IGORRR musikalisch zu beschreiben, ist schwer. Death Metal, Black Metal, Breakcore, Barock, Trip-Hop und allerlei andere Genre-Splittereien fließen in den Songs von Gautier Serre zusammen. Auch unkonventionelle Dinge wie Keksdosen, Sägeblätter, Hühner, Staubsauger oder ein gigantischer Gong werden meist verfremdet oder defragmentiert in den ureigenen Sound integriert. Waren die Alben „Nostril“, „Hallelujah“ und „Savage Sinusoid“ noch Klangwerke, die mehr den musikalischen Impuls an sich zelebrierten, ohne eine Struktur im Songwriting zur Agenda zu machen, drehte sich der Wind vor etwas über fünf Jahren mit „Spirituality And Distortion“.
IGORRR wirkten aufgeräumter. Wo es vorher darum ging, für sich selbst Zusammenhänge im Schaffen der Band zu finden, war „Spirituality And Distortion“ überraschend klar strukturiert. „Amen“ zementiert diesen spürbaren Wandel 2025 noch einmal. Den Einstieg macht „Daemoni“ – eine Nummer, die ohne Umschweife klarmacht, was bei IGORRR dieser Tage fest auf dem Programm steht: Metal. Eingeleitet von diffusen Beats schweift der Track in einen bedrohlichen Chor, ehe tighte Drums unter einer bassigen Störgeräuschkulisse die Bühne für amtlich drückende Metal-Riffs freimachen.
Was gab’s bei IGORRR eigentlich noch nicht? Einen Bagger! Der wird am Ende von „Headbutt“ nämlich eiskalt auf ein Klavier niedergedroschen. Auch bei diesem Song ist Metal, trotz würdevoller Tastenarrangements, wieder der Kern der Sache. Gautier Serre bevorzugt, was die Gitarrenarbeit angeht, in der Hauptsache groovende Rhythmen. Apropos Gitarren: Mike Leon (ex-SOULFLY) macht hier am Bass einen großartigen Job.
Wo wir gerade bei Gästen wären: Davon gab es bei IGORRR zuletzt immer mindestens zwei Hände voll. Auf „Blastbeat Falafel“ beispielsweise geben sich Trey Spruance (Mr. Bungle) und Timba Harris (u. a. Ultraphauna) die Klinke in die Hand. Ersterer liefert auf dem Song eine fantastische Gitarrenperformance, während Harris mit schwungvollem Violinenspiel die richtigen Akzente setzt. So kreieren IGORRR gewissermaßen das Schwesterstück zum schmissigen „Camel Dancefloor“. Schön ist auch, dass es auf „Amen“ nicht durchgehend hart zugehen muss. „Ancient Sun“ überzeugt zum Beispiel durch tolle Trip-Hop-Anteile, unterfüttert von passenden Streichern, die in Kombination mit der schwebenden Stimme von Lily Refrain nicht selten an das IGORRR- Nebenprojekt CORPO MENTE erinnern.
Letztlich packt man auf metallische Brachialität, erhabene Leichtigkeit und ein wenig elektronische Spielerei auch noch eine ordentliche Portion Epik. So bietet der Titel „Infestis“ neben schweren, fast doomigen Riffs auch den herrschaftlichen Klang des Dung-Chen. Diese übergroßen Hörner finden in der tibetischen Kultur Anwendung und verleihen der schleppenden Atmosphäre von „Infestis“ einen sehr düsteren Touch. Der Albumcloser „Silence“ fährt dann gar gigantische orchestrale Arrangements auf, die – von heftigen Drumbeats und Noise durchbrochen – anmuten wie ein dystopischer Filmscore. IGORRR bieten auch 2025 wieder wahnsinnig viel an. Seien es die tighten Grooves von „Mustard Mucous“, die chaotische Aufarbeitung des Jahres „2020“ oder das wunderschöne barocke Stück „Étude n°120“ – Einfalt kann man Gautier Serre auch heute nicht vorwerfen.
Ein Problem hat „Amen“ dennoch. Nach IGORRR-Maßstäben ist deren fünfter Output fast schon unverschämt „eingängig“ geraten. Das meint nicht, dass wir Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Songs geboten bekommen. Vielmehr benötigen die Tracks auf „Amen“ mittlerweile noch mehr Geradlinigkeit. Die Zeiten des großen Irrsinns scheinen jedoch vorerst vorbei. Lediglich ein Song wie „ADHD“ bringt zappelige Breakcore- und Chaos-Reminiszenzen an beispielsweise „Savage Sinusoid“ ins Spiel. Es fehlen unterm Strich die Löcher im Boden, die hochgezogenen Augenbrauen oder eben einfach die Willkür, die IGORRR immer so besonders machte. Gautier Serre ist nach wie vor der epileptischste Papagei im Metal-Vogelkäfig. Allerdings vermittelt „Amen“ über weite Strecken den Eindruck, der Papagei habe ein wenig an Farbe und Exotik verloren.
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Wertung: 8 / 10



Ich gönne Gautier Serre den Erfolg wirklich von ganzem Herzen. Wenn man bedenkt, dass ich Igorrr vor vielen Jahren als totalen Nischen-Geheimtipp über einen Freund entdeckt habe, dann für ein Konzert in ein Kaff in der völligen Pampa gefahren bin, wo er, damals noch ohne Live-Band, als wild an seinem Pult herumwerkelnder DJ mit Sängerin und Sänger zu dritt vor ungefähr 10 Leuten gespielt hat, ist es wirklich beachtlich, was er sich seitdem mit Igorrr aufgebaut hat.
Und trotzdem war der Wandel von einem Breakcore-Projekt zu einer Metal-Band aus musikalischer Sicht für mich der größte Fehler. Ich konnte den letzten 3 Alben nur noch stellenweise was abgewinnen. Live macht das immer noch viel Spaß, ja, aber wenn ich bedenke, was für verrückte Kompositionen er auf Nostril und Hallelujah oder den frühen EPs und Demos hatte. Da ist das, was er heute als Metal-Band macht, einfach fast schon banal dagegen. Aber es funktioniert für ihn und bringt ihm Erfolg und das hat er verdient. Wirklich ein Ausnahmetalent.
Hallo Simon,
ganz ähnlich sehe ich es auch. „Amen“ ist rein auf das Endprodukt bezogen und bei dem Rest an Wahnsinn, der noch da ist, sehr rund geraten.
Ich bin mit „Savage“ eingestiegen und selbst mir fehlt halt dieser absolute Eigenwille und die rohe Unberechenbarkeit in seinen Kompositionen. Es ist natürlich schade, dass du schon Gautiers letzten Alben nur noch bedingt folgen konntest, aber dass die ganze Sache auch heute so gut funktioniert, wo alles aufgeräumter ist, zeigt mir, dass er sich nach wie vor auf das versteht, was er sich vornimmt.
Mal sehen, was noch kommt. Ich habe IGORRR 2017 in Dresden gesehen und es war irre. :D
Danke für deinen Kommentar.
Liebe Grüße
Philipp
Ich denke, wir sind uns alle einig, dass IGORRR heute und früher nichts mehr miteinander gemein haben. Bei einem Visionär wie Gautier Serre wundert das aber wenig. Ich glaube, er hat für sich das reine Elektro-Ding einfach durchgespielt. Aber banal finde ich es tatsächlich nur im (irgendwie nicht ganz sauberen) Vergleich zum Frühwerk.