Interview mit Vinnie Paul von Hellyeah

Mit Pantera prägte Schlagzeuger Vinnie Paul den Thrash Metal der frühen 90er wie kaum ein anderer. Nach der Auflösung der Pantera-Nachfolgeband Damageplan in Folge des tödlichen Attentates auf seinen Bruder Dimebag Darrell im Jahr 2004 gründete er 2006 die Band HELLYEAH, mit denen er derzeit im Vorprogramm von Korn durch Europa tourt. Auf dem zeitgleich von einem Oldtimer-Treffen belagerten Parkplatz des Münchner Zenith trafen wir die Schlagzeuger-Legende, um mit ihm im Nightliner der Band unter anderem über Phil Collins, Kochbücher und das Erbe seines Bruders Dimebag zu sprechen.

Ihr seid jetzt seit einiger Zeit auf Tour – seid ihr bislang zufrieden?
Es war bislang verdammt großartig. Es war definitiv bisher die beste Europa-Tour die wir je gespielt haben. Für die Korn-Fans spielen zu dürfen, ist einfach der Hammer. Wir waren schon öfter hier in Europa, aber es hat sich einfach nie nach der richtigen Bandkonstellation angefühlt. Diesmal ist einfach alles perfekt. Die Reaktionen des Publikums sind super, die Leute scheinen unsere letzten zwei Alben wirklich zu mögen. Heute Abend ist die letzte Show in Deutschland, wir haben hier vier, fünf Konzerte gespielt, dann geht es nach Polen und Tschechien – insofern freuen wir uns wirklich auf die Show heute Abend.

Hast du das Gefühl, dass die Korn-Fans HELLYEAH gut annehmen?
Ja! Es war wirklich beeindruckend, wie voll die Hallen jeden Abend schon waren, wenn wir auf die Bühne kamen – in den Staaten sind für gewöhnlich noch nicht viele Leute da, wenn die erste von drei Bands spielt. Zu sehen, dass die Leute sich die Zeit genommen haben und extra so früh kommen, um uns zu sehen, ist für uns schon etwas Besonderes.

Gestern hattet ihr einen freien Tag – wie habt ihr den Tag verbracht?
Bis Acht haben wir hier auf dem Parkplatz gesessen, danach sind wir ins Hard Rock Cafe gefahren und sind dort etwas herumgelaufen und haben ein paar coole Fotos vor einigen der ganzen Kirchen dort gemacht. Das war wirklich cool, die Innenstadt von München etwas kennenzulernen. Das ist wirklich eine schöne Stadt!

Machst du auf Tour immer noch jeden Abend Party, oder bist du über die Jahre ruhiger geworden? Lautet das Motto noch „Party hard“ oder schon „party hardly“?
Ich lasse es immer noch richtig krachen. Da drüben steht die Flasche mit dem Vodka! Das ist ein Teil des Ganzen… das gehört dazu. Du wartest 23 Stunden am Tag auf diese eine Stunde auf der Bühne – da musst du dich irgendwie unterhalten. Ich bleibe nicht länger in dem Bus hier als ich muss. Ich fahre herum, schaue mir die Sehenswürdigkeiten an oder unternehme irgendwas. Ich schaue mir auch gerne andere Bands an. In Stuttgart haben Gojira am gleichen Tag gespielt wie wir, also sind wir da rüber gefahren, nachdem wir fertig waren. Das war auch sehr cool. Also immer wenn ich die Chance auf so etwas bekomme, mache ich das auch.

Gibt es von der Tour schon eine witzige Anekdote zu berichten?
Eine witzige Anekdote… weißt du, wir verarschen uns die ganze Zeit gegenseitig, machen witzige Videos und so. Aber bei einer Tour wie dieser sitzt man ständig aufeinander. Da muss man sich gegenseitig viel Respekt entgegenbringen und locker bleiben.

Kanntet ihr die Jungs von Korn und Heaven Shall Burn schon vor der Tour?
Heaven Shall Burn kannten wir davor noch nicht – ein paar von denen kenne ich immer noch nicht – aber die Korn-Jungs kennen wir schon seit unserer ersten HELLYEAH-Tour, der „Bitch We Have A Problem“-Tour damals 2006, eben gemeinsam mit Korn. Sie haben uns als Band viel unterstützt, wir waren mit ihnen schon öfter unterwegs. Im September geht es für uns hoffentlich mit ihnen nach Australien – aber jetzt haben wir erst mal noch drei weitere Nächte mit ihnen hier, und dann geht es für uns auf Headliner-Tour nach UK.

Wie findest du die Musik von Korn? Ist das Musik, die du dir daheim anhörst?
Das ist cooles Zeug! Das war definitiv etwas neues, einzigartiges, als sie damit angefangen haben – und hat quasi ein neues Metal-Genre begründet!

Auf eurem aktuellen HELLYEAH-Album „Unden!able“ findet sich ein Cover des Songs „I Don’t Care Anymore“ von Phil Collins. Wieso dieser Song?
Das war Zufall. Der beste Zufall, der passieren konnte. Wir waren mit den Aufnahmen eigentlich schon durch, saßen beim Mischen des Albums, und haben uns über Songs unterhalten, die man covern könnte. Mit HELLYEAH hatten wir zuvor nie einen Song gecovert. Christian Brady, einer unserer Gitarristen, meinte dann, dass er diesen Phil-Collins-Song „I Don’t Care Anymore“ immer schon geil fand. Da ist mir fast das Glas aus der Hand gefallen, weil verrückterweise hatten Dimebag und ich den Song um 2000 herum für Damageplan schon mal gecovert. Das Resultat hatten wir dann aber nie verwendet. Unser Produzent Kevin Churko meinte dann: Ich hab mal mit Phil Collins gearbeitet, wenn ihr das machen wollt, wäre das eine verdammt coole Sache! Also sind wir direkt wieder zurück ins Studio gegangen, und haben daran gearbeitet, ihn so umzuarbeiten, dass man ihn erkennt, aber er trotzdem eine komplett neue Wendung nimmt. Als uns das dann gelungen war, kam uns, wie cool es wäre, Dimebags Gitarre in dem Song auftauchen zu lassen. Wir hatten immer das Gefühl, dass er ein Teil dieser Band ist, vom ersten Tag an, und dass er für uns alle eine Inspiration ist. Das hat dann auch geklappt, und war wirklich etwas sehr sehr sehr besonderes für uns und auch supercool für alle, dass Dime über den Äther im Jahr 2016 ein Teil von HELLYEAH sein kann.

Also war dir gleich klar, dass hier das Solo von Dimebag rein muss?
Wie gesagt, es war alles Zufall – alles fiel einfach an seinen Platz. Es war ein sehr organischer Prozess. Wir haben erst die Rhythmus-Gitarren neu arrangiert, und als es zu den Solo-Gitarren kamen, dachten wir uns: Wir haben es hier, warum sollen wir die Leads neu einspielen? Lassen wir lieber Dime an diesem Projekt mitwirken.

Hast du noch viele Aufnahmen von Dimebag und planst du, diese auch künftig für Projekte wie dieses zu nutzen?
Ich denke, das war jetzt eine einmalige, besondere Sache. Aber ich habe noch tonnenweise Material von ihm, von dem ich glaube, dass es die Leute hören wollen. Einiges davon wurde eben erst gemischt und wird ein Teil von „DimeVision Part II“ sein. Früher oder später wird man davon also noch einiges zu hören bekommen.

Wie haben die Metalfans auf das Phil-Collins-Cover reagiert? Gab es da auch negatives Feedback?
Das Feedback war großartig – weil die Leute nicht wissen, dass das ein Phil-Collins-Song ist. Weißt du, als ich ein Teenager war, dachte ich immer, „You Really Got Me“ wäre wirklich von fuckin‘ Van Halen. Immer! Bis ich irgendwann herausgefunden habe, dass der Song von The Kings ist. Ich wusste das einfach nicht und dachte, er wäre von Van Halen. Die Kids heute denken, dass „Bad Company“ von Five Finger Death Punch ist – die wissen nicht, dass der Song von Bad Company ist. Was zeigt uns das? Wenn du eine coole Version eines Songs spielst, wissen die Leute das zu schätzen. Und ein guter Song bleibt ein guter Song.

Ganz generell: Wie gehst du mit negativem Feedback um? Viele ehemalige Pantera-Fans kommen auf die Musik von HELLYEAH nicht klar…
Weißt du, ich habe das für mich gemacht. Ich habe ihnen damals bei Pantera alles gegeben, was ich hatte, und das gleiche mache ich jetzt. Aber es sind eben zwei verschiedene Bands. Mit den Jahren haben sich die meisten damit abgefunden und angefangen, uns als Band anzunehmen. Das fühlt sich natürlich gut an!

Musikalisch gesehen ist HELLYEAH etwas ganz anderes als alles, was du vorher gemacht hast. Was für Musik hörst du privat?
Ich höre immer noch diese ganzen Klassiker, Kiss, Van Halen, Judas Priest, Iron Maiden… dieses Zeug. Aber ich höre auch Bands wie Slipknot oder Disturbed.

Mit Dimebag hattest du damals auch ein cooles Country-Metal-Projekt, Rebel Meets Rebel. Gibt es irgendwelche Pläne, nochmal etwas in der Art oder generell andere Projekte anzuleiern, oder wird HELLYEAH dein einziges musikalisches Tätigkeitsfeld bleiben?
Ich will mich weiter voll auf HELLYEAH fokussieren, wir arbeiten wirklich hart für dieses Projekt. Touren, Alben aufnehmen… wir gönnen uns keine Pausen. Wenn wir mit dieser Europa-Tour fertig sind, gehen wir wieder in die Staaten, dann gibt es die Sommer-Festivals und ein paar Headliner-Konzerte, dann eben hoffentlich im September Australien und im Oktober geht es wieder ins Studio. Da bleibt keine Zeit für etwas anderes, insofern konzentriere ich mich voll auf HELLYEAH. Bei den anderen ist es ja genauso – wir haben uns alle zu 100 Prozent HELLYEAH verschrieben.
Das Country-Ding mit David Allan Coe war ein einmaliges Projekt, es hat viel Spaß gemacht und ist ziemlich cool gewesen. Ohne Dime ist es ja sowieso quasi unmöglich, das nochmal aufleben zu lassen. Das war einfach ein cooles Experiment – aber schön, dass du das Album magst!

Ein anderes großes Thema in deinem Leben ist das Kochen – du planst schon sehr lange, ein Kochbuch zu veröffenlichen…
Ich arbeite daran, ich bin fast fertig…

Ja, das hast du in dem anderen Interview auch gesagt, aber das war von 2015!
Das ist viel Arbeit! Ich muss die Zeit dazu finden, die richtige Inspiration. Mir fehlen noch ungefähr 20 Rezepte. Aber es wird „Drumming Up An Appetite With Vinnie Paul“ heißen und ich verspreche dir, dass es dir taugen wird und du viel Spaß beim Kochen damit haben wirst!

Was können wir uns von dem Buch erwarten, was macht das Buch besonders?
Es sind viele Rezepte darin, von mir selbst, aber auch Rezepte, die ich von meiner Mutter bekommen habe oder von anderen Leuten…es steckt viel von meinem Humor drin. Und es werden viele coole Bilder darin zu sehen sein. Das wird kein Standard-Kochbuch, das dir sagt, dass du zwei Tassen Reis und dies und das nehmen musst. Es lässt dir Raum für Interpretation! Manche Leute mögen kein Salz, andere mögen viel Salz. Also sage ich dir: Man kann es salzen. Tu so viel dran, wie du magst.

Ist es für einen passionierten Koch nicht hart, auf Tour zu sein und jeden Tag nur Catering-Essen zu bekommen?
Dafür weißt du das Essen wieder viel mehr zu schätzen, wenn du irgendwo essen gehst oder Leute für dich kochen. Aber weißt du, wir grillen auch sehr viel! Weißt du, in den Staaten machen wir das dauernd. Da gibt es seitlich am Bus einen Ausziehgrill, auf dem wir dann für alle Bands grillen. Da will dann keiner mehr zum Catering! Die sitzen dann einfach bei uns, grillen, trinken und spielen später ihre Show.

Du hast einmal gesagt, dass Kochen wie Musik machen ist. Könntest du das etwas genauer erklären?
Wenn du etwas liebst, und eine Passion dafür hast, willst du es gut und richtig machen. Am Ende des Tages geht es darum, jemandem ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Ob du das jetzt machst, indem du ihm einen schönen Teller Kartoffelbrei machst, oder ihn unterhältst, indem du Schlagzeug spielst, ist egal. Wichtig ist, dass du weißt, dass du dein Bestes getan hast und die Leute es zu schätzen wussten.

Hast du schon einmal darüber nachgedacht, nach deiner Zeit als tourender Musiker ein Restaurant aufzumachen?
Ach. Ich habe schon über ein Restaurant nachgedacht. Aber das Problem an einem Restaurant ist: Du musst immer da sein und schauen, dass es läuft. Du bist von den Leuten abhängig, die für dich arbeiten: Wenn sie dich nicht mögen, oder das Restaurant oder was auch immer, kommt etwas Schlechtes dabei raus – aber dein Name steht auf dem Schild. Wenn ich jemals so etwas mache, würde ich definitiv selbst am Herd stehen und aktiver Teil davon sein.

Danke für das Interview! Zum Abschluss ein kurzes Brainstorming…
Das ist jetzt der schwierige Teil des Interviews, mh? (lacht)

Das sagen viele, aber eigentlich ist es gar nicht so schwer. Los geht’s:
Lieblingsessen: Thai-Food. Ich liebe thailändisches Essen. Also Thai-Food. Punkt.
Donald Trump: Hoffen wir, dass er es gut macht!
Vegetarier: Ich hab es ausprobiert – für mich hat es nicht funktioniert.
Phil Anselmo: Kein Kommentar.
Live spielen: Ich liebe es.

Vielen Dank für deine Zeit und Antworten – die letzten Worte gehören dir:
Vielen Dank Deutschland, ihr wart dieses Mal wirklich großartig zu uns – wir werden definitiv bald wiederkommen!

Fotos: Afra Gethöffer