Rammstein: „Deutschland“ – und ein KZ als Honeypot

Zehn Jahre ist es her, dass die Welt mit „Liebe ist für alle da“ zuletzt ein Album der wohl größten deutschen Band aller Zeiten gehört hat – eine Ruhephase, welche ausgerechnet RAMMSTEIN, die Meister der Selbstinszenierung, natürlich nicht einfach so beenden können. Wo andere mit der lauen Brise einer halbgaren Social-Media-Kampagne in den Segeln einen neuen Song herausbringen oder mit einem neuen Video daherkommen, veröffentlichen RAMMSTEIN einen Kurzfilm – gepusht von einem Sturm der Entrüstung.

Schon rund 24 Stunden vor dem eigentlichen Release auf YouTube liegt nach dem Sex-Video zu „Pussy“, mit dem RAMMSTEIN das prüde Deutschland 2009 schockiert hatten (Aus Rammstein wird RammELstein“, Bild.de), der nächste Eklat in der Luft. Ein schwarz-rot-goldenes Standbild im Stream, Frakturschrift im Songtitel – ausgerechnet „Deutschland“! – und ein Teaser, der die Band in einschlägiger Häftlingskleidung mit Strick um den Hals zeigt. Mehr braucht es gar nicht, um einen Skandal zu inszenieren: Der Wirbel ist groß, die entsprechende Aufmerksamkeit auch.

„Wer den Holocaust zu Marketingzwecken missbraucht, handelt verwerflich und unmoralisch“, erklärt der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland quasi präventiv. Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sieht in der Inszenierung als todgeweihte KZ-Häftlinge die Überschreitung „einer roten Linie“ und „geschmacklose Ausnutzung der Kunstfreiheit“. Der Boulevard lechzt nach dem, was da kommen mag. Und in der RAMMSTEIN-Zentrale in Berlin knallen derweil die Korken, dass man es bis hinunter nach München hört.

Zigtausende harren schließlich tags darauf um Schlag sechs vor dem Bildschirm – nicht für die Tagesschau, nicht für die Mondlandung, sondern für die ersten frischen Bewegtbilder von RAMMSTEIN. Rund 500.000 Menschen werden das Video in den folgenden 30 Minuten gesehen haben, nur sechs Stunden später sind es bereits 3,5 Millionen – viele davon, so lässt zumindest die Live-Chat-Kommentarspalte bei der Premiere erahnen, aus osteuropäischen Ländern.

Was diesen nicht deutschsprachigen Fans geboten wird, ist auf den ersten Blick tatsächlich eine Provokation: Zwischen allerlei anderem Gemetzel tauchen zu einem musikalisch vergleichsweise braven Musikstück tatsächlich irgendwann RAMMSTEIN in Häftlingskleidung auf, werden erst gedemütigt, dann gehenkt. Dazu als vermutlich einzige verständliche Phrase „Deutschland über allen“. Ob es dieser erste von unzähligen Kniffen des wohl meistgelesenen deutschen Dichters Lindemann über die Sprachbarriere schafft, ist zumindest fraglich: Wer genau hinhört, erkennt hier freilich die Kritik. Wer nur RAMMSTEIN und Deutschland versteht – und um diese Menschen zu finden, muss man vermutlich nicht einmal bis ins fremdsprachige Ausland schauen – wird im Sommer in den Stadien stehen und „Deutschland, Deutschland über alles“ singen. Ich gebe zu: Ein wenig graut mir davor.

Doch selbst, wer das Wortspiel versteht, mag kurz innehalten – in seiner Begeisterung, vielleicht auch seiner Sprachlosigkeit – und sich fragen: Die größte deutsche Rockband, verkleidet als Juden am Strick. Kann man das bringen? Darf man das?

Um diese Frage zu beantworten, sollte man zurück zum Anfang gehen – zum Anfang des Clips, aber vor allem seiner Handlung: Von futuristischen Elementen abgesehen, die den Zeitrahmen wie das Geschichtsverständnis brechen, befinden wir uns kurz im Teutoburger Wald – die Germanen metzeln die Römer nieder. RAMMSTEIN lustwandeln vor der brennenden Hindenburg. Till Lindemann gibt (überraschend überzeugend) den Honecker – Schnitt – ist Martin Luther beim Gelage, ist – Schnitt – der KZ-Häftling am Galgen – SchnittMarion Löblich, Mittäterin der Geiselnahme von Gladbeck, einem spektakulären Verbrechen im Sommer 1988, das damals allerdings nur wenige Tage später von einem anderen Drama aus den Medien verdrängt wird: dem Inferno von Ramstein.

Dazwischen: Bücherverbrennungen und Kreuzzüge, Preisboxer und Astronauten. Und eine „Germania“, wie sie im Abspann genannt wird, die mal als Stauffenberg, mal als Ritterin, mal als Jungfrau Maria auftritt, die in einer Krippenszene einen Schäferhund gebiert. Gespielt von Ruby Commey, Schauspielerin am Berliner Ensemble – und von schwarzer Hautfarbe.

In diesem Kontext ist, was zuvor noch „Die werden doch nicht etwa …“ denken ließ, nur logisch: „Deutschland“ ist ein Abriss der schlimmsten Episoden deutscher Geschichte, in dem, ganz im Sinne der oft vollkommen zu Recht angemahnten Erinnerungskultur, selbstverständlich auch dieses düsterste Kapitel nicht fehlen darf.

Verherrlichung oder Verharmlosung hingegen sucht man in den KZ-Szenen selbst mit größtem Fleiß vergeblich – zumal der Text so viel politische Aussage beinhaltet wie kein RAMMSTEIN-Song seit „Links 2 3 4“ („Sie wollen mein Herz am rechten Fleck – Doch sehe ich dann nach unten weg – Da schlägt es links“) – und das mit so wenig Interpretationsspielraum wie wohl noch keiner seiner Vorgänger. „Deutschland, meine Liebe kann ich dir nicht geben“ singt Lindemann da, oder, unmissverständlicher noch, „übermächtig, überflüssig, Übermenschen überdrüssig“.

Der vom Berliner Regisseur Specter als Köder mit Erfolgsgarantie eingesetzte KZ-Teaser bleibt so schlussendlich der einzige fragwürdige Teil dieser medial wie filmisch grandiosen Inszenierung. Seine Auflösung als Honeypot, in dem all die bereits aufgestaute Verachtung gegen plumpe Provokation gurgelnd versinkt, während allen, die auf patriotisches Liedgut gehofft hatten, das Maul mit Blut(wurst) und Sauerkraut gestopft wird, ist hingegen großes Kino.

Zehn Jahre ist es her, dass die Welt zuletzt ein RAMMSTEIN-Album gehört hat – seit „Deutschland“ weiß man wieder, warum sie gefehlt haben.

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3 Kommentare zu “Rammstein: „Deutschland“ – und ein KZ als Honeypot

  1. Ich persönlich sehe in dieser Entrüstung vor allem eines: Rammstein und der ganze Clip zwingen einen zum Hinterfragen bestimmter Positionen und Machtverhältnisse. Sie zwingen dazu sich in Beziehung zu anderen Menschen zu setzen, deren Meinung man möglicherweise ablehnt (auch wenn der Clip lediglich eine virtuelle Darstellung davon ist). Gleichzeitig wird dem Betrachter die moralische oder wenigstens ethische Vorbewertung des Geschehens vollkommen verwehrt. Es wird nur gezeigt, nicht beurteilt. Der Betrachter muss eine Bewertung für sich selbst vornehmen, er muss sich auf das gezeigte, gesagte, gehörte, dabei gefühlte konzentrieren. Das erfordert in einem zweiten Schritt aber ebenfalls eine Argumentation dafür, wie der Betrachter zur Bewertung dieses Videos kommt.
    An dieser Stelle muss ich fairerweise den Haken zurück zur Frage schlagen ob man deSade verbrennen sollte (oder heute wahrscheinlich eher Lautreamont)? Nein. Denn, unter der Voraussetzung das der Mensch fähig ist deSade zu verstehen, muss er auch fähg sein ihn zu bewerten. Insofern kann deSade auch nie verbrannt werden, da schlichtweg irgendjemand immer wieder eine Kopie deSades retten würde, weil er einen Sinn in der Existenz des Buches sieht. Analog dazu vermögen wir einen Sinn in diesem Clip zu erfassen, durch eingehende Beschäftigung damit.
    Insofern sollte uns auch der medial-politische Aufschrei stutzig machen (nicht beim Präsidenten des Zentralrates der Juden. Juden müssen im Großteil der Welt und auch in Deutschland die Gefahr einer potenziellen Verfolgung erdulden und die Angst die durch seine Äußerung schimmert ist schrecklich real), sollten wir als Individuen welche Meinungsträger, mündige Meinungsträger der Gesellschaft gar sind nicht fähig sein dieses Video entsprechend ohne hilfen zu kommentieren?

  2. Nach mehrmaligem Anschauen, Nachdenken und Nachlesen bin ich noch zu keinem Ergebnis gekommen. Schon heute äußern sich Spiegel Online und die ZEIT positiv, die BILD ist (überraschend differenziert) kritisch und sagt, dass Lindemann von politischer Verantwortung nichts verstanden hat, wenn man genau diesen Ausschnitt als Teaser wählt.

    Warum das Video provokant ist, wird beim Anschauen schnell klar. Dazu will ich nichts weiter sagen. Ebenso auffällig und ein Ärgernis für alle Rechten ist die schwarze Germania. Ich würde gern die Diskussion auf anderes lenken:

    Die Szenen zeigen immer wieder Auseinandersetzungen und Kämpfe. Abgesehen von Römern und Germanen ist es aber doch oft eine Art Bürgerkrieg, Bruderkrieg: Polizei gegen Linke/ RAF, Deutsche beim Preisboxen, Soldaten um 1918 gegen sozialistische Gefangene, Katholiken gegen Protestanten, und natürlich BRD gegen DDR. Auch die NS-Zeit war in Teilen eine Art Bruderkrieg, da die Nazis mit größter Sorgfalt auch alle Deutschen vernichten wollten, die sich ihnen widersetzten. Liefert das eine Art Hinweis für meine Kernfrage am Ende?

    Ebenso noch nicht ganz gelöst habe ich die Bedeutungen von manchen Symbolen. Germania gebiert einen Hund, evtl. einen Schäferhund. Astronauten untersuchen das Land (Geht es um die Frage: Was wird in ferner Zukunft von uns bleiben?) Gegen Ende fliegt auch ein Raumschiff davon, was wie Schneewittchens gläserner Sarg erscheint (Passt ja, da Rammsteins „Sonne“ dieses Thema aufgreift und am Ende musikalisch anzitiert wird). Überhaupt scheinen mit mit „Sonne“ und „Du hast“ intertextuelle Anspielungen vorzuliegen, die weitere Schlüsse zulassen könnten. Auch dort taucht mit Schneewittchen eine verführerische Erlöser-/Sehnsuchtsfigur auf, die aber auch strafend auftritt. – Reist der Sarg zur Sonne? Geht es um das Überleben der Rasse auf einem anderen Planeten? Vielleicht wie wie mythischen Nazikolonien auf der dunklen Seite des Mondes?

    Rammstein bleiben eine klare Antwort schuldig. Manch einer hätte sich gerade nach dem Teaser eine klare Antwort gewünscht, andere loben diese Offenheit. Meine Kernfrage ist: Will Rammstein über die Musik und den Effekt hinaus einen wertvollen Beitrag zu dem Diskurs über Heimat, Herkunft, Nation, AfD, Offenheit, Europa, Leitkultur etc. leisten? Und wenn ja, wie sieht der aus? In dieser Hinsicht ist mir das Video (noch?) nicht klar genug.

    1. Dank für diesen Kommentar, der Fraglos noch viele Aspekte auf den Tisch bringt, die ich in meinem Kommentar so noch nicht angesprochen hatte. Das allein bringt wohl die Vielschichtigkeit des Videos – und damit seine Stärke – auf den Punkt.

      Dass du (wir) über all diese Punkte nachdenken, ist denke ich schon genug Resultat – da braucht ein Lindemann nicht noch expliziter Stellung beziehen – sonst bist du schnell bei einem Video mit klarer Aussage, aber leider wenig Substanz, siehe etwa: Ministry – Antifa.

      Zumal Lindemann in seinen Aussagen doch mitunter sehr klar Stellung bezieht, denke ich, sollte man sich tatsächlich mit dem zufrieden geben, was RAMMSTEIN einem hier hingeworfen haben – genau wegen dieser „Offenheit“.

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