Review Sepultura – The Cloud Of Unknowing (EP)

  • Label: Nuclear Blast
  • Veröffentlicht: 2026
  • Spielart: Thrash Metal

Das Internet ist voll von Ratgebern darüber, wie man sich in welcher Situation angemessen verabschiedet – von Verstorbenen, Arbeitskollegen bei einem Jobwechsel oder von der Familie vor einer langen Trennung. Wie man sich als Band angemessen von seinen Fans verabschiedet, lässt sich unterdessen schlecht googeln. Zumal sich viele der Bands, die grundsätzlich als Vorbild dienen könnten, dahingehend nicht sonderlich vorbildlich agieren: Eine große Welttournee gehört zur Etikette, aber wie es danach weitergehen soll, wie man würdevoll ein Ende setzt, bleibt bei vielen der eigentlich aufgelösten Bands (KISS, SLAYER, SCORPIONS …) angesichts nicht enden wollender Abschiedstouren oder überraschender Einzelshows eine ungeklärte Frage.

Auch SEPULTURA scheinen mit ihrem spektakulär per Pressekonferenz und Statement angekündigten Karriereende noch zu fremdeln: Die ursprünglich auf eine Zeitspanne von 18 Monaten terminierte Abschiedstour geht nun ins dritte Jahr, für die dann wirklich finale Show gibt es noch nicht einmal einen Termin. Und wie um zu zeigen, dass sie ja schon noch könnten, wenn sie denn noch wollten, und dass sie ja auch irgendwie noch ein bisschen wollen, legen SEPULTURA nun auch noch eine neue EP vor.

Offiziell wird diese auch als Geste der Dankbarkeit an ihren Schlagzeuger Greyson Nekrutman vermarktet: Der sensationell talentierte Nachwuchsdrummer sprang 2024 spontan ein, als Eloy Casagrande das sinkende Schiff noch vor der Abschiedstour in Richtung SLIPKNOT verließ, ist aber bislang auf keiner Aufnahme der Band zu hören. Eine nette Geste, so richtig überzeugt das aber nicht – zumal sein Wirken bei SEPULTURA sowieso noch mit einem Live-Album festgehalten werden soll.

Aus Demos, die Andreas Kisser noch übrig hatte, und den Ideen von Greyson Nekrutman sind vier Songs hervorgegangen – geschrieben und aufgenommen, wie man es eher von einer hoch motivierten Newcomerband erwartet, als von einer todgeweihten Legende: Arrangiert und aufgenommen wurde die EP in nur zehn Tagen in den Criteria Studios in Miami, unter der Leitung ihres langjährigen Freundes und Mitstreiters Stanley Soares als Produzent. „Wir haben alles direkt im Studio arrangiert“, erinnert sich Andreas. „Es gab keinen Druck! Kein Veröffentlichungsdatum, keinen Albumtitel, keine Songtitel. Wir haben einfach geschrieben und gespielt. Bei einem Track haben wir uns an Greysons jazzigen Einflüssen orientiert, was unserem Sound eine neue Dimension verlieh. Es war eine unglaubliche Erfahrung, und ich bin stolz darauf, dass wir in unserem letzten Jahr etwas so Spontanes und Ehrliches veröffentlichen können – und es auch live auf Tour spielen können.“ Wenn da keine Wehmut und Bedauern mitschwingt, dass sich dieses neue Line-up erst zusammengefunden hat, als es für eine gemeinsame Zukunft schon zu spät war.

Tatsächlich gibt die Viertelstunde Musik, die SEPULTURA zum Abschied vorlegen, einen vielversprechenden Blick darauf frei, was mit diesem Line-up möglich gewesen wäre: Wirkte „Quadra“ (2020) verkopft und überladen, überträgt sich die Kreativität und Unbeschwertheit von Nekrutmans Schlagzeugspiel tatsächlich auf die vier Songs der EP. Und das auf völlig unterschiedliche Weise: „All Souls Rising“ ist ein typischer Green-Kisser-Ära-Song und weckt in den harten Parts Erinnerungen an „Dante XXI“ (2006) – ist aber geschickt mit symphonischen Elementen angereichert. Wie als Kontrast dazu lassen SEPULTURA mit „Beyond The Dreams“ eine tatsächlich überaus verträumte Ballade folgen, die ein wenig an METALLICA erinnert – die bekanntlich nicht die schlechtesten Balladenschreiber sind. Das nicht einmal dreiminütige „Sacred Books“ hat am ehesten „klassische“ SEPULTURA-Vibes – zumindest, bis überraschend, aber gelungen ein Piano zwischen den Gitarren auftaucht. Und wem das nicht thrashig genug war, der oder die bekommt mit dem fast sechsminütigen „The Place“ einen letzten Prügel auf die Rübe, der insbesondere die Riffs betreffend so auch von EXODUS stammen könnte. Dass Derrick Green dazu vier überaus sozialkritische und politische Texte geschrieben hat, passt zum Spirit der EP – nicht aber zum selbst gezeichneten Bild einer Band aus alten Männern, die der Welt nichts mehr mitzuteilen haben.

„The Cloud Of Unknowing“ zu hören hat etwas von Sex mit dem/der Ex – und birgt ein ähnliches Risiko für Gefühlschaos. Wenn man den progressiveren Ansatz von SEPULTURA aus den letzten Jahren gut findet, macht diese EP durchaus Lust auf mehr. Und wenn es einem schon als Fan so geht, fragt man sich doch, wie Kisser und Co. heute über ihre Entscheidung von 2023 stehen, SEPULTURA zu Grabe zu tragen. Zumal wohl ausgerechnet die „Notlösung“ Greyson Nekrutman die Band auf ihrer Ehrenrunde revitalisiert hat. Wenn die Brasilianer aber zu ihrem Wort stehen und diese vier Songs das Letzte sind, was man von Andreas Kisser, Paulo Xisto, Derrick Green und Greyson Nekrutman als SEPULTURA hören wird, verabschieden sie sich zumindest würdevoll: Da hat man von Bands, die längst noch nicht ans Aufhören denken, schon weit uninspirierteres Material vorgesetzt bekommen.

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Moritz Grütz

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