Review Bloodywood – Rakshak

Limp Bizkit und System Of A Down demontieren sich mit schlechten Alben respektive im Dauerbeef (ganz ohne neue Platten) selbst, Korn und Slipknot ziehen nur noch ihren alten Stiefel durch, Soulfly spielen nur noch stumpfen Thrash und Linkin Park haben sich vom Metal ganz verabschiedet. Mit anderen Worten: Es ist lange her, dass im Nu Metal etwas „nu“ war.

Wie frisch und unverbraucht, wie „neu“ also Nu Metal auch im Jahr 2022 noch klingen kann, zeigen nun die Selfmade-Newcomer Bloodywood der Welt. Die kommen nicht etwa aus dem freshen Amerika, sondern – der Name lässt es erahnen – aus Indien. Von Youtube ausgehend, wo Gitarrist Karan Katiyar zunächst Bollywood-Songs und später Welthits aus Pop und Rock als Metal-Versionen veröffentlichte, entwickelte sich in den letzten letzten Jahren ein regelrechter Hype um BLOODYWOOD. Den wusste Katiyar, nachdem er seinen Job als Rechtsanwalt gekündigt hatte, geschickt zu befeuern: etwa mit einem digitalen Cover-Album („Anti-Pop Vol. 1“, 2017) und einer Single („Ari, Ari“) mit dem Rapper Raoul Kerr.

Fünf Jahre später ist Raoul Kerr (und damit der Rap-Gesang) fester Teil von BLOODYWOOD, die mit „Rakshak“ nun auch endlich ihr Debütalbum veröffentlichen. Tatsächlich selbst veröffentlichen – aktiv! Denn trotz des immensen internationalen Interesses an der Band agieren die Inder komplett in Eigenregie, produzieren ihre Musik und Videos selbst und vertreiben ihr Album wie auch das Merch DIY-mäßig ausschließlich selbst. Notorische Amazon-Kunden sind also erst einmal außen vor – dafür profitiert die Band noch vom Musikverkauf. Dieses Wissen allein sollte jedem Musikfan etwas höhere Versandkosten wert sein.

„Rakshak“ jedenfalls ist tatsächlich jeden Cent wert. Nicht weil jeder Song über jeden Zweifel erhaben ist, aber weil BLOODYWOOD einmal mehr eindrucksvoll beweisen, wie flexibel und aufgeschlossen Metal sein kann: Geschickt vermischen die jungen Musiker aus Neu-Delhi den fetten Groove von Nu-Metal-Riffs und kraftvolle Screams mit astreinem Rap sowie folkigen Flötenklängen und Percussions – ein Stilmix, wie man ihn so kunterbunt und mutig und gerade deswegen so überzeugend seit dem selbstbetitelten Soulfly-Album nicht mehr gehört hat.

Dabei lassen sich in der Musik alle Elemente ausmachen, mit denen der Coverkünstler im Artwork von „Rakshak“ spielt: Die Anspannung des Knaben und die brachiale Kraft des Elefantenbullen finden in den zehn Tracks ebenso ihre kompositorische Entsprechung wie die verspielten Wandmalereien und der Anflug von Kitsch im Gesamtwerk. Auf den groovig-wuchtigen Opener „Gaddaar“ lassen BLOODYWOOD „Aaj“ folgen, das zunächst verträumte Folk-Klänge mit elektronischen Sounds auf Rap-Gesang treffen lässt, ehe es sich im Metal-Refrain (mit Flötensolo!) zum eingängigsten Song des Albums mausert.

„Eingängig“ ist allerdings relativ, denn BLOODYWOOD sprühen so vor Energie, Kreativität und Tatendrang, dass sie keinem Stil lang treu bleiben. Das macht „Rakshak“ nicht eben entspannter, dafür jedoch spannender als die meisten anderen Releases unserer Zeit. Mag der poppig-ramazottieske Klargesang („Zanjeero Se“, „Yaad“) auch etwas „over the top“ sein, der Doubletime-Rap stellenweise extreme Hektik verbreiten und so manches Folk-Einsprengsel (und Quietscheentchen) zunächst irritieren – im Großen und Ganzen trägt jedes einzelne dieser Elemente zur extrem dynamischen, pulsierenden Atmosphäre des Albums bei.

Im Kleinen, in all den Subgenres und Nischen war im Metal immer viel geboten. Und doch stand lange die bange Frage im Raum: Was passiert, wenn die „Großen“ des Genres einmal abtreten? Visionäre Bands wie Gojira, aber eben gerade auch echte Newcomer wie Alien Weaponry und nun BLOODYWOOD geben darauf derzeit gute Antworten: Es wird weitergehen – und spannend bleiben.

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Wertung: 8.5 / 10

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Ein Kommentar zu “Bloodywood – Rakshak

  1. Wirklich ein enorm spaßiges und energisches Album. Persönlich bekomme ich bei den Rap-Parts zwar immer leichte Cringe-Anflüge (Shifty Shellshock-Gedächtnis-Reime), aber dafür sind die Jungs auf der anderen Seite maximal authentisch. Sieht man auch schön in der eineinhalbstündigen Doku, die im Wacken-Auftritt gipfelt.
    https://www.youtube.com/watch?v=HIvzfULOJ70

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