ANTRISCH aus Bayern sind die nächsten großen Geschichtenerzähler im Black Metal. Bereits durch zwei grausame geschichtliche Ereignisse hat die Truppe um Sänger Maurice Wilson ihre Anhängerschaft schon mitgenommen. Auf „Expedition III: Renitenzpfad Marañones“ begibt sich die Band in den tiefsten Dschungel zu Meuterei und Tod. Wir sprachen mit Maurice unter anderem über die Akribie guter Geschichten, Scheingemeinschaften und menschliche Abgründe.

Hallo Maurice! ANTRISCH haben sich zu einer für die Menschheit sehr finsteren und unsicheren Zeit gegründet. Nimm uns mal ein bisschen mit, wie war es während der Corona-Pandemie eine Band aus der Taufe zu heben?
Servus Philipp. Ich finde es wirklich bemerkenswert, wie sehr sich die Pandemie in das kollektive Gedächtnis gebrannt hat und untrennbar mit dem Jahr 2020 verbunden ist. Es ist schon denkwürdig, dass dieses Jahr so negativ konnotiert in der Geschichte verhaftet bleiben wird, vergleichbar mit der Reaktorexplosion 1986 in Tschernobyl oder den Anschlägen auf das World Trade Center 2001, wenn ich mich jetzt auf jüngste, von mir selbst erlebte Geschichte beschränke. Interessant ist hierbei die Frage, was dieses Jahr für die Menschheit so finster gemacht hat – und da komme ich unweigerlich zu dem, was ANTRISCH im Kern an- und umtreibt: die Finsternis in uns, die durch entsprechende Rahmenbedingungen geweckt, genährt und potenziert werden kann. Noch ansteckender als das Virus erschien mir die Hysterie und die unmittelbar einsetzende Verhärtung ideologischer Fronten, die, von lauten Minderheiten unablässig in jedwedes Netzwerk gesudelt, mehr und mehr die große Masse an Unbedarften oder Unaufgeregten in die völlig absurde und fiktive, aber dennoch als real empfundene Drucksituation gebracht haben, sich positionieren zu müssen. Absurd, aber sehr lehrreich.
Wobei wohl nicht ‚lehrreich‘, wenn man sich ein bisschen mit der Menschheitsgeschichte befasst. Schwere Kost gleich zu Beginn, so mag ich es.
Zu ANTRISCH´s Entstehung unter diesen Umständen muss ich gestehen, dass uns Corona eigentlich in die Hände gespielt hat, da wir unter normalen Bedingungen vermutlich gar nicht die Zeit gefunden hätten, dieses Projekt ins Leben zu rufen.
Ich sollte ergänzen, dass ich die Texte, welche als Grundlage für „Expedition I“ gedient haben, bereits 2014 geschrieben hatte und auch die Musik schon vorher existiert hat. Insofern gilt 2020 ’nur‘ als das Jahr, in dem beides miteinander vereint wurde und dem Projekt ein Name gegeben wurde.
Dadurch haben sich die mannigfaltigen Eindrücke der Pandemie-Situation auch nicht in den Lyrics zu „Expedition I“ niedergeschlagen, sondern wurden von mir – größtenteils unterbewusst – erst bei „Expedition II“ eingewoben. Dieses Gefühl der hilf- und ausweglosen Exponiertheit und der völligen Entbindung von der eigenen Entscheidungsgewalt durch Umstände fernab unserer Kontrolle war sicherlich prägend und stand Pate für meine Ausarbeitung des Innenlebens der Mannschaft von Erebus und Terror.

Wie ist das Line Up zusammengekommen? Beziehungsweise, wie sah euer aller musikalischer Background vor ANTRISCH aus?
Im Grunde teilen wir uns alle eine gemeinsame musikalische Vorgeschichte, da Scott, Шмидт, Laing (der 2024 als Live-Gitarrist zu ANTRISCH stieß) und meine Wenigkeit bereits in der 2011 aufgelösten Pagan Metal Band KROMLEK zusammengearbeitet haben. Unser ehemaliger Schlagzeuger Дятлов spielte nach dem Ende von KROMLEK zusammen mit Scott und Шмидт in der Melodeath-Band 7TH ABYSS. Im Grunde ist demnach nur unser aktueller Drummer Odell wirklich ’neu‘ in der Personalie. Er hat bis vor kurzem noch bei VERDERBNIS Schlagzeug gespielt.
Wie erinnerst du die ersten Schritte mit ANTRISCH? Sei es live oder in Sachen Songwriting?
Nach wie vor mit einem gewissen Unglauben. Uns sind, besonders seit wir uns 2024 dazu entschieden haben, live aufzutreten, Dinge widerfahren, für die andere Bands jahre- wenn nicht jahrzehntelang ackern müssen. Außerdem mussten wir im Prinzip völlig neu lernen ‚Liveband‘ zu sein, sprich: mit In-Ear-System zu arbeiten (die ersten beiden Gigs haben wir noch klassisch mit Monitorboxen absolviert) und die gesamte Technik auf den 2024er-Stand zu bringen.
Zum Thema Songwriting kann ich nur begrenzt Auskunft erteilen, da ich in den Prozess nicht, bzw erst sehr spät eingebunden werde. Scott hat mir allerdings mal erzählt, dass diese alleinige Oberhoheit über das Komponieren eine Aufgabe und Herausforderung war, in die er erst hineinwachsen musste, da zu KROMLEK-Zeiten eher patchwork-mäßig gearbeitet wurde und Gitarrist und Keyboarder sich die Aufgabe seinerzeit geteilt haben.
In den sechs Jahren eurer Existenz habt ihr euch nicht lumpen lassen. Drei Veröffentlichungen inklusive einer Performance auf dem renommierten RAGNARÖK FESTIVAL. Wie blickst du auf die vergangenen Jahre zurück?
Mit Demut und Dankbarkeit. Unser Live-Debüt gaben wir nicht vor 30 Leutchen in einem winzigen Club, sondern beim ausverkauften NOISEBRINGER FEST. Das ist nüchtern betrachtet völlig verrückt. Unsere Reise verlief seither so rasant und surreal, dass es mir immer noch schwerfällt, das alles zu begreifen. Unser zweites Konzert überhaupt fand dann direkt in Wien bei der renommierten THE FALL-Reihe statt, gefolgt von einer Tour mit vier Terminen als Vorgruppe von GRIMA und NON EST DEUS. Obwohl wir “nur” die Vorgruppe waren, waren die Veranstaltungsorte jedes Mal sehr gut gefüllt, und schon beim allerersten Konzert sangen Leute in der ersten Reihe jede Zeile des Textes auswendig mit. Das ist wirklich unglaublich und keineswegs selbstverständlich. Wir erleben diese Art von Engagement regelmäßig, und es berührt mich zu sehen, was unsere Musik und unsere Geschichten manchen Menschen zu geben scheinen. Im Laufe dieser sechs Jahre hat sich auch in der Tat eine feste, sehr treue und hingebungsvolle Anhängerschar gebildet und ich erinnere mich an viele, sehr persönliche und emotionale Gespräche mit Leuten jedweder Altersstufe und Genrezugehörigkeit.
ANTRISCH verfolgen eine bemerkenswerte Stringenz bei Texten, Musik und Visualisierung. Inwieweit glaubst du ist eine derartige Konsequenz heute wichtig um „von sich Reden zu machen“?
Ich glaube, dass der Ansatz, mit einem Konzept von sich reden machen zu wollen und durch entsprechende Bühnenoutfits Aufmerksamkeit zu erheischen, falsch ist. Also zumindest ist es nicht der unsere. Wir sind eine ganzheitliche Band, die ein Konzept stringent umsetzt und das betrifft eben jeden Aspekt und jedes Detail; angefangen bei der Gestaltung des Booklets, der Wahl der (historisch einigermaßen angemessenen) Schriften, der Anpassung unseres Bandlogos an die entsprechende Thematik und dann eben weiter bis hin zur Wahl der Outfits und des Lichts. Das hat aber nichts mit einem irgendwie gearteten Kalkül zu tun oder mit einem vorangegangenen internen Brainstorming, was wohl die meiste Aufmerksamkeit auf sich ziehen könnte, sondern mit einer natürlichen, organischen Konsequenz aus der Sache heraus. Und da unser thematischer roter Faden
historische Expeditionen sind, liegt es doch nahe, dass wir unserem Anspruch auch bei der optischen Umsetzung gerecht werden und der Themenkomplex bietet es geradezu an, entsprechend inszeniert zu werden.
Ein gutes Beispiel für diese Konsequenz die ich gerade ansprach, ist euer erstes Album
„Expedition II: Die Passage“, auf dem ihr ausführlich die Franklin Expedition behandelt habt. Das Thema um die HMS Terror und ihr Schwesterschiff Erebus ist ausgesprochen spannend. Was fasziniert dich/euch an so grausigen geschichtlichen Ereignissen wie drei Wintern im Packeis?
Es ist echt. Es ist wirklich passiert und vermittelt eine bedrückende Finsternis, die kein okkulter oder satanischer Inhalt je transportieren könnten, da dieser Schrecken frei von Provokation und Negation, von Polemik und Theatralik ist und sich ausschließlich auf den auf sein schlichtes Sein und nacktes Wesen zurück geworfenen Menschen im Wechselspiel mit den brutal-gleichgültigen Kräften der Natur beschränkt.
Natürlich liegt dem Ganzen ein ausgeprägtes Interesse an Geschichte und eben besonders Expeditionen und Entdeckungsreisen meinerseits zugrunde.
Womit wir den Bogen zu „Expedition III: Renitenzpfad Marañones“ schlagen. Vom Eis in den Dschungel. Wonach wählst du die Geschichten aus die ihr erzählen wollt?
Ich habe ein gewisses Portfolio an interessanten, völlig unterschiedlich gearteten Geschichten im Hinterkopf und schöpfe demnach erst einmal aus Bekanntem. Das wichtigste Auswahlkriterium hierbei ist eine gewisse ‚Black-Metal-Kompatibilität‘, sprich: eine düster-dramatische Grundstimmung sollte den Ereignissen zugrunde liegen und die klassischen Zentralthemen wie Tod, mentaler Niedergang oder andere dunkle Aspekte des menschlichen Existenzspektrums sollten ebenfalls gegeben sein. Eine erfolgreiche Forschungsreise ohne Verluste wäre der Sache wenig zuträglich.
Aktuell befinden sich noch weitere drei Expeditionen konzeptionell und lyrisch ausgearbeitet in der Pipeline, da ich sehr eruptiv und intuitiv arbeite. Als es darum ging, zu entscheiden, welches Thema „Expedition III“ haben soll, habe ich der Band das jetzt umgesetzte Konquistadoren-Konzept vorgelegt und ein weiteres, das dann „Expedition IV“ werden wird.
Wenn ich recht informiert bin, habt ihr euch als Mitglieder nach historischen Persönlichkeiten benannt. Wenn das stimmt: um wen handelt es sich da jeweils?
Das ist korrekt. Die vermutlich bekannteste historische Figur ist Robert Falcon Scott, der den Wettlauf zum Südpol gegen Roald Amundsen 1912 verlor und auf dem Rückweg mit allen vier Mitgliedern seiner Pol-Mannschaft umkam. Отто Шмидт (Otto Schmidt) war ein russischer bzw sowjetischer Akademiker und Arktisforscher, der unter anderem an der ersten erfolgreichen Durchfahrt der Nordostpassage teilnahm. Alexander Gordon Laing hat sich nach einem britischen/schottischen Afrikaforscher benannt, der 1826 als erster Europäer die legendäre Handelsmetropole Timbuktu betreten haben soll und in Mali einen gewaltsamen Tod fand. Noel Ewart Odell war ein Teilnehmer an der berühmten britischen Mount-Everest-Expedition von 1924 an der Seite von George Mallory und Andrew Irvine. Er war der letzte, der die beiden bei ihrem fatalen Gipfelanstieg noch lebend gesehen hat. Ich selbst benannte mich nach dem Briten Maurice Wilson, einem Rebellen ganz anderer Art, der von nicht wenigen als Phantast oder Selbstmörder betitelt wird, weil er – inspiriert von Mallory und Irvine – den wahnwitzigen Plan gefasst und 1933 umgesetzt hat, mit einem Flugzeug nach Tibet zu fliegen, dort einen Absturz zu inszenieren und – allen Warnungen und Widrigkeiten zum Trotz – alleine den Gipfel des Mount Everest zu erklimmen. Das Ganze übrigens, ohne zum Zeitpunkt des Entschlusses ein Flugzeug fliegen zu können, noch jemals einen Berg bestiegen zu haben. Ich denke, es liegt auf der Hand, dass seine Geschichte tragisch endet.

Ich kenne konzeptionelle Arbeit selbst sehr gut. Wo beginnt so ein Prozess bei ANTRISCH oder anders gefragt: wie entsteht so ein Album bei euch?
Er beginnt mit einer Idee, einem Gedanken. Wenn sich die konkrete Idee zu einer Expedition in meinem Geist festgesetzt hat, dann arbeitet mein Unterbewusstsein sich daran ab, was teilweise sehr anstrengend sein kann. Du musst Dir das wie einen Gedankenstrang vorstellen, der permanent unter der normalen Alltagsverarbeitung parallel mitläuft. Dann und wann geschieht dann eine Art kreative Eruption und es kann sein, dass ich einen ganzen Text am Stück herunter schreibe, oder auch nur ein Wort oder häufiger einen oder mehrere Absätze. In dieser ersten Phase mache ich mir noch keine Gedanken über die historische Korrektheit, da geht es mir eher um Innenleben, zwischenmenschliche Dynamiken oder die Eindrücke, die das geplante Setting auf die Expeditionsteilnehmer haben könnte. Darauf folgt die zweite Phase, in der ich das konzeptionelle Gerüst erstelle, sprich: anhand von sinnigen Etappen festlege, wo die Schwerpunkte liegen und wie viele Stücke das Album haben wird. Außerdem erfolgt in dieser Phase die historische Unterfütterung, indem ich Daten und Fakten prüfe, recherchiere und einen einigermaßen historisch fundierten Rahmen einbaue – soweit nötig. Erst jetzt stelle ich Scott die Texte zur Verfügung, anhand derer (oder genauer gesagt anhand der Stimmungen, die jene Texte erzeugen sollen) er wiederum die Stücke komponiert. Wenn der Kompositionsprozess (vorerst) abgeschlossen ist, folgt Phase drei. Diese dritte Phase ist die, in der am meisten Energie freigesetzt wird, denn nun kommt die Verschmelzung von Text und Musik. Es ist mir bei „Expedition III“ passiert, dass ich, nachdem ich die Musik das erste mal gehört habe, eine Art ‚Rückkopplungs-Kreativschub‘ bekam und den Text plötzlich um das Doppelte erweitert habe, weil Scotts narrative Art Songs zu schreiben mich nochmal ganz neu inspiriert hat. Das hat wiederum Auswirkungen auf die Songs und bis beides zu aller Zufriedenheit zu einem stimmigen Ganzen geformt wird, muss einiges an Frust, kreativer Krise und Hader mit sich selbst und dem Projekt durchgestanden werden. Die Entstehung eines ANTRISCH-Albums ist für alle Beteiligten eine ganz eigene Expedition mit vielen Höhen, aber fürwahr noch mehr Tiefen.
Wo liegen dabei eure Inspirationen für die Musik innerhalb wie außerhalb des Metal-Genres?
Scott hört sehr wenig ‚andere‘ Musik, er ist wie ein verschrobener Eremit, der sich von allen äußeren Einflüssen lossagt, um den Kopf und die Inspiration möglichst unbefleckt zu halten. Auf mich können beim Texten ganz unterschiedliche Musikgenres inspirative Wirkung haben, je nachdem, welche Stimmung sie in mir hervorrufen oder verstärken, das reicht von Dark Ambient über Filmmusik (ich verehre VANGELIS und besonders seine Soundtracks zu „1492 – Die Eroberung des Paradieses“, „Die Bounty“ und „El Greco“) bis hin zu Martial Neoklassik à la PARZIVAL. Es kann aber genauso sein, dass ich während des Hörens eines Black-Metal-Albums plötzlich eine Idee für eine Textzeile bekomme, von der ich dann beim besten Willen nicht mehr sagen kann, was sie hervorgerufen hat.
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„Expedition III: Renitenzpfad Marañones“ hat erneut etwas sehr Narratives. Du bist auch diesmal wieder sehr tief in die Rolle des Protagonisten (oder Antagonisten) Lope de Aguirre eingetaucht. Wie nah bleibst du bei der lyrischen Auslegung eures Stoffes an den tatsächlichen Ereignissen?
Was Rahmenhandlung und konkrete Ereignisse anbelangt, so halte ich mich so strikt wie möglich an den historisch überlieferten Stoff – soweit es bei derart weit in der Vergangenheit zurückliegenden Ereignissen verlässliche Überlieferungen gibt, versteht sich. Ich würde niemals etwas hinzudichten, deshalb ist die Auswahl an verwertbaren Expeditionen ja auch so überschaubar, weil viele Aspekte zusammenkommen müssen, um die für ein Black-Metal-Album ‚tauglich‘ zu machen. Deutlich mehr Freiraum gibt mir die Versenkung in die Geisteswelt und die subjektive Verarbeitung der äußeren Eindrücke jedes einzelnen Expeditionsteilnehmers, da diese nicht überliefert und flüchtig sind. Gerade wenn ich Aguirre zu Wort kommen lasse oder ’seine Gedanken ausspreche‘, hat das natürlich eine sehr persönliche Note und spiegelt meine Interpretation und Mutmaßung wider. Hier kann ich mich auf das Feld der Spekulation hinauswagen, weil der historische Rahmen gewahrt bleibt und im Kopf praktisch alles möglich ist. Ich erhebe natürlich auch nicht den Anspruch, hundertprozentig historisch akkurat zu sein, aber ich will mir auch keine groben Schnitzer erlauben.
Gerade befinden wir uns sehr nah an des Teufels Schoß, um mal in euren beziehungsweise deinen Bildern zu sprechen. Die Welt wird immer wirrer, die Menschen ängstlicher und wütender. Ist das auch etwas das auf euch Einfluss nimmt und wenn ja: fließt davon auch etwas in eure kreative Arbeit?
Die Frage nach der Aktualität bzw. nach der Übertragbarkeit des historischen Stoffes auf das aktuelle Weltgeschehen ist mir schon häufiger gestellt worden und ich möchte dies eigentlich verneinen. Ich sehe es nicht als Aufgabe, eine aktuelle Relevanz zu konstruieren, ganz im Gegenteil. Mir liegt viel daran, eine historische Expedition in ihrem eigenen geschichtlichen Kontext und in ihrer damaligen Weltsicht erleb- und vielleicht sogar nachvollziehbar zu machen, ohne die färbende, wertende Brille unseres Zeitalters. Ich erzähle, ich versenke mich und ich steige hinab in die Abgründe von Figuren, die vor langer Zeit gelebt, gedacht und gefühlt haben und es gehört für mich zum Anspruch an Authentizität, keine Zeitgeist-Bewertung – oder schlimmer noch: Moralisierung – hineinzusudeln. Ich bin kein Moralprediger, der mit erhobenem Finger eine Erzählung aus ihrer Zeit zerrt und moderne Maßstäbe ansetzt. Das ist erbärmlich, selbstgerecht und der Sache an sich unwürdig.
Wie nah steht die Meute vor dem Aufstand deiner Ansicht nach?
Dazu möchte ich einen Schritt zurücktreten und fragen: wer ist denn ‚die Meute‘? Ich denke, es gibt eine Vielzahl an ‚Meuten‘, durchaus gelenkt und befeuert. Divide et impera – Teile und herrsche. Unmut lässt sich steuern und gelenkt kanalisieren, im Zeitalter der ’sozialen Medien‘ mehr denn je und es ist offenbar ein leichtes, das Kollektiv der Unzufriedenen dergestalt zu spalten, dass es sich in Kleinteiligkeit gegenseitig bekämpft, anstatt sich seiner Unzufriedenheit und deren Urheber gewahr und bewusst zu werden. Nie wurden Plattitüden wie „Deutschland hat…“ oder „Wir sind…“ inflationärer eingesetzt als in Zeiten, in denen ein künstliches Wir-Gefühl erzeugt werden muss, weil das faktische Kollektiv sich längst aufgespalten und zersetzt hat. Wenn es heute noch eine Ideologie gibt, dann ist es die des rücksichts- und bedingungslosen Individualismus, ein stetes Ringen um die eigene Relevanz und die Aufmerksamkeit anderer unter dem Eindruck einer künstlichen ‚Community‘, die als ephemeres Schein-Publikum ein leeres, totes Ersatz-Ego befriedigt. Sorry für den Exkurs.
Kurzum: Aufstand ist abgeblasen, mehr Applaus bekommt man für KI-Bildchen, die den eigenen Unmut oder eine Schein-Position illustrieren. Das ist bequemer und kitzelt das Belohnungssystem im Hirn stärker.
Apropos Meute: die wisst ihr in Gestalt eurer Fans konsequent zu begeistern. Wie erinnerst du dich an den RAGNARÖK-Gig, den ihr auch mitgeschnitten habt?
Ich hatte es oben in der kurzen Retrospektive ja schon angesprochen, es ist unfassbar. Es gibt mittlerweile Menschen da draußen, die mit unserem Logo oder Textzeilen von mir als Tattoo herumlaufen. Damit weiß ich auch nur schwer umzugehen.
Der RAGNARÖK-Gig war vor allem eines: anstrengend. Das lag hauptsächlich daran, dass wir den allerletzten Slot am Freitag hatten und dementsprechend erst um 0:40 Uhr die Bühne betraten. Ich habe ein paar Kommentare unter dem YouTube-Video gelesen, dass das Publikum ja so lahm sei und gar nicht ‚abgehe‘. Nun, dazu sind zwei Dinge zu sagen: Erstens ist unsere Musik per se keine, zu der man ‚abgeht‘ und zweitens empfinde ich es als beachtlich und ein sehr großes Kompliment an unser Schaffen, dass zu so später Stunde noch so viele Leute in der Halle geblieben waren, um unseren Auftritt anzusehen. An den Verlauf des Auftritts habe ich tatsächlich so gut wie keine Erinnerung, was daran liegt, dass ich so in der Konzentration behaftet bin, dass ich wenig bis gar nichts mitbekomme.

Um ANTRISCH nach euren Ansprüchen auf die Bühne und auf Tonträger bringen zu können, belasst ihr fast alles in euren eigenen Händen. Jeder von euch hat zusätzliche Aufgaben.
Otto beispielsweise ist für Produktion und Recordings zuständig, während du neben dem Gesang auch für die Konzepte, die Lyrics und das Layout verantwortlich ist, um mal nur ein paar Bereiche zu nennen. Welche Vor- aber auch Nachteile hat es, wenn man alles so nah bei sich behält?
Zum einen hat man dann die Kontrolle – zum anderen hat man aber halt auch die Kontrolle. Es ist ein zweischneidiges Schwert, da besonders im Bereich der Aufnahmen und Produktion ein eigenes Studio den unschlagbaren Vorteil besitzt, dass wir uns so viel Zeit lassen können, wie wir brauchen. Dadurch kann man so lange feilen, bis das Ergebnis für alle Beteiligten passt. In einem meist durch das Budget vorgegebenen zeitlich begrenzten Aufenthalt in einem Fremdstudio hast du dann eben nur so und so viele Versuche und irgendwann läuft die Zeit ab. Wenn Du einen schlechten Tag hattest, dann ist das eben Pech. Wir haben praktisch eine endlose Zahl an Versuchen, aber das birgt natürlich auch die Gefahr des Verzettelns und Abgleitens vom Hundertsten ins Tausendste. Natürlich spart es auch enorme Kosten, wenn vieles von uns selbst erledigt wird und ich bin auch dafür bekannt und berüchtigt, einer Eingebung folgend, plötzlich ein ganzes Layout und monatelange Arbeit über den Haufen zu werfen. Wenn ich bei jeder dieser Kreativ-Eskapaden einen externen Grafiker verpflichten müsste, wären wir schon längst pleite. So optimiert jeder von uns in seinem Aufgabenbereich so lange vor sich hin, bis ein (meist extern zugeführter) Umstand uns zwingt, die Sache zu Ende zu bringen.
Den spürbarsten Nachteil dieser Form von Autarkie macht wohl das Packen und Versenden von Bandcamp-Bestellungen aus, das wächst uns langsam über den Kopf.
Dadurch, dass wir nun Teil des AOP-Kosmos sind, wird uns einiges an Entlastung zuteil, gerade auch im Bereich der Promo-Arbeit die wir selbst immer eher stiefmütterlich behandelt haben.
Euer konzeptioneller Rahmen zieht sich bis auf die Bühne. Licht, Kostüme, Laternen. Würde ANTRISCH ohne all das funktionieren bzw. Worauf legt ihr bei euren Live-Konzerten besonderen Wert?
Es würde definitiv funktionieren, muss es aber nicht. Ich habe unseren ganzheitlichen Anspruch ja bereits dargestellt und der bezieht sich eben auch auf die Erlebbarkeit unserer Erzählungen im audio-visuellen bzw. performativen Kontext. Mein Ideal-Szenario beschreibe ich wie folgt: das Auditorium wird mit dem ersten Ton in die Expedition hineingesaugt und erst mit dem Verklingen des letzten Tons wieder freigelassen. In dem Zeitraum dazwischen befindest du dich mit uns im arktischen Packeis 1845 oder kämpfst dich an unserer Seite durch Amazonien 1560. Das ist schon eine Form von Eskapismus, aber eben kein watteweicher Feelgood-Nonsens, sondern unbequem und unter der gesamten Palette von dunklen Emotionen einnehmend. Was ich ganz oft beobachte ist, dass zu speziellen Parts die Leute ihre Augen schließen und den Kopf in den Nacken kippen lassen. Diese Reaktion steht sinnbildlich für unseren Anspruch. Natürlich könnten wir uns auch mit Lederjacken, schwarzen Cargo-Hosen, Patronengurten, Vierzehnloch-Stiefeln und Bandshirts auf die Bühne stellen, aber das wäre unserer eigenen Vision gegenüber despektierlich.
Interessant finde ich, dass Du bei uns den Begriff ‚Kostüme‘ gebrauchst, anstatt ‚Bühnenoutfits‘. Ist die oben von mir beschriebene, generische Standard-Kluft dann auch ein Kostüm oder ein Bühnenoutfit? Und wo zieht man die Grenze? Ich habe jetzt schon häufiger erlebt, dass da nicht nur zweierlei, sondern offenbar mit vielerlei Maß gemessen wird.
Verwendet eine Band Kerzenständer auf der Bühne, sind das Ritualgegenstände, handelt es sich allerdings um eine Laterne, wird diese zur ‚Bühnendekoration‘ degradiert. Spannendes und amüsantes Thema, das aber den Rahmen sprengen würde.
In diesem Jahr stehen einige Gigs innerhalb Deutschlands auf eurem Zettel. Gibt es Bühnen die ihr auch international noch erobern wollt? Wenn ja welche?
Also wir hätten alle mal Lust auf Polen und die Stimmen aus den Niederlanden, Belgien und Dänemark werden lauter und fordernder, aber wir werden sehen, was sich in Zukunft ergibt. Eine persönlichen Schwärmerei folgend, würde ich ganz persönlich gerne mal in der Türkei spielen und Lateinamerika würde sich beim Thema von „Expedition III“ beinahe schon aufdrängen – man darf ja auch mal herumspinnen. Mal schauen, unser Kontingent an möglichen Konzerten im Jahr ist ja auch limitiert aufgrund privater und beruflicher Obliegenheiten.

Danke für deine Zeit und dieses tolle Album. Zum Schluss noch unser Metal1-Brainstorming:
Columbus: Um seinen Ruhm betrogener Wiederentdecker, streitbarer Visionär und Wetzstein zeitgeistiger Befindlichkeiten.
Sir John Franklin: Tragische zweite Wahl, Standesdünkel und ‚der, der seine Stiefel aß‘.
Napoleon: Großer, ruchloser Abenteurer, Gestalter und Umgestalter, Inspiration und Fluch Europas und vom Pomp europäischer Fürstenhäuser korrumpiertes, wurzelloses, historisches Paradoxon.
Kannibalismus: Außerhalb der Bequemlichkeit des heimischen Sofas nur schwer zu fassendes oder begreifendes Extrem-Phänomen und vielgestaltiger von kulturevolutionärer Perspektive abhängiger, moralischer Prüfstein, der von der Anthropophagie unterschieden werden muss.
ANTRISCH in zehn Jahren: Hoffentlich noch existent und an „Expedition VI“ arbeitend, das Konzept steht ja bereits. Ich danke dir für die interessierten und interessanten Fragen. Alles Gute dir und Grüße aus dem Basislager!
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Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
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Sehr spannendes Interview und schön gewählte Fragen. Ich habe einen guten Einblick erhalten können und genieße Maurice‘ Art sich auszudrücken.
Das Konzept macht die Band für mich gerade so spannend und erweckt in mir genau das Gefühl, dass Sie erreichen wollen. Nämlich der Sog in eine Zeit und an einen Ort in dem man das erzählte Hautnah erlebt, sich in eine Person dieser Zeit hineinversetzt fühlt und man versucht die Sorgen, Ängste und Herausforderungen in den beschriebenen Situationen zu verstehen und nachzuempfinden, welches (zumindest bei mir) zu einer Reflexion seiner Selbst führen kann. Es ist einfach immer wieder unglaublich für mich, was gut erzählte Geschichten in der Musik in einem erreichen können.
Als Liebhaber der Natur und des Bergsteigens fühle ich mich natürlich noch mehr magisch an die Expeditionen angezogen.
Ich wünsche euch weiterhin ganz viel Erfolg und Spaß an der Sache und bin gespannt was in der Zukunft noch kommt.
Liebe Grüße aus dem Mittelrheintal
Vielen Dank für dein liebes Feedback.
Es freut mich sehr, dass dir das Interview gefallen hat. Ich fand es auch sehr spannend, von Maurice mehr über die Band und ihr Schaffen zu erfahren.
Liebe Grüße
Philipp | Metal1.info