folgt, die eine Hommage an den Okkult-Rock und das okkulte London der 60er- und 70er-Jahre darstellt. Eingeweihten des Wikka-Kults dürfte die Textzeile „Eko Eko Azarak, Eko Eko Zomelak“ außerdem sehr bekannt vorkommen. Musikalisch fallen die Riffs von Scott Black angenehm roh aus, was zur Ankündigung passt, dass GREEN LUNG mit diesem Album ein Stück wegwollen vom glatteren Sound des Vorgängers „This Heathen Land“.
Neben klassischem Okkult-Rock der Marke GREEN LUNG hält „Necropolitan“ aber auch ein paar Überraschungen bereit: Wie MOTÖRHEAD mit Hammond-Orgel geklungen hätten, kann man sich nach „Necropolitan Line“ ungefähr vorstellen. Inspiriert von der Necropolis Railway, die im 19. Jahrhundert Verstorbene und Trauergäste zum Brookwood Cemetery befördert hat, liefern sich Scott Black und Keyboarder John Wright wilde Instrumental-Duelle, und Tom Templar steuert zum Teil sehr hohe Vocals bei. „Ozymandias“ (Watchmen, anyone?) wiederum dürfte der Exot auf dem Album sein. Vertont wird ein Sonett Percy Bysshe Shelleys aus dem Jahre 1818, wofür GREEN LUNG Einflüsse aus Afrobeat, Jazz und NWOBHM vereinen. Trotzdem artet das Stück nicht zu Weltmusik aus, sondern bleibt tief verwurzelt im Sound der Band. Eine schöne Überraschung ist auch der kurze Spoken-Word-Part von Riley Pinkerton (CASTLE RAT) am Anfang von „Alostrael (Be My Babalon)“.
Kurz vor Ende der Spielzeit fällt aber auf, dass „Necropolitan“ keinen wirklichen Hit hat. Seien es „Let The Devil In“, „Old Gods“ oder „Maxine (Witch Queen)“ – GREEN LUNG hatten bisher auf jedem Album Songs, die noch ein bisschen mehr hängen geblieben sind, noch packender, noch markanter waren als der ohnehin schon gute Rest. „Necropolitan“ aber funktioniert mehr als Gesamtwerk, wobei man auch ketzerisch sagen könnte, dass GREEN LUNG es sich in ihrer Nische stellenweise etwas zu bequem machen. Das abschließende „To The Gallows Born“ mit seinem stimmungsvollen, folkigen Intro und schweren, epischen Riffs stimmt aber wieder versöhnlich, da das Quintett seine folkige Seite doch noch kurz aufblitzen lässt.
Mit „Necropolitan“ entwickeln sich GREEN LUNG nicht wirklich weiter, zementieren aber ihren Status als Ausnahmeband. Die Briten haben einfach ein Händchen dafür, Stoner Rock, Doom, Heavy Metal, 70er-Rock und okkulte Themen zu einem mitreißenden Sound abseits aller Trends und Erfolgsformeln zu vermengen. Tatsache ist aber auch, dass „Necropolitan“ weder so catchy wie „This Heathen Land“ noch so rau wie „Black Harvest“ und insgesamt ein wenig zu erwartbar ausgefallen ist. Für die Herbst-/Winter-Rotation auf dem Plattenteller aber dennoch ein absoluter Pflichtkandidat.
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Wertung: 8 / 10



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