Brutal Assault Open Air 2019 – Teil 2

  • Festung Josefov, Jaroměř (CZ)
  • 07. August 2019 - 10. August 2019
Konzertfotos: Brutal Assault 2019 - Freitag

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… unter anderem mit BATUSHKA, PARKWAY DRIVE und CULT OF LUNA (Mittwoch), TESTAMENT, ANTHRAX, und MESHUGGAH (Donnerstag) sowie unserem Zwischenfazit!

Während das Wacken Open Air nur eine Woche zuvor von Unwettern gebeutelt wurde und mehrfach unterbrechen musste, scheint das BRUTAL ASSAULT einmal mehr glimpflich davon zu kommen: Von einem kleinen Gewitter in der Nacht auf Mittwoch und vereinzelten Tropfen am Mittwochabend abgesehen, bleibt es die ersten Tage entgegen der Wettervorhersage freundlich. Von der schwülen Hitze, mit der der Freitag die Festivalbesucher malträtiert, lässt sich hier niemand die Laune verderben – ebensowenig von der Aussicht auf Starkregen am Samstag.

Freitag, 09.08.2019

Während sich bereits einige Metalheads auf dem Festivalgelände auf die Suche nach Nahrung machen, lässt sich schon eine kleine Besucherschar mit dem brachialen Death Metal von TAPHOS aufwecken. Daran anschließend liefern die noch recht jungen UNPROCESSED – welche am heutigen Tag ihr neues Album „Artificial Void“ veröffentlichen – eine spannende und vor allem dank komplexer Rhythmikkunststücke extrem beeindruckende Mischung aus Djent und Alternative Rock ab. Anschließend sorgt der treibende Thrash der schwedischen DR. LIVING DEAD mit ihren Totenkopfmasken für Action, die ČAD mit einem Mix aus Rock ’n‘ Roll und Crust Punk direkt aufrecht erhalten. [BL]

Rasend schnell und brutal geht es mit den spanischen Tech-Deathern von WORMED weiter, ehe THE CONTORTIONIST wieder etwas Ruhe ins Geschehen bringen. Auch die Djent-beeinflusste Progressive-Metal-Formation aus Indianapolis feiert mit ihrem Auftritt heute einen neuen Release, nämlich den ihrer EP „Our Bones“. Dass die versierten Musiker sich in ihrem Genre bestens auskennen, merkt man der gekonnten, atmosphärischen Performance zu jeder Sekunde an. Deutlich wilder geht es im Anschluss bei der französischen Technical-Death-Metal-Truppe GOROD zu. Besonderer Hingucker: Bassist Benoit Claus, der sein Instrument mit einem Handschuh spielt. Obwohl auch GOROD einen spielerisch makellosen Auftritt abliefern, trübt der unausgeglichene, wummernde Sound das Erlebnis leider merklich. Die Zuschauer belohnen die Band dennoch mit begeistertem Applaus und „Zugabe“-Rufen.

Nachdem die ungarischen EKTOMORF im Anschluss auf der Sea-Shepherd-Stage mit soulflyschem Groove-/Thrash-Metal Bewegung ins zuvor eher statisch dastehende und zuhörende Publikum bringen, dürfen anschließend nicht nur Fans ihrer ehemaligen Band The Gathering der großartigen Anneke van Giersbergen lauschen. Diese ist nämlich mit ihrem neuen Progressive-Metal-Projekt VUUR zu Gast. Neben Material von deren Debütalbum „In This Moment We Are Free – Cities“ gibt die grandiose Sängerin auch die Stücke „On Most Surfaces (Inuït)“ und „Strange Machines“ von The Gathering sowie „The Storm“ von ihrem gemeinsamen Projekt mit Arjen Anthony Lucassen, The Gentle Storm, zum Besten. Wem das zu soft ist, der kann auf der Obscure-Stage währenddessen den Grindcore der polnischen MEAT SPREADER abfeiern, auf deren Auftritt direkt die Show der aktuell gefeierten, dänischen Black-/Heavy-Metaller SLÆGT folgt.

Brachial geht es allerdings derweil auch auf der Sea-Shepherd-Stage weiter. Die belgische Deathgrind-Größe ABORTED liefert ein Set für alle Freunde gepflegten Geknüppels ab, das sich hören lassen kann. Sänger Svencho, der für seine sarkastisch-humorvollen Ansagen bekannt ist, sorgt mit seiner sympathischen Art für gute Laune unter den Zuhörern. Für den vorletzten Song, „A Whore D’oeuvre Macabre“, kommt dann sogar noch Grimo von Cytotoxin als Gastsänger auf die Bühne. Schade ist auch hier, dass der Sound in Sachen Transparenz sehr zu wünschen übriglässt. Doch auch unter diesen Verhältnissen liefern ABORTED eine gewohnt starke Show ab. Stark ist auch, was im Anschluss auf der Obscure-Stage im Zelt folgt: GET THE SHOT aus Canada lassen es dort mit ihrem klassischen Hardcore nämlich richtig krachen. Vor allem Fronter Jean-Philippe Lagacés Aufrufe, sich gegen Rassismus, Sexismus, Machotum und Faschismus zu positionieren, werden vom Publikum mit zustimmendem Applaus angenommen. [SB]

Auf der Jägermeister-Stage folgt einmal mehr: Thrash Metal. Auf den Tag pünktlich zum Release ihres neuen Albums „Born To Perish“ spielen DESTRUCTION heute eine Thrash-Show, wie sie sein muss – auch gänzlich ohne Gimmicks wie den „Mad Butcher“. Als Quartett mittlerweile eingegroovt, bringen die Baden-Württemberger sowohl Klassiker wie „Nailed To The Cross“ als auch brandneue Tracks wie „Betrayal“, der heute Livepremiere feiert, perfekt auf die Bühne und sorgen für beste Stimmung im Publikum. Diese nehmen die US-Deather IMMOLATION direkt hinüber zu ihrer Show auf der Sea-Shepherd-Stage: Zwar ist die Crowd an diesem Nachmittag noch überschaubar und auf den Bereich vor der jeweiligen Bühne begrenzt – das hindert die Fans dort aber nicht daran, kräftig abzugehen. [MG] Dass die Zeltbühne derweil einmal mehr anständig gefüllt ist, liegt nicht (nur) daran, dass es hier Schatten gibt, sondern auch an WOLFBRIGADE. Die Schweden geben von der ersten Sekunde an Vollgas und ballern einen zwischen Crust Punk und Thrash zu verortenden Kracher nach dem anderen raus. Nicht verwunderlich, dass hier ein Circle-Pit den nächsten jagt und vm Publikum vermutlich der Geschwindigkeitsrekord im Headbangen gebrochen wird. Ganz großes Kino. [BL]

Der Titel „musikalische Außenseiter des Festivals“ geht dieses Jahr wohl an ANATHEMA, die das auch direkt anhand der deutlich geringeren Zuschauerzahl als auf anderen Festivals zu spüren bekommen. Vollkommen ungerechtfertigt, ist der wunderschöne, ergreifende und progressive Alternative/Post-Rock der Briten doch eine willkommene Abwechslung zum ansonsten omnipräsenten Geholze. Wie Diablo Swing Orchestra am Vortag versuchen auch ANATHEMA, dem Publikum durch eine gezielte „rockig“ zusammengestellte Setlist entgegenzukommen. Als der Schlagzeug-Soundcheck auf der Jägermeister-Stage nebenan dann aber ein tatsächlich sehr ruhiges Stück zu stören droht, bittet Gitarrist Danny Cavanagh in gewohnt humorvoller, britischer Lässigkeit die Verantwortlichen, damit doch bitte zumindest noch fünf Minuten zu warten. Immerhin die gebliebenen Zuschauer zeigen sich am Ende von ANATHEMAs atmosphärischer Performance begeistert.  [SB]

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass der folgende Slot ausgerechnet mit AGNOSTIC FRONT besetzt wurde. Die Tiefenentspannung durch die ruhigen Klänge von Anathema hält jedenfalls nicht lange vor, als der klassische New York Hardcore der Band aus den Boxen knallt. Zwar ist der Sound hier zunächst alles andere als optimal, sodass mal der Gesang, mal die Gitarren unterzugehen drohen. Die Energie, die Bandgründer und Gitarrist Vinnie Stigma im zarten Alter von 64 auf die Bretter bringt, reicht jedoch locker aus, um das zu kompensieren, sodass zu Hits wie „My Life My Way“, „For My Family“ oder dem aus tausenden Kehlen mitgesungenen „Gotta Go“ vor der Bühne einmal mehr wilde Mosh- und Circle-Pits wüten. Als AGNOSTIC FRONT die Show dann noch mit dem Ramones-Hit „Blitzkrieg Bop“ beenden, ist die Stimmung auf einem neuen Höhepunkt. Über mangelnde Begeisterung können sich derweil – in zugegebenermaßen deutlich kleinerem Ausmaß – aber auch die Post-Black-Metaller AU-DESSUS sowie die chinesischen Black Metaller 葬尸湖 alias ZURIAAKE im Octagon, sowie AFTER THE BURIAL, ENTROPIA und VULVODYNIA auf der Zeltbühne nicht beschweren.

Setlist AGNOSTIC FRONT

  1. The Eliminator
  2. Dead To Me
  3. My Life My Way
  4. Police Violence
  5. Only In America
  6. Old New York
  7. For My Family
  8. Victim In Pain
  9. (Unknown)
  10. All Is Not Forgotten
  11. Peace
  12. Police State
  13. Crucified (Iron-Cross-Cover)
  14. Gotta Go
  15. Take Me Back
  16. (Unknown)
  17. Addiction
  18. Blitzkrieg Bop (Ramones-Cover)


War die Spielfolge Immolation – Anathema – Agnostic Front schon krude, setzen die Veranstalter nun noch einen drauf: Auf das Geprügel folgt nun nämlich die ruhigste und fraglos skurrilste Darbietung des Festivals: HEILUNG. Zu Vogelgezwitscher vom Band betreten die sechs Musiker in wilden Kostümen aus Fell, Leder und Geweihen die Bühne. Doch dabei soll es nicht bleiben: Nachdem das Publikum mit einem Mantra auf die Show eingeschworen ist, kommen nach und nach fünf Krieger (mit Speeren und Schilden!) und zwei Sängerinnen hinzu. Munter wird mit den Speeren geklopft, mit (angeblich) menschlichen Knochen geklimpert und auf allerlei Trommeln gewummert, dazu abwechselnd kehlig gegurgelt und glasklar gesungen. Ist schon die Musik absolute Geschmackssache, ist es dieses ganze Tam-Tam erst recht: Anders als Wardruna, die einfach nur Musik machen, führen HEILUNG ein Spektakel auf, das eher aussieht wie der Auftritt einer Reenactment-Gruppe in einem Videodreh, denn wie eine Band, die live performt. Das wirkt mitunter absurd übertrieben – funktioniert auf Entertainment-Ebene aber spätestens, als beim groovigen „Hamrer Hippyer“ vom aktuellen Album „Futha“ die Statisten stagediven, eine „Kriegerin“ blankzieht und sich der ganze Karnevalsverein in Ekstase tanzt, auf skurril-absurdem Level überraschend gut. Wenngleich sich nicht alle Anwesenden begeistert zeigen: Aufmerksamkeit bekommt die Show reichlich – nicht zuletzt, weil weit vor Ende des Sets das gesamte Infield in Erwartung der nächsten Band voll ist.

Setlist HEILUNG

  1. Opening Ceremony
  2. In Maidjan
  3. Alfadhirhaiti
  4. Krigsgaldr
  5. Hakkerskaldyr
  6. Norupo
  7. Othan
  8. Hamrer Hippyer


Dabei handelt es sich nämlich um niemand Geringeren als EMPEROR. Dass diese nach ihrer grandiosen Show 2017 schon wieder auftreten, ist wohl vor allem Ihsahns Liebe zum Brutal-Assault-Open-Air zu verdanken, die ihn nach weiteren drei Shows mit seinem Soloprojekt 2010, 2013 und 2016 nun schon das fünfte Mal herführt. Warum, erschließt sich dem Betrachter schnell: Kaum eine Band weckt mehr Interesse unter den Brutal-Assault-Besuchern und bekommt so viel Unterstützung wie die Black-Metal-Legende. Kollektive Gänsehaut scheint sich schon beim Intro von „Anthems To The Welkin At Dusk“ im Festungshof breit zu machen. Ob es an den unpassend-fröhlichen Ansagen von Ihnsan liegt, die einfach nicht zur eisigen Stimmung der Musik passen wollen, an Ihsahns Stimme, die heute nicht so kraftvoll klingt wie sonst, oder daran, dass Samoth und Secthdamon dreinschauen, als hätte man sie eben erst unsanft aus dem Bett gezogen – so richtig vermag der Funke nicht überzuspringen. Obwohl der Sound differenziert und druckvoll aus den Boxen kommt und somit auf musikalischer Seite alles passt, kann die diesjährige Hommage an „In the Nightside Eclipse“ und seinen Nachfolger nicht ansatzweise so mitzureißen wie das Brutal-Assault-Debüt von EMPEROR zwei Jahre zuvor. [MG]

Setlist EMPEROR

  1. Alsvartr (The Oath)
  2. Ye Entrancemperium
  3. Thus Spake The Nightspirit
  4. Ensorcelled By Khaos
  5. The Loss And Curse Of Reverence
  6. The Acclamation Of Bonds
  7. With Strength I Burn
  8. Towards The Pantheon
  9. The Majesty Of The Nightsky
  10. I Am The Black Wizards
  11. Inno A Satana


Denjenigen, die daher lieber zu NORDJEVEL ins Octagon wechseln, ergeht es allerdings kaum besser: Technische Probleme führen zu einem um 15 Minuten verzögerten Showbeginn. Und selbst dann ist der Sound katastrophal und wird vom Soundtechniker bis zum Schluss durch das Lauterdrehen der falschen Instrumente immer weiter verschandelt. Dass die Truppe um Dark Funerals ehemaligen Schlagzeuger Dominator als eine der wenigen traditionellen Black-Metal-Bands des Festivals ausgerechnet zeitgleich mit Emperor spielen muss, führt zusätzlich dazu, dass das Octagon bis zum Schluss nicht so voll wird wie bei den anderen Bands. Schade, denn so wird diese vielversprechende Newcomerband heute komplett verheizt.  [SB] Black Metal bleibt das Thema der Stunde, sind direkt im Anschluss auch noch im Zelt TAAKE angesetzt – als dritte norwegische Black-Metal-Band innerhalb von nur 90 Minuten. Diese völlig überflüssige Beinahe-Überschneidung dürfte dann auch der Grund sein, warum sich das Zelt nur zu zwei Dritteln füllt, bis Hoest und Konsorten um 23:10 Uhr loslegen. Zwar fehlen dem Set – wie zuletzt öfters – einige Hits, mit seiner starken, heute besonders bösartig wirkenden Bühnenpräsenz weiß Hoest das Publikum dennoch direkt zu packen. Problematisch ist (wie schon bei Kampfar) lediglich die farbenfrohe Inszenierung in Form einer vollkommen unpassenden Lichtshow. Hier wäre weniger definitiv mehr gewesen! [MG]

Während Emperor für reichlich Tempo, Abwechslung und Melodien gesorgt haben, bleibt bei ELECTRIC WIZARD, denen im Anschluss die Jägermeister-Stage gehört, nur die Melodie übrig. Das ist jedoch keineswegs negativ gemeint: Ihr verschleppter Stoner-Doom mit schwermütigem, leicht nöligem Klargesang ist ganz auf Monotonie, Repetition und tonnenschwere Riffs ausgelegt. Da verwundert auch das Motto des Konzerts nicht, das Sänger Jus Oborn gleich zu Beginn verlauten lässt: „Do you wanna get high before you die?“ Das zahlenmäßig immer noch mehr als anständig vertretene Publikum nickt dazu passend im Zeitlupentempo mit dem Kopf, während immer wieder kleine Rauchwolken aufsteigen. In dröhnender Lautstärke funktioniert die Musik der Engländer heute schlichtweg perfekt und entfaltet eine geradezu hypnotische Wirkung. Black Sabbath wären stolz auf ELECTRIC WIZARD! [BL] Weniger hypnotisch fällt der darauffolgende Auftritt von PRIMORDIAL aus: Wenngleich Fronter Alan Nemtheanga Averill motiviert wie eh und je über die Bühne stolziert, gestikuliert und schreit, mag keine wirklich packende Stimmung aufkommen. Zum einen liegt das zweifelsohne am Sound, der zwar Alans Stimme glasklar transportiert, dem instrumentalen Unterbau aber jede Kraft raubt – zum anderen aber fraglos auch an der ziemlich blutleeren Darbietung der restlichen Truppe. Dass Averill dazwischen noch den Geschichtenerzähler gibt und PRIMORDIAL schlussendlich nur sechs Songs spielen können, trägt seinen Teil zum etwas enttäuschenden Ergebnis bei. Das hat man schon diverse Male stärker gesehen.

Setlist PRIMORDIAL

  1. Where Greater Men Have Fallen
  2. Nail Their Tongues
  3. Lain With The Wolf
  4. To Hell Or The Hangman
  5. The Coffin Ships
  6. Empire Falls


Nicht nur „nicht stärker“, sondern schlicht und ergreifend „noch gar nicht“ dürften die meisten Anwesenden die Schweizer Black-Metal-Vorreiter HELLHAMMER gesehen haben. Dabei bleibt es natürlich auch, denn HELLHAMMER gelten seit 1984 als aufgelöst. Dank Tom Gabriel Fischers neuem Projekt TRIUMPH OF DEATH kann man deren Musik heute, 35 Jahre später, trotzdem live erleben. Dass die Musik primitiv und punkig ist, wie Tom Warrior es selbst ausdrückt, und sicher auch nicht jeder Song das Zeug zum (Live-)Hit hat, braucht nicht diskutiert zu werden. Mit der Spielfreude der Musiker dieses Tribute-Projekts dargeboten, machen räudige Nummern wie das schmissige „Maniac“ oder eben „Triumph Of Death“ trotzdem Laune: Da wird Prosecco aus der Flasche getrunken und sich gegenseitig in den Bauch gepiekst, über beide Ohren gegrinst oder auf die humorigen „Uh – Uh – Uh“-Schreie der Fans mit einem nicht minder ironischen „Thanks for reminding me – Uh!“ geantwortet. Ob man Bands wie HELLHAMMER (oder im letzten Jahr Tormentor) wirklich wieder aus der Versenkung holen und auf die Bühne zerren muss, bleibt natürlich fraglich. Wie schon bei Attila Csihars Tormentor gibt aber auch heute der Erfolg der Band Recht: So kann man das, ja, genau so muss man das machen. Wer nach diesem krönenden Abschluss des Hauptbühnenprogramms noch nicht bedient ist, muss freilich noch lange nicht ins Bett: Im Zelt wartet nach der Crossover-/Hardcore-Punk-Formation IRON REAGAN aus Richmond, Virginia immerhin noch das legendäre Industrial-Duo GODFLESH auf die im wahrsten Sinne des Wortes unermüdlichen Festivalbesucher. [MG]

Setlist TRIUMPH OF DEATH plays HELLHAMMER

  1. The Third of the Storms (Evoked Damnation)
  2. Massacra
  3. Maniac
  4. Blood Insanity
  5. Decapitator
  6. Crucifixion
  7. Reaper
  8. Buried And Forgotten
  9. Aggressor
  10. Messiah
  11. Visions Of Mortality (Celtic-Frost-Cover)
  12. Triumph Of Death


Samstag, 10.08.2019

Samstag, letzter Festivaltag, 10 Uhr. Während an den vorangehenden Tagen lediglich der harte Kern bereits um diese Uhrzeit auf dem Gelände war, ist heute alles anders: Um 10:30 Uhr stehen nämlich GUTALAX auf der Bühne. Von Einlass- bis Konzertbeginn füllt sich das Infield nahezu bis auf den letzten Platz – und bietet somit wohl dem „frühesten“ Headliner der Brutal-Assault-Geschichte Platz. Dass Sänger Maty bereits beim Soundcheck in seinem charakteristischen Grunzen „Happy Birthday“ darbietet, sorgt für laute Jubelstürme. Mit den ersten Tönen des Baywatch-Themes, das als Intro erklingt, werfen die vielfach sogar verkleideten Fans Unmengen an Klopapier, Beachbällen, Luftmatratzen und anderen Aufblastieren in die Luft, während GUTALAX auf die mit drei Dixieklos verzierte und mit einem T-Shirt als Backdrop ausgestattete Bühne tanzen.

Die folgenden 30 Minuten lang feiern alle Anwesenden eine riesige Gore-’n‘-Roll-Party – ein crowdsurfendes Dixie (nagelneu und leer) , diverse alberne Samples und die Video-Premiere des neuen Songs „Shitbusters“ inklusive. Ist die Vorliebe für verschiedene Subgenres Nicht-Metallern gegenüber generell schon oft schwer zu erklären, ist spätestens das hier Gebotene kaum noch vermittelbar – allerdings umso faszinierender anzuschauen. Die Musiker von GUTALAX haben ebenso wie die Fans den Spaß ihres Lebens. Das abschließende „Strejda Donald“, eine Porngrind-Version von „Old McDonald Had A Farm“ weckt nochmal letzte Energien, bevor sich die Band unter lautem Jubel verabschiedet. Ein unvorstellbarer, absolut großartiger Auftritt.

Setlist GUTALAX

  1. Toi Toi Story
  2. Fart Fart Away
  3. Assmeralda
  4. Shitbusters (Videopremiere)
  5. Darbuján
  6. Kocourek Mourek podráždil si šourek
  7. Šoustání Prdele Za Slunné Needle
  8. Total Rectal
  9. Fart And Furious
  10. Strejda Donald


MALLEPHYR aus Tschechien versuchen an diese Wahnsinnsshow mit ihrem räudigen, verschleppten Mix aus Black- und Death-Metal anzuknüpfen, was ALTERAGE mit ihrem chaotischen Death Metal allerdings deutlich überzeugender gelingt. COUNTING HOURS stellen an diesem Vormittag schließlich das stilistische Gegenprogramm dar und drücken mit ihrem depressiven Dark Rock – passend zum nunmehr regnerischen Wetter – die Stimmung mit voller Absicht nach unten.

Auf der Sea-Shepherd-Stage legen zu noch früher Stunden die Brutal-Tech-Death-Metaller CYTOTOXIN ein ordentliches Brett vor. Die Band aus Tschernobyl hat die Bühne mit diversen „Atommüll“-Fässern verziert, und der durchtrainierte Fronter Grimo beweist mit einem Kreisverkehrsschild für den Circle-Pit, den er später mitsamt Gasmaske und einem Fass „Atommüll“ entert, gehörig Humor. Daran anschließend eröffnen VAMPILLIA mit einem Mix aus klassischem Klavier und Geige sowie Post Rock ihr Set. Wer dachte, es würde so weitergehen, kennt die Japaner allerdings nicht: Zwischen herzzerreißenden Melodien, brachialsten Blast- und Crustpunkbeats, brutalem Gebrüll und poppig-groovenden Rhythmen passiert hier in atemberaubender Geschwindigkeit musikalisch quasi alles, und das gleichzeitig. Dass sich Sänger Mēhemu immer wieder wahlweise mit der Faust ins eigene Gesicht schlägt oder über beide Ohren grinst, passt perfekt zum fabelhaften Irrsinn dieser Band. Nach einer guten haben Stunde beweist der Applaus für diese intensive Show, dass VAMPILLIA heute viele neue Fans gewinnen konnten. [BL]

Bei EXUMER hingegen, weiß jeder vor der Bühne, was ihn erwartet, denn die deutschen Old-School-Thrasher haben ihre Anhängerschaft in beachtlicher Zahl mitgebracht. Die Fanschar lässt sich die Stimmung auch vom mittlerweile anhaltenden Regen nicht verderben und spendet alten Klassikern wie neuerem Material gleichermaßen gebührend Moshpits und Applaus. Etwas schwerer haben es da NECROS CHRISTOS: Der tonnenschwere Death-Doom der Berliner zündet naturgemäß nicht so leicht, zumal bei den widrigen Witterungsbedingungen. Und auch bei VIOLATOR mag der Funke nicht so recht überspringen. Die Brasilianer legen sich zwar sichtlich ins Zeug, allerdings kommt ihr weitestgehend gleichförmiger Thrash Metal nicht aggressiv genug rüber, um die Schlechtwetterstimmung zu durchbrechen.

So etwas stellt erfahrungsgemäß kein Problem für DEMOLITION HAMMER dar: Gleichsam als Höhepunkt des thrashlastigen Nachmittags sorgen die Routiniers für deutlich mehr Schub. Dass die Songs zudem allesamt vor über einem Vierteljahrhundert aufgenommen wurden, stellt ausreichenden Wiedererkennungswert bei den Fans sicher. Zwar gerät der Circle-Pit in den ersten Reihen gegen Ende ins Stocken – wie auch bei den vorigen Bands ist das aber vor allem dem schlechten Wetter geschuldet. Spaß macht der kompromisslose Krawallsound der New Yorker allemal. [FI]

Nachdem GOST ihre Tour gecancelt haben, wurden kurzerhand MINORITY SOUND verpflichtet, um die Obscure-Stage am heutigen Samstag mit ihrer von ihnen selbst als „Cyber Metal“ bezeichneten Musik zu eröffnen. Im Anschluss folgt eine Band, die in letzter Zeit in der Progressive-, Doom- und Extreme-Metal-Szene zum Geheimtipp avancierte: OCEANS OF SLUMBER. Zwar wurde der Formation nur Zeit für vier Stücke zugestanden – diese nutzen die Texaner aber optimal aus: Besonders Fronterin Cammie Gilberts anrührend emotionaler Gesang und das facettenreiche Schlagzeugspiel ihres Lebenspartners Dobber Beverly sorgen für einen unvergesslichen Auftritt. Mit dem für die Live-Darbietung angepassten Schlussteil des Titeltracks ihres aktuellen Albums „The Banished Heart“ beenden OCEANS OF SLUMBER ihre großartige Performance. [SB]

Während im Zelt die Musiker von Vampillia mit ihrem völlig verrückten Nebenprojekt VMO (Violent Magic Orchestra) komplett durchdrehen, entert in Gestalt von VLTIMAS die wohl prominenteste Supergroup des diesjährigen Festivalaufgebots die Sea-Shepherd-Stage. Dass hier mehr geboten ist als die reine Starpower der parallel beziehungsweise ehemals tätigen Mayhem-, Morbid-Angel– oder Cryptopsy-Mitglieder, wird sofort aufs Erfreulichste klar: Mit dem Material vom Debütalbum „Something Wicked Marches In“ – heute komplett und der Reihe nach durchgespielt – haben das Stammtrio und die beiden Live-Musiker eine erfrischend eigenständige Mixtur aus der Schnittmenge von etwa Black- und Technical-Death-Metal bis hin zu Dark Rock im Gepäck, und dank der Vielseitigkeit und unterschiedlichen Backgrounds der Bandmitglieder verfügt man auch über die stilistische Bandbreite, diese glaubwürdig zu präsentieren. Hinzu denke man sich einen glasklaren Sound sowie David Vincents launiges Charisma, und es wird schnell verständlich, dass VLTIMAS trotz des Wetters bestens beim Publikum ankommen und insgesamt als Highlight verbucht werden können.

Auch ANIMALS AS LEADERS spotten dem Vergleich mit anderen Bands. Nach drei Jahren kehren die Ausnahmemusiker aufs Brutal Assault zurück und spielen – nach kleineren technischen Problemen beim Opener – befreit auf. Hochkomplex und trotzdem irgendwie eingängig, wird ein Instrumentalkunstwerk nach dem anderen von der rotgetönten Jägermeister-Stage gefeuert. Der Tatsache, dass es nach zehnjährigem Bestehen gemäß Bandkopf Tosin Abasi „so eine Art Jubiläum“ zu feiern gibt, wird über die Songauswahl Rechnung getragen. So finden sich mit „Thoroughly At Home“, „Tempting Time“ und „Wave of Babies“ ungewöhnlich viele alte Songs im Set wieder. Beim obligatorischen „CAFO“ schließlich gelingt der Band erneut das Kunststück, das Publikum einen 13/8-Rhythmus mitklatschen zu lassen. Indes dürfte die musikalische Klasse des Trios – nicht zuletzt von Matt Garstka, der sein Drumkit mit Sandsäcken beschweren muss, um es nicht beim Spielen zu zerlegen – spätestens jetzt auch die letzte Kinnlade aufstemmen. Für Freunde des Instrumental-Virtuosentums der reinste Genuss. [FI]

Nebenan wird es sodann „etwas“ stumpfer – aber das im besten Sinne: Mit dem neuen Album „One Fire“ im Gepäck kehrt Andy LaPlegua nach fünf Jahren endlich mit COMBICHRIST aufs Brutal Assault zurück. Anders als 2014, als das enttäuschende „We Love You“ im Mittelpunkt stand, sind damit nun wieder krachende Beats und schmissige Riffs garantiert. Entsprechend gut ist die Stimmung vor der Bühne, wenngleich die Band vom Slottausch mit den verspätet angekommenen Anaal Nathrakh nicht richtig profitiert: In Sachen Atmosphäre wäre der Late-Night-Slot sicherlich der bessere gewesen. Dafür hat das Publikum reichlich Energie, die beim Crowdsurfen und Moshen rausgelassen wird. [MG]

Wiederum ganz andere Kost gibt es währenddessen an der Obscure-Stage bei SAOR: Die Schotten beschwören im Zelt mit folkig-melodischem Post-Black-Metal samt Geige eine eigentümliche, melancholische Stimmung herauf. Im Anschluss kommen bei VED BUENS ENDE Genreliebhaber des Avantgarde-Black-Metal auf ihre Kosten. Die wiederbelebte Band um den umtriebigen Carl-Michael Eide (Aura Noir, ehemals u.a. Virus) erfreut sich von Anfang an eines erstklassigen Sounds – dafür war das Zelt im Verlauf des Festivals aber auch schon voller zu sehen. Wer sich den raren Auftritt der Norweger ansieht, bekommt dafür eine Spezialbehandlung aus dissonant-verschrobenem Riffing, Eides entrückten Clean-Vocals und ungestümen Black-Metal-Ausbrüchen, wie sie so kein zweites Mal existiert. Damit können die vier Musiker die Zuhörer wirkungsvoll in ihren Bann ziehen und enttäuschen höchstens, als sie die Bühne etwas überpünktlich wieder räumen – nichtsdestoweniger dürften die Fans bestens bedient sein.

Das Octagon wird an diesem letzten Tag unterdessen nach allen Regeln der Kunst zerlegt: Den Anfang machen die Tech-Deather UNFATHOMABLE RUINATION aus dem Vereinigten Königreich. Bei ordentlichem Sound können sie eine ansehnliche Menschentraube vor der kleinen Stage versammeln. Es folgen ANTAEUS aus Frankreich, bei deren Auftritt einiges an den NORDJEVEL-Gig vom Vorabend erinnert – vor allem in Sachen Sound und Stageacting. Als Abschluss dürfen sich ESKHATON aus Australien in dieser atmosphärereichen Location austoben. Die musikalisch mehr als nur etwas angeschwärzten Death-Metaller bekommen damit einen prominenteren Slot, nachdem sie im letzten Jahr das Pech hatten, nachmittags vor einem fast leeren Infield zu spielen – eine nette Geste, sollte dahinter ein Angebot seitens der Veranstalter gesteckt haben. [FI]

Richtig auspowern kann man sich derweil vor den Hauptbühnen im wilden Pit bei RAISED FIST, der recht schnell eine von den Fans schon vor der Show sicherheitshalber freigelassene Fläche mit Leben füllt. Dennoch will die Show den Erwartungen nicht ganz gerecht werden: Zwar zeigen sich die Schweden überaus dankbar, bereits zum zweiten Mal auf diesem Extreme-Metal-Festival auftreten zu dürfen – die Crowd bleibt für den Prime-Time-Slot aber überraschend deutlich auf den Bereich vor der Stage begrenzt. Und während RAISED FIST ihren Melodic Hardcore absolut überzeugend rüberbringen, sorgen die nicht enden wollenden, vor allem aber komplett konfusen Ansagen von Alexander „Alle“ Hagman eher für Kopfschütteln. Dass die Schweden ihre Spielzeit dann nicht einmal voll auskosten, und Hagman statt noch einen Song zu singen lieber Mikrophone mit (beeindruckend souverän ausgeführten) Highkicks vom Ständer tritt, komplettiert den wenig sympathischen Eindruck, den RAISED FIST heute hinterlassen. Höhepunkt der Show: Der beeindruckende Regenbogen, der auf den Nieselregen folgt.

Dass sich unterdessen der Bereich vor der Sea-Shepherd-Stage kontinuierlich füllt, liegt ausschließlich an ROTTING CHRIST, die dort als nächstes auf dem Programm stehen. Schon bei ihrem letzten Auftritt auf dem Brutal Assault 2017 erwiesen sich die Griechen als Publikumslieblinge. Mit Recht: Auch heute können die Gebrüder Tolis – unterstützt von neuen Musikern an Bass und Leadgitarre – auf ganzer Linie überzeugen. Wenngleich die Songs des aktuellen Albums „The Heretics“ auch live nicht ganz an das Material der beiden Vorgänger heranreichen, gelingt es ROTTING CHRIST, ein stimmiges, mitreißendes Set abzuliefern, das in der Dunkelheit der Nacht mit wenig Bühenlicht stimmungsvoll in Szene gesetzt wird. [MG] Wer auf der Zielgeraden des Festivals statt dessen noch einmal anständig seinen Rausch zelebrieren will, ist bei TANKARD – der immerhin nun schon dritten der „Big Teutonic 4“ des Thrash Metal im Billing des Brutal Assault 2019 – im Zelt gut aufgehoben. Ist der Boden auf dem Vorplatz vom Regen nass, wird der Boden im scheinbar Trockenen von reichlich Bier getränkt. Die Frankfurter liefern dazu ihren straighten Thrash souverän ab – die Menge feiert entsprechend und tanzt nach dem finalen „(Empty) Tankard“ angetrunken weiter. [BL]

Einen der heutigen Headlinerslots nimmt die Grindcore-Legende NAPALM DEATH ein. Wer die Band aus Birmingham schon einmal gesehen hat, weiß, was man bekommt – ein Fakt, der auch den Genre-Veteranen um Sänger Barney Greenway nicht verborgen geblieben ist, wie dieser selbstironisch zu erkennen gibt („For the 3000th fucking time – We are Napalm Death!“). Dementsprechend gibt es auch heute wenig Überraschendes – und das ist gut so. Barney rennt wie wild im Kreis, die Musik zwischen Death Metal, Punk und Grindcore macht keine Gefangen und das Publikum dankt es mit lautem Jubel und reichlich Bewegung. Dass es dabei bei aller Aggression niemals stumpf zugeht, zeigen nicht zuletzt die wohldurchdachten politischen Ansagen, während die Setlist alles enthält, was das Herz begehrt. Dank genreprägend kurzer Songs wie dem Zwei-Sekunden-Treppenwitz „You Suffer“ ist sie wohl länger als bei jeder anderen Band auf dem Festival – und reich bestückt mit Klassikern wie „Scum“ oder dem obligatorischen Dead-Kennedys-Cover „Nazi Punks Fuck Off“.

Der Kontrast zu den vorangegangenen Bands könnte bei CASPIAN kaum größer sein, bildet die Instrumental-Post-Rock-Band doch einen Gegenpol zum großteil der Bands. Entsprechend wechselt das Publikum vor der Obscure-Stage nach Tankard einmal komplett durch. Zwar hat die Truppe aus Boston die eher lauteren Songs aus ihrem Fundus herausgepickt – derart verträumte Melodien konnte man dieses Jahr auf dem Brutal Assault dennoch höchstens noch bei Anathema hören. Das Publikum ist begeistert und sichtlich gerührt von einer packenden, druckvollen und schlichtweg schönen Performance, die zwar aus dem Rahmen fällt, das Gesamtbild des Festivals allerdings auch perfekt ergänzt. [BL]

Weniger aus der Reihe tanzen da MGLA, mit denen eine der gehypetesten Bands der letzten Jahre im „Headliner-Sandwich“ steht. Dass die Band in Süddeutschland zuletzt kontrovers diskutiert wurde, nachdem sie sich nicht von einer unter NSBM-Verdacht stehenden Vorband distanzierten, scheint keine größeren Wellen geschlagen zu haben. Mit Strumpfmasken und Lederjacken uniformiert liefern die Polen eine Stunde lang modernen Black Metal, überwiegend vom letzten Album „Exercises in Futility“. Auf die lange Setdauer erweisen sich die monotonen Riffs jedoch als weniger tragfähig – zumindest verglichen mit dem Set der Band von vor drei Jahren ist die Wirkung auch nicht mehr so durchschlagend.

Schon während der Show der Polen nimmt die Menschenmenge vor der benachbarten Jägermeister Stage spürbar zu. Um 00:10 Uhr schließlich übernimmt mit CARCASS eine weitere genreprägende Band aus England. In der Vergangenheit schon öfter auf dem Brutal Assault zu Gast, ist die Truppe um Jeff Walker und Bill Steer in diesem Jahr zum ersten Mal etatmäßiger Headliner – und füllt die Rolle voll aus. Mit Gusto groovt sich der Vierer durch die überwiegend alten Songs, hie und da wirkungsvoll akzentuiert von den Flammenwerfern auf Bühnendächern und Innenhofwänden. Etwas überrascht dabei Jeffs Wortkargheit – neben der frohen Nachricht, ein neues Album sei „beinahe fertig – versprochen!“ und dem Motto „Talk less – play more!“ hat der sonst nicht eben auf den Mund gefallene Fronter wenig zu erzählen. Nicht dass er es nötig hätte: Die Fans feiern CARCASS begeistert durch die Hits der Bandhistorie von „Empathological Necrotism“ über „Corporal Jigsore Quandary“ bis zum abschließenden „Heartwork“ – einzig, als sich die Death-Metal-Institution bereits einige Minuten vor Ablauf der Stagetime verabschiedet, ohne aber eine Zugabe nachzulegen, mag manchen Fan verwundern. [FI]

Bevor das Programm auf den Hauptbühnen zu Ende geht, geht es im Zelt noch ein letztes Mal ordentlich rund: VENOM PRISON aus Wales konnten kürzlich mit ihrem viel gelobten, zweiten Album „Samsara“ auf sich aufmerksam machen und dürfen ihren Death Metal daher heute auf dem Brutal Assault zum Besten geben. Deutlich länger im Geschäft ist da im Anschluss Multiinstrumentalist Athenar mit seinem Soloprojekt MIDNIGHT. Zusammen mit seinen Live-Musikern präsentiert er seine unvergleichliche Mischung Black, Speed und Thrash Metal, die die Menge einmal mehr zum Abgehen animiert. [SB]

Und schon nähert sich die 24. Auflage des Brutal Assault Open Air ihrem Ende – und was für einem. Verspätet angekommen und deswegen auf den letzten Hauptbühnenslot verschoben, mit Ersatzgitarrist, da sich der angestammte Walford am Tag vor der Show den Knöchel gebrochen hat – ANAAL NATHRAKH hätten allen Grund, mies drauf zu sein. Schlecht gelaunt klingen aber nur die brachialen, maximal aggressiven Songs der Briten um Fronter V.I.T.R.I.O.L. – und seine Anti-Brexit-Ansagen. Ansonsten genießen ANAAL NATHRAKH die Zeit mit ihren Fans sichtlich, die auch zu dieser weit vorgerückten Stunde noch erfreulich zahlreich im Matsch stehen. Warum es das absolut wert ist, zeigen Hits wie „Hold Your Children Close And Pray For Oblivion“, „In The Constellation Of The Black Widow“ oder „Forging Towards The Sunset“, in denen einem V.I.T.R.I.O.L.s unvergleichlicher Klargesang Gänsehaut über die Arme, das begleitende, fiese Riffgewitter zugleich Schauer über den Rücken jagt. Ein grandioser Abschluss – wenn nicht sogar das Highlight des Festivals. Und wer nach viereinhalb Tagen Musik um 2:00 Uhr morgens noch immer nicht müde ist, kann schließlich zum Runterkommen noch die Funeral-Doomer SHAPE OF DESPAIR im Zelt besuchen, mit deren Showende dann aber wirklich das Licht ausgeht. [MG]

Setlist ANAAL NATHRAKH

  1. Obscene As Cancer
  2. Monstrum In Animo
  3. Depravity Favours The Bold
  4. Hold Your Children Close And Pray For Oblivion
  5. Forward!
  6. In The Constellation Of The Black Widow
  7. Bellum Omnium Contra Omnes
  8. Forging Towards The Sunset
  9. More Of Fire Than Blood


Einmal mehr wird das BRUTAL ASSAULT OPEN AIR 2019 seinem Ruf als beschaulichstes „großes“ Festival gerecht: Während Acts wie EMPEROR, ANTHRAX, PARKWAY DRIVE oder NAPALM DEATH durchaus in der obersten Liga mitspielen, bleibt das Ambiente nach wie vor familiär und gemütlich. Dass die Zeit auch in der Festung Josefov nicht stehenbleibt, zeigen das zunehmend internationalere Publikum und die wohl in der Folge über die Jahre kontinuierlich steigenden Essenspreise: 7 € für einen Burger oder bis zu 36 € für ein Bandshirt mögen im internationalen Vergleich noch im Rahmen liegen – für tschechische Verhältnisse (und damit viele der Festivalgäste aus der Region) – grenzt das jedoch schon an Wucher.

Während viele der Optimierungsbestrebungen der letzten Jahre (Cashless-Systems, mehr Servicestationen für Bändchenvergabe und Top-Up) mittlerweile zur erfreulichen Selbstverständlichkeit geworden sind, wirkt manch neuer Verbesserungsversuch wie purer Aktionismus. Ein Beispiel: Die Luxustribünen etwa für einige Dutzend „Priveligierte“, die dafür tausenden „normalen“ Festivalbesuchern im Weg umgehen. Erfreulicherweise zeigen die Organisatoren hier oft ein gutes Gespür für die Wünsche der Besucher, die sie im Nachgang stets mit einem Fragebogen eruieren: Der völlig unpassende Autoscooter aus dem letzten Jahr etwa wurde gegen eine von den Veranstaltern des JUNKTOWN-Festivals sehr liebevoll aufgebaute Area im postapokalyptischen Steampunk-Style getauscht. Gemeinsam mit dem lange schon etablierten Horror Cinema und dem neu eingerichteten Arcade-Game-Room ist also auch abseits der Musik für reichlich Unterhaltung gesorgt.

Wer einfach nur seine Ruhe will, kann auf den neu erschlossenen Arealen der Bastion X abseits all des Trubels ein Bier trinken – ein Ort der Ruhe, wie man ihn auf anderen Festivals vergebens sucht. Genau damit ist auch das gesamte Event nach wie vor perfekt zusammengefasst: Party-Säufer mit Bierhelm trifft man hier nach wie vor kaum an. Dafür rund 15.000 Musikliebhaber, die sich alle Jahre wieder in der Festung Josefov treffen, um ihrem Faible für die harten Klänge frönen. Im nächsten Jahr übrigens vom 5.-8. August – wir werden berichten!

Konzertfotos: Brutal Assault 2019 - Freitag

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