Konzertbericht: Igorrr w/ Dvne, Thoughtcrimes

07.02.2026 München, Backstage (Werk)

Wer hätte gedacht, dass das ehedem doch so nerdige wie nischige Avantgarde-Breakcore-Projekt IGORRR dereinst auf großen Festivals und Headliner-Touren durch 1.500er-Hallen abräumen würde? Wohl vor zehn Jahren noch nicht einmal IGORRR-Mastermind Gautier Serre selbst. Doch seit Serre verstärkt auf die Metal-Szene als Publikum setzt, sind IGORRR nicht mehr aufzuhalten.

Was für Fans seines Frühwerkes immer uninteressanter wird, findet in der Metal-Szene immer größeren Anklang – und führte IGORRR zuletzt nicht nur auf die größten Metal-Festivals der Welt, sondern steigerte auch den Run auf die Tickets für die eigenen Shows: Bedurfte es 2023 noch des starken Vorprogramms aus AMENRA, DER WEG EINER FREIHEIT und HANGMAN’S CHAIR, um das Backstage Werk in München voll zu bekommen, gelingt das IGORRR diesmal ohne große Unterstützung. Denn weder DVNE noch THOUGHTCRIMES, die heute den Abend eröffnen, dürften nennenswert dazu beigetragen haben, dass die Show schon weit im Vorhinein restlos ausverkauft ist.

Wie schwer es ist, eine geeignete Vorband für IGORRR zu finden, zeigt sich bei THOUGHTCRIMES: Die New Yorker passen nämlich gar nicht ins Programm. Geboten wird Mathcore, der zu viel oder zu wenig an THE DILLINGER ESCAPE PLAN erinnert – das aktuelle Level ist jedenfalls nicht gut. Das merkt man insbesondere beim Gesang, der sich in Screams und Klargesang extrem an Greg Pucciato orientiert, dabei aber vor allem demonstriert, was für ein Ausnahmetalent Pucciato ist. Für den Sänger von THOUGHTCRIMES gilt das hingegen weniger; da hilft es auch nicht, dass er maximal motiviert die Bühne verlässt und einen Song auf der Barrikade sitzend performt. Außer Höflichkeitsapplaus gibt es für THOUGHTCRIMES heute bei allem Einsatz und einer noch so weiten Anreise nicht viel zu gewinnen gibt.

Nach einem umständlichen Komplettumbau des Drumkits starten um 20:50 Uhr DVNE mit ihrer Show auf der nach wie vor beeindruckend voll gestellten Bühne: Auch die Schotten haben mit elektronischer Musik nichts am Hut – vielmehr gibt es progressiven Post-Metal, anhand dessen man DVNE ohne weiteres dem Pelagic-Records-Roster zuschreiben würde. Irgendwo zwischen THE OCEAN und IHSAHN verortet, spielen DVNE trotz ihrer überlangen Songs eine erfreulich kurzweilige 40-Minuten-Show: Drei Sänger in den Reihen der Musiker, ein Keyboarder und ein extrem versierter Schlagzeuger sorgen für viel Abwechslungsreichtum. Unabhängig von der musikalischen Qualität merkt man aber auch hier schnell, dass die Band nicht wirklich mit dem IGORRR-Publikum matcht: Wirklich auf den Headliner eingestimmt wird man von DVNE nicht – das dürfte beim ersten Tour-Leg mit MASTER BOOT RECORDS und IMPERIAL TRIUMPHANT mutmaßlich deutlich besser funktioniert haben.

Nichtsdestoweniger ist das Publikum im mittlerweile gesteckt vollen Backstage Werk heiß auf IGORRR: Die fünfköpfige Band wird bereits mit stürmischem Jubel empfangen, und auch sonst gibt es keine Anlaufschwierigkeiten. Zu dem charakteristisch avantgardistischen Mix aus Beats, Riffs, Screams und klassischem Gesang kommt schnell Bewegung ins Publikum. Auch auf der Bühne ist viel los: Im liebevoll gestalteten Setting mit zwei beleuchteten Plattformen und einer Mitteltreppe herrscht ein reges Kommen und Gehen, da sich Scream-Sänger Jb Le Bail und Mezzo-Sopran-Sängerin Marthe Alexandre recht konsequent abwechseln, und auch der Gitarrist zwischendurch die Bühne verlässt, wenn es elektronisch wird. Das allerdings passiert immer seltener: Die Transformation vom Synthie-Projekt zur Metal-Band mit elektronischen Einsprengseln war bereits auf den letzten drei Alben seit „Savage Sinusoid“ (2017) unüberhörbar. Mehr noch als auf der Tour zu „Spirituality And Distortion“ wird sie jetzt auch live spürbar.

Gautier Serre scheint die Lust an elektronischen Effekt-Spielereien auf der Bühne komplett verloren zu haben und fokussiert sich mehr denn je auf die Gitarre. Erweckte er bislang hinter seiner Kanzel stets zumindest noch den Eindruck, als DJ und Synthie-Bediener die elektronischen Komponenten (zumindest zum Teil) live zum Sound beizusteuern, offenbart der Rack-Aufbau, wie wenig Serre überhaupt noch an Reglern dreht. Stattdessen kommt er nun sogar zwischendurch mit der Gitarre auch nach vorne. Damit verschiebt sich der Fokus der Show klar auf den Metal-Part, der ordentlich drückt, aber insgesamt weit weniger avantgardistisch ist, als man das von der Musik von IGORRR früher gewohnt war.

Als zweite Hauptkomponente hat sich der Gesang von Marthe Alexandre etabliert, die zwischendurch mehrfach quasi soliert. Das ist technisch beeindruckend und hätte das Potenzial, auch atmosphärisch zu begeistern. Allerdings scheint das nicht zu sein, worauf das Publikum eingestellt ist: Nicht nur Gespräche, auch Zwischenrufe stören die Atmosphäre empfindlich. An dieser Stelle muss gesagt sein: Wer keinen Operngesang mag, ist bei IGORRR eben trotz aller Metal-Songs falsch und sollte es in Sachen elektronischem Metal vielleicht bei ELECTRIC CALLBOY belassen. Überraschend kommt aber auch das nicht – vielmehr ist es eine erwartbare Nebenwirkung des bemerkenswerten Popularitätszuwachses, der IGORRR dennoch gegönnt sei.

  1. Daemoni
  2. Spaghetti Forever
  3. Nervous Waltz
  4. Blastbeat Falafel
  5. Downgrade Desert
  6. ADHD
  7. ieuD
  8. Hollow Tree
  9. Polyphonic Rust
  10. Headbutt
  11. Infestis
  12. Pure Disproportionate Black And White Nihilism
  13. Silence
  14. Viande
  15. Himalaya Massive Ritual
  16. Very Noise
  17. Camel Dancefloor
  18. Opus Brain

Als IGORRR ihr Set nach 75 Minuten beenden, ist klar: Die Zeiten, in denen IGORRR eine Elektro-Band mit Metal-Anteil waren, sind vorbei – und damit auch die Zeiten der ungemütlichen, fordernden und verstörenden Sounds. Vom opernhaften klassischen Gesang abgesehen gibt es nun, in der Live-Umsetzung noch mehr als auf den Alben, fetten Metal mit elektronischer Begleitspur. Das kann man feiern, denn zum Moshen lädt der energiegeladene Sound ohne Frage ein. Das kann man aber auch schade finden, denn die für IGORRR viele Jahre charakteristische Verschrobenheit ist damit der Eingängigkeit gewichen, die es aber eben auch braucht, um eine 1.500er-Location wie das Backstage Werk quasi im Alleingang auszuverkaufen.

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