März 2026

Review Neurosis – An Undying Love For A Burning World

Kaum ein Wort kann so unterschiedliche Emotionen auslösen wie das Wort „Überraschung“. Fans von NEUROSIS wissen das: Als die Band wegen Sänger Scott Kelly 2019 zerbrach, der als Täter häuslicher Gewalt entlarvt wurde (Metal1.info berichtete), war das eine mehr als böse Überraschung. Dass NEUROSIS nun, mit Aaron Turner (ISIS, SUMAC) am Gesang und an der zweiten Gitarre, nicht nur ihre Rückkehr verkünden, sondern buchstäblich aus dem Nichts auch gleich das dazugehörige Album online stellen, ist die wohl schönste Überraschung, die sich Fans hätten wünschen können.

Tatsächlich klingt das Album ab der ersten Minute, als seien NEUROSIS nie weg gewesen: Das fängt beim kraftvollen Gitarrensound an, umfasst aber auch die Riffs und – erstaunlicherweise – sogar den Gesang, bei dem sich Turner in die charakteristischen NEUROSIS-Vocals einfindet, als hätte er sein Lebtag nichts anderes gemacht. Das wäre ehrlich gesagt schon völlig ausreichend – schließlich hatte die musikalische Karriere von NEUROSIS schon vor dem Split auf höchstem Niveau stagniert: Die Alben seit „Given To The Rising“ (2007) waren ohne Frage extrem gut – an den Grundfesten ihres Bandkonzeptes haben NEUROSIS damit aber nicht mehr gerüttelt, sondern eher das Mauerwerk weiter verstärkt.

Das ist bei „An Undying Love For A Burning World“ anders, wennschon auf sehr subtile Weise. Denn ja, die acht Songs klingen unzweifelhaft nach NEUROSIS, wie man sie kennt und liebt. Doch im Detail sprüht das Album nur so vor Kreativität und Tatendrang. So sind es die kleinen Details zwischen den fetten Riffs, die dieses zwölfte Werk so besonders machen: ein wenig elektronische Spielerei hier („Mirror Deep“), einige Verse des von Turner auch bei seinen anderen Projekten lange nicht gehörten Klargesangs dort („First Red Rays“). Und immer wieder Dynamikwechsel, die rohen Sludge mit lässigem Post-Metal verschwimmen lassen („Seething And Scattered“).

Die Liebe zum Detail wird dabei schon in der Vielschichtigkeit der ruhigen Passagen, oft zu Beginn oder Ende der Stücke, deutlich: Wie akribisch NEUROSIS hier die Effekte und Sounds stapeln oder sich mit dem Gesang abwechseln und ergänzen, lässt einem das Herz aufgehen („Blind“). Aber auch die Spielfreude, mit der NEUROSIS Parts fast wie in einem Jam über den Song weiterentwickeln, begeistert („Untethered“). Und dann ist da noch das große Finale: „Last Light“. Wennschon mit 16:57 Minuten nochmal ein gutes Drittel länger als das für sich genommen schon monumentale „In The Waiting Hours“, bleibt der Song vom überraschend industriellen Einstieg über den bandtypischeren Mittelpart bis zum letzten Ton spannend – nicht zuletzt, weil Steve Von Till gegen Ende unüberhörbar noch seine auf Solopfaden gesammelten Erfahrungen einbringt.

Diese Überraschung ist auf beeindruckende Weise geglückt: Nicht nur, weil NEUROSIS die ganze Musikwelt mit ihrem Comeback, dem neuen Line-up und „An Undying Love For A Burning World“ völlig überrumpelt haben. Sondern auch, weil das Werk weit mehr ist als nur ein unverhofftes weiteres NEUROSIS-Album. Vom ersten Ton an fühlt man sich in dieses Meisterwerk hineingezogen wie in das schwarze Etwas auf dem nicht minder grandiosen Cover. Die grelle Realität drängt sich erst mit der Stille, die nach einer guten Stunde auf den letzten Ton folgt, zurück ins Bewusstsein. Und alles wäre wieder wie zuvor – wäre da nicht diese angenehme Erschöpfung, das Gefühl einer inneren Katharsis und das beruhigende Wissen um die Möglichkeit, jederzeit wieder in diese wunderbare Schwärze einzutauchen.

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Wertung: 10 / 10

Moritz Grütz

Publiziert am von

11 Kommentare zu “Neurosis – An Undying Love For A Burning World

    1. Wenn ein Album, am Tag des Erscheinens, ohne Vorlauf für Journalisten, mit 10/10 besprochen wird, ist das für mich anrüchig. Darf aber jeder anders sehen. Gar keine Frage.

      Moritz hat mittlerweile seinen Prozess hierzu erklärt. Ist schon okay…

        1. Hi, finde ich tatsächlich für mich ähnlich nutzlos, ja. Ist auch nur ein Eindruck aus der Emotion heraus und daher wertlos. Wobei deine Bericht sogar einen Mehrwert stellenweise bringen, weil eine Einordnungen gegenüber voriger Gigs stattfindet. Lese ich daher verhältnismäßig wenig.

          Aber nochmal: das gilt nur für mich. Gibt hier auch andere Stimmen, die das gut finden.

  1. Der Kommentar riecht durchaus etwas nach Stänkerei. So wie das Review möglicherweise etwas von positiver Euphorie geleitet wurde (was ich vollkommen verständlich finde), war der Schreiber wohl von der negativen Form dieses Gefühls beeinflusst. Ok, ihr seid wohl im deutschen Sprachraum die ersten – das kann schon den einen oder anderen seltsam aufstoßen (was es alles gibt!) – mich freut es.
    Selbst wenn eine Bemusterung Wochen vor Veröffentlichung käme, hören Rezensenten bei der Fülle an neuem Material die Alben wirklich öfter als, sagen wir, 3 mal, bevor man etwas dazu schreibt?
    Ich frage den Moritz mal konkret. Interessiert mich, wie du es so machst oder wie du es bei Kollegen so mitbekommst.
    Sagen wir mal, er (Moritz) hat die Neurosis 3 mal gehört und sich am nächsten Tag hingesetzt – was ist nun der Unterschied? Vielleicht könnte man meinen, die Wertung…
    Kann man aber auch anders sehen – und subjektiv ist sowas sowieso immer.
    Habe das Review auch nur zur Bestätigung gelesen, Platte ist sowieso gekauft.
    Tolle Band, verdiente Wertung (denke ich 5 Tage später noch) :-)

    1. Hallo Eirik, danke für deinen Kommentar! Um etwas Transparenz hereinzubringen: Natürlich lief das Album hier vom Releasezeitpunkt (denn auch wir wussten natürlich von nichts) an in Dauerschleife. Mit knapp 20 Jahren Review-Erfahrung habe ich aber auch meine Methoden und Sinne dafür entwickelt, wie ich ein Album für mich sehr schnell erfassen und halbwegs subjektiv (soweit möglich) bewerten kann. Eine feste Anzahl an Durchläufen gibt es da (bei mir) nicht, da das extrem davon abhängig ist, wie gut ich die Band und den Backkatalog kenne (den ich natürlich als Referenz auch meistens nochmal quer höre, etwa für Sound-Vergleiche etc.), wie komplex das Material ist und wie stark die Abweichungen zwischen dem Album und seinen Vorgängern sind. All das ist im konkreten Fall ebenso passiert wie bei allen anderen Reviews, die ich schreibe – und tatsächlich ist es nichts Ungewöhnliches, dass dieser Prozess an einem Tag abläuft: Wer dir erzählt, dass er auf professionellem Level rezensiert, also mit einem gewissen Output-Anspruch mithalten muss, und dir erzählt, dass er jedes Album wochenlang hört, lügt. Punkt. Zur Wertung stehe ich im Übrigen nach wie vor, auch nach diversen weiteren Durchläufen, und tatsächlich hatte ich diese im aktuellen Fall sogar noch mit Kollegen aus dem Team abgeglichen, um mich gegen einen Euphorie-Bonus abzusichern.

  2. Für mich wertlose Besprechung, wenn sie einen Tag nach dem Überraschungsrelease rauskommt.
    Ist vielleicht kein Stimmungsbild, aber sicher keine Analyse.
    Mir scheint es so, als wolltet ihr etwas präsentieren, um in den Algorithmen aufzutauchen…

    1. Davon abgesehen, dass die meisten unserer Reviews sogar in der Woche VOR dem Release rauskommen (think about it!) … woran machst du es in diesem konkreten Fall fest? Was fehlt dir an dieser Analyse (auch wenn du es nicht so nennen willst)? Sound, Songwriting, äußere Umstände, so ziemlich jeder einzelne Song sind genannt. Was fehlt, ist die Langzeitwirkung, ja, aber um das zu umgehen, müsste man jedes Review um 1-2 (oder 10?) Jahre nach hinten verschieben. Und dann interessierts wirklich keinen mehr, nicht nur keinen Algorithmus.

      1. Sorry, zu den meisten Alben gibts auch vorher eine Bemusterung, teils Monate vorher. Da können Interviews geführt und Besprechungen geschrieben werden. Hier gab’s keine Bemusterung. Jeder hat das Album am Freitag Nachmittag bekommen. Verkauf die Leute nicht für dumm!

        1. Wo ist dein Argument? Gefällt dir das Album nicht? Schade. Gefällt es dir? Schön. Bist du in irgendwas nicht der im Text vertretenen Meinung? Cool – tauschen wir uns drüber aus. Willst du hier nur rumstänkern? Schieb ab, das Internet ist groß… Du musst nicht hier her kommen.

        2. Ich denke, einem Redakteur, der schon über 1600 Reviews geschrieben hat (UND sich mit der Band auskennt) kann man schon mal zutrauen, dass er nach ein paar Durchläufen eines Albums die Musik mit der nötigen Reflexion rezensieren kann. Natürlich wirkt eine Höchstwertung immer etwas euphorisch, das muss aber nichts heißen – außer dass das Album eben sehr, sehr gut ist. Wie du darüber denkst, bleibt dir natürlich unbenommen. Allein anhand des konkreten zeitlichen Ablaufs den Content abzuwerten, finde ich dann aber doch etwas verkürzt betrachtet.

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