
Seit SEPULTURA 2023 in einer fulminanten Pressekonferenz ihre Auflösung angekündigt haben, ist viel passiert: Drummer Eloy Casagrande ist ausgestiegen und wurde ersetzt, mit der EP „The Cloud Of Unknowing“ erschien noch eine letzte Studioveröffentlichung – und die monumentale „Celebrating Life Through Death“-Tour wurde von 2024 erst auf 2025 und dann bis nach 2026 ausgeweitet. Dass Andreas Kisser dann noch im April 2026 relativierend feststellte, eine Reunion nicht auszuschließen, steigerte die Glaubwürdigkeit des Abschieds nicht unbedingt.
Einige Fans scheinen SEPULTURA mit diesem Gebaren jedenfalls abgeschreckt zu haben. Konnten die Brasilianer auf ihrer Abschiedstour 2024 (mit zugstarker Begleitung von JINJER und OBITUARY) rund 6.000 Fans im Münchner Zenith willkommen heißen (Metal1.info berichtete), fällt die Ehrenrunde in jeder Hinsicht deutlich bescheidener aus: Als Support fungieren diesmal „nur“ EVIL INVADERS und TORTURE SQUAD – und obwohl Spielstätten wie die Heidelberger Halle 2 mit einem Fassungsvermögen von 1.400 oder das Waschhaus Potsdam mit nur rund 1.200 Plätzen deutlich kleiner sind, ist keine der Shows ausverkauft.
Auch die Posthalle in Würzburg, mit einer 2.500er-Kapazität eine der größeren Locations, füllt sich eher gemächlich. Das ganze Abschieds-Spektakel mal außen vor gelassen, ist das beim vergleichsweise fairen Ticketpreis von rund 50 € doch überraschend, verspricht das Vorprogramm wie auch der Headliner doch einen energiegeladenen Konzertabend.
TORTURE SQUAD, wie der heutige Headliner aus Brasilien angereist, lassen den Abend jedenfalls mit ordentlich Power beginnen: Wennschon aufgrund diverser Besetzungswechsel nurmehr der Name die vollen 36 Jahre seit der Bandgründung überdauert hat, sind Bassist Castor und Drummer Amílcar Christófaro doch zumindest annähernd so lange (seit 1993) in der Band aktiv – entsprechend gut sind die beiden aufeinander eingegroovt. Insbesondere Bassist Castor füllt aber zugleich fingerfertig jede denkbare Lücke, die sich aus nur einer Gitarre im Line-up ergibt. Die eigentliche Sensation aber ist Mayara „Undead“ Puertas, die nicht grundlos von einigen Fans als mögliche Nachfolgerin von Alissa White-Gluz bei ARCH ENEMY gehandelt wurde: Mag die Fronterin im Umgang mit den Fans auch etwas schüchtern wirken – ihre Screams und Growls können sich mit den stärksten Sängerinnen im Metal messen. Dass es dem Death Metal von TORTURE SQUAD etwas an Abwechslung mangelt, trifft sich gut mit dem Umstand, dass die Band nur 30 Minuten Spielzeit zugestanden bekommt. So lange können TORTURE SQUAD aber bestens unterhalten.
Ganz ähnlich – wenn auch in ganz anderem Genre – verhält es sich bei den Speed/Thrash Metallern EVILE INVADERS: Mit ihren hart an der Grenze zur Karikatur vorbeischrammenden Metal-Outfits und der an Klingen reichen Bühnendeko sorgen EVILE INVADERS für Aufsehen. Dass die Truppe dann auch noch auf fast komödienhafte Weise von ihren Special Effects im Stich gelassen werden, und statt vier Funkenfontänen maximal eine halbwegs tut, was sie soll, sorgt endgültig für Spinal-Tap-Vibes. Musikalisch unterdessen scheiden sich am Stil der Truppe die Geister: Während ein Teil des Publikums den Anweisungen zu Wall Of Death und Moshpit begeistert Folge leistet, blickt der andere Teil der Fans eher verständnislos auf das Treiben. Spannender wird die Musik über die Zeit jedenfalls nicht: Wer sich vom absolut souverän dargebotenen Kreuzfeuer aus Riffs und Soli nicht schon beim ersten Song begeistern lässt, durchlebt lange 45 Minuten. Zumindest den Enthusiasmus kann man EVIL INVADERS aber nicht absprechen: Die Motivation, aus sich, dem Publikum und der Gesamtsituation alles herauszuholen, dringt der Truppe (gemeinsam mit viel Testosteron) aus jeder Pore – und mit seinem von Herzen ins Publikum gebrüllten Dank sammelt Fronter Johannes „Joe“ Van Audenhove zum Abschluss nochmal Sympathiepunkte.
So richtig „oldschool“ wird es aber erst gegen Ende der Umbaupause, als nämlich „War Pigs“ von BLACK SABBATH aus den Boxen schallt. Gefolgt von „Polícia“ von TITAS (1984) fungiert der Song seit dem ersten Leg der Abschiedstour als Intro. Aber auch ihre Show selbst beginnen SEPULTURA unter lautem Jubel ziemlich oldschoolig: „Inner Self“ von „Beneath The Remains“ (1989) fungiert als Opener, wenig später gibt es „Desperate Cry“ als ersten von drei „Arise“-Songs zu hören. Während im Publikum quasi durchgehend ein wilder Mosphit tobt, feuern SEPULTURA auch im weiteren Verlauf der Show vornehmlich Klassiker ab: Zwölf der 19 Songs im Set entstammen der Cavalera-Ära zwischen 1986 und 1996.
Das ist einerseits verständlich und angesichts der Publikumsreaktionen auch sicher kein Fehler. Zugleich sagt die Songauswahl aber viel über das Selbstverständnis jener Band aus, die hier ihren Abschied zelebriert: Von den über 120 Songs, die SEPULTURA in 28 Jahren mit Fronter Derrick Green auf neun Studioalben veröffentlicht haben, halten die Brasilianer grade einmal vier für konkurrenzfähig relevant. Dabei wäre die finale Abschiedstour eine gute (letzte) Gelegenheit gewesen, mit Stolz auch auf das ureigene Schaffen jenseits des Cavalera-Erbes zu zurückzublicken: So gut Greyson Nekrutman als Drummer sein mag (weltklasse!), wäre das Drumsolo oder der heute eher uninspirierte Percussion-Jam bei „Ratamahatta“ absolut verzichtbar gewesen, um Zeit für „Convicted In Life“, „Sepulnation“ oder auch ein, zwei Songs mehr vom letzten Studioalbum „Quadra“ (2020) zu haben.
Dass SEPULTURA in all den Jahren keine neue Identität gefunden haben, die über das Verwalten von Klassikern hinausreicht, ist schade. Fast schon tragikomisch ist, dass ausgerechnet ihre letzte EP „The Cloud Of Unknowing“ und deren Live-Darbietung das Gefühl weckt, eine solche Entwicklung hätte genau jetzt noch stattgefunden: Verteilt über das Set spielen SEPULTURA drei der vier auf der EP enthaltenen Songs – und alle drei erweisen sich als enorme Bereicherung für das Set: Insbesondere die Ballade „Beyond The Dreams“ weiß zu begeistern. Für das große Finale setzen SEPULTURA aber auch heute auf die altbewährten Klassiker: „Territory“, „Refuse/Resist“, „Arise“ und, nach „Ratamahattta“, ein letztes Mal das obligatorische „Roots Bloody Roots“.
- Inner Self
- All Souls Rising
- Desperate Cry
- Kairos
- Means To An End
- Attitude
- Against
- Choke
- The Place
- Escape To The Void
- Kaiowas
- Dead Embryonic Cells
- Slave New World
- Beyond The Dream
- Territory
- Refuse/Resist
- Arise
- Ratamahatta
- Roots Bloody Roots
SEPULTURA beweisen bei ihrer letzten Show in Würzburg, was man schon lange wusste: Die Truppe in ihrer heutigen Besetzung ist eine herausragende Live-Band, die 90 Minuten lang zu begeistern weiß. Allerdings gelingt es ihnen über weite Strecken nicht, deutlich zu machen, was uns künftig fehlen wird: Rund zwei Drittel der Songs werden CAVALERA auch nach dem Ende von SEPULTURA nicht weniger authentisch auf die Bühne bringen.
Ob SEPULTURA selbst zur Lachnummer werden, hängt indessen ganz davon ab, ob der nun wirklich hinreichend zelebrierte Abschied ein wirklicher Abschied ist: Bleiben die Brasilianer bei ihrem Plan, und spielen am 7. November 2026 in São Paulo tatsächlich ihre finale Show, hat man diese Ehrenrunde der Abschiedstour gerne noch mitgenommen. Ein drittes Mal zur vermeintlich letzten Show (oder gar zu einer Show in welcher Form auch immer wiedervereinter SEPULTURA) zu gehen, würde sich aber wirklich falsch anfühlen.
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verstehe ehrlich gesagt auch nicht, warum sich die Jungs nicht mal auf die Post-Max Cavalera Zeit fokussieren. Ja, der Style ist anders und hat sich entwickelt, und das ist auch gut so. Ich mag Derrick Green unheimlich gerne als Fronter, Alben wie Nation, Dante oder Machine Messiah finde ich richtig, richtig gut. Hab sie 2011 mal in Wacken erlebt, die Show war stark, die Abschiedstour hab ich leider nicht mitnehmen können :(
Ja, das ist leider genau das Ding: Die Band ist leider komplett in dem Disput mit Max/Gloria hängen geblieben und hat schon aus Trotz verweigert, nach vorne zu blicken. Wenn ich neun Alben und eine EP veröffentliche, und davon 7 Songs selbst für spielenswert erachte, hätte ich mir die Arbeit halt auch sparen können. Und irgendwie ist es halt auch „respektlos“ den Fans gegenüber, die in all den Jahren dazugekommen sind oder sich gerne mit der Band weiterentwickelt hätten. Aber so bauen sie halt mit jeder Show weiter am Fundament für den Vorwurf, nur eine Coverband zu sein, die in dieser Besetzung nichts nennenswertes geleistet hat (was de facto ja nichtmal stimmt).